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Sexueller Missbrauch ist ein Missbrauch von Macht

Sie haben im Juni dieses Jahres den „Franco-deutschen Menschenrechtspreis in Nicaragua“ für Ihre Arbeit von der französischen und deutschen Botschaft in Nicaragua verliehen bekommen. Wird sich durch die Verleihung etwas ändern?
Nora: Wir freuen uns natürlich sehr. Es ist das erste Mal, dass dieser Preis in Nicaragua verliehen wurde. Für uns bedeutet das aber nicht nur eine Anerkennung unserer Arbeit. Die Botschaften vermitteln uns das Gefühl, dass sie damit sexuellen Missbrauch in der Kindheit als ernsthaftes Problem für die demokratische Entwicklung des Landes anerkennen. Wir haben durch die Verleihung eine breitere Öffentlichkeit für das Thema gewonnen. So waren wir bei „Esta Noche“, einem vielbeachteten Fernsehprogramm Nicaraguas, eingeladen und es wurden Artikel über uns veröffentlicht, in denen über unsere Arbeit und den Preis berichtet wurde.
Brigitte: Wir hoffen darauf, dass die Notwendigkeit erkannt wird, die Infrastruktur für Betroffene zu verbessern, damit fachgerechte Unterstützung angeboten werden kann.

Es ist noch immer ein Tabuthema in Nicaragua, über sexuellen Missbrauch zu sprechen. Wie schaffen Sie es, dass Frauen sich überwinden und darüber reden, was sie erlebt haben?
Nora: Wir laden die Frauen ein, Teil der Selbsthilfegruppe zu werden. Dort sind sie unter sich und teilen ihre Erfahrungen. Alle haben Ähnliches erlebt. Es geht um die Erziehung in der Kindheit, Probleme in der Partnerschaft, plötzliche, scheinbar unbegründete Wutausbrüche, Beziehungs-probleme mit den eigenen Kindern, mit dem Partner, Probleme, Sexualität zu leben, Probleme mit den Eltern und die Frage, wie ich mit dem Aggressor umgehe. Bei diesem letzten Thema spielt die Religiosität eine große Rolle. Viele Frauen meinen, indem sie ihrem Missbraucher verzeihen, würden sie sich von allen Folgen befreien, die der Missbrauch hinterlassen hat. Aber in Wirklichkeit funktioniert das so nicht. Sie sollen erkennen, dass der sexuelle Missbrauch keine „Sünde“ ist, sondern ein nach dem Strafgesetzbuch geahndetes Verbrechen.
Brigitte: Wir wollen die Frauen darin bestärken, die Schuld nicht bei sich selbst zu suchen, sondern bei dem Täter. In der Gruppe erkennen sie, dass ihre Wut eigentlich ihm gelten sollte. Der erste Schritt, den die Frauen machen können, ist es, das Schweigen zu durchbrechen und reden zu lernen.
Zoraida: Bisher arbeitet ABN lediglich im städtischen Bereich. Auf dem Land wird sexueller Missbrauch jedoch noch sehr viel stärker als „natürlich“ oder „gottgewollt” angesehen. Wenn ein Mädchen von 14 Jahren, das durch eine Vergewaltigung von einem 50-jährigen Mann schwanger wird, von ihrem Vergewaltiger geheiratet wird, sehen die Eltern in dieser Heirat die Ehrenrettung ihrer Tochter und vertuschen so den Missbrauch, anstatt ihn anzuzeigen.

Sprechen Sie in den Gruppen auch über sexuellen Missbrauch als gesellschaftliches Phänomen?
Nora: In den Gruppen wird viel über die eigene Erziehung in der Kindheit reflektiert. Kinder werden zum Gehorsam erzogen und zum Respekt gegenüber Erwachsenen. Dazu kommt die religiöse Erziehung, die sie dazu anhält, Vater und Mutter zu ehren, selbst wenn der Vater die Tochter sexuell missbraucht. Die Frauen, die zu ABN kommen, müssen also über ihre Erziehung und deren Folgen reflektieren. Sie lernen dadurch oft erst als erwachsene Frauen, sich als Rechtssubjekte anzuerkennen. Durch diesen Aufarbeitungsprozess lernen sie, die Mechanismen innerhalb des patriarchalen Systems wahrzunehmen. Solange das Patriarchat unhinterfragt bestehen bleibt, wird es auch sexuellen Missbrauch geben. Denn sexueller Missbrauch ist in erster Linie ein Missbrauch von Macht.

Gewalt wird noch immer als ein individuelles Problem der Frauen angesehen, dabei handelt es sich um strukturelle Gewalt. Sie ist Teil der patriarchalen Kultur. Welche Gründe hat die Regierung, dass sie so wenig unternimmt? Warum sieht sie die strukturellen Probleme hinter der Gewalt und dem sexuellen Missbrauch nicht?
Zoraida: In Nicaragua wird erst seit relativ kurzer Zeit offen über sexuellen Missbrauch gesprochen. Das Ausmaß der langfristigen Folgen ist weitgehend unbekannt. Sexueller Missbrauch wird von der Regierung nicht als Machtmissbrauch gesehen, sondern als „innerfamiliäres Problem“, das deshalb auch innerhalb der Familie gelöst werden sollte und in der Öffentlichkeit nichts zu suchen hat.
Brigitte: Es gibt kein Bewusstsein unter den Frauen, von ihren Rechten Gebrauch zu machen. Sie werden in erster Linie geboren, um dem Mann zu gehorchen. Das ist ein großes Problem. Man kann aber auch nicht sagen, dass der Staat gar nichts macht. Er beschließt Gesetze, wie ganz aktuell das „Gesetz gegen Gewalt an Frauen“ (Ley 779). Die Verabschiedung dieses Gesetzes wurde von der autonomen Frauenbewegung sehr gefeiert. Allerdings muss nun darum gerungen werden, dass die Regierung auch die notwendigen Finanzmittel zur Verfügung stellt, um das Gesetz umzusetzen.
In unserer täglichen Arbeit haben wir mehr Fragen als Antworten. Wo sind die Männer, die etwas gegen sexuellen Missbrauch tun? Und wo sind die Väter der missbrauchten Mädchen?

