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STRAND GEKLAUT

Fotos: Komitee “Los Ríos de Tunca no se venden, se defienden”

Bald würde die Sonne untergehen. Belén hatte Urlaub genommen und war zum ersten Mal seit Monaten in ihren Heimatort Tunca Abajo gefahren. Sie entschied sich, zum Fluss zu gehen, der sie hatte aufwachsen sehen und wo sie so viele Male beim Spielen mit ihren Cousins und den Nachbarskindern die Zeit vergessen hatte. Der Río Cachapoal war nicht nur ein wesentlicher Teil der Landschaft, sondern auch ihrer Kindheitserinnerungen und des Lebens aller Menschen in Tunca Abajo.

Doch noch bevor Belén den Fluss erreichte, musste sie in größter Überraschung vor einem riesigen Tor Halt machen: Verriegelt und von Sicherheitsleuten bewacht, versperrte es ihr den Zugang. Sollte sich das von den Einwohner*innen von Tunca Abajo so geliebte Flussufer in Privatbesitz verwandelt haben?

Inzwischen leitet Belén Jara Pino das Bürgerkomitee „Los Ríos de Tunca no se venden, se defienden“, das sich gegen den Verkauf der Flüsse zur Wehr setzt. So gab es früher in Tunca Abajo drei Zugänge zum Fluss, einen hinter dem Dorf und zwei neben der Eisenbahnbrücke. Genau dort begannen sich vor zwanzig Jahren Baustoffunternehmen anzusiedeln. Sie fördern Gesteinsmaterial, Sand und Schotter.

Belén war zur „Nachbarversammlung“ – dem in Chile üblichen dezentralen Vertretungsorgan auf kommunaler Ebene – gegangen, um herauszufinden, warum der Zugang zum Fluss versperrt war und was die Unternehmen damit zu tun hatten. Sergio Waldo Correa, Vorsitzender der Versammlung und damit höchste Autorität im Dorf, wollte sie nicht empfangen – und ist seine Antwort bis heute schuldig geblieben. Wütend berichtet Belén: „Sergio Waldo Correa, der doch eigentlich dafür da sein sollte, uns zu unterstützen und das Wohl der Gemeinde im Blick zu haben, war nie anwesend. Inzwischen wissen wir, dass er die Verträge mit den Baustoffunternehmen ausgehandelt hat.“

Es ist auch bekannt, dass Sergio Waldo Correa bereits zuvor in Temuco, Hauptstadt der neunten Region La Araucanía, Vertragspartner des Baustoffunternehmens Áridos San Vicente war und anschließend auch in San Fernando, das sich wie Tunca Abajo in Chiles sechster Region befindet. Dem Unternehmenschef Messen hat er also bei mehr als einer Gelegenheit einen Dienst erwiesen.

Belén kontaktierte unterdessen José Ortega, einen Landwirt aus der Nachbarstadt Peumo. Er beobachtet die Tätigkeiten der Baustoffunternehmen seit über fünfzehn Jahren. Die versperrten Zugänge seien nichts im Vergleich zu dem, was die Unternehmen mit dem Fluss selbst anstellten, antwortete Ortega auf Beléns Ansuchen.

Nach eingehender Untersuchung des Beweismaterials, das José Ortega gesammelt hatte und das Belén an der Spitze ihres Komitees zur Verteidigung der Flüsse ergänzen konnte, stellte sich heraus, dass die chilenische Kontrollstelle für Wasserwirtschaft (DOH) bereits im März 2014 mit der Verordnung Nr. 1408 eine Antwort auf die Anfrage aus Peumo zum Projekt der Gesteinsförderung in der sechsten Region erteilt hatte; dieses Projekt sollte am Río Cachapoal im Sektor Aguas auf dem Abschnitt zwischen den Kilometern 900 und 1.400 durch das Unternehmen Áridos San Vicente realisiert werden. Die DOH wies in ihrer Verordnung jedoch nicht nur darauf hin, dass der Projektantrag unvollständig eingereicht worden sei, sondern dass die Genehmigung zu jedweder Rohstoffextraktion aus dem Fluss unmöglich sei, da sich das Flussbett bereits in einem degradierten Zustand befinde: Die Unternehmen Áridos San Vicente und Áridos Carlos Ramiro, dort bereits ansässig, hatten bei exzessiven Rohstoffabtragungen sogar die Grabungstiefe ohne Genehmigung der regionalen DOH-Stelle überschritten. Milo Millán Romero, Leiter der DOH-Stelle, bemerkte in der Verordnung unter anderem auch, dass die Unternehmen gegen die Wasserschutzrichtlinie verstoßen hätten, indem sie den natürlichen Flusslauf veränderten, was bei den von der DOH genehmigten Projekten nie in Betracht gezogen worden sei.

Mit einem Ausdruck von Hilflosigkeit zeigen Belén und ihr Mitstreiter Hernán Martínez das Schreiben der DOH.

Mit einem Ausdruck von Hilflosigkeit zeigen Belén und ihr Mitstreiter Hernán Martínez das Schreiben der DOH, in dem diese ausdrücklich die Fortsetzung der Extraktionstätigkeiten verbietet, dazu eine Verordnung zur Wiederherstellung des Flussbetts sowie die an die Gemeinde gerichtete Verordnung, jegliche Anfrage zur Förderung von Gesteinsmaterial nicht zu bearbeiten, solange die Probleme nicht gelöst seien. Trotz alledem wurde die Tätigkeit der Unternehmen am Cachapoal nie eingestellt: „Und nicht nur das. José Ortega hat uns Filmmaterial gezeigt, das mit Drohnen aufgenommen wurde. Darauf ist zu sehen, dass das genehmigte Extraktionslimit von 9.500 cm3 pro Monat um ein Vielfaches mit bis zu 100.000 cm3 überschritten wurde!“

Geradezu mit Abscheu berichtet Belén, wie im Winter riesige Löcher gegraben würden, um Sand aus dem Fluss zu extrahieren, und wie diese anschließend mit Schutt aufgefüllt würden. „Das ist sehr gefährlich. Wo sich vorher Sandbänke befanden, tritt man jetzt im Sommer beim Baden auf scharfe Kanten. Es ist fürchterlich sich auszumalen, dass wegen dieser illegalen Schuttablagerungen jemand sein Leben verlieren oder sich schwere Verletzungen zuziehen könnte“, erklärt Belén.

Am meisten besorgt es sie jedoch, dass die Gemeinde jede Verantwortung von sich weist. Noch erstaunlicher dagegen ist die Reaktion der DOH, die sich trotz der von ihr erlassenen Verordnung von 2014 auf die Aussage beschränkt, das Unternehmen erfülle die auferlegten Bedingungen. „Alles läuft auf ein Versäumnis der Gemeinde hinaus. Sie zieht die Genehmigung nicht zurück. Fünfmal hat der Bürgermeister die Entscheidung über die Extraktionstätigkeit im Fluss vertagt“, so Belén. Sie holt Luft, um ungläubig die Aussage der Gemeindevertreter*innen zu wiederholen, sie könnten die Tätigkeit des Unternehmens nicht kontrollieren, weil es am notwendigen Fachpersonal fehle. „Aber um die Genehmigung zu erteilen, dafür gibt es dann schon das richtige Personal? Das Problem hier heißt Korruption, wirtschaftliche Macht, politischer Einfluss. Wir müssen das Thema mit allen Konsequenzen untersuchen“, so Belén entschlossen.

