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Riesiges Täuschungsmanöver

Kolumbien ist nach dem Sudan das Land mit den meisten Binnenflüchtlingen. Es sind nicht ausschließlich Opfer des Drogenkrieges, Tausende fliehen vor der Gewalt der exportmarktorientierten Agrarindustrie. Im Gespräch erklärt Mauricio García vom Hilfswerk Swissaid die Zusammenhänge zwischen dem aktuellen Entwicklungsmodell und der dramatischen Situation der Vertriebenen.

Sie leiten das kolumbianische Programm des Hilfswerkes Swissaid “Unser Saatgut – unser Leben”. Was kann man sich genau darunter vorstellen?
Wir sind Teil einer lateinamerikanischen Kampagne, die um den Erhalt der Biodiversität und der traditionellen Agrarkultur der Kleinbauern kämpft. Beides ist durch die weltweite Monopolisierungspolitik schwerstens bedroht, die von den transnationalen Konzernen mit Rückendeckung der nationalen Regierungen vorangetrieben wird. Wir wollen dieser umwelt- und menschenfeindlichen Politik Alternativen gegenüberstellen: Etwa durch den Austausch von altüberliefertem Wissen und traditionellem Saatgut unter den ländlichen Gemeinden, deren Unabhängigkeit wir dadurch stärken wollen.

Auf welche Weise wird die Unabhängigkeit der KleinproduzentInnen konkret bedroht?
Sehr schwerwiegende Konsequenzen zieht die Freihandelspolitik der vergangenen Jahrzehnte nach sich, die auch uns Kolumbianer in eine krasse Abhängigkeit von Lebensmittelimporten gestoßen hat. Heute importieren wir acht Millionen Tonnen an Lebensmitteln, davon etwa drei Millionen Tonnen Mais, Getreide und Soja. Die Getreideproduktion in Kolumbien ist zum Erliegen gekommen, da wir es nun aus Argentinien und den USA importieren. Dieser Tendenz liegt die sogenannte „Grüne Revolution” zugrunde, das dominante landwirtschaftliche Enwicklungsmodell der vergangenen 60 Jahre, welches die agarindustrielle Großproduktion in den Mittelpunkt stellt. Im Zuge der Privatisierungen und der verschärften Monopolisierung hat sich die Situation für kleinere Erzeuger in jüngerer Zeit drastisch verschärft.

Worin besteht das Problem bei den Privatisierungen?
Anfangs war das Saatgut in öffentlicher Hand; die staatliche Finanzierung der Forschungseinrichtungen garantierte die gesellschaftliche Teilhabe an ihrem Nutzen. Doch dieses öffentliche Gut ist nach und nach in die Hände privater Großkonzerne geraten. Heutzutage wird es ohne Rücksicht auf die Kleinbauern und die Bedürfnisse der Bevölkerung für die große Agrarindustrie entwickelt. Auf riesigen Anbauflächen wird das Saatgut mithilfe landwirtschaftlicher Großtechnologie angebaut, die auf immense Mengen an Treibstoff und Pestiziden angewiesen ist. Kleine bäuerliche Betriebe können mit dieser industriellen Produktionsweise nicht mithalten. Sie haben erst gar nicht die Mittel, das Saatgut der Großkonzerne zu kaufen, geschweige denn die technischen Möglicheiten, es erfolgreich anzubauen. In diese Stoßrichtung geht auch die Entwicklung von genmanipuliertem Saatgut: Lediglich zehn Konzerne teilen diesen Markt weltweit unter sich auf.

