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Tagebuchnotizen vom „Pfad der Illegalen“

PUERTO OBALDÍA, 4. NOVEMBER 2015. Jenseits der Verzweiflung gibt es eine Kraft. Ein Feld unbekannter Ausmaße, weit und wild. Es tut sich auf, wenn einen Gewohnheiten aus der Alltagsroutine im Stich gelassen haben. Mit den gewohnten Energien sind auch altbekannte Schwächen plötzlich verschwunden.
Mein Zimmer im „Brisas del Mar“, der schlechteren der beiden heiß umkämpften Pensionen von Puerto Obaldía, ist eine feuchte Grotte. Licht, Ventilator, Wasser gibt es nur nachts ein paar Stunden lang. Die Wände sind bedeckt mit den Graffitti meiner Vorgänger*innen:
„Hier waren Daniel und seine Schwester Beatriz auf Irrfahrt in die USA und wünschen allen Kubanern, die nach uns hier stranden, das Beste der Welt.“
„Dass Gott uns alle schütze und wir ohne Furcht und mit viel Glück und Geduld den Traum aller Kubaner wahrmachen und in die USA kommen. Aber bitte ganz wichtig: Trinkt nicht die Coca Cola des Vergessens, dass da Familien zurückbleiben mussten, die Kinder und die Mütter.“
„Hier war Ernesto aus Guanajay. Dass Gott euch segne, ihr weiterkommt und euren Glauben bewahrt. Nur eine einzige Sache kann uns von unserem Traum abhalten: die Angst.“
„Esto es una pinga („Das ist ein Schwanz“). Ecuadorianer und Kolumbianer sind korrupte Ausbeuter!“
„Die Hoffnung ist nicht das letzte was schwindet, sondern das, was uns noch einen Wert gibt, wenn bereits alles verloren ist.“
„Wenn ihr es bis hierher geschafft habt, dann deshalb, weil ihr es noch schaffen werdet bis zur Glückseligkeit: in die USA.“

CAPURGANÁ, 1. NOVEMBER 2015. Ich bin auf Recherchereise für ein Buch. Der dschungelbedeckte Felsengrat des Cabo Tiburón, des Haifischkaps – hier betrete ich, aus Capurganá und Sapzurro (Kolumbien) kommend, panamaischen Boden: ein kaum sichtbarer Pfad, Stacheln, Pflanzenglibber, Spinnengift, Hitze. Ein weißer, obeliskartiger Grenzstein zeigt 151,4 Meter über NN an. Jener schwarze Hund, der vorausgeeilt war und zuletzt – schon weit entfernt – gebellt hatte, ist nun stumm, und sein Schicksal bleibt mir für immer verborgen.
Jetzt runter zum berühmten Strand von La Miel, dem ersten panamaischen Dorf! Und da gelange ich auf einen glitschigen, fast senkrecht abwärts führenden Pfad, bei dem man sich an Lianen und Wurzeln festhalten muss, um nicht in die Tiefe zu stürzen. Und während ich mich hinunter quäle, sehe ich zerknüllte Plastiktüten, leere Plastikflaschen, und immer mehr Müll, vor allem aber Kleidung. Fließjacken, Pullover, abgestreifte Jeans… Und mit jedem Schritt von Felsvorsprung zu Felsvorsprung, jedem Schweißtropfen, jedem Seufzen, gelange ich tiefer hinein in den dampfenden, hohlen Schlund, der mich hinab bringt, und die baumelnden Kleidungsstücke links und rechts und vor mir, in allen Stadien der Zersetzung – doch einige auch ganz frisch, wie soeben ausgezogen – werden häufiger und bilden eine Art Prozessionszug, und die Zikaden fiepen, und sonst herrscht Grabesstille. Sie hat etwas Bizarres, Verstörendes – die aufgegebene oder abgezogene Kleidung, verknotet, verrenkt, mit abgespreizten Ärmeln, ausgekehrten Taschen, von braunen Schlammflecken und Schimmel bedeckt.
