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„Rastaman don’t vote“

Edward Seaga, Jamaicas Ministerpräsident von 1980–89, Parteichef und Präsidentschaftskandidat der Jamaica Labour Party (JLP) sollte in die Blue Mountains nach Cascade, circa 30 km nördlich von Kingston, kommen. Der Wahlkampf war schließlich schon entbrannt, denn daß der amtierende Ministerpräsident Percival James Patterson von der People’s National Party (PNP) die eigentlich im April 1998 fälligen Wahlen vorziehen würde, war ein offenes Geheimnis.
Seaga also sollte auftreten in einer Schule in Cascade, nur wenige Kilometer von der Straßenkreuzung Section entfernt, die einer Ansammlung von ein paar Häusern in mehr oder weniger fertigem Zustand ihren Namen gibt. Die Schule hatte ein Jubiläum zu feiern, Seaga sollte als Ehrengast einen Auftritt zelebrieren. Um dieses bedeutende Ereignis vorzubereiten, wurde ein mit einem Lautsprecher bestückter Pick-up in die umliegenden Dörfer geschickt, um die Bewohner und Bewohnerinnen zu der Veranstaltung einzuladen.
Auch in Section kam gegen Nachmittag der Pick-up vorbei, der Sprecher verkündete diverse Wahlkampfparolen und machte auf den Termin im naheliegenden Cascade aufmerksam. Den Slogans wurde entweder mit ironischem und höhnischem Beifall oder dem lautstarken Hinweis auf nicht gehaltene Versprechen in früheren Tagen begegnet. Der Propagandist schien seinen Parolen selbst keine größere Bedeutung beizumessen und stellte sie kurzerhand ein, um mit den Anwesenden einen netten Plausch zu beginnen.
Man unterhielt sich über Gott und die Welt, bis der Fahrer den Wagen wieder in Bewegung setzte, schließlich mußte ja noch die restliche Umgebung mit den wichtigen Informationen beglückt werden. Aus Section ging kein einziger nach Cascade, und das, obwohl abends in den Blue Mountains der Hund begraben liegt und nicht viel bleibt, als ums Feuer zu sitzen, eine Tüte zu rauchen oder gleiches auf der Mauer an der Straße zu tun.