Gerade BefürworterInnen der Gentechnik führen jedoch als Argument an, nur mit deren Hilfe ließe sich der Hunger nachhaltig und global bekämpfen.
Das ist doch ein riesengroßes Täuschungsmanöver. Erst einmal ist die Produktion einer ausreichenden Menge an Nahrungsmitteln überhaupt nicht das Problem. Schon heute werden weltweit genügend Lebensmittel produziert; fast doppelt so viel als man bräuchte, um die gesamte Menschheit auf dem Planeten zu ernähren. Im Grunde haben wir ein Verteilungsproblem. Das lässt sich nicht mit genmanipulierten Pflanzen lösen. Zumal diese Technik mit einer schwindelerregenden Landkonzentration auf Kosten der Armen einher geht. Um riesige Flächen zusammenzulegen, werden die Kleinbauern auch mit Gewalt von ihren Schollen vertrieben. Diese werden danach von der Agrarindustrie für die Viehzucht, jüngst vermehrt für den Anbau von Pflanzen zur Biodieselherstellung, benutzt. Aus diesem Grunde sind die Lebensmittelpreise in den vergangenen Jahren in die Höhe geschossen, denn das Land wird nicht für die Grundbedürfnisse der Mehrheit, sondern für einen überzogenen Konsum einiger weniger genutzt.

Es gibt also überhaupt keinen Ertragsgewinn durch Gentechnik?
Die Befürworter der Gentechnik versprechen entgegen den Fakten immer noch größere Erträge und „saubere” Lebensmittel. In den meisten Fällen haben die Schädlinge aber sehr schnell Resistenzen gegen die genmanipulierte Saat entwickelt. Um den Resistenzen entgegenzuwirken, wird die Dosis an Herbiziden und Pestiziden immer weiter erhöht. Das ist die Logik der Agrarindustrie: Töten, töten und nochmals töten! Meist ist es der gleiche Konzern, der für seine genmanipulierte Pflanze die passende Chemikalie im Angebot hat. Abgesehen davon frage ich mich, wie „sauber” beispielsweise ein Apfel ist, der den Wurm tötet, der ihn frisst. Daneben kursieren diese Scheinargumente, der Nahrungswert von bestimmten Lebensmitteln ließe sich dadurch erhöhen. Die Menschen haben jedoch nicht die ökonomischen Mittel, um solch einen Reis zu kaufen. Das ist doch absurd. Um den Hunger nachhaltig zu bekämpfen, müssen die Menschen ihre Böden behalten; sie müssen ihr eigenes Saatgut und ihre eigenen Techniken anwenden können. Es ist erwiesen, dass kleine Schollen mit verschiedenen Pflanzen weitaus ertragreicher sind als die grünen Wüsten der Monokulturen.

Kolumbien sollte doch eigentlich genügend fruchtbaren Boden haben, um seine 45 Millionen EinwohnerInnen ernähren zu können.
Natürlich. Allerdings treibt in Kolumbien ein falsch verstandenes Entwicklungsmodell die Menschen in größte Not. Das fing schon vor 60 Jahren an, als mit einem ersten Weltbankprojekt unter der Führung von Lauchlin Curries Vorschläge gemacht wurden, wie Kolumbien sich zu entwickeln habe. Um die Industrialisierung voranzutreiben, sollten die Menschen in die Städte geholt werden. Die forcierte Urbanisierung hat viele der bäuerlichen Gemeinden, ihr Brauchtum, ihre Traditionen, sowie ihr Kulturland zerstört. Damit verbunden waren die bis heute nicht abreißenden, gewaltsamen Vertreibungen, die Millionen zur Landflucht gezwungen haben. Gehörten noch in den siebziger Jahren 50 Prozent aller Kolumbianer der bäuerlichen Bevölkerung an, sind es heute gerade mal 24 Prozent. Die Entwicklungen haben dazu geführt, dass weniger als fünf Prozent der Landbesitzer mehr als 65 Prozent der Ackerböden besitzen.

Und die GroßgrundbesitzerInnen produzieren nicht vorrangig Lebensmittel?
Vor allem produzieren sie für den Exportmarkt: Kaffee, Bananen, Kakao und in rasant wachsendem Maße Palmöl. Sie produzieren am Bedarf der Menschen vorbei. Währenddessen produzieren die kleinen Erzeuger 50 Prozent aller Lebensmittel, obwohl sie nur einen viel kleineren Teil der Fläche bewirtschaften. Das wird aber nicht anerkannt. Nachdem es in den sechziger Jahren eine zwar kleine, aber in Teilen dennoch erfolgreiche Agrarreform gab, wurden die Kleinbauern ab den siebziger Jahren erneut von ihrem Land vertrieben. Wir nennen das die Gegen-Agrarreform. Es ist eine Allianz aus Großgrundbesitz, Drogenmafia und Paramilitärs, die bis heute ihr Unwesen treibt.

