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ProSavana in Sicht

Die mosambikanische Zivilgesellschaft ist in Aufruhr: Ein neues Großprojekt bedroht die Lebensgrundlage von Kleinbäuerinnen und -bauern einer ganzen Region. Zumindest sehen das Vertreter_innen von Nichtregierungsorganisationen und Kleinbauernverbänden so. Im Nacala-Korridor, der fruchtbaren Region zwischen Lichinga nahe der Grenze zu Malawi und der Hafenstadt Nacala, planen Brasilien, Japan und Mosambik ein gewaltiges Landwirtschaftsprojekt nach brasilianischem Vorbild. Es soll den Namen ProSavana tragen. Erklärtes Ziel ist es, die Landwirtschaft in der nordmosambikanischen Savanne „wettbewerbsfähig und nachhaltig“ zu gestalten, nach dem Vorbild der Agrarindustrie Brasiliens.
Mosambikanische Nichtregierungsorganisationen sehen ProSavana hingegen kritisch: Sie glauben nicht, dass die Kleinbäuerinnen und -bauern der Region von den geplanten Investitionen profitieren und fürchten im Gegenteil, dass das Projekt mit Landverlusten für diejenigen verbunden ist, die sich am wenigsten dagegen wehren können. UNAC, die Nationale Union der Kleinbäuerinnen und -bauern Mosambiks, hat im November 2012 eine Erklärung abgegeben. Darin heißt es, ProSavana sei „das Ergebnis einer Top-Down-Politik, die die grundlegenden Anliegen der Kleinbauern, insbesondere derjenigen im Nacala-Korridor, nicht berücksichtigt.“ Die Befürchtungen der UNAC sind Landverlust und Vertreibungen, Verarmung der Landbevölkerung, Umweltverschmutzung und Störung des ökologischen Gleichgewichts.
Auch in Nampula, der Provinz, die am stärksten von ProSavana betroffen sein wird, regt sich die Zivilgesellschaft: Die Organisation für Gegenseitige Hilfe auf dem Land ORAM, neben UNAC die wichtigste Lobbyorganisation für Kleinbäuerinnen und -bauern, hat mit anderen Organisationen, die zum Thema Land arbeiten, einen Forderungskatalog erstellt, der sich sowohl an die Regierung als auch an die Verantwortlichen von ProSavana richtet. Und auch Justiça Ambiental, die mosambikanische Zweigstelle der Friends of the Earth hat im Januar 2013 ein Positionspapier veröffentlicht, in dem das Großprojekt scharf kritisiert wird. Damit haben sich bereits drei wichtige und landesweit agierende mosambikanische Nichtregierungsorganisationen kritisch zu ProSavana geäußert.
ProSavana hat also schon viel Staub aufgewirbelt – dabei hat das Projekt noch gar nicht begonnen. Geplant ist, den so genannten Masterplan für die Investitionen im Herbst 2013 zu publizieren.Viele mosambikanische Organisationen bezweifeln allerdings schon jetzt die Grundidee, dass ein brasilianisches Modell einfach auf Mosambik übertragen werden kann. Geplant ist, großflächig Sojabohnen, Mais, Reis, Baumwolle und andere cash crops für den Export anzubauen und gleichzeitig die kleinbäuerliche Landwirtschaft zu fördern sowie deren Produktivität zu erhöhen. Landwirtschaftliche Arbeitsplätze sollen geschaffen werden, Ernährungssicherheit erreicht und generell die ländliche Armut reduziert werden. Formuliert ist all dies in schönstem green-
washing-Vokabular.