Das Fauchen der Brandung wird laut. Plötzlich trete ich aus dem Waldschatten von hinten hinein in eine Parallelwelt, eine bunte Strandszene: Kokospalmen, feiner Sand, kolumbianische Familien, die an diesem Brückenwochenende hier Urlaub machen, auf türkisfarbenem Wasser schwebende Motorboote, mit denen die Badegäste aus den Touristenorten Capurganá und Sapzurro hergebracht wurden.
Wie in Trance taumele ich vorwärts, zu den Baracken der panamaischen Militärstation. Davor campieren an die zweihundert Menschen, meist Männer. Sie trocknen ihre Sachen an langen Wäscheleinen. Noch ein Stück weiter dann das Dorf, gewissermaßen eine Art Außenstation, die dominiert wird von einem weißen Kreuz über den Klippen. Treppenstufen führen auf den Bergsattel, der La Miel (Panama) von Sapzurro (Kolumbien) trennt. Dem Grenzposten auf der Klamm ist unwohl bei meinem Anblick: „Du warst auf dem Pfad der Illegalen. Erstaunlich, dass Du noch lebst und nicht mal ausgeraubt wurdest. Die Migranten sind keine schlechten Menschen. Aber die Schlepper. Das sind Mörder und Räuber, die vor nichts zurückschrecken, genau wie die Narcobanditen, von denen der Wald wimmelt. Am Strand haben wir vor ein paar Tagen drei Leichen ausgebuddelt. Wir kämpfen hier gegen Windmühlen. Schon hinter dem nächsten Palmwedel beginnt die Wildnis, da ist alles möglich! Also bleib auf der Treppe!“
Mit dem Sonnenuntergang ist ein Kriegsschiff in Capurganá eingelaufen. Suchscheinwerfer blenden die Gäste der Meeresfrüchterestaurants …

PUERTO OBALDÍA, 3. NOVEMBER 2015. Mit dem Speedboot fahre ich von Capurganá (Kolumbien), wo man sich ausstempelt, nach Puerto Obaldía (Panama), wo man sich einstempelt.
Puerto Obaldía ist – nach La Miel – die erste Siedlung auf der panamaischen Karibikseite, eine Garnison umgeben von Urwald und Weglosigkeit: Schießstände aus gestapelten Sandsäcken, Hafenbehörde, kolumbianisches Konsulat, Dispensarium, Impfstelle für das Vieh, Fußballfeld, Friedhof, Flugplatz, Rabengeier, fischende Kuna im Einbaum.
Jeder Ankömmling muss zunächst in einer grauen Betonecke der Kaserne ausharren, dem Gebrüll der Soldaten geduldig und respektvoll Aufmerksamkeit zollen, die Drogenhunde an sich schnüffeln lassen und sein Gepäck auseinandernehmen. Nach zwei Stunden ist das überstanden. Alles läuft korrekt, ohne Knast oder Bestechungsgeld.
Um den Einreisestempel zu erhalten, benötigt man zwei Fotokopien des Passes. Der einzige Laden, der einen Fotokopierer besitzt, ist entweder geschlossen oder umlagert von mehreren Dutzend Kubaner*innen. Er verlangt einen Dollar für den Service. Das Haus gegenüber, in dem Air Panama sein Büro hat, ist ebenfalls entweder geschlossen oder umlagert von mehreren Dutzend Kubaner*innen: Der kleine Dschungelflieger nach Panama-Stadt ist bereits auf Wochen ausgebucht. Die Kubaner*innen zahlen zweihundert Dollar für den Flug, den doppelten Preis. Neben dem Migrationsbüro agieren Schlepper und werben auf einem handgemalten Schild Cuba Expres für die Alternativpassage – per Boot und Bus: „In 4 Stunden nach Panama-Stadt für 200 Dollar“ – wiederum der doppelte Preis. Man kann diese Fahrt nicht buchen oder reservieren. Keiner hat die Information, wer hier der Verantwortliche ist, oder man will sie nicht geben. Es heißt, das Boot fahre früh um sieben – wenn es denn fahre, denn es müsse erst wieder zurück aus Cartí, und das Meer sei unberechenbar, ebenso wie die Küstenwache …
Schon ertönt wieder das Bellen eines Militärs: Menschen strömen zusammen und stieben auseinander, es werden Namen verlesen. Die Pension Conde hat ein letztes, von Mäusekot starrendes Zimmer frei, ich habe Glück. Die zwölf Dollars knöpft man mir sofort ab. Im Patio finden sich mehr und mehr Leute ein, alle aus Kuba, schrubben auf dem Waschbrett, schlafen, den Kopf an ihr Gepäck geschmiegt, oder füllen unter aufgehängter, triefender Wäsche Formulare aus für ihre Registrierung und um den salvoconducto, ihren Passierschein, zu erlangen. Überall, in den Höfen, auf den Straßen, im Schatten der vorspringenden Dächer, herrscht Anspannung. Man hört Stimmen, zwischen Hoffen und Bangen. Und auch Wehklagen.