Präsident Álvaro Uribe behauptet allerdings, dass der Paramilitarismus genauso wie die Guerilla in Kolumbien fast am Ende sei.
Das ist die größte und erfolgreichste der unzähligen Lügen dieser Regierung. Doch der Krieg geht weiter, er ist vielleicht sogar noch brutaler als zuvor, denn es geht um Ressourcen, um Minen, Wasser, die Produktionszentren des Kokains und die großen Agrarlandflächen. Außerdem gleitet uns der Krieg immer mehr aus den Händen, da er durch die Profitinteressen internationaler Akteure angetrieben wird.

Können Sie ein gegenwärtiges Beispiel für den Krieg um Ackerland nennen?
Massenhafte Vertreibungen werden beispielsweise seit einiger Zeit im Pazifikdepartamento Chocó durchgeführt. Zuerst werden die Einwohner der Gemeinden von Paramilitärs vertrieben. Wer deren Drohungen nicht ernst nimmt, wird ermordet. Der Boden der Vertriebenen wird danach mit riesigen Monokulturen der Ölpalme bepflanzt. Die Regierung unterstützt die Bepflanzungen aktiv mit Subventionsgeldern. Wenn die vertriebenen Gemeinden auf Druck internationaler und kolumbianischer Nichtregierungsorganisationen doch zurückkehren können, sehen sie vollendeten Tatsachen ins Gesicht: Ihr Land ist mit Ölpalmen bepflanzt. Durch Drohungen und Gewalt, werden sie dazu gezwungen, diese weiterhin anzubauen.

Die Regierung unterstützt also die gewaltsame Konzentration von Land mit Steuergeldern?
Das Niveau an Korruption wurde im vergangenen Jahr besonders deutlich an dem Skandal um das „Sichere Agrareinkommen“. Das ist ein Programm des Landwirtschaftsministeriums, welches offiziell sicheres Agrareinkommen, also Subventionsgelder, an kleine Agrarerzeuger austeilen sollte, die besonders negativ von den desaströsen Auswirkungen der Freihandelspolitik betroffen sind. Es stellte sich jedoch heraus, dass das Geld an Leute ausgezahlt wurde, die überhaupt nichts mit der Landwirtschaft zu tun haben, oder an Großgrundbesitzer und Lebensmittelproduzenten, die sicherlich keine Subventionen benötigen. Abermillionen an Pesos wurden an die Klientel des Präsidenten ausgehändigt, um dessen Wiederwahl zu sichern. Entgegen der erfolgreichen Propaganda ist diese eine der korruptesten Regierungen, die wir in Kolumbien je hatten. Sie hilft den Großgrundbesitzern dabei, ihre Macht und ihren Reichtum zu festigen und auszudehnen.

Was setzen Sie dem entgegen?
Notwendig ist eine weitreichende Neuverteilung des Landes. Sie käme den kleinen Erzeugern zu Gute und ist zugleich Voraussetzung für eine nachhaltige und ökologische Landwirtschaft. Der biologische Landbau bietet die einzige Möglichkeit, die Biodiversität zu erhalten und könnte auch in Kolumbien unsere Ernährungssouveränität wiederherstellen. Um das zu erreichen, versuchen wir ein Umdenken bei den Verbrauchern zu bewirken: Anstelle von Lebensmodellen des schnellen Konsums, wie wir sie aus den Industrieländern importiert haben, wollen wir einen neuen Begriff von dem, was wirklich lebenswert ist, fördern. Wenn jedoch in den reichen Ländern, wie dem Ihren, keine Maßnahmen ergriffen werden, um die ungeheure Macht der Multis zu kontrollieren, bleiben wir auf verlorenem Posten stehen.

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