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Solidarische Zweckgemeinschaft

Nur ein Plastikschild an dem schwarzen Eisentor verrät, dass sich hinter dem unattraktiven 50er Jahre-Bau an der Gneisenaustraße in Berlin-Kreuzberg ein Ort verbirgt, der anders sein will: Kollektiv organisiert, nicht an wirtschaftlichem Erfolg orientiert, solidarisch, kritisch. Die Verwirklichung eines diffusen Traums von Selbstverwaltung, die in ganz verschiedenen Räumen stattfindet. Über 30 soziale, kulturelle und politische Projekte haben ihre Visitenkarten an dem Eisentor angebracht: Die Punkkneipe Clash ebenso wie der Buchladen Schwarze Risse oder die Organisation Tauwetter, die für Männer da ist, die als Jungen sexuell missbraucht wurden. Mittendrin das Schild der Lateinamerika Nachrichten mit der Information: 5. Stock – Kommen, Anschauen, Mitmachen!
Geübte RadfahrerInnen nehmen mit Schwung die Kurve hinter der Durchfahrt unter dem grauen Vorderhaus, um vor der Terrasse des Clash zu parken, das das unterste Stockwerk des ehemaligen Fabrikgebäudes im Mehringhof einnimmt. Die Kneipe Clash befindet sich im vorderen Flügel. Der Eingang liegt in der Durchfahrt zum zweiten Innenhof.
Gleich gegenüber der Eingangstür erstreckt sich die Bar, schwarz mit einer Reihe hoher Hocker davor. Darüber informieren weiße Buchstaben auf schwarz über das Angebot, umrahmt von fröhlich grinsenden Totenköpfen mit verschiedenen Kopfbedeckungen wie Basecaps, Piratentüchern und Dornenkronen. Die Köpfe hat Tomäc gemalt, einer der sechs Mitglieder des Clash-Kollektivs, das den Laden seit zweieinhalb Jahren führt. Tomäc ist 37 und Maskenbildner, aber schon seit Jahren in Kneipen tätig. Das kollektive Arbeiten kennt er aus dem SO36, dem legendären Konzertsaal in Kreuzberg 36, und es macht ihm mehr Spaß als „Lohnsklave zu sein“. Am späten Nachmittag ist es noch ruhig, nur wenige Gäste sitzen an den Holztischen oder der Bar. Tomäc und seine Kollegin Dada halten die Stellung, während Robin und Stefan gerade Schnaps kaufen gefahren sind. Im Kollektiv machen alle alles und entscheiden gemeinsam, daher betonen Dada und Tomäc auch, dass sie nur für sich selbst sprechen können.
Vor ihnen und ihren MitstreiterInnen war die brasilianische Kneipe Muvuca hier pleite gegangen, davor hatte das EX als belebter Versammlungsort für Diskussionen und politische Aktivitäten gedient.
Nachdem das Muvuca ausgezogen war, hatte der Mieterverein des Mehringshofs per Ausschreibung ein neues Projekt für die Kneipenräume gesucht. Der Traum von einer eigenen Kneipe trieb alle Mitglieder des Kollektivs an, sich zu bewerben. Dada hatte nur mal eine Schicht übernehmen wollen – eigentlich. „Ich konnte gar nicht so schnell gucken, und schon war ich mittendrin im Kollektiv“, erzählt die 45-Jährige. Sie trägt meistens eine schwarze Ledermütze und wirkt ebenso entschlossen wie in der Lage, im Notfall jeden unliebsamen Gast vor die Tür zu befördern. Nötig ist das aber eher selten. Das Publikum sei sehr gemischt, erzählt sie, und das wirke „manchmal etwas skurril, aber passt schon.“ SchülerInnen der Schule für Erwachsenenbildung trinken hier tagsüber ihren Getreidekaffee, am Abend kommen die BesucherInnen des Mehringhof-Theaters auf einen Drink vorbei, auch wenn sie mit Schlips und Anzug eher nicht ins Ambiente passen.