Zurzeit wird in der Nationalversammlung über das neue Familiengesetz (Código de la Familia) beraten. Ein Artikel besagt, dass sich eine Familie in erster Linie über „Vater, Mutter, Kind“ definiert. Das Familiengesetz wird von der Frauenbewegung heftig kritisiert, da es in weiten Teilen die Realität der nicaraguanischen Familien nicht zur Kenntnis nimmt. Lassen sich Familienkodex und das Gesetz gegen Gewalt an Frauen miteinander vereinbaren?
Zoraida: Es gibt da viele Widersprüche. In dem Gesetz gegen Gewalt an Frauen“ steht, dass ein Mädchen, welches von seinem Vater missbraucht wird, nicht im selben Haus mit dem Aggressor leben muss. Im Familienkodex allerdings wird die Kernfamilie als besonders wichtig und schützenswert definiert, die es unbedingt zusammenzuhalten gilt.
Brigitte: Aus unserer Arbeit wissen wir, dass sexueller Missbrauch meistens von Familienangehörigen begangen wird. Wenn die Familie als besonders schützenswert deklariert wird, könnte das dazu führen, dass es für Opfer und Überlebende noch schwieriger wird, über ihr Leid zu sprechen. Wir wissen aber noch nicht, wie sich das Gesetz auf unsere Arbeit auswirken wird. Es ist nie einfach, über sexuellen Missbrauch zu sprechen, schon gar nicht, wenn es in der eigenen Familie passiert.
Auf Druck der Frauenbewegung wurde die Definition von Familie im Familiengesetz allerdings etwas reformiert. Auch Alleinerziehende mit Kindern werden als eine solche anerkannt. Aber alles, was mit sexueller Vielfalt zu tun hat, fällt nicht unter die Definition „Familie“.

2006 wurde auch der therapeutische Schwangerschaftsabbruch unter Strafe gestellt. Welche Auswirkung hat das auf Ihre Arbeit?
Nora: Das Gesetz ist ein fundamentaler Rückschritt, der uns rechtlich ein ganzes Jahrhundert zurückwirft. Mädchen, die durch einen sexuellen Missbrauch schwanger werden, haben nun keine Möglichkeit mehr, den therapeutischen Schwangerschaftsabbruch vornehmen zu lassen, selbst wenn ihr Leben in Gefahr ist. Das ist eine sehr schwierige, leidvolle Situation für beide, für das Mädchen, das ein Kind bekommt und das Kind, das geboren wird. Für die Mutter ist es sehr schwierig, dem neugeborenen Menschen die Zuneigung entgegen zu bringen, die dieses Kind wie jedes andere verdient.

Welche Möglichkeiten haben wir in Deutschland Sie in Ihrer Arbeit zu unterstützen?
Brigitte: Ich glaube, die wichtigste Aufgabe in Deutschland und Nicaragua ist es, das Thema weiter zu enttabuisieren. Wenn wir unsere Erfahrungen austauschen, stellen wir fest, dass es sowohl Bereiche gibt, in denen Deutschland fortschrittlicher ist, als auch solche, in denen Nicaragua weiter vorne steht. So können wir in Nicaragua einmal wöchentlich einen Artikel über sexuellen Missbrauch in einer Zeitung veröffentlichen. Von so etwas ist Deutschland noch weit entfernt. Andererseits gibt es in Deutschland eine wesentlich bessere Infrastruktur für Opfer und Überlebende von sexuellem Missbrauch. Insgesamt haben wir auf unserer Reise gemerkt, dass hier wie dort noch viel zu tun ist. Es ist weiterhin so, dass häufig der „innere Kreis der Mitwisser“ bei einem Fall von sexuellem Missbrauch schweigt. Wir haben es in unserer fünfjährigen Arbeit nur einmal erlebt, dass ein Mann gesagt hat: „Ich schäme mich dafür, Teil einer Gruppe zu sein, die so viel Schmerz und Trauer bewirkt.“ Aber solche Worte sind auch in Deutschland selten. Von einem wirklichen gesellschaftlichen Umdenken sind wir leider weit entfernt. Und dennoch machen wir weiter – um Frauen zu stärken und für ihre Rechte zu kämpfen.

Infokasten:

Brigitte Hauschild, Zoraida Soza und Nora Rugama

arbeiten bei der Organisation Aguas Bravas Nicaragua (ABN), die sich vor fünf Jahren mit dem Ziel gründete, Selbsthilfegruppen für Frauen aufzubauen, die in ihrer Kindheit sexuellen Missbrauch erfahren haben. Bis heute sind 18 Gruppen im ganzen Land gegründet worden. Mittlerweile organisieren sie neben den Treffen für die Betroffenen auch Fortbildungen an Universitäten, die sich speziell an Studierende der Psychologie richten, da das Thema sexueller Missbrauch in der Kindheit bisher kein fester Bestandteil des Studiums ist. Außerdem führen sie viertägige Fortbildungsveranstaltungen für Psycholog_innen durch, die in der Einzelberatung tätig sind. Es gibt drei hauptamtlich Angestellte und eine Freiwillige. Im November reisten sie durch Europa, um auf die patriarchale Kultur in Nicaragua aufmerksam zu machen und sich mit anderen Organisationen zu vernetzen.

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