Vorbild für ProSavana ist das Projekt Prodecer, das in den 1970er und 80er Jahren im zentralbrasilianischen Cerrado mit Unterstützung von Japan durchgeführt wurde. Dieses Programm war maßgeblich daran beteiligt, Brasilien zum größten Sojaexporteur weltweit zu machen. In den 1970er Jahren kam es zu einem ersten Sojaboom, der seine Gründe vor allem in den steigenden Rohstoffpreisen infolge der Ölkrise von 1973 hatte. Die USA, bis dahin größter Produzent von Soja, hatten ein Exportverbot für Sojabohnen verhängt. Um die eigene Versorgung mit Soja zu gewährleisten, stellte Japan technische und finanzielle Unterstützung bereit und investierte in die Sojaproduktion im brasilianischen Cerrado. Dieses Projekt trug maßgeblich zur Verbreitung großflächiger Monokulturen und zur Mechanisierung der Landwirtschaft bei. Diese Industrialisierung der Landwirtschaft wurde von der damaligen Militärregierung massiv gefördert. Die brasilianische Entwicklungsbank vergab günstige Kredite und staatliche Forschungseinrichtungen wie EMBRAPA wurden gegründet, um diese so genannte Grüne Revolution in Brasilien voranzutreiben. Mit vordergründigem Erfolg: die brasilianische Landwirtschaft erwirtschaftet Millionengewinne.
Die Schattenseiten waren unter anderem die weitgehende Umwandlung der brasilianischen Cerrado-Feuchtsavanne in Ackerland und die Vertreibung von indigenen Gruppen. Durch eingeschleppte Krankheiten und direkte Verfolgung bedeutete diese Entwicklung praktisch ein Genozid an vielen indigenen Ethnien Zentralbrasiliens. Eine einzigartige Naturlandschaft wurde fast völlig zerstört.
Aufgrund ähnlicher Bodenbeschaffenheit und vordergründig ähnlichen Ausgangsbedingungen im brasilianischen Cerrado und der afrikanischen Savanne soll nun ein vergleichbares Programm in Mosambik ebenfalls die landwirtschaftliche Entwicklung ankurbeln. Die Federführung von ProSavana liegt beim brasilianischen landwirtschaftlichen Forschungsinstitut EMBRAPA. Weitere Beteiligte sind die brasilianische Entwicklungsagentur ABC, die japanische Entwicklungsagentur JICA, das Internationale Forschungszentrum für Landwirtschaftliche Wissenschaften Japan JIRCAS und auf mosambikanischer Seite das Landwirtschaftsministerium MINAG sowie das mosambikanische landwirtschaftliche Forschungsinstitut IIAM.
Die Rollen der drei Länder innerhalb des Projekts sind dabei folgendermaßen verteilt: Brasilien stellt die Agrotechnik und die landwirtschaftliche Expertise. Japan finanziert die Infrastruktur, die für den Export notwendig ist, wie etwa den Ausbau der Eisenbahnlinie und des Straßennetzes. Mosambik stellt das benötigte Ackerland – in der ersten Projektphase gut 700.000 Hektar, was der Fläche von fast der Hälfte Thüringens entspricht. Für spätere Phasen ist von bis zu 14 Millionen Hektar die Rede. Was in der Theorie einfach klingt, birgt eine Fülle von Risiken und Gefahren. Nicht wenige Beobachter_innen fragen sich, inwieweit die mosambikanischen Bauern und Bäuerinnen tatsächlich von den Investitionen profitieren werden.
Auch in anderen Bereichen hat das brasilianische Engagement in Mosambik in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Was die ausländischen Direktinvestitionen betrifft, hat Brasilien Portugal vom ersten Platz verdrängt und ist mit Projekten im Wert von über 770 Millionen US-Dollar der größte Investor. Auch die bilateralen Handelsbeziehungen und Entwicklungshilfeprogramme wurden ausgebaut. Der Gesamtwert des mosambikanisch-brasilianischen Handels lag im letzten Jahr bei rund 100 Millionen US-Dollar, eine deutliche Steigerung gegenüber den Vorjahren. Allerdings ist die Handelsbilanz für Mosambik negativ: Die Mosambikaner_innen haben unter anderem brasilianische Flugzeuge, Traktoren, andere Landmaschinen und Tiefkühlhähnchen importiert. Gerade letzteres führt immer wieder zu Konflikten mit den einheimischen Hühnerzüchter_innen. Zwar freuen sich viele Konsument_innen über die Tiefkühlhähnchen aus Brasilien im Supermarkt. Die mosambikanischen Züchter_innen klagen jedoch, dass sie nicht mit den Preisen der brasilianischen Massentierhaltung mithalten können. Im Gegenzug bestand der mosambikanische Export nach Brasilien vor allem aus Tabak und Rohstoffen aus dem Bergbau.
