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Ohne Gerechtigkeit keine Versöhnung

Das Ambiente im gefüllten Saal des Nationaltheaters ist angespannt. Als „geeigneten Tag, um über schwierige Themen zu sprechen“ bezeichnet Carlos Batzín, Minister für Kultur und Sport, die Eröffnung des Filmfestivals „Erinnerung. Wahrheit. Gerechtigkeit.“ am 18. April 2013. Doch an diesem Tag wollen die Worte nicht ganz zur Realität passen. Wenige Stunden zuvor hatte die Richterin Carol Patricia Flores geurteilt, der Prozess wegen Völkermords gegen Ex-Diktator Efraín Ríos Montt sowie seinen Geheimdienstchef Mauricio Rodríguez Sánchez müsse auf den Stand des 23. Novembers 2011 zurückgesetzt werden (siehe LN 467). Ein spezieller Tag also für den Start eines Festivals „gegen das Vergessen“, wie es Initiator Uli Stelzner in seiner Eröffnungsrede benennt. Als sich Batzín schließlich als Repräsentant des aktuellen Präsidenten und Ex-Generals Otto Pérez Molina darstellt, kocht der Unmut des Tages über. „Genocida“ („Volksmörder“), schallt es ihm von den 2.000 Plätzen entgegen. Der Minister muss sein Grußwort unterbrechen.
Schon Tage zuvor waren die kostenlosen Eintrittskarten für die Eröffnung des Dokumentarfilmfestivals komplett vergriffen. Die internationale Premiere des US-amerikanischen Films Goldfever zog die Hauptstädter_innen an. Doch neben ihnen sitzen im Saal auch über 100 Einwohner_innen von San Miguel Ixtahuacán, Protagonist_innen des Films über die Folgen der offenen Tagebaumine „Mina Marli“ und den Protest der Gemeinde gegen den kanadischen Betreiber, die Goldcorp Inc. Die Produzent_innen von Goldfever hatten ihre Anreise organisiert. Unter diesen Umständen einen Film zu zeigen, der die Repression der Gemeinde durch die Minenbetreiber und die Komplizenschaft des guatemaltekischen Staates klar darstellt, wäre für sich schon ein bedeutendes Ereignis gewesen. Die Entscheidungen des Tages im Prozess gegen Ríos Montt gaben der Eröffnung aber noch eine ganz andere Dimension. „Mit Sicherheit die emotionalste Vorführung, die wir mit diesem Film je haben werden“, fasst JT Haines, einer der Produzenten, den Abend zusammen. Das Festival hat gerade erst angefangen.
Seit 2010 existiert die Veranstaltungsreihe, initiiert von dem deutschen Dokumentarfilmer Uli Stelzner. Immer schon waren die Filmvorführungen kontrovers – einen Ort für kritisches Kino in Guatemala zu schaffen, war anfangs nicht leicht. Mit Stelzners Film La Isla über das Archiv der Nationalpolizei und weiteren Dokumentationen über die Zeit der Militärdiktatur, inklusive Bildern Otto Pérez Molinas in Gefechtszonen, fand die erste Auflage des Festivals während der Wahlkampfzeit 2010 unter Sabotageakten und einer Bombendrohung statt (siehe LN 449, 456). „Für unsere Arbeit waren die Zeiten hier nie günstig“, erklärt Stelzner in einem Interview mit guatemaltekischen Videoaktivist_innen. Dennoch hat sich das Festival konsequent weiterentwickelt und vergrößert. Dieses Jahr stehen an zehn Tagen 28 Filme samt Diskussionsforen auf dem Programm – Eintritt frei.
Wieder ein gefüllter Saal: dieses Mal im alteingesessenen Cine Capitol im Zentrum der Stadt. Im Publikum sitzen Klassen verschiedener Schulen, öffentliche als auch private, auf der Leinwand Bilder aus der Zeit der Diktatur und des Archivs der Nationalpolizei. Im Rahmen der Kategorie „15+“, ausschließlich an Schüler_innen gerichtet, wird La Isla gezeigt. Während des gesamten Festivals sind wochentags die Vormittage den Schulen vorbehalten. „Die Jugendlichen wissen praktisch nichts über diese Zeit und in den Schulen wird ihnen darüber nichts beigebracht“, verdeutlicht Stelzner die Notwendigkeit der Kategorie. Das anschließende Diskussionsforum gibt ihm Recht. Ein Kommentar aus dem Publikum: „Ríos Montt wurde ja wegen Völkermords angeklagt – ich denke, das hätte man nicht tun sollen. Völkermord bedeutet ja die Auslöschung einer Rasse oder eines bestimmten Volkes, aber es existieren ja noch indigene Gemeinden, die immer noch leben…“ Viel Aufklärungsarbeit wartet an diesem Morgen auf die Moderator_innen des Forums. Dass die Schüler_innen an diesem Vormittag die Möglichkeit haben, sich näher mit ihrer eigenen Geschichte auseinanderzusetzen, ist keinesfalls einfach zu erreichen. Den Vorstellungen geht eine intensive Überzeugungsarbeit voraus. „Die Verantwortlichen in den Schulen erschrecken sich, wenn sie die Themen der Filme sehen, zu denen wir einladen“, bemerkt Stelzner.