Wie alle anderen Mitglieder des Kollektivs hat Dada langjährige Kneipenerfahrung. Aber ein eigener Laden – das ist etwas anderes. Das beginnt mit dem Verlangen des Ausweises bei Jugendlichen, um die Lizenz nicht zu verlieren, und bringt mit sich, dass ohne Steuerberater gar nichts funktioniert. „Das Clash soll Spaß machen, sowohl dem Personal als auch den Gästen“, sagt Tomäc. Und ein neues EX werden? Er ist sich nicht sicher, denn „die Zeiten haben sich geändert.“ Für Dada ist klar, dass sie ein politisches Erbe übernommen haben, aber ebenso, dass es nie mehr so sein wird wie früher. „Früher“ ist in den 1980ern, als das Ex der Mittelpunkt politischer Aktionen gegen Rassismus und für neue Formen der Arbeit war. Dennoch ist die einzige Option für beide, weiter zu machen. Alle Mitglieder des Kollektivs sind irgendwie politisch aktiv. Dafür ist der Mehringhof ein guter Ort, sind Tomäc und Dada sich einig. Große Träume, sagt Dada, habe sie nicht mehr. Sie will die Chance haben, weiter zu tun, was sie mit den anderen begonnen hat: „Mit guten Leuten einen guten Job machen.“
Alle Projekte des Mehringhofs würden sich wohl diesen Anspruch zu eigen machen. Doch es soll ja um mehr gehen als nur darum, ein Soll zu erfüllen. Den Anfang machte 1979 die Schule für Erwachsenenbildung (SfE) mit dem Beschluss, ein Haus kaufen zu wollen. Es war die Zeit, in der alternative Projekte Räume besetzten, anstatt sie zu erwerben, doch für die Schule kam das nicht in Frage. Ihr Handeln musste legal sein, um ihren SchülerInnen einen anerkannten Abschluss und eventuell Bafög zu garantieren. Der Mehringhof gefiel ihnen sofort. Doch 5.000 m² Nutzfläche auf fünf Stockwerken war viel zu viel. Die Lösung lag darin, andere Projekte mit ins Boot zu nehmen. Schließlich schickten sich sieben Organisationen an, das Haus von der Berthold AG zu kaufen: SfE, Netzwerk, Gesundheitsladen, Stattbuch, die EX-Vorgängerkneipe Spectrum, der Verlag Ästhetik und Kommunikation sowie Mixed Media. Zusammen gründeten sie die Mehringhof Grundstücksverwaltung GmbH.
Die Firma Hermann Berthold hatte rund 100 Jahre früher das Fabrikgebäude bauen lassen, um ihre expandierende Schriftengießerei darin unterzubringen. Im Jahre 1979 hatte sie sich dem technischen Fortschritt anpassen müssen und die großen Fabrikräume wurden nicht mehr gebraucht.
Berthold war also am Verkauf, die Projekte am Kauf interessiert, nur das SPD-regierte Bezir­ksamt stellte sich quer. Man befürchtete eine Brutstätte linker, vom Osten aus gelenkter UmstürzlerInnen und behauptete, dass die KäuferInnen das Gebäude gewählt hätten, weil sie von dort das Bezirksamt beschießen und im Keller Bomben bauen könnten.
Die Verzögerungen, die der bürokratische Kleinkrieg gegen die Stadtverwaltung mit sich brachte, nutzte die KäuferInnengemeinschaft, um d­as erforderliche Startkapital zu beschaffen. Neben den einzelnen Projekten steuerten zahlreiche „stille GesellschafterInnen“ wie ProfessorInnen, LehrerInnen und ÄrztInnen Geld in Form von Spenden oder Darlehen bei. Als die Firma Berthold auch ungeduldig wurde und Druck ausübte, kam im Dezember 1979 das Geschäft zustande: Die Mehringhof GmbH kaufte das Gelände mit Gebäuden für 1,75 Millionen D-Mark.
Da das Haus mit dem Abzahlen der Schulden allen gehören sollte, gründete die Mehringhof GmbH einen Verein, in dem alle Mietparteien Mitglieder sind. Sie besitzen den Mehringhof, so lange sie dort arbeiten, sobald sie ausziehen, haben sie keinerlei Ansprüche mehr. Dass ein linkes Projekt ausgerechnet durch den Erwerb von Eigentum aus der Taufe gehoben wurde, sorgte damals durchaus auch für Verstimmungen in linken Kreisen. „Dass wir Geld hatten, von dem niemand wusste, wo es herkommt, galt vielen als verrucht“, berichtet Elisabeth, die an den Kaufverhandlungen beteiligt war. Sie war damals im Vorstand der SfE und arbeitete nach dem Kauf zehn Jahre lang in der Verwaltung des Mehringhofs. Wenn sie sich heute im Gebäudekomplex umschaut, entdeckt sie noch immer die ein oder andere von ihr eigenhändig gestrichene Wand. „Es könnte sich hier auch mal was ändern“, sagt sie und wünscht sich eine „kleine Revolution“ auf dem ehemaligen Fabrikgelände.