Joint auf der Mauer

An jenem Abend war klar, daß der allabendliche Joint auf der Mauer inhaliert wurde, denn wenn auch schon keiner Interesse an der Veranstaltung selbst hatte, so wollte doch jeder sehen, wie Edward Seaga per Hubschrauber einflog. Denn Hubschrauber kennt man in Section gemeinhin nur in Zusammenhang mit Militärrazzien gegen den verbreiteten Anbau von Marihuana. Aber da diese seltener geworden sind, war man erfreut, mal wieder einen Hubschrauber zu sehen und das noch ganz streßfrei. Gut zehn Leute saßen wie an der Perlenschnur aufgereiht auf der Mauer und starrten gebannt in den Himmel Richtung Kingston, von dort mußte der Hubschrauber irgendwann kommen. Zeit war ja reichlich vorhanden, das Tagewerk längst getan, egal ob es sich um die Feldarbeit auf den Kaffeeplantagen, den Anbau von Grundnahrungsmitteln oder die liebevolle Pflege der Marihuanapflanzen handelte.
Der Ausblick auf das im Tal liegende Cascade ist exzellent und so konnte das komplette Anflug- und Landemanöver in seiner ganzen Breite begutachtet werden. Fast wie im Fernsehen, das seinen Weg nach Section noch nicht gefunden hat. Der Radiorecorder ist eh wichtiger. Mit ihm läßt sich Irie FM, der beliebte Reggae Sender der Insel empfangen, und das ist allemal besser als Fernsehen. Nach der Landung des Hubschraubers dauerte es keine fünf Minuten, bis alle dem Schauspiel den Rücken kehrten, entweder gleich ins Bett oder noch an die Feuerstelle gingen. Einige machten sich auf den Weg in die umliegenden Dörfer, denn man war ja nur in Section geblieben oder gar dorthin gekommen, um die bestmögliche Aussicht auf das Schauspiel mitzunehmen. Denn am nächsten Tag mußten die Leute wieder früh aufstehen. Entweder rief die Feldarbeit oder der Kaffee mußte geröstet werden. Auf den Abflug Seagas zu warten, wäre des Guten dann doch zuviel gewesen; der Schlaf war wichtiger.
Die Frage, für welche Partei er denn bei den anstehenden Wahlen votieren würde, beantwortete der in Section lebende Rasta Jah Wobs eindeutig: „Rastaman don’t vote, seen!“(Rastas wählen nicht, verstehste!) Von der Politik könne man nichts Positives erwarten, das sei schließlich alles Babylon, das Rasta-Synonym für das Reich des Bösen. Ein anderer Anwohner haut in die gleiche Kerbe: „Die Politiker machen überhaupt nichts für uns, aber jedesmal wenn ich etwas im Laden kaufe, zahle ich Mehrwertsteuer, eine schöne Scheiße ist das.“ Daß die Politiker nichts machen, ist übertrieben. Regelmäßig wird zu Wahlkampfzeiten ein LKW mit Geröll vorbeigeschickt, der dann notdürftig die Schlaglöcher in den Bergstraßen zuschüttet, die mit jedem zusätzlichen Kilometer Entfernung zur Küste größer werden. Elektrizität gibt es inzwischen auch, zumindest für diejenigen, die sie bezahlen können. Wie der 76jährige Kaffeepflanzer Dennis James. Auf 2 Acres (1 Acre=40,47 ar) hat er einst angefangen, Kaffee zu pflanzen. Inzwischen ist er bei 14 angelangt. Die Erlöse aus dem gut gehenden Kaffeegeschäft steckt er in den Häuserbau für seinen für Außenstehende unübersichtlichen Familienclan. Klar ist nur, daß er die unumstrittene Führungsfigur ist. Der Hausbau geht langsam voran, ein Stockwerk alle paar Jahre, mal schneller, mal langsamer, je nach Ertragslage. Section profitiert von seinem Standortvorteil als Verkehrsknotenpunkt. Wenn sich Touristen in die Blue Mountains begeben, kommen sie fast zwangsläufig auch in Section vorbei. Touristenbusse legen inzwischen fast mehrmals täglich eine kurze Pause in Section ein. Alle dürfen dann einen Pappbecher des teuersten Kaffees der Welt trinken, dem legendären Blue Mountains Coffee. Einige kaufen dann gleich vor Ort ein. 453 Gramm, ein englisches Pfund kostet direkt von der Pfanne, frisch gemahlen oder ungemahlen, umgerechnet 13 DM. In den Läden und auf den Märkten entsprechend mehr. In Deutschland ist ein Pfund unter fünfzig DM nicht zu haben.
In Section gehen die Uhren anders. Von einer zunehmenden Kriminalität ist dort oben nichts zu spüren. Davon erfährt man bestenfalls aus der Zeitung oder viel wahrscheinlicher aus dem Radio. Denn Zeitungen müßten in den Küstenstädten besorgt werden, entweder an der Nordostküste im malerischen Buff Bay oder an der Südostküste in Town, wie Kingston mangels anderer Großstädte auf der Insel genannt wird. So verwundert es nicht, daß keiner von der Gründung der Rastafarian Political Party im März 1997 etwas mitgekriegt hat und daß, obwohl die meisten der BewohnerInnen sich als Rastas verstehen oder doch zumindest mit den ihnen zugeordneten Werten sympathisieren – also vor allem die Ablehnung des verkürzt als shitstem oder Babylon bezeichneten politischen Systems propagieren.

