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ÜBERKOCHENDE MILCH

(Foto: Berlinale)

Eine Frau, Rosa, bestreitet den Lebensunterhalt für die Familie. Sie kümmert sich um ihre Kinder, um ihre Eltern, um den Haushalt. Ihrer eigentlichen Berufung als Theaterautorin kann sie nicht nachgehen. Stattdessen arbeitet sie als Werbetexterin für Badkeramik, während von ihrem Mann, der ständig auf Forschungsreisen fährt, „um den Urwald zu retten“, kaum Unterstützung zu erwarten ist. Kein Wunder, wenn da mal die Milch auf dem Herd überkocht, während die vorpubertäre Tochter mit ihrer Mutter einen Streit ausficht.

Rosa ist Ende 30 und lebt mit ihrer Familie in São Paulo. Sie ist unglücklich über ihren Beruf und überfordert von den vielen Aufgaben. Ihr Mann beklagt sich über zu wenig Sex, bringt von sich aus aber kein Verständnis für Rosas Situation auf. Ein Eheleben, wie es der heutigen Gesellschaft entspricht? Es ist ihre eigene Frauengeneration, mit der sich Regisseurin Laís Bodanzky in ihrem vierten Spielfilm beschäftigt. In einer sehr natürlichen Form schildert sie die Konflikte ihrer Protagonistin Rosa mit sich selbst und ihrem Umfeld. Eine plötzliche Enthüllung ihrer Mutter bringt sie dann so sehr aus dem Gleichgewicht, dass sie die Rollenverteilung in ihrer Familie in Frage stellt.

Schon am Anfang des Films kündigt ein Gewitter, das die versammelte Großfamilie beim Essen im Garten überrascht, die Krise in der bisherigen Konstellation an. Die Kamera bleibt für einen Moment auf den verwaisten, regenüberströmten Tisch gerichtet. Ebenso ruhig hält sie später vor dem aufsteigenden Qualm einer Zigarette im Aschenbecher inne. Stillleben wie diese sind die besonderen ästhetischen Momente des Films, eine Unterbrechung des lauten, quirligen, von allen Seiten Aufmerksamkeit fordernden Lebens. Dem Publikum von Como nossos pais offenbart sich nach und nach, welche Einstellung zu diesem Leben sich die gleichzeitig so normalen und so einzigartigen Charaktere des Films erworben haben. Allein Rosa ist diejenige, die sich auf die Suche begibt, Neues ausprobiert und dabei zum Beispiel in einem Vater aus der Klasse ihrer Tochter einen zugewandten Zuhörer findet. Ja, Como nossos pais sei tatsächlich vom berühmten Songtitel der Sängerin Elis Regina, „Königin“ der Música Popular Brasileira“, inspiriert, allerdings nur von der bittersüßen Melodie und nicht vom Text, räumt Bodanzky ein. Die Suggestivformel „wie unsere Eltern“ lässt sich indes nicht wortwörtlich darauf übertragen, dass Mutter und Tochter einander sehr ähneln würden. Die beiden zanken sich fortwährend, bis Rosa ihrer Mutter einmal recht und diese prompt zu verstehen gibt: „Da habe ich ja endlich mal was richtig gemacht.“ Ein Perspektivenwechsel, der die Frage aufwirft, