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Stadtgärten in Nicaragua

Frau Olivero, was genau tun Sie?
CAPRI (Zentrum zur Unterstützung von Projekten und Programmen) ist eine Nichtregierungsorganisation, die sich seit 26 Jahren für die Dorfgemeinschaftsentwicklung in Nicaragua einsetzt. Ein zentraler Bereich ist die Arbeit mit benachteiligten Kindern und Jugendlichen, sowie der Einsatz für ihre wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Menschenrechte wie Bildung und Gesundheit. Dazu kommt die Vermittlung in berufliche Ausbildungszentren, damit auch Jugendliche, die nicht die sechsjährige Grundschule abschließen konnten, eine berufliche Chance bekommen.

Wie kam es zur Gründung Ihrer Stadtgärten-Initiative?
Vor einigen Jahren haben wir im Dialog mit INKOTA (einer deutschen Entwicklungs-NGO) begonnen, in zwei Armenvierteln von Managua im Bereich Ernährungssouveränität zu arbeiten. Dort leben vor allem Familien aus dem Norden Nicaraguas, die sich nach dem Bürgerkrieg in den 1980er Jahren illegal in Managua angesiedelt haben, ohne jegliche sanitäre Infrastruktur oder Strom. Ihre Behausungen wurden Jahre später von der Regierung nachträglich legalisiert, aber die Familien haben oft keine bezahlte Arbeit. Insbesondere im städtischen Bereich gibt es rund 56 Prozent alleinerziehende Mütter mit Kindern, die aufgrund der Armut sehr einseitig ernährt sind, weil sie kein Geld haben, sich etwas anderes als die Grundnahrungsmittel wie Reis, Mais-Tortillas und Bohnen zu kaufen. Daraus entstand die Idee, „städtische Gärten gegen den Hunger“ zu initiieren.

Wie arbeitet dieses Projekt?
Wir bilden Promotorinnen aus, die sich verpflichten, jeweils rund 10 Nachbarinnen in kleinen Familiengärten den Anbau von Gemüsen zu zeigen. Sie selbst erhalten dazu anfänglich eine Schulung auf einer Modellfarm. Dazu zählt sowohl die Saatgut-Auswahl, damit die Frauen unabhängig vom Kauf teuren Saatguts werden. Aber auch die Herstellung von Düngern und Insektenschutzmitteln.

Woher hat CAPRI das landwirtschaftliche Fachwissen?
Wir kooperieren mit dem Programm „von Bauer zu Bauer“ („de Campesino a Campesino“) des Nationalen Bauernverbandes (Unión Nacional de Agricultores y Ganaderos, UNAG). Über ein Programm der FAO sowie den Distrikt-Bürgermeister gab es zudem vor einiger Zeit Saatgut-Schenkungen, aber das ist jetzt beendet.

Welches Agrarmodell steckt denn dahinter – gerade beim Bauernverband und der FAO liegt ja die Befürchtung nahe, dass nicht-nachhaltige, intensive Methoden wie Kunstdünger und Pestizide sowie Hybrid-Saatgut zum Einsatz kommen, die die Familien abhängig machen vom Kauf teurer Inputs?
Nein, bei uns ist alles organisch und darauf sind wir stolz! Wir stellen etwa Kompost-Dünger aus Asche, Mist und Speiseresten her. Zudem setzen wir natürliche Insektizide aus dem Neembaum, aus Eukalyptus sowie dem Madero-Baum ein.

Was hat sich in den zwei Jahren Projektlaufzeit verändert, wie viele Leute machen mit?
In zwei Jahren haben wir bereits 80 Frauen in zwei (von 20) Distrikten in Managua als Promotorinnen ausgebildet. Diese schulen 500-600 Nachbarinnen, die wiederum als Multiplikatorinnen wirken – damit erreichen wir einen Personenkreis von rund 5.000 Personen, die ihre Ernährung verbessern. Zudem sind die Kinder in das Projekt eingebunden und helfen eifrig mit.

Hat sich die Ernährungsvielfalt der Familien verbessert?
Eindeutig! Die Frauen bauen jetzt eine Vielfalt von Gemüsen an: Kohl, Kürbis, Tomaten, Karotten, Zwiebeln, Gurken, Broccoli, Salat, rote Beete, Sellerie, auch Kräuter wie Koriander, Petersilie und Pfefferminze. Außerdem bereiten sie Säfte aus Früchten zu. Dadurch ist die Speisepalette der beteiligten Familien viel breiter geworden.

Gibt es weitere positive Effekte?
Die beteiligten Frauen haben ein größeres Selbstbewusstsein, sie können etwas und vermitteln es weiter. Zudem ermöglicht es ihnen der Verkauf kleiner Gemüse-Überschüsse, ein bescheidenes Einkommen zu erzielen, mit dem sie dringende alltägliche Bedürfnisse decken können.

