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Solider Überblick

Wer die Gegenwart und die mögliche Zukunft gerade der neuen linken Bewegungen Lateinamerikas verstehen will, muss sich mit der Geschichte befassen. Gerade auch mit der Ökonomie. Da kommt die Kompakte Wirtschaftsgeschichte Lateinamerikas gerade recht. Autor Jörg Roesler befasst sich dabei mit der Entwicklung seit der Unabhängigkeit des Kontinents zu Beginn des 19. Jahrhunderts bis heute und liefert einen gut gegliederten, soliden Überblick über mehr als 200 Jahre und zwei Dutzend Staaten. Trotz der damit verbundenen Faktenfülle verläuft sich Roesler nicht, sondern es gelingt ihm gerade auch durch eine leicht verständliche Sprache gut in das Thema einzuführen. Ärgerlich ist vor allem aufgrund des Charakters des Buches, dass eine Reihe der im Text nur kurz zitierten Quellen im Literaturverzeichnis nicht aufgelistet sind.
Inhaltlich werden Überblicksabschnitte durch Fallbeispiele vertieft, die die allgemeineren Aussagen klarer machen. Roesler setzt vor der Unabhängigkeit an und beschreibt mit knappen Worten die Wirtschaftspolitik der Conquista, die in gewisser Weise von der kreolischen Elite übernommen wurde. Rohstoffe exportieren, Fertigwaren bis hin zu originär lateinamerikanischen Produkten wie den Poncho importieren, war bis in die 1930er Jahre das Paradigma. Aber nicht überall. Gerade die gescheiterten Versuche von unabhängiger Entwicklung im 19. Jahrhundert, die Roesler beschreibt, lassen die Geschichte besser verstehen.
Der Fall Paraguay ist dabei paradigmatisch. Die politische Führung des Landes hatte sich nach der Unabhängigkeit die eigene Abgeschiedenheit zu Nutze gemacht und auf den Binnenmarkt gesetzt. Mit Erfolg: Die Einwohner litten keinen Hunger, konnten Lesen und Schreiben und die Finanzen des Landes waren in Ordnung. Das durfte aus Sicht der Briten nicht so bleiben. Eine Tripleallianz aus Brasilien, Argentinien und Uruguay – allesamt durch das Export-Import-System von der Weltmacht Großbritannien abhängig – setzten 1864 dem eigenständigen Wirken der Paraguayer ein Ende. In einem blutigen Krieg eröffneten sie mit Unterstützung durch britische Banken den Markt.
Roesler zeigt nicht nur am Fall Paraguay das Dilemma jeder eigenständigen kapitalistischen Entwicklung im Weltmarkt. Wer seinen Markt abschottet, wird dafür bestraft. Auch die importsubstituierende Industrialisierung ist im Kapitalismus nur in weiterer Abhängigkeit möglich, sie endete in der Schuldenkrise der 1980er Jahre. Wenn Jörg Roesler unterschwellig das Modell der endogenen kapitalistischen Entwicklung mit keynesianischen Zügen dem offenkundig stärker ausbeutendem Export-Import-System vorzieht, dann muss er dies mit bedenken. Leider tut er es nicht. Seine Darstellung bleibt zu sehr auf der Ebene des Nationalstaats beschränkt, die er zweifellos kenntnis- und faktenreich darzulegen vermag. Er klammert den Weltmarkt an entscheidenden Stellen leider aus. Doch gerade hier ist einer der notwendigen Ansatzpunkte für eine neue Politik, wie zahlreiche lateinamerikanische Bewegungen es zeigen.
Laut Roesler ist das Scheitern der bisherigen Modelle wohl auch der Grund für den heutigen Zustand, den der Autor als „verwirrende Verbindung von bislang systemisch getrennten Paradigmen“ bezeichnet: Aktive Sozialpolitik und (neo-)liberale Wirtschaftsführung. Als Zwischenschritt für eine tiefgreifende Transformation mag dies indes notwendig sein. Das macht Roeslers Überblick klar, diskutiert es aber nicht.

Jörg Roesler // Kompakte Wirtschaftsgeschichte Lateinamerikas vom 18. bis zum 21. Jahrhundert // Leipziger Universitätsverlag // 2009 // 242 Seiten // 19 Euro

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