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Mit kolonialen Grüßen …

Sich mit den eigenen Privilegien auseinanderzusetzen, mit Weißsein und den eigenen Rassismen, ist für keine_n leicht. Das Weiterwirken kolonialistischer und rassistischer Strukturen, nicht nur in Politiken, sondern auch in Sprache, Medien und Alltagswelt fällt meist denen nicht auf, die dadurch (bewusst oder unbewusst) etwas gewinnen. Dies gilt selbstredend auch für hier sozialisierte Jugendliche oder Studierende, die in Auslandsaufenthalten den Globalen Süden kennen lernen wollen. In Zeiten von „weltwärts“-Aufenthalten, Praktika und Soli-Reisen, wird das Erlebte tausendfach in E-Mails, Bildern oder Blogs wiedergegeben. Zu oft geschieht dies, ohne dass über den eigenen Standort reflektiert wird, ohne dass die eigene Verstricktheit in globale Wirtschafts- und Machtbeziehungen bewusst wird. Die im März veröffentliche Broschüre Mit kolonialen Grüßen … Berichte und Erzählungen von Auslandsaufenthalten rassismuskritisch betrachtet versucht hier, ein Angebot zur Auseinandersetzung zu geben. Sie lenkt den Blick auf „subtilere“ Formen von Rassismus – die für Betroffene das Subtile sicher oft verlieren. Wie bereits bei der 2008 veröffentlichten Publikation Von Trommlern und Helfern (siehe LN 409/410), die sich strukturellem Rassismus in der Entwicklungszusammenarbeit annähert, wird hier der Diskurs des Helfen-Wollens an sich in Frage gestellt und in einem ersten Schritt für die Aufarbeitung des eigenen kolonialen Erbes plädiert. Um sich im zweiten Schritt trotz oder gerade wegen dieser Verantwortung an die gemeinsame und bewusstere Bewältigung der Folgen zu machen. Dabei, so die Autor_innen, geht es nicht darum, die anderen „entwickeln“ zu wollen. Vielmehr halten sie es für unabdingbar, die eigene Definitionsmacht abzugeben und, vor allem, die Ursachen der Probleme dort anzupacken, wo sie wurzeln – nämlich hier. Allzu oft kommt es vor, dass wir unsere Privilegien für selbstverständlich halten, dass wir die Lebenswelt der anderen exotisieren, gar die fremde Armut romantisieren.
Anstatt sich selbst in der Anklage zu gefallen, gestehen die Verfasser_innen offen ein, selbst die Verunsicherung erlebt zu haben, das Abwehrverhalten und die Schuldgefühle zu kennen, die mit einer wirklich kritischen Selbstreflexion untrennbar verbunden sind. In der Broschüre werden auch die allgegenwärtigen Stereotype von „den Lateinamerikaner_innen“ wirkungsvoll dekonstruiert.
Die Broschüre bietet Einsatzmöglichkeiten in der Bildungsarbeit, vor allem als Begleitmaterial für die Vorbereitung auf Auslandsaufenthalte, ist jedoch auch so erhellend für alle, die schon mal Urlaubsfotos in Ecuador geschossen oder Dörfer in Chiapas gesehen haben. Die Erläuterung von Fachbegriffen sowie eine bewusst verständliche Sprache erleichtern den Zugang auch für Jugendliche. Eine Liste relevanter Bücher und Filme zum „Weiterdenken“ und „Weiterhandeln“ runden das Heft ab.

glokal e.V. (Hg.) // Mit kolonialen Grüßen … Berichte und Erzählungen von Auslandsaufenthalten rassismuskritisch betrachtet // Berlin 2012 // 40 Seiten // 2,00 Euro // www.glokal.org

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