In den Anfangsjahren hätten die Ängste darin bestanden, dass man es finanziell nicht schaffe oder politische Unterwanderungen stattfänden. „Keine Gewerkschaft, keine Partei, keine Kirche“, waren damals die Bedingungen für neue Projekte. Visionen zu entwickeln habe man dagegen vernachlässigt, meint Elisabeth: „Heute würde ich von vornherein versuchen, ein Zukunftskonzept drinnen zu haben, damit nicht alles ‚nur‘ erhalten bleibt.“ Das bedeutet auch, dass viele Projekte in erster Linie auf den Mieterversammlungen direkt miteinander in Kontakt treten. Dort wird monatlich über die Geschicke des Hauses entschieden und auch über den Einzug neuer Projekte abgestimmt. Im Laufe der Zeit wurden die von BewerberInnen zu erfüllenden Kriterien allerdings aufgeweicht. Es muss nicht mehr alles kollektiv organisiert sein, sondern nur noch so wenig hierarchisch wie möglich. Auch staatliche Unterstützung gilt längst nicht mehr als Ausschlusskriterium. Vor allem aber müssen die Projekte zum Mehringhof passen, also dem linksalternativen Spektrum entstammen. Die Clash-Crew war nach ihrem Einzug jedenfalls begeistert über die freundliche Aufnahme.
Verlässt man ihre Kneipe wieder und wendet sich nach rechts, eröffnet sich der Blick in den zweiten Innenhof. KundInnen des Fahrradladens drehen Proberunden auf dem Hof. Vor dem linken einstöckigen Nebengebäude mit Flachdach sitzen einige Mitglieder des Vereins der Arbeiter aus der Türkei in Berlin und trinken Tee. Ein paar Schritte weiter betritt man nach zwei abfallenden Treppenstufen den Buchladen Schwarze Risse. Ein Blick durch den verwinkelten Verkaufsraum offenbart ein breit gefächertes Sortiment. Der Vorrat an linker Theorie reicht von anarchistischen über marxistische bis hin zu aktuellen globalisierungskritischen Werken. Daneben stehen aber auch Romane und Krimis aus aller Welt in den Regalen. Außerdem kann man sich hier mit Flugblättern und linken Zeitschriften eindecken oder eine Fahrkarte zur nächsten außerhalb Berlins stattfindenden Demo erwerben.
Schwarze Risse wurde vor etwa 30 Jahren zunächst als Infoladen der Antiatomkraftbewegung gegründet, bevor daraus nach und nach der Buchladen hervorging, berichtet Frieder, der seit 25 Jahren hier arbeitet. Der angegliederte Verlag Assoziation A gibt zudem selbst Bücher heraus. Der 53-Jährige betont, dass sie noch immer „so ein altes, klassisches, linkes Buchladenkollektiv“ seien. „Das ist selbst hier im Mehringhof, wo es die unterschiedlichsten Formen der Organisierung gibt, nicht mehr selbstverständlich“, fügt er hinzu.
Seit den 1980er Jahren, in denen der Mehringhof ständig im Zentrum politischer Aktivitäten stand, habe sich viel verändert, was auch an einer Ausdifferenzierung der linken Szene liege, sagt Frieder. Und auch wenn man „nicht zwangsläufig so viel mit anderen Projekten zu tun“ habe und sich oft nur auf der Mieterversammlung zu sehen bekomme, verteidigt er den Mehringhof als „Gesamtprojekt, in dem viele wichtige politische Initiativen drin sind und der als Treffpunkt und Ort für Veranstaltungen dient.“ Insgesamt seien viele Projekte mit der Zeit aber etwas träge geworden. „Es ist immer so, dass da manchmal ein Ruck durchgehen muss und die Leute sich ein bisschen mehr anstrengen müssen, um Öffentlichkeit reinzuholen und sich als Ort bekannt zu halten, an dem politische Mobilisierung stattfindet“, sagt Frieder über die Zukunft des Hauses. Dazu müsse es im Mehringhof „natürlich auch ein bisschen unbequeme Veranstaltungen“ geben.