Warten, Hektik. Warten, Hektik. Aufruhr. Gestikulierende Gruppen. Apathische Gruppen. Die Atmosphäre eines Gefängnishofes. Ein halber Liter Wasser kostet einen Dollar. Jedes Haus ist eine provisorische Garküche, ein Massenquartier. Eine Kuna-Indigene verkauft in einem Privathaus, dessen Lage ein ziemlich gut gehütetes Geheimnis ist, aus der Hängematte heraus zum doppelten Preis Telefonkarten für drei öffentliche Telefone. Diese sind die einzige Möglichkeit, um Kontakt mit der Außenwelt aufzunehmen. Die an Schlangen gewöhnten Kubaner*innen warten mehrere Stunden, bis sie dran sind. Ein paar haben spitze Ellenbogen. Oder eine harte Faust.
Am Abend finden sich fünf Kubaner*innen am Steg ein, mit provisorischen Angelruten aus Ästen, Angelrollen aus leeren Plastikflaschen und Haken aus Nägeln. Andere sitzen vor der Brandung unter Kokospalmen. Das Meer übertönt ihre Stimmen. Wir trinken Rum. Oben ziehen die Wolken. Zwischen den Hirnkorallen tummeln sich bunte Fische. Die Sonne geht unter. Sie sind von Kuba nach Ecuador geflogen. Mit neuen Reisepässen. Die Regierungen verstehen sich gut, deshalb dürfen die Kubaner*innen dort legal einreisen. Von Tulcán ging es auf illegalen Wegen durch Kolumbien (zuerst über die Grenze in einem geschmierten Polizeiauto), dann weiter mal mit, mal ohne coyote (so werden die Schlepper genannt), Zwischenstation im Knast von Medellín, 1000 US-Dollar „Schutzgebühr“, weiter per Bus, schließlich zu Fuß durch Sümpfe und bis zur Brust durch einen Bach in die Umgebung von Turbo, nachts per Boot an das Haifischkap („Wir wurden von Paramilitärs beschossen, als wir in Turbo abfuhren“), den schmalen Grat entlang und den gespenstischen Hohlweg hinab nach La Miel: „Alle Kubaner müssen durch diesen Hohlweg. Jeder muss dafür fünfzig Dollars an die Schlepper bezahlen. Ich rutschte auf dem Hosenboden. Eine schwangere Frau war dabei… Es war die Hölle für sie!“ In La Miel sammelten sie sich; die Weiterreise nach Puerto Obaldía erfolgte per Speedboot. Sie fangen zwei Köderfische. Aber ein großer beißt nicht an. Die zerschnittenen Reste der Köderfische bleiben auf dem Steg zurück. Sie sind umsonst gestorben. Aus den Köpfen gucken große, tote Augen in die Mondsichel.

PUERTO OBALDÍA, 4. NOVEMBER 2015. Es gab heute morgen ein Boot, das rausging. Für mich gab es keinen Platz, ebenso wenig für viele andere.
Ein junger Kerl markiert in Puerto Obaldía den Affen. Man nennt ihn nur „die Mohrrübe“, denn „Namen tun nichts zur Sache“, wie ich erfahre. Er beleidigt die Leute, macht sich über die Frauen lustig, beschimpft auch mich in einem fort und ist insgesamt ein unangenehmer Typ. Er lacht die Zurückgebliebenen aus. Infos, an wen man sich wenden kann, um einen Platz an Bord zu bekommen, gibt er nicht. Stattdessen schwenkt er eine Namensliste, auf die aber nur „ausgewählte“ Kubaner*innen kommen.
