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Reifen im Nachtschatten

Flor ist nervös. Wie in den vergangenen Nächten auch schläft sie alleine mit ihrem Bruder zu Hause im Bett. Niemand ist zu sehen und zu hören, trotzdem spürt sie die Bedrohung. Was, wenn Seba sich plötzlich bewegt? Nicht mehr er selbst ist? Die Eindringlinge sich seines Körpers bemächtigen? Schnell steht sie auf und hängt eine Decke über den Spiegel. Vielleicht übertrieben, aber man kann schließlich nicht vorsichtig genug sein.
Florencia (Violeta Castillo) ist 16 Jahre alt und die Protagonistin in Las Plantas, dem Langfilmdebüt des chilenischen Regisseurs und Produzenten Roberto Doveris. Ihr Alltag wird zu einem großem Teil von der Sorge um ihren älteren Bruder Sebastián bestimmt. Dieser befindet sich seit seiner Geburt im Wachkoma und benötigt ständige Pflege. Aber das ist nicht das einzige Problem für Flor: Ihre Mutter liegt im Krankenhaus, das Geld ist knapp und jetzt verlässt auch noch die Haushälterin Clarita das Haus der Mittelklassefamilie aus Santiago. Der Vater hat den Problemen schon vor langer Zeit den Rücken gekehrt und lässt sich nicht mehr blicken. Für Flor bedeutet das, dass sie mit ihrem Bruder alleine klarkommen muss – sowohl psychisch als auch körperlich eine Herausforderung für das ruhige, aber sehr entschlossene Mädchen. Ablenkung findet sie in der Parallelwelt ihrer Comics, in die sie gemeinsam mit ihren beiden schwulen Freunden Fran und Raúl eintaucht. Die drei trainieren gemeinsam für einen Tanz auf einer Comicmesse und treffen sich oft in Flors verlassenem Haus, wo Fran und Raúl ihre Beziehung offen ausleben können.
In der Garage findet Flor eine alte Ausgabe des Comics Las Plantas. Dieser basiert darauf, dass Pflanzen eine Seele besitzen und in der Nacht durch Spiegel in die Häuser der Menschen kommen. Dort ergreifen sie Besitz von deren Körpern, um ihre körperlichen Begierden – Marihuanakonsum und sexuelle Aktivitäten – ausleben zu können. Die ziemlich abgefahrene Geschichte fasziniert Flor, weil sie Parallelen zu ihrem eigenen Leben ausmacht. Nicht nur, dass sie Angst hat, die Pflanzen in ihrem Garten könnten sich ihres Bruders bemächtigen, daher der abgehängte Spiegel. Auch sie selbst tauscht ihr tagsüber sehr unscheinbares Leben nachts gegen eine riskante Existenz ein. Angestachelt von ihren Freunden lockt sie in Internetchats Männer an und treibt mit ihnen voyeuristische Spielchen, die sie mit der Zeit in immer gefährlichere Situationen bringen.
Im Laufe des Films verschwimmen die Grenzen zwischen Fiktion und Realität in Flors Welt immer mehr. Parallel dazu muss sie sich verstärkt mit ihrer Selbstfindung zwischen jugendlicher und erwachsener Identität auseinandersetzen. Im emotionalen Umgang mit ihrem Bruder wirkt das Mädchen selbst noch wie ein Kind und auch bei einem Besuch bei der Mutter im Krankenhaus bröckelt ihre sonst sehr toughe Fassade. Spricht sie dagegen per Telefon mit ihrem Vater oder mit ihrem Onkel, der sich nachts wie ein Dieb in den Garten schleicht, legt sie eine fast beängstigende Reife an den Tag und auch im Umgang mit ihren Freunden hält sie die Zügel in der Hand.
Roberto Doveris ist mit Las Plantas ein stimmiges Coming-of-Age-Movie gelungen, das einfühlsam die Twilight Zone zwischen Jugendlichendasein und Erwachsenwerden ausleuchtet. Der Film lebt hauptsächlich vom sehr einnehmenden und überzeugenden Spiel seiner Hauptdarstellerin, funktioniert aber auch durch Verfremdungseffekte, die der ansonsten ruhig gezeichneten Geschichte ihre Spannung verleihen. Für einen Jugendfilm ist die Darstellung von Sexualität sehr explizit und hätten vor einiger Zeit vermutlich für einen handfesten Skandal gereicht. Man sollte aber nicht den Fehler machen, Las Plantas nur darauf zu reduzieren, da dies der Vielschichtigkeit des Films nicht gerecht werden würde.

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