Dass politische Mobilisierung allerdings auch von der Bundesstaatsanwaltschaft organisiert werden kann, musste das Buchladenkollektiv im Mai dieses Jahres erleben. Im Vorfeld des G8-Gipfels stürmte die Polizei vornehmlich in Hamburg und Berlin zahlreiche Projekte linker Infrastruktur. Mit der offiziellen Begründung, auf der Suche nach Autoren eines Buches über die Geschichte der Autonomen zu sein, das bereits in der 3. Auflage bei Assoziation A erschienen war, stattete sie auch Verlag und Buchladen einen Besuch ab. Das war ein Vorwand, um an Adresslisten zu gelangen, ist sich Frieder sicher. Als er morgens im Mehringhof ankam, hatten die PolizistInnen das Schloss des Buchladens bereits geknackt und nahmen im Anschluss einen Haufen schriftliches Material sowie Computer und Drucker mit. Der Buchladen konnte anderthalb Tage, der Verlag fast zwei Wochen lang nicht arbeiten. Die Razzia entpuppte sich indes schnell als Eigentor der Staatsanwaltschaft, das der bis dahin etwas lahmen Anti-G8-Mobilisierung erst so richtig Schwung verlieh. Auch wenn die breite gesellschaftliche Kritik an den Razzien seit Mai mittlerweile wieder etwas in Vergessenheit geraten ist, hofft Frieder auf einen Politisierungseffekt über G8 hinaus. Vor allem aber lobt er die Solidarität im eigenen Umfeld. „In solchen Situationen ist der Mehringhof sehr positiv. Die spontane Bereitschaft von den Leuten, auch auf der politischen Ebene Unterstützung zu zeigen, das ist schon beeindruckend.“
Von „solchen Situationen“ hatten die Leute im Mehringhof in der Vergangenheit bereits zahlreiche mitbekommen. Denn obwohl bis dato nicht ein einziges Mal der beim Kauf des Gebäudes befürchtete Beschuss des Bezirksamtes dokumentiert worden ist, erhielt die Polizei vor allem in den bewegten 1980ern des öfteren den Befehl in Richtung Gneisenaustraße 2a auszurücken: Nach einer Welle von Hausbesetzungen in West-Berlin besetzten die GesetzeshüterInnen im April 1981 gleich mehrmals den Zugang zum Mehringhof. Niemand durfte das Gelände betreten, ohne vorher Taschen- und Leibesvisitation über sich ergehen zu lassen. Der Verdacht, die Aktivitäten der Hausbesetzerszene würden zentral aus dem Mehringhof gesteuert, ließ sich allerdings nicht erhärten.
Am Morgen des 1. Mai 1987 durchsuchte die Polizei das Büro der Volkszählungsboykott-Initiative im Mehringshof und bescherte Berlin damit eine neue Tradition. Stunden später fanden als Reaktion auf die Razzia die ersten und seitdem jährlich wiederkehrenden 1.Mai-Krawalle in Kreuzberg statt. In den 1990ern wurde es ruhiger. Kurz vor dem Jahrtausendwechsel stürmte dann ein 1.000-köpfiges Polizeiaufgebot auf brachiale Art und Weise den Mehringhof und durchsuchte jeden Winkel des Gebäudes. Laut Kronzeuge sollte hier ein Sprengstoffdepot der „Revolutionären Zellen“ existieren. Gefunden wurde nichts, der angerichtete Schaden betrug 100.000 D-Mark. In einem umstrittenen Prozess wurden im Anschluss zwei Mitarbeiter aus dem Mehringhof auf Grundlage des ebenfalls umstrittenen Paragrafen 129a des Strafgesetzbuches als „Mitglieder einer terroristischen Vereinigung“ zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.
Mit diesem Paragrafen wurde auch die Razzia gegen die Anti-G8-Strukturen vor wenigen Monaten rechtlich legitimiert. Äußerlich erinnert heute nur noch ein aus den Räumen der SfE im dritten Stock hängendes Plakat an die letzte Durchsuchung im Mehringhof. Mittlerweile ist es derart zerfleddert, dass der Schriftzug „Verpisst euch Cops!“ kaum mehr zu entziffern ist.
Quer gegenüber von Schwarze Risse, gleich neben dem Clash, befindet sich der Eingang zum Hauptgebäude des Mehringshofs. Die Wände des dunklen Treppenhauses sind in blau-weiß gehalten und wirken frisch gestrichen. Nach wenigen Stufen passiert man das Mehringhoftheater, eine weitläufig beliebte Adresse für bekanntes und weniger bekanntes Kabarett.
Im ersten Stock befinden sich unter anderem der große Versammlungsraum, der für Veranstaltungen gebucht werden kann, und der Ermittlungsausschuss, der bei linken Demonstrationen und Aktionen unverzichtbare Arbeit gegen staatliche Repression leistet. Es gibt kaum eine linke Demo in Berlin, auf der nicht seine Telefonnummer 6922222 durchgegeben wird. In den Wintermonaten betreibt Kälteschutz e V. hier außerdem eine Notübernachtung für Obdachlose.