Die Extraktionstätigkeiten am Río Cachapoal beeinträchtigen also einerseits das soziale und kulturelle Leben der Menschen, die nahe seines Ufers wohnen, andererseits hat auch die Umwelt in den zwei Jahrzehnten bereits irreparable Schäden erlitten. Ökologische Studien hatte zum Beispiel Áridos Sa Vicente selbst keine durchführen lassen, da deren Vorlage laut chilenischem Gesetz erst ab einer monatlichen Extraktionsmenge von 10.000 cm3 gefordert wird. Und es behauptet schließlich, nicht mehr als 9.500 cm3 zu extrahieren. Schon im Mai 2014 hatte hingegen José Ortega, der Landwirt aus Peumo, ein notarielles Gutachten eingeholt, um offiziell bestätigen zu lassen, dass sich auf der Fläche der Agrargesellschaft Los Molinos, die zur Gemeinde Peumo gehört, ein Feuchtgebiet mit großer Artenvielfalt befindet. Sumpfbiber, das Gelbschnabel-Blässhuhn und andere Enten­arten sind dort beheimatet. Gleichzeitig wurde zertifiziert, dass nur 500 Meter von diesem Feuchtgebiet entfernt die Extraktionstätigkeiten der Unternehmen stattfinden.

In Ergänzung gab die chilenische Kriminalpolizei im Januar 2015 ein Sachverständigengutachten heraus, nachdem die hauptstädtische Ermittlungskommission für Verbrechen gegen die Umwelt und Kulturerbe eine Augenzeugeninspektion am Flussabschnitt bei Peumo beantragt hatte, um den durch die Baustoff­unternehmen angerichteten Schaden zu beur­teilen. Dieses Gutachten verwies unter anderem darauf, dass weiterhin der nördliche Arm des Río Cachapoal dessen eigentliches Flussbett darstelle, während Erosionsprozesse wie die Abtragung und Destabilisierung von Uferböschung und Bäumen voranschritten. Dadurch bestehe ein Überschwemmungsrisiko. Außerdem sei der Bestand an Wirbellosen zurückgegangen, die wesentlich an der Bildung von Erdreich beteiligt sind, was auf eine geringere Vielfalt der Flora und Fauna hinweise. Nicht zuletzt führe der Fluss eine erhöhte Zahl gelöster Partikel mit sich, die womöglich in den Rapel-See geschwemmt würden und dort Verschlickung und Eutrophierung auslösten.

Das Feuchtgebiet des Río Cachapoal hat einen regulierenden Einfluss auf die Umwelt. Durch die Störung des Flusslaufs ist schon heute ein bedeutender Teil der Flora und Fauna, die dort einmal anzutreffen war, verschwunden. Carlos Peña Hormazábal, ebenfalls Mitglied des Bürger*innen-Komitees, stellt klar, dass der Fluss sogar so ausgetrocknet ist, dass manche Landwirt*innen, die flussabwärts von Tunca Abajo und Peumo leben, ihre dortigen Felder mehrmals nicht ausreichend bewässern konnten.

Dank der Bemühungen Beléns und der Bekanntmachung der Problematik in den sozialen Netzwerken sowie in der Gemeinde konnte das Komitee neue Mitglieder gewinnen. Dass die Unternehmen ihre Extraktionstätigkeiten am Fluss einstellen, steht weiter als Priorität auf der Tagesordnung. Von Seiten der Nachbarversammlung ist genauso wenig eine Antwort zu erwarten wie von der Gemeinde. Von den Unternehmen noch weniger. Die Umweltschäden, die Staub- und Sandwolken, die täglich vom Fluss aufsteigen, und die versperrten Zugänge zum Ufer beeinträchtigen derweil nicht nur das Ökosystem, sondern auch die Gesundheit der Menschen in Tunca Abajo, die Tag und Nacht die über die Luft beförderten Partikel einatmen und unter dem Lärm leiden.