Ghettoleute als Zielgruppe

Das grundsätzliche Ziel der Rastafarian Political Party mit dem Namen Imperial Ethiopian World Federation Political Party (IEWFPP) ist es, die Ghetto- und Grassroots-Leute zu repräsentieren. Der erste Versuch bei den Wahlen schlug gründlich fehl. Keinen Sitz und kaum Stimmen. Aber hohe Erwartungen hegten die Parteigründer von vornherein nicht. Ammunel Foxe, der internationale Präsident der IEWF, sah die Wahlen nur als Probelauf für die Wahlen 2001 an. Indes sei, „Die Tatsache, daß wir antreten, ein Zeichen der Reife für die Rasta Bewegung“. Innerhalb der traditionell zersplitterten Rasta Bewegung ist diese Auffassung mehr als umstritten. Lincoln Brown aus der Rasta Kommune in Seven Miles bei Bull Bay östlich von Kingston widerspricht diametral: „Wir wollen nichts mit dem System zu tun haben. Alles was sie machen, ist, die Leute aufzufordern, ein X zu machen. Als ich zur Schule ging, bedeutete ein X am Seitenrand einer Arbeit, daß ein Fehler vorliegt. Wo immer du ein X machst, ist es falsch. Das ist das echte Dilemma, überall wo du dich mit irgendeiner der P’s (Parteien) einläßt, ist es falsch.“

Sista P.

Gänzlich unbekannt wie in Section ist die Rastapartei nicht überall. In Content im Nordosten Jamaicas, nahe des Küstenortes Hope Bay weiß zumindest die prominenteste Bewohnerin, Pauline Petinaud, von allen nur Sista P. genannt, um die Gründungsüberlegungen. Die ihr weit über die Dorfgrenzen zuteil werdende Hochachtung verdankt sie der Gründung einer Rasta-Schule 1989 (vgl. LN 238) in dem kleinen abgelegenen Ort. Die meisten BewohnerInnen können dort nicht lesen und schreiben; seit der Einweihung der Rasta-Schule hat sich dies zumindest bei den Jugendlichen geändert. 15 Jahre hatte kein Dorfbewohner den Sprung auf die High School geschafft. Erst mit der Rasta-Schule änderte sich diese Situation. Nach wiederkehrenden Streitigkeiten mit den Behörden hat Sista P. die Schule im März 1997 dichtgemacht und denkt nun über eine Neugründung in Ghana nach. „Man muß immer mal wieder einen Neuanfang machen, eine neue Herausforderung suchen.“

Fehlgeleitete Energie

Von der IEWFPP habe sie gehört, aber ihrer Ansicht nach haben die Rastas im System nichts zu suchen. Deshalb hält sie diesen parteipolitischen Versuch der Einflußnahme für fehlgeleitete Energie. Die Rastas müßten Wege so weit als möglich außerhalb des Systems suchen. Zumindest Teilen von ihnen ist das gut gelungen, die Musikszene ist hier an vorderster Stelle zu nennen. „Viele Rastas haben es geschafft, relativ komfortabel außerhalb des Systems zu leben, und das hat sie träge gemacht.“ Selbstkritisch merkt sie an, daß ein Gutteil der systemverändernden Bemühungen der Rastas deswegen inzwischen verpufft sind. Von der Rückkehr nach Afrika ist bei den wenigsten die Rede und gerade die Musikstars wohnen fast gänzlich in Kingston, dem Moloch, den sie trotz allem lieben. Wie auch Sista P. selbst, die als gebürtige Kingstonianerin immer wieder Kurztrips nach Kingston unternimmt, um Freunde und Verwandte zu treffen. Dennoch ist sie eine der wenigen, die Afrika im Visier hat. „Eigentlich wäre ja Mozambique das ideale Land, dort gäbe es sehr viel zu tun, viel Aufbauarbeit, die der Krieg hinterlassen hat. Aber da ist das Problem mit der Sprache, mit 53 noch Portugiesisch lernen?“ In Ghana spricht mensch englisch. Kontakte bestehen spätestens seitdem die Trommelgruppe ihrer Rasta-Schule als Repräsentant Jamaicas am Pan African Historical Theatre Festival (PANAFEST) teilnahm und dabei durch mehrere Städte des westafrikanischen Landes tourte. Sie selbst war schon zweimal in Ghana. Beeindruckt hat sie dort vor allem die afrikanische Identität der Gesellschaft. In Jamaica ist ihr die fortschreitende Amerikanisierung ein Dorn im Auge, hatte sie doch genau wegen des American Way of Life die USA vor 15 Jahren verlassen. Ob sie wirklich nach Ghana geht, ist indes ebenso offen wie die Zukunft der Rastapartei. Schließlich hängt sie an den Reggae Boys, Kingston und vor allem Content.

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