Ein Stockwerk höher finden sich unter anderem die Medizinische Flüchtlingshilfe, das Forschungszentrum für Flucht und Migration und Tauwetter. Die Beratungs- und Selbsthilfeorganisation für Männer, die als Jungen sexuell missbraucht wurden, arbeitet seit 2003 in zwei winzigen Büroräumen. 1995 gründete sie sich aus einer Selbsthilfegruppe heraus, deren Beratungsarbeit zunehmend professioneller geworden war. Heute organisieren sich viele Selbsthilfegruppen unter dem Dach des Vereins Tauwetter. Der Mehringhof sei ein pluralistischer Ort, wo „viele Leute ein- und ausgehen“, sagt Thomas, einer der Mitarbeiter. So sei es für die betroffenen Männer möglich, unauffällig zur Beratungsstelle zu kommen, und Tauwetter passe schon in ein linkes Projekt, da es einen „emanzipatorischen Anspruch“ habe. Der liegt vor allem darin, Männlichkeitskonstruktionen aufzubrechen. Diese Arbeit macht Tauwetter allerdings für sich, konkrete Zusammenarbeit mit anderen Projekten gebe es kaum, so Thomas. Rückblickend denkt auch Thomas, dass der Mehringhof unpolitischer geworden ist. Dennoch meint er: „Es gibt nach wie vor so etwas wie eine Grundsolidarität, und das finde ich wichtig.“
Die Wände vom zweiten Stock aufwärts scheinen schon länger nicht mehr gestrichen worden zu sein. Politische Parolen, Tags und Infoplakate zieren den weiteren Weg nach oben. Im dritten Stock passiert man die SfE, die selbstverwaltet und ohne Zensuren zu vergeben auf die Mittlere Reife oder das Abitur vorbereitet. Im vierten Stock befindet sich die Dachterrasse, auf der sich gerade eine Gruppe zum Grillen versammelt hat. Die Treppe führt aber noch weiter. An den Wänden nehmen die Plakate mit Lateinamerikabezug deutlich Überhand.

Im fünften Stock ist die Tür aus Glas, nicht aus Stahl. Hinter ihr führt ein gelb gestrichener Gang in die Küche. Vom Flur aus ist nur die Ecke einer Anrichte zu sehen. Doch die Tür ist verschlossen und BesucherInnen sind angehalten zu klingeln. Nur bei einem der Projekte, nicht bei allen gleichzeitig. Zur Auswahl stehen Ökotopia, Attac, Blue 21, FDCL und die Lateinamerika Nachrichten. Die Klingel der Lateinamerika Nachrichten ergibt eine nicht enden wollende, grauenhaft verzerrte Melodie, die auch von außen zu hören ist. Aber egal, wo geklingelt wird, meist muss Jan vom Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile Lateinamerika, kurz FDCL, aufmachen, denn er hat das erste Büro auf der Etage, gleich rechts in dem Gang, der zur Küche führt. In das winzige Kabuff passen mit Mühe drei Stühle.
Das FDCL gründete sich 1974 und war einer der ersten Mieter im neuen Mehringhof. Für die regelmäßigen Veranstaltungen nutzt es auch andere Räume wie den Versammlungsraum und das Clash. Die Kneipe, beziehungsweise ihr Vorgänger Spectrum, war auch Jans erster Anlaufpunkt, als er in den 1980er Jahren den Mehringhof kennen lernte. „Damals war die Szene völlig anders“, betont er. „Westberlin war ein Mikrokosmos mit Freiräumen, die es im restlichen Deutschland nicht gab, und der Mehringhof der zentrale Attraktionspunkt all derer, die diese Freiräume nutzten.“ Inzwischen sei aus dem politischen Ort eher eine Zweckgemeinschaft geworden. Jedes Projekt für sich genommen mache interessante Arbeit, aber das Gemeinschaftsgefühl habe stark abgenommen. „Das spiegelt sich auch auf den Mieterversammlungen“, so Jan.
Auch für das FDCL ist es schwerer geworden, neben der Konzentration auf die eigene Arbeit noch Visionen als Teil des Mehringhof-Kollektivs zu entwickeln. Im Moment ist der Aufbau von Netzwerken zwischen Lateinamerika und der EU eines seiner Arbeitsgebiete. Auf der Etage beschränkt sich die enge Zusammenarbeit aber nicht nur auf die Klingel sowie die täglich selbstgekochten gemeinsamen Mahlzeiten. Auch inhaltlich arbeiten die Projekte zusammen.
Wieder erklingt die kreischende Klingel. Jan erhebt sich seufzend. Nachdem er die Kommenden reingelassen hat, lässt er die Tür lieber gleich offen, denn sie zu schließen lohnt sich nicht mehr. Es ist Donnerstag Abend, kurz vor acht. Die MitarbeiterInnen der LN trudeln zur Redaktionssitzung ein.

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