Wer ist wichtig, wer hat was zu sagen, wer weiß überhaupt irgendetwas? Und wer wartet vielleicht darauf, bestochen zu werden? Ich spreche mit den Militärs, dem Immigrationsmann, Bootsführer*innen, Kuna-Indigenen aus dem Ort Armila, der westlich von hier liegt. Keiner weiß etwas Zuverlässiges zu sagen. Ein Boot zu mieten gelingt nicht.
Ich fange an, genau zu beobachten. Gruppen flüstern, schauen, schweigen, schreien. Der oder die Einzelne geht unter oder wird an den Rand gedrängt. Die Ärmsten campieren unter Vordächern oder auf dem Bordstein. Hierarchien entstehen. Der einzige Einheimische, den ich in Puerto Obaldía arbeiten sehe, ist ein körperlich und geistig behinderter Schwarzer, der sein Bestes gibt, um die Müllberge, die unentwegt entstehen, zusammenzukehren. Die coolen Typen sitzen lieber auf der Brüstung der Häuser und geben sich wichtig. Alles ist Geld, alles ist Information. Ein Mann, der an einer Muskel- oder Nervenkrankheit leidet und in Panama-Stadt Arbeit suchen will, wurde letzte Nacht um dreihundert Dollar erleichtert, es war sein letztes Geld. Er wartete schon seit einer Woche auf einen Platz im Boot und hielt sich durch Schreinerarbeiten für den Pastor über Wasser, die er körperlich nur schwer bewältigen konnte (zehn Dollar Lohn pro Tag).
Immer neue Kubaner*innen kommen aus La Miel an. Die Dos Hermanos und die Jhosua, zwei Speedboote mit je zwei kräftigen Yamaha-Außenbordern – in jedes passen vierzehn Personen – pendeln unentwegt zwischen den beiden Orten. Sie kommen voll an und fahren leer ab. Das bringt mich auf die Idee, zurück nach La Miel zu fahren, wenn es hier nicht vorangeht, auch, wenn ich dann meinen Flug von Panama-Stadt verpasse.
Ich schlafe ein mit dem Vorsatz, am nächsten Morgen an dem Laden, der mir als wichtig bezeichnet wurde, der Erste zu sein, um irgendwie einen Platz klarzumachen.

PUERTO OBALDÍA – CARTÍ SUIDUP, 5.NOVEMBER 2015. Vier Uhr morgens. Mondsichel, Fledermäuse, Schnarchgeräusche am Straßenrand. Unter dem Vordach des Ladens schlafen Gruppen von Menschen.
Innerer Aufruhr.
Ich warte auf den „muchacho“, der „wichtig“ sein soll. Das Boot, das vielleicht gar nicht fährt. Denn am Abend ging das Gerücht, dass es nicht aus Cartí zurückkommen werde.
Dorania, Mathematiklehrerin, und ihre Freundin Lisset tauchen auf, dazu der Mann, der gestern bestohlen wurde, er heißt Juan und hat Durchfall. Wir blicken uns in die Augen und schließen sehr schnell einen Pakt. Einen Pakt, laut dem wir uns zusammentun, aufeinander achtgeben, uns unterstützen und füreinander da sind, bis das alles hier vorbei ist und egal was passiert. Es ist vielleicht die Gruppe der Schwachen, aber es ist doch eine Gruppe.
Der „wichtige muchacho“ taucht erst um halb sieben auf, es ist niemand anderes als „die Mohrrübe“. Er sitzt vor dem Schild Cuba Expres, die Beine auf der Brüstung, und genießt die Schwärme von Menschen, die vor ihm auf und ab wabern. Noch bis zur letzten Minute bleibt unklar, ob wir es schaffen werden, an Bord zu kommen. Aber es gelingt, weil heute drei Boote zur Verfügung stehen. Ich nehme das Gepäck von Juan, dessen Unterarme und Unterschenkel dünn wie Stöcke sind. Das Militär kontrolliert uns auf dem Exerzierplatz. Juan hat seine Bibel dabei, und ein Päckchen Fotos. Sein Leben, seine Erinnerungen. Zwanzig Kilo. Er klettert auf allen Vieren ins Boot, neben das Benzinfass. Ich sitze neben Dorania und Lisset. Eine Frau hat plötzlich nicht genug Geld. Ich gebe ihr zwanzig Dollar, und das animiert andere, ihr auch zu helfen. Aber wer ist der Nutznießer? „Die Mohrrübe…“? Elf Kubaner*innen sind an Bord (es ist ein kleines Boot). Dazu zwei panamaische Bootsführer, die die Papiere der Kubaner*innen bei sich haben. Um neun fahren wir ab, in ein spiegelglattes, sonnengeflutetes Meer.
