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“NERUDA HÄTTE PRÄSIDENT CHILES SEIN KÖNNEN”

In diesem Film begleiten wir Neruda in jenen Jahren, in denen er in Chile untertauchen musste (1948-1950). Wir erleben die verschiedenen Orte des Geschehens auf der Leinwand in einer sehr hohen fotografischen und kinematographischen Qualität. Erzählen Sie uns ein wenig über die Arbeit an der audiovisuellen Gestaltung, die hinter dem Film steckt.
Pablo Larraín: Bezogen auf die Produktion war es ein sehr kräftezehrender Film, da wir an etwa 68 Schauplätzen drehten. Manchmal mussten wir deswegen mehr als einmal pro Tag den Drehort wechseln. Ich glaube, dass wir während der Dreharbeiten immer mehr zu verstehen begannen, was wir da eigentlich machten. Vor allem aber begannen wir, Neruda und seine Poesie besser zu verstehen. Wir waren die ganze Zeit in Bewegung und haben dabei verschiedene Aufnahmetechniken benutzt. Ich habe niemals zuvor in meiner Karriere die Kamera so häufig bewegt. Wir haben uns speziell für diese audiovisuelle Gestaltung entschieden, weil die Poesie Nerudas viel Stärke und Bewegung beinhaltet. Insbesondere Der große Gesang ist ein Beispiel für eine sehr grimmige und zornige Poesie. Sie ist transformativ und möchte eine bestimmte Ideologie verändern. Wir wünschen uns, Neruda hätte diesen Film sehen können.

Sie haben sich vor dem Film intensiv mit Neruda und seinem Leben beschäftigt. Was schätzen Sie am meisten an der Figur dieses Poeten?
Pablo Larraín: Wenn du dir Nerudas Leben genau anschaust, wirst du feststellen, dass er ein sehr guter Koch war, dass er den Wein und die Frauen liebte. Dass er ein Literaturexperte und Liebhaber von Kriminalromanen war, ein weltweit gereister Diplomat, ein Sammler, sowie ein Anführer und Angeordneter der Kommunistischen Partei, der Präsident Chiles hätte werden können – wenn er nicht Salvador Allende den Vortritt gelassen hätte. Stell dir mal vor, was hätte passieren können, wenn Neruda Präsident geworden wäre. Wir wissen es nicht. Er war aber auch ein Poet, der die Geschichte unseres Landes besser zu schreiben verstand als unsere Historiker.
Gael García Bernal: Das Bild, das man von Neruda hat, ist das eines hart arbeitenden, vor Anstrengung schwitzenden Poeten. Für mich ist er jemand, der die Komplexität des Menschen verteidigt. Aber es gibt keinen bekannten Poeten, der diese nicht auch verteidigt hätte. Was Neruda verteidigt, ist die Möglichkeit, mehrere Leben zu leben. Das wird sehr deutlich in Ich bekenne, ich habe gelebt (Veröffentlichung der Originalausgabe in spanischer Sprache 1974, Anm. d. Red.). Darin sagt er: „Mein Leben ist eines, das aus allen Leben gemacht wurde: die Leben des Poeten“ (eig. Übersetzung). Poeten wie Neruda werden dadurch motiviert, um das Undenkbare zu bitten, es ist ein Plädoyer für das Unmögliche.

Den Film lernt man insbesondere durch die Art und Weise zu schätzen, wie sich die künstlerischen und intellektuellen Strömungen aktiv an der politischen Debatte beteiligen; aber auch aufgrund eines Nerudas, der seinem absolut hedonistischen Leben frönt, während Tausende seiner kommunistischen Genoss*innen eingesperrt sind. Wie sieht Ihre Vorstellung von dem politischen Leben jener Jahre im Vergleich zu dem aktuellen, internationalen politischen Panorama aus?
Pablo Larraín: Das politische Klima in jenen Jahren war aufklärerischer. Insbesondere die Gedichte, die Neruda schrieb, gaben vor, verändern zu wollen. Diejenigen, die sie lasen, sahen sich durch das Gesagte ideologisch beeinflusst. Sie sollten einen Weg aufzeigen, wie die Welt zu denken und zu verstehen sei. Heute gibt es so etwas nicht mehr. Nicht nur die Politiker, sondern auch die Cineasten, die Poeten, die plastischen Künstler und die Schriftsteller haben ihr Interesse daran verloren, einen Wandel zu provozieren. Einen Film über diesen historischen Kontext zu drehen und dann wieder dazu überzugehen, das Gelebte zu leben, das Gedachte zu denken und das Geträumte zu träumen, ist eine schwierige Aufgabe. Wir versuchen darauf zu achten, solche Themen aufzuarbeiten, ohne leichtfertig zu sein. Denn wir wissen, wann die kubanische Revolution stattfand, wann die Berliner Mauer fiel, wer heute die USA regiert, was sich in Brasilien zugetragen hat und was in Mexiko geschieht. Es ist unglaublich, wie stark sich die Welt in so kurzer Zeit verändert hat. Ich bin mir nicht sicher, ob das zu ihrem Besseren ist.
Gael García Bernal: Die Arbeit an dem Film erinnerte uns daran, wie intellektuell jemand zu jener Zeit sein musste, um Politiker werden zu können. Vor allem wurden wir an die Rolle erinnert, die die Intellektuellen damals in der politischen Auseinandersetzung spielten. Das ist etwas, dem wir heute ganz eindeutig nachtrauern. Heutzutage ist es nahezu opportun zu sagen „Ich bin das nicht“, wie der Gewinner der Bürgermeisterwahlen von São Paulo (João Doria Jr.), dessen Leitspruch lautete: „Ich bin kein Politiker, ich bin Unternehmer“. Die Szene des Films, in der eine junge Kommunistin Neruda fragt, wie Kommunisten zu sein hätten – wie sie oder er –, spiegelt die ewige Debatte innerhalb des Kommunismus an sich wieder. In anderen Worten: Welche Form des Kommunismus wird gelebt und wie wird sie in die Praxis umgesetzt. Zu seiner Zeit gab es mehr sozialistische Tendenzen um sich von solchen Fragen frei zu machen und um sie zur Seite zu schieben, wie beispielsweise den Peronimus, der das Wohl der Allgemeinheit verkündete.

Welche Rolle spielt das Kino heute?
Gael García Bernal: Es ist interessant, über die Rolle des Kinos angesichts dieser politischen Veränderungen zu sprechen. Es stimmt, dass viel cineastisches Wirken revolutionären Zwecken diente, der Schaffung von Nation und Identität. Nehmen wir das Beispiel Mexiko. Mexiko wurde ausgehend vom Kino geschaffen. Es war der Beginn eines neuen Mexiko, das noch nicht einmal die Mexikaner kannten. Eine „indigene Identität“ wurde durch das Kino konstruiert. Gerade durch die mexikanische Revolution kamen indigene Filme in den Fokus. Das ist sehr interessant, wenn man bedenkt, dass im US-amerikanischen Film Indigene die Wilden und Bösewichte waren. Kino kann zu einem Wandel beitragen. Beispielsweise hat der Film Persona (1966) von Ingmar Bergman, die afrikanische Gesellschaft in einer Weise beeinflusst, die wir nicht nachvollziehen können. Ich glaube allerdings, dass es dem Kino nicht gerecht wird, ihm die Verantwortung zu übertragen, der Motor des Wandels zu sein.

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