Kunst | Nummer 403 - Januar 2008

Solidarische Aufnahmen

Oscar Paciencia fotografiert den Widerstand in Kolumbien

Oscar Paciencias Fotoausstellung „El Rostro de la Resistencia“ (Gesicht des Widerstandes) zeigt auf weit über 200 Bildern das alltägliche Leben im Krieg und den Kampf der kolumbianischen Basisorganisationen und ländlichen Gemeinden gegen Ungerechtigkeit, Repression und Vertreibung. Die Lateinamerika Nachrichten sprachen mit ihm über seine Arbeit und seine Erfahrungen.

Kristofer Lengert

Wie entstand die Idee zur Ausstellung?
Ich mache seit vielen Jahren Fotos. Nach Kolumbien reiste ich zum ersten Mal 2003. Ich wollte verstehen, was dort vor sich ging, und mit meinen Fotos darüber berichten. Fotografieren ist für mich niemals ein Selbstzweck gewesen, sondern vielmehr der Versuch, eine politische Aussage zu vermitteln und Veränderungen herbeizuführen. Ich möchte mit meinen Fotos einen solidarischen Beitrag leisten. Das Projekt „El Rostro de la Resistencia“ ist auf meiner ersten Reise 2003 entstanden, aber ich denke, dass es noch immer nicht abgeschlossen ist. Es ist ein Projekt, das stetig wächst und ein immer klarer werdendes Bild von der Situation in Kolumbien zeichnet.

Manche Fotos zeigen brutale Situationen: zum Beispiel das Bild eines Polizisten, der während des landesweiten Streiks in Bogotá einem Jungen seine Pistole an den Kopf hält. Wie kommt es zu solchen Bildern?
Meistens ist es der Zufall, der so drastische Fotos entstehen lässt. So war es auch bei den Bildern vom Streik am 12. Oktober 2003, als ein riesiger Protest ganz Bogotá für einen Tag lahm legte. Polizisten und Soldaten griffen schließlich die Protestierenden an. Unter die Menschenmenge hatten sich mehrere Paramilitärs in Zivil gemischt. Zwei von ihnen wurden von einer jungen Studentin erkannt, worauf sich eine Traube von Menschen um sie bildete. Als die heranstürmende Polizei nun die Paramilitärs aus der Menschenmenge befreite, war ich zufällig in der Nähe und fotografierte: Ein Polizist schoss erst in die Luft, packte dann einen jungen Studenten am Hals und hielt ihm seine Pistole an den Kopf. Eine Eigenschaft von Fotos, die Extremsituationen zeigen, ist also, dass sie nicht geplant werden können.

Deine Bilder zeigen zum einen Gewalt und Krieg. Zum anderen machst Du Portraitaufnahmen und Bilder von alltäglichen Situationen. Warum diese Gegensätzlichkeit?
Dieser Gegensatz ist eine bezeichnende Eigenschaft des Kolumbiens, das ich kennengelernt habe. Vom Staat gehen dabei unterschiedliche Formen von Gewalt aus: einmal die physische, die von Militär und Polizei ausgeübt wird, und dann die strukturelle Gewalt, unter der die Menschen leiden: Das Fehlen von Gesundheitsversorgung und Bildung, die Armut und das Elend in den Großstädten. Demgegenüber stehen die schönen, entschlossenen, manchmal auch lachenden Gesichter der Menschen, die sich gegen diese Gewalt zur Wehr setzen.

Das Projekt heißt „El Rostro de la Resistencia“. Sind damit also diese Menschen gemeint?
Die Gesichter der Menschen teilten ihre Stimmungen und Gefühle immer in einer ungeheuren Tiefe mit und trugen so dazu bei, die Situation zu verstehen. Ihre Gesichter waren gezeichnet von Kampf, Leid und Schmerzen, doch immer wieder waren da auch Hoffnung und Fröhlichkeit. Diese Gesichter berührten mich, und ich verstand, wie sich ihr Schmerz in eine Form des Widerstandes verwandelte. Daher der Name.

Du warst in abgelegenen, stark militarisierten Krisenregionen. Wie haben die Menschen dort auf dich reagiert?
Es gab viele Menschen, die mich auf meinen Reisen schützten und unterstützten. Doch auch bei der unterdrückten Bevölkerung auf dem Land gibt es verschiedene Meinungen zu gesellschaftlichen Themen. Entsprechend haben sie auch auf mich unterschiedlich reagiert. Es gab aber ein Thema, bei dem sich alle einig waren: Sie waren davon überzeugt, dass die Anwesenheit des Militärs ein großes Problem ist. Jede alltägliche Begegnung konnte gefährlich werden: Wenn ein Soldat von einem Bauern ein Huhn kaufen wollte und der es nicht verkaufen mochte, konnte das mit einem Mord enden. Wie sich jetzt herausgestellt hat, fälschte das Militär in über 250 Fällen die Beweise, um ermordete Bauern als „in Gefechtshandlungen erschossene Guerilleros“ darzustellen.

Wurdest du mit Repression konfrontiert?
Ja, sie versuchten mich einzuschüchtern und untersagten mir immer wieder Fotos zu machen. Trotzdem betrachteten mich meine kolumbianischen BegleiterInnen als eine Art Schutz, da ich Ausländer und Journalist bin, war davon auszugehen, dass sich die Militärs zurückhalten würden. Doch einige Situationen waren heikel: Im Herbst 2003 gab es in Arauca eine Serie von Überfällen durch das Militär. Einmal durchsuchten sie die Häuser von mehr als 200 AktivistInnen sozialer Organisationen und verhafteten viele. Zu uns kamen sie um 3 Uhr morgens. Bewaffnete Männer mit Maschinenpistolen drangen in das Haus ein, stellten uns mit dem Gesicht zur Wand auf und richteten ihre Waffen auf uns. Wir waren drei internationale Begleiter in dem Haus, ich war als Journalist akkreditiert. In dieser Situation war das Verhalten des anwesenden Staatsanwalts wichtig. Als wir uns auswiesen, verstand er wohl, dass die Situation in diesem Haus eine besondere war, und sie gingen wieder.

Wie geht es jetzt weiter?
Ich hoffe, dass es gelingt, mehr Menschen für die Situation in Kolumbien zu sensibilisieren. Und dass mehr Leute anfangen, sich für die Menschen dort zu engagieren. Die Wanderausstellung in Deutschland kann hierzu ein Beitrag sein. Ich arbeite derzeit an zwei Videoprojekten über Catatumbo und den Valle de Cauca und im nächsten Sommer plane ich wieder nach Kolumbien zu fahren und meine Arbeit fortzusetzen.

Kasten:
oscar paciencia
Oscar Paciencia ist Fotoreporter beim Verlag Stampa Alternativa und seit 2007 Mitglied der italienischen Fotoreporter-Vereinigung AIRF (Assiociazione Italiana Reporters Fotografi). Bevor er 2003 das erste Mal nach Kolumbien reiste, arbeitete er u.a. zu Chile, Nicaragua und Chiapas. Er produzierte mehrere Dokumentarfilme und veröffentlichte seine Fotos in internationalen Publikationen und italienischen Tageszeitungen. Bis Mitte 2008 ist ein Teil der Bilder in deutschen Städten zu sehen.
Informationen unter: www.fdcl-berlin.de

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