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MUSIKALISCHE REISE ZUR UNDIDAD POPULAR

Auf den Spuren der Protestmusik Gaston Avila mit „Rod“ und Yelcon Montero in dessen Guitarrenwerkstatt (Foto: Mindjazz Pictures)

Auf den Spuren der Protestmusik Gaston Avila mit „Rod“ und Yelcon Montero in dessen Guitarrenwerkstatt (Foto: Mindjazz Pictures)

Du bist nach dem Putsch Pinochets 1973 mit knapp sechs Jahren nach Deutschland gekommen. War Dir bewusst, mit Deiner Familie auf der Flucht zu sein?
Absolut. Wir sind damals nur mit ein paar Habseligkeiten gegangen. Als kleines Kind bekommst du das ja mit, wenn deine Mutter weint und die Stimmung im Land ganz komisch ist. Überall gab es Militärs. Mein Vater war schon weg, über die ungarische Botschaft nach Europa. Meine Mutter, Schwester und ich sind ihm gefolgt. Und auch der Abschied war mir bewusst, der Onkel und die Oma brachten uns zum Flughafen und alle haben geheult. Und du weißt: Du wirst erst mal nicht wieder kommen und woanders anfangen. Das Zuhause existiert nicht mehr, deine Habseligkeiten sind in einer Tasche. Dein Spielzeug ist nicht da und auch sonst nichts. Das ist sehr krass für ein kleines Kind. Das war sehr bedrückend und schlimm für mich.

War die Bedrohung im Fall deiner Eltern so konkret?
Ja, die war sehr konkret. Mein Vater ist Musiker der ersten Generation der Nueva Canción (sozialkritische und politische Musik, Anmerk. d. Red.) und zusammen mit meiner Mutter in der Unidad Popular (Bündnis linker Parteien und Gruppierungen, das 1969 entstand, Anmerk. d. Red.) aktiv gewesen. Meine Mutter wurde ein paar Tage nach dem Putsch festgenommen und gefoltert, um herauszubekommen wo mein Vater ist. Wir Kinder haben uns in der Wüste bei Bekannten versteckt. Dann haben sie festgestellt, dass sie eigentlich nicht wusste, wo er ist. Da war mein Vater schlau, sie nicht in alles einzuweihen, wo er sich versteckte und wie die Pläne genau aussahen. Das war ganz klar, ihm wollten sie eine Kugel in den Kopf jagen und zwar ganz schnell. So wie vielen anderen tausenden Chilenen. Es war ganz klar, dass sie raus mussten. Und gerade wir Kinder und meine Mutter mussten das Land verlassen, denn hätten sie uns erwischt, dann hätte es ein Druckmittel gegen meinen Vater gegeben.

Ihr gehört zu den ca. 4.000 Chilen*innen, die zu dieser Zeit nach Deutschland kamen…
Genau, einige kamen nach Frankfurt, andere in das Ruhrgebiet – wie mein Vater – oder Hamburg. Die Zahl war eben nicht so hoch – und dann wurden wir verteilt, die Familien wurden zusammen geführt. Meine Mutter, Schwester und ich kamen nach Hamburg und mein Vater kam später nach. Viele sind auch noch in Hamburg. Andere sind wieder nach Chile, nachdem sie Ende der 80er Jahre zurück durften. Ihnen wurde ja die Staatsbürgerschaft aberkannt. Nach der Rückkehr zur Demokratie wurden Listen mit Namen veröffentlicht und die Menschen konnten sich ihre Pässe abholen und einreisen. Viele blieben dort, andere pendeln heute immernoch, da sie Familie auf beiden Seiten haben.

Die deutsche Botschaft hat sich sehr schwer getan, den Chilenen*innen Schutz zu bieten oder bei der Ausreise zu helfen.  
Die deutsche Botschaft hat so gut wie gar nichts getan. Sie waren hochgradig verwickelt in den Putsch. Sehr engagiert waren die französischen Diplomaten, deswegen kamen viele nach Frankreich. Die Skandinavier, z.B. Schweden waren sehr hilfsbereit. Man kann sagen, dass es eine unglaublich starke Solidarität gab. Weil das Projekt Chile – oder eine gesellschaftliche Veränderung ohne Revolution, sondern mit konstitutionellen Mitteln für die Linke in Europa ein sehr schönes Projekt war. Das von einem Tag auf den anderen durch die hässlichste Fratze des Faschismus zerstört zu sehen, hat weltweit für ein unglaubliches Erstauenen und Wut und natürlich Solidarität mit den Menschen geführt, die raus mussten, bevor sie im Konzentrationslager landen oder mit einer Kugel im Kopf ins Meer geschmissen oder verscharrt werden.