„Der Unternehmer [gemeint ist José Messen von Áridos San Vicente; Anm. der Red.] ist nie auf die Einwohner zugegangen. Alles hat er mit den Gemeindevertretern geregelt. Eigentlich wäre das Unternehmen verpflichtet, die Wege mit Wasser zu besprengen, damit kein Staub aufsteigt, denn inzwischen sind viele Menschen erkrankt. Meine Großmutter leidet unter einer Krankheit, die direkt mit den Erdpartikeln zu tun hat, die sie seit zwanzig Jahren einatmet“, erzählt Belén. Carlos Peña erzählt sorgenvoll: „Meine Mutter wischt täglich zwischen drei und vier Uhr nachmittags eine Staubschicht von sämtlichen Möbeln im Haus. Die kommt von den Lastwagen des Unternehmens, die vorbeifahren. Ich will mir nicht vorstellen, wie dick der Staub schon auf ihren Lungen liegt!“

“Ich leide unter Irritationen und Allergien an Haut, Augen und Nase, jedes Mal, wenn ich nach Tunca Abajo zurückkehre.”

Auch die Tiere in Tunca Abajo leiden unter der Situation. Carlos berichtet über seine Katzen: „Sie litten immer unter dem gleichen Problem: entzündete Augen wegen des Staubs. Bestenfalls tränten sie nur, schlimmstenfalls wurden sie blind. Das Gleiche gilt für die Hunde. Ich selber leide unter Irritationen und Allergien an Haut, Augen und Nase, jedes Mal, wenn ich nach Tunca Abajo zurückkehre.” Denn Carlos, der mit einem Stipendium in Geophysik promoviert, unterstützt das Komitee inzwischen von Deutschland aus.

Der Kampf geht weiter. Im kleinen Dorf Tunca Abajo, das sich genauso gottvergessen fühlt wie von der chilenischen Regierung im Stich gelassen, besteht die Überzeugung, dass sich die Situation unter vereinten Kräften verändern lässt. Der Optimismus blitzt in Beléns Augen, wenn sie wieder und wieder bekräftigt, dass nicht alles verloren sei und sie schon einiges erreicht hätten: Ihr Komitee ist in den Sitzungen des Gemeinderats vertreten und das Thema ist auf die politische Tagesordnung der Lokalregierung zurückgekehrt. Die zunehmende, engagierte Beteiligung von Dorfbewohner*innen und deren Nachbar*innen ist der Beweis dafür, dass die gemeinsame Anstrengung Früchte trägt.

Stolz berichtet Belén, dass sich die Lokalregierung verpflichtet habe, eine Lösung wegen des versperrten Zugangs zum Fluss zu finden sowie zu überwachen, dass die Unternehmen bei ihrer Tätigkeit weniger Staub produzieren; außerdem soll die Arbeit zu den Nachtstunden verboten werden, um die Lärmbelastung zu reduzieren. Das Komitee zur Verteidigung der Flüsse weiß jedoch, dass es immer noch viel zu tun gibt. „Wir haben ausreichend belastendes Material. Die Verbrechen gegen die Umwelt, die von den Baustoffunternehmen begangen werden, dürfen nicht ungestraft bleiben“, bestätigt Belén Jara Pino.

Allerdings verfügt das Komitee nicht über den nötigen Rechtsbeistand. Die Anwält*innen, die angefragt wurden, lehnten ab aus Angst, ihre zukünftige Arbeit durch die enorme Macht der Unternehmen, denen sie gegenübertreten würden, zu gefährden. Auf die Frage nach dem nächsten Schritt antwortet Belén, dass zum letzten Treffen der Nachbarversammlung eine für den Distrikt zuständige Abgeordnete des chilenischen Parlaments dazu gestoßen sei, die bereit scheine, sich des Falls anzunehmen und einen Anwalt zur Verfügung zu stellen. Für Anfang Oktober ist zudem ein Treffen mit dem Leiter der DOH angesetzt, der nun endlich Position beziehen und eine klare Linie für die Zukunft von Tunca Abajo vorgeben möchte.

„Wir hoffen, dass wir nicht zu spät zu einer Lösung kommen. Oder wie viele Leben sollen zugrunde gerichtet werden, damit die Regierung Stellung bezieht und auf unsere Beschwerden eingeht? Denn letztlich geht es hier doch um unsere Rechte als eine Gemeinschaft und als Menschen.“

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