Bisher hat Brasilien vor allem im Rohstoffbereich massiv investiert. Der Bergbaukonzern Vale ist in der zentralmosambikanischen Provinz Tete aktiv und baut in Moatize Kohle im Tagebau ab. Das Projekt ist höchst umstritten: Mehr als 1.300 Familien wurden bereits zwangsweise umgesiedelt. Die Häuser und die Ackerflächen, die die Familien als Entschädigungen erhalten haben, sind aber nur unzureichend, die versprochenen Arbeitsplätze ausgeblieben, so dass der Kohleabbau von zahlreichen Protesten der lokalen Bevölkerung und nationaler und internationaler Nichtregierungsorganisationen begleitet wird.
Dennoch werden die Brasilianer_innen von der mosambikanischen Regierung mit offenen Armen empfangen: So verkündete der ehemalige mosambikanische Premierminister Aires Bonifácio Baptista Ali bei einem Staatsbesuch in Brasilien im April 2012, dass die Anwesenheit von brasilianischen Investor_innen in Mosambik „extrem wichtig“ sei.
Dabei profitieren die brasilianischen Investor_innen gewaltig von der Einladung der Mosambikaner_innen, insbesondere, wenn es um die Landwirtschaft geht: In Mosambik gehört alles Land dem Staat, im Gegensatz zu Brasilien, wo Land in Privatbesitz ist. Gemeinden, Einzelpersonen oder Unternehmen können jedoch Landrechte vom Staat erwerben, normalerweise für 50 Jahre mit der Möglichkeit, diese Frist nach Ablauf zu verlängern. Investor_innen müssen also keine großen Anfangsinvestitionen tätigen, sondern erhalten einen Landtitel vom Staat und zahlen dann eine geringe jährliche Steuer, die sich nach der Hektarzahl bemisst. Damit sind Investitionen in Land in Mosambik für viele Brasilianer_innen ausgesprochen lohnend, denn in ihrer Heimat ist der Boden knapp und teuer, während es in Mosambik vermeintlich riesige Flächen ungenutzten Landes und viel Entwicklungspotenzial gibt. Die Süd-Süd-Kooperation bietet für Brasilien auch die Möglichkeit, auf dem afrikanischen Kontinent zu expandieren und durch das landwirtschaftliche Engagement in Mosambik neue Märkte zu erschließen – beispielsweise den chinesischen. So lässt sich Carlos Ernesto Augustin, Präsident eines brasilianischen Verbandes von Baumwollzüchter_innen, mit den Worten zitieren: „Mosambik ist der afrikanische Mato Grosso, wo es Land umsonst gibt, ohne große Umwelthindernisse und mit billigeren Frachtkosten nach China.“
Auf mosambikanischer Seite hofft die Regierung darauf, die Landwirtschaft endlich ertragreich gestalten zu können. Denn bisher ist die Agrarpolitik Mosambiks nicht von vielen Erfolgen gekrönt. Mosambik gehört immer noch zu den ärmsten Ländern der Welt. Mehr als 80 Prozent der Mosambikaner_innen sind in der Landwirtschaft tätig und produzieren als Kleinbäuerinnen oder -bauern vor allem für den Eigenbedarf, auf Landflächen, die nur selten größer als ein paar Hektar sind. Und obwohl mehr als Dreiviertel aller Mosambikaner_innen von der Landwirtschaft leben, stellen Nahrungsmittelunsicherheit und Mangelernährung nach wie vor große Probleme für die Landbevölkerung dar. Mosambik ist immer noch ein Nettoimporteur von Nahrungsmitteln und die ländliche Armut nimmt in einigen Regionen Mosambiks sogar zu. Die Produktivität der Kleinbäuerinnen und -bauern ist sehr gering, sie haben kaum Zugang zu Landmaschinen, zu Bewässerungssystemen oder zu landwirtschaftlicher Beratung. Zudem ist die Infrastruktur auf dem Land sehr schlecht und die Wege zu den Märkten beschwerlich. Doch anstatt die Kleinbäuerinnen und -bauern gezielt zu fördern, etwa mit dem Aufbau von Infrastruktur und Vertriebsgenossenschaften, wird das kleinbäuerlich genutzte Land als „leer“ erklärt und an ausländische Investoren vergeben.