Ein ungeheures Glücksgefühl breitet sich aus. Ich beobachte die Kubaner*innen, die in ihr neues Leben fahren.
Dorania erzählt, ihr Kind sei noch in Kuba. Sie habe anderthalb Jahre als Lehrerin in Ecuador gearbeitet, um genug Geld für die Weiterreise zu sparen. „Einige zahlten bis zu achttausend Dollars, um durch Kolumbien zu kommen, mussten sich bei der Polizei freikaufen. Ich schaffte es für tausendfünfhundert, das meiste ging an die coyotes.“ Ich gebe ihr Wasser und galletas (Cracker), sie gibt mir Mandarinen. Juan und ich erhalten von den Damen Blusen, um unser Gesicht vor der Sonne zu schützen. Das ganze Boot vermummt sich.
Vier Stunden bis Panama-Stadt? Das war natürlich gelogen. Wir halten dreimal, um Benzin nachzukaufen, auf der Isla Pina, in Achutupu und in Narganá, alles Inseldörfer im autonomen Gebiet der Kuna. Die Indigenen sind neugierig und behandeln uns freundlich, sie haben Verständnis für die Nöte von Flüchtlingen. Dorania bittet eine Indigene in traditioneller Tracht um gemeinsame Fotos. Und da ist es, ein weiteres, ein stillschweigendes Bündnis, so scheint mir…
Und unser kleines Migrant*innenboot fährt und fährt… Ein Schiff der Küstenwache gebietet Einhalt. Unsere Namen werden verlesen, man wünscht Glück. Als es dämmert, fahren wir in den Golf von San Blas ein. Ein riesiges Kreuzfahrtschiff, genannt One World, fährt gerade ab, hinaus ins Offene. Die Kubaner*innen, die schon seit Stunden erschöpft dösten, sind aus dem Häuschen, und die Bootsführer fotografieren das Schiff, das keine Notiz von uns nimmt, mit ihren Handys. Wir verbringen die Nacht zusammengepfercht in einem Bootshaus auf der Dorfinsel Cartí Sugdup (Suidup). Die Kuna haben Schildkröte gekocht. Juan betet auf Knien und weint.
Morgen werden wir übersetzen auf das Festland.

DIE ZUKUNFT. In Cartí haben die Schlepper zwei SUVs organisiert, die nach Panama-Stadt fahren. Dorania und Lisset werden sich noch schnell auf dem Boot schminken. Wenn sie nicht gut aussehen, haben sie verloren, glauben sie. Sie reisen gleich weiter nach Costa Rica – eine weitere Station auf dem Weg nach Miami. Die Frau, die nicht genug Geld für das Boot hatte und ihr Mann (der genug Geld hatte; aber es ist wohl einfacher, wenn die Frau um Geld bittet als der Mann), wollen sich ihre Weiterreise nach Norden in Panama-Stadt verdienen. Sie vermissen ihre zurückgebliebenen Kinder, die sie eines Tages per Familienzusammenführung nach Florida zu holen hoffen. Auch Juan und ich werden uns in der Stadt einmieten. Wir werden eine Zeitung mit Annoncen kaufen, und ich werde für Juan ein Bett anmieten in einer Privatwohnung, die vollgestellt ist mit Doppelstockbetten, belegt mit Tagelöhner*innen und erschöpften Fabrikarbeiter*innen (180 US-Dollar pro Bett und Monat). Juan wird drei Tage später Arbeit in einem Möbelladen gefunden haben. Und ich werde durch den glitzernden Wartebereich des Flughafens irren, das Herz unendlich schwer …

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