Mehr als 200.000 Opfer des internen Konfliktes von 1960 bis zur Unterzeichnung des Friedensvertrages 1996, der Genozid an der indigenen Bevölkerung der Ixil anfang der 1980er Jahre – in Guatemala über Erinnerung, Wahrheit und Gerechtigkeit zu sprechen, ist keine leichte Aufgabe. Zwar herrscht seit 1996 offiziell „Frieden“, doch auch aktuell gibt es zahlreiche Konflikte im Land. Industrielle Megaprojekte, wie die „Mina Marli“ in San Miguel Ixtahuacán verursachen massive Umweltschäden und vertreiben die ansässigen Menschen von ihrem Land. Widerstand ist und bleibt gefährlich. Allein in der Zeit vom 28. Februar bis zum 17. März dieses Jahres, wurden laut dem Forum internationaler Nichtregierungsorganisationen in Guatemala (FONGI) insgesamt fünf Aktivist_innen ermordet, weitere entführt und gefoltert. Einer der Ermordeten ist der Regierungssekretär der indigenen Gemeinde Xinca, Exaltación Marcos Ucelo. Ihm war bei der Rückreise von der Befragung des Dorfes El Volcancito zu einem Minenprojekt in San Rafael de las Flores aufgelauert worden. Die Gemeinde hatte mit 99,2 Prozent gegen die Mine gestimmt.
„Was wollen wir? Gerechtigkeit! Wir alle sind? Ixil!“, tönt es am Nachmittag durch den Kinosaal des Cine Capitol. Gerade endete der ecuadorianische Film Con mi corazón en Yambo („Mit meinem Herz im Yambosee“) von María Fernanda Restrepo. Restrepo, deren zwei ältere Brüder 1988 von der Polizei entführt und ermordet wurden, dokumentiert in dem Film den Kampf ihrer Familie für Gerechtigkeit. Szenen zeigen das Aufeinandertreffen María Restrepos mit den mutmaßlichen Mördern ihrer Brüder, die ihre Taten bis heute abstreiten; andere ihren Vater, wie er jeden Mittwoch öffentlich protestiert. „Man weiß, wann der Kampf beginnt, aber nicht, wann er endet“, erzählt der heute fast 70jährige. Der Einblick in den unnachgiebigen Kampf der Familie bewegt das Publikum. Am Ende gibt es Standing Ovations für die anwesende Regisseurin, gefolgt von den Rufen nach Gerechtigkeit in Guatemala. Im anschließenden Gespräch mit Restrepo erzählt eine Frau unter Tränen von ihren Erfahrungen mit polizeilicher Repression in Guatemala. Der nächste Wortbeitrag ist der Aufruf zu einer Demonstration am nächsten Tag vor dem Verfassungsgericht für die Fortsetzung des Prozesses gegen Ríos Montt sowie in Erinnerung an Juan Gerardi. Der Bischof hatte den ersten Wahrheitsbericht „Guatemala: Nunca más“ koordiniert und war zwei Tage nach dessen Präsentation im April 1998 ermordet worden. María Restrepo begrüßt den Aufruf: „Wenn wir uns an die Angst gewöhnen, steht es sehr schlecht um unsere Gesellschaft.“
Con mi corazón en Yambo ist nicht der einzige Film, der emotionale Debatten im Kinosaal auslöst. Das Festival bietet neben den Eindrücken aus aller Welt die Möglichkeit, sich auszutauschen, gemeinsam zu protestieren, gemeinsam die Angst der guatemaltekischen Vergangenheit anzugreifen. Stets sind die Vorstellungen gut besucht, die Filme ziehen ein Publikum aller Altersklassen an. Neben der Kategorie „Visuelle Erinnerung Guatemala“ stehen Filme über „Krise und Migration“, „Erinnerung und Frau“, „Arabischer Frühling“ sowie „Weltpanorama“ auf dem Programm. Am Ende des Festivals haben mehr als 10.000 Zuschauer_innen die Filmvorstellungen besucht, der Andrang überstieg teils die Kapazitäten des Kinos. Für die Organisator_innen ein Zeichen der steigenden Wichtigkeit des Festivals und Ansporn, neue Herausforderungen anzugehen. So soll nächstes Jahr eventuell ein neuer Veranstaltungsort gesucht werden, um mehr Menschen das Kommen zu ermöglichen. Außerdem gibt es Pläne, die Filme auch außerhalb Guatemala-Stadts zu zeigen. Das Festival ins Inland Guatemalas zu bringen, bedeutet mehr als zuvor die Repression dort aufzuzeigen, wo sie sich am stärksten manifestiert. Bei der aktuellen Situation von Menschenrechtsverteidiger_innen im Land ist dies keine leichte Aufgabe. Gleichzeitig ist diese Entwicklung aber auch Motivation: „Guatemala ist dabei sich wieder zu polarisieren. Grund dafür ist das Fehlen von Erinnerung, von Bewusstsein, im weiterem Sinne von Identität“, betont Uli Stelzner. Erinnerung, Wahrheit, Gerechtigkeit – immer wieder wird in den zehn Tagen des Festivals die Dimension dieser Begriffe deutlich. Nachdem ein Besucher den Anwesenden eines Diskussionsforums von der Entführung seines Vaters während seiner Kindheit erzählt hat, fügt er hinzu: „Die einzige Reparation dafür ist Gerechtigkeit. Ohne Gerechtigkeit kann es keine Versöhnung geben!“ In den letzten Tagen hat sich gezeigt, wie diese Frage in den höchsten Sphären des guatemaltekischen Staates behandelt wird: Zwar konnte das Verfahren fortgesetzt werden, doch nur neun Tage nach der Verurteilung Efraín Ríos Montts zu 80 Jahren Haft wegen Völkermordes und Verbrechen gegen die Menschlichkeit wurde das Verfahren am 20. Mai durch das Verfassungsgericht annulliert. Vor diesem Hintergrund ist die Konsolidierung eines kritischen Filmfestivals, das Räume für Debatten und gemeinsames Erinnern schafft, ein unermesslicher Erfolg.

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