UNAC, ORAM, Justiça Ambiental und andere zivilgesellschaftliche Organisationen befürchten, dass ProSavana vor allem zu Lasten der Kleinbäuerinnen und -bauern in den betroffenen Gebieten geht. In der Provinz Nampula sind das acht von achtzehn Distrikten. ORAM hat sich mit sechs anderen Organisationen zu einem Netzwerk natürliche Ressourcen und Landwirtschaft zusammengeschlossen. Gemeinsam haben diese Organisationen ein Positionspapier verfasst, in dem auch offene Fragen und Forderungen an die Regierung formuliert werden. Insbesondere geht es den Organisationen um mehr Transparenz und um die Einhaltung der Rechte der lokalen Gemeinden und Kleinbauern und -bäuerinnen. Denn das Projekt wird bereits breit diskutiert, auch in den Medien, aber die betroffene Landbevölkerung weiß noch nichts darüber. Dabei sieht das mosambikanische Landrecht Konsultationen und die Miteinbeziehung der betroffenen Gemeinden zwingend vor. Aber nicht alle Kleinbäuerinnen und -bauern wissen das, und auch viele Politiker_innen oder Beamte auf Lokalebene sind mit den entsprechenden Rechtsgrundlagen nicht genügend vertraut. Auch deshalb möchte das Netzwerk an der weiteren Planung sowie am Monitoring des ProSavana-Projekts beteiligt sein. „Wir wollen Transparenz, vor allem für die betroffene Bevölkerung, und wir wollen die Details der Planung kennen“, fordern die Mitglieder des Zusammenschlusses.
Eine weitere Sorge treibt die mosambikanische Zivilgesellschaft um: Die Angst, dass über ProSavana genmanipuliertes Saatgut seinen Weg nach Mosambik findet. Denn das brasilianische landwirtschaftliche Forschungsinstitut EMBRAPA, das das Projekt ProSavana koordiniert, wird auch von dem Saatgutkonzern Monsanto finanziert. In Mosambik jedoch sind gentechnisch veränderte Pflanzen – noch – verboten.
Die mosambikanische Regierung hat auf den wachsenden Druck bereits reagiert und zugesichert, dass kein Bauer sein Land verlieren wird: „In unserem Land gibt es keinen Platz für die Rückkehr von königlichen Gesellschaften”, sagte Landwirtschaftsminister José Pacheco in einem Fernsehinterview im Dezember 2012 in Anspielung auf die Kolonialgeschichte. „Die Kleinbauern werden ihre Landflächen behalten, denn das Ziel ist es, sie zu erweitern.“
Wie es weitergeht und ob die Regierung ihre Versprechen einhält, wird die mosambikanische Zivilgesellschaft genau beobachten. Momentan gehen die Verhandlungen der drei involvierten Länder hinter geschlossenen Türen weiter: Bis Juli 2013 sollen die Verträge stehen. Es ist also höchste Zeit für UNAC, ORAM, Justiça Ambiental und andere Organisationen, die Kleinbäuerinnen und -bauern aufzuklären und sich gemeinsam mit ihnen für ihre Rechte stark zu machen. Denn ein Blick nach Brasilien zeigt: Das „Erfolgsmodell“ des brasilianischen Cerrado, das mit ProSavana nach Mosambik importiert werden soll, hat den Hunger in Brasilien nicht beseitigt – dafür aber viel Schaden an Menschen und Umwelt verursacht.

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