Das klingt ja sehr positiv! Gibt es auch Hindernisse und Herausforderungen?
Ja, natürlich ist es nicht leicht, die Familien für eine Änderung ihrer Ernährungsgewohnheiten zu sensibilisieren. Dazu brauchen wir Geduld und müssen Zeit investieren, zum Beispiel auch in Kurse, in denen man lernt, was man mit dem geernteten Gemüse alles zubereiten kann. Die Erfolge stellen sich langsam ein. Und die zur Verfügung stehenden Mittel von CAPRI sind begrenzt. Wir müssen als NGO im Bereich nachhaltige Landwirtschaft selbst noch viel lernen, aber wir haben uns in den letzten 26 Jahren immer als Türöffner und Vermittler von Kontakten verstanden und bewährt.

Wie werden durch das Projekt Frauen ausgebildet und gefördert, selbstständiger zu werden und ein unabhängigeres Leben zu führen? Wie werden Männer dabei integriert?
Man muss an dieser Stelle erwähnen, dass es kulturell bedingt in Lateinamerika üblich ist, dass sich hauptsächlich die Frauen um die Ernährung der Kinder kümmern. Daher ist die Mehrheit der Frauen an dieser Aufgabe beteiligt: 52 Prozent der Frauen sind zuhause das Familienoberhaupt. Um das auszugleichen, haben wir es als ein Ziel formuliert, die Integration der Männer zu verbessern, insbesondere bei der Arbeit in den Familiengärten.

Könnte man von einer grünen oder kommunistischen – also politischen – Idee sprechen?
Das Projekt ist an keine parteipolitische Institution gebunden, sondern neutral. Der Austausch von Lebensmitteln und Gemüsen mit den Nachbar_innen und Familien geht natürlich auf einen sozialistischen Ansatz zurück, da es sich ja um einen solidarischen Austausch von Waren handelt. Das ist sozusagen ein Grundgedanke des Kommunismus. Trotzdem liegt dem Projekt keine weltpolitische Ideologie zugrunde, sondern das Ziel ist primär, armen Familien eine ausgewogene Ernährung zu ermöglichen.

Sie haben sich ja auch den „Prinzessinnengarten“ in Berlin-Kreuzberg angeschaut. Was war Ihr Eindruck dort und welche Unterschiede sind Ihnen in Deutschland, die Ernährung betreffend, aufgefallen – was hat Sie vielleicht am meisten verwundert?
In Deutschland gibt es insgesamt einen großen Reichtum. Das betrifft natürlich auch die Nahrungsmittelindustrie. Ich habe zum Beispiel eine Universitätsmensa besucht und war erstaunt, was für eine große Auswahl an Essen und Lebensmitteln es dort gab. Die Menschen haben sich teilweise viel mehr genommen, als sie dann überhaupt essen konnten. Das kam mir fast wie Nahrungsmittelverschwendung vor. Die Stadtgärten-Bewegung in Deutschland ist auch überhaupt nicht vergleichbar mit unserem Projekt. In Deutschland baut man neben Gemüse, im Gegensatz zu den Gärten in Nicaragua, auch Pflanzen und Kräuter an, um eine nachhaltige Alternative zu einem bereits bestehenden Nahrungsmittelangebot zu haben. Das ist eine gute Sache. Unser Projekt aber soll Familien, die unter Mangelernährung leiden und sich oft nur einseitig ernähren können, durch den Anbau von Nahrungsmitteln in eigenen Gärten oder städtischen Kleingärten einen Austausch von Nahrungsmitteln oder Saatgut ermöglichen. So wird ihnen die Möglichkeit gegeben, ihre Nahrung zu ergänzen und sich vielseitiger ernähren.

Nach dem Bericht „Zentralamerika in Zahlen“ ist Nicaragua das einzige zentralamerikanische Land, dass sich den Zielen des Welternährungsgipfels und dem Millenniumsentwicklungsziel zur Bekämpfung der Unterernährung der Vereinten Nationen genähert hat. Wie schätzen Sie dies ein?
Es gab einige nennenswerte Veränderungen wie die Zuteilung von Nahrungsmitteln in Schulen, die Teile von Projekten sind, die gemeinsam mit der Regierung initiiert werden. Trotzdem ist es nicht möglich, den Nahrungsmittelbedarf an Grundschulen zu decken und darin ist noch nicht einmal die Lieferung von notwendigen Nahrungsmitteln an Kinder enthalten.

Arbeiten Sie auch in Netzwerken mit anderen Organisationen in Nicaragua oder Zentralamerika im Bereich nachhaltige Landwirtschaft zusammen, zum Beispiel zum Austausch von selbst erzeugtem Saatgut?
Nein, bisher nicht, das wäre eine gute Idee für die Zukunft!

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