Im Film wird öfters von Peñas gesprochen, die Chilen*innen mit nach Deutschland brachten. Was ist das?  
Die Peña-Bewegung wurde ausgelöst von Violeta Parra, der Canción-Nueva-Ikone der chilenischen Musik. Die kann man beschreiben als Jam Sessions oder Open Mic Veranstaltungen, wo sich Musiker treffen und sich gegenseitig was vor spielen, dann kommen Leute dazu die mitsingen oder auch nicht – natürlich auch politische Lieder. So entstehen große gemeinsame Veranstaltungen. Die Idee der Peña ist über die Zeit der Unidad Popular total beliebt geblieben. Sie ist im 30-jährigen Bestehen. Mein Vater und andere Chilenen veranstalten drei bis vier Mal im Jahr eine Peña in Hamburg, ich glaube auch in Berlin gibt es sie.

Der Film ist durchaus politisch. Wie wichtig war es Euch, eine Botschaft zu übermitteln?
Die Reise nach Chile sollte nicht nur folkloristische Bilder liefern, sondern auch einen gewissen gesellschaftkritischen und politischen Kontext. Es gibt ja einen Grund warum sich die chilenische Gesellschaft Anfang der 70er Jahre verändern wollte und wie das im Keim erstickt wurde vom Faschismus. Das kann man nicht weglassen. Das ist ein wichtiger Teil der Geschichte, der noch bis heute die Gesellschaft spaltet. Da guckt man als Chilene neidisch nach Argentinien (siehe Cóndor-Urteil in LN 505/506, Anmerk. d. Red.). Die haben es auf die Reihe gekriegt, Verantwortliche zu verurteilen.
Die Leute, die wir interviewten, haben eine dezidierte politische Meinung, die auch ganz gut rüber kommt. Oftmals stellt sie sich nur über Symbole dar. Wenn zum Beispiel in einer Wohnung ein Bild von Victor Jara hängt, weißt du genau wo er politisch steht. So funktioniert Chile im Endeffekt auch. Es wird nicht viel über Politik geredet. Besonders wenn man irgendwo zu Gast ist, wird das Thema gerne weggelassen. Das ist auch eine Folge der Diktatur, denn es könnte ja sein, dass jemand mithört und am nächsten Tag wirst du abgeführt. Vielleicht dauert es Generationen, bis dieses Gefühl weg ist und die Leute wieder offen diskutieren können.

Wie sah die Zusammenarbeit mit deinem Freund, dem Regisseur Nahuel López, aus und wie ist die Idee zum Film entstanden?
Die Idee zum Film kam definitiv von ihm. Ich wollte schon seit Langem mal nach Chile reisen, ohne nur die Familie zu besuchen, sondern eben um Musiker kennenlernen, die von ihrer Musik leben. 2000 war ich bereits in Chile, aber da war ich nur im Umfeld der Familie. Danach war ich nochmal mit den Ärzten für zwei Konzerte da – ankommen, Konzert spielen, ein Off-Day, noch ein Konzert spielen und Abreise nach Uruguay. Für so eine längere Reise hab ich bisher nicht den richtigen Anlass gefunden, bis mich Nahuel vor vier Jahren ansprach. Er ist Buchautor und Filmschaffender. Das war für mich der Startschuss, mitzumachen. Er hatte bereits eine Liste mit chilenischen Musikern, die er interessant fand. Die haben wir dann ergänzt; auch mit Leuten, die gut vernetzt sind, um richtig in die chilenische Musikwelt einzutauchen.

Hattest du vor der Reise Kontakt zu exilierten chilenischen Musiker*innen?
Ja, klar. Das ist aber eine andere Szene als im Film. Klar, wir sind ja auch bei Eduardo Carrasco von Quilapayún gewesen, der ewig lang im Exil in Frankreich war und erst Anfang der 90er nach Chile zurück ist. Mit dieser Generation hatte ich auf jeden Fall Kontakt. Für den Film war uns wichtig, zu schauen, was den in Chile verbliebenen Musikern während der Diktatur passiert ist, wie zum Beispiel Eduardo Ñañes oder Gastón Avila. Wie haben die weitergemacht und ihre Inhalte weitergetragen? Und was war mit den beiden darauffolgenden Generationen? Was bleibt von der Nueva Canción Chilena?

Am Ende des Films sagst du aus dem Off, dass du dir noch nicht ganz sicher seist, was du aus den Erfahrungen der Reise wieder nach Deutschland mitnimmst. Siehst du das jetzt, mit ein bisschen Abstand, anders?
Diese vier Wochen in denen ich jetzt da war, das war wirklich meine erste Reise, bei der ich reingeführt wurde in eine Welt, die mir vorher verschlossen war. Für mich war das total wichtig, sonst kann man ja nur mutmaßen, warum jemand ist wie er ist und diese Musik macht. Zum Beispiel so jemand wie Chinoy, der hat mir vorher überhaupt nichts gesagt und als ich den Typen kennengelernt hab und mich wirklich tagelang mit dem unterhalten hab, hat’s bei mir einfach klick gemacht. Da hab ich verstanden: Darum singt der mit dieser Fistelstimme und darum spielt der diese Flamingo-Teints. Das sind halt alles total nahbare liebe Leute. Wenn die dich einmal reingelassen haben, dann gehörst du zu ihrer Posse, das ist ganz abgefahren, so ist wahrscheinlich der Chilene…
Auf der Suche nach dem, was die chilenische Musik ist, gab’s die verschiedensten Antworten, und die alle machten komplett Sinn. Es gibt nicht nur eine Antwort. Was im Endeffekt für mich hängen blieb war ein totales Verständnis für das, was die Leute da machen. Wir im Exil haben die chilenische Musik vom Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre komplett konserviert, das war wie so ein Uhrzeittier in einem Vulkankrater, das man nach zwei Millionen Jahren wiederfindet. Die wurde gehört und weitergegeben – Musik, die in Chile verboten war und die man da auch nicht hören durfte. Trotzdem ist diese Idee im Sinne Víctor Jaras oder Violeta Parras immer noch drin in den Leuten, sie hat sich weiterentwickelt, aber der Kern wurde erhalten, das ist das Tolle. Das gehört eben auch zu diesem Crossover, dass diese Idee in den Leuten drinsteckt und trotzdem neue Sachen hervorgebracht werden, wie zum Beispiel Macha mit seiner Cumbia und anderen freakigen Projekten. Das ist eine ganz schöne Erkenntnis. Nicht so wie ich es gewohnt war, dass man sich immer nur auf Hommagen beschränkt, in dem man Stücke covert.

Wie sieht’s mit dem Album aus? Es hieß ja, dass der Film auch eine Vorbereitung für ein Album mit genau diesen Interpret*innen sein soll.
Genau. Das Ding ist, da muss man erst mal abwarten, finde ich, wie der Film anläuft. Der wird im Herbst auch im Fernsehen auf 3-Sat gezeigt – 3-Sat war einer der Hauptsponsoren. Ich denke, bis dahin sollte man ein ganz klares Bild davon haben, wie man den Film weiterverwertet. Die Zweitverwertung wäre dann eine DVD, ‘ne Blue-Ray oder ein Stream. Aber eben auch, den Soundtrack mit anzubieten – wenn Interesse da ist, natürlich. Es sind wirklich super Sachen, die ich da mitgeschnitten habe. Ich habe ja auch viel mit so einem Fieldrekorder aufgenommen, da sind auch ganz tolle Dinge bei. Ich muss mir erst mal einen roten Faden ausmalen, wie man das in so einen Soundtrack packen kann, aber wenn der fertig ist, wird das ganz toll. Da sind viele Sachen, die sieht man im Film jetzt nicht, aber wir haben da ohne Ende Material, was man wirklich noch verbraten könnte für eine Art Making-Off oder einen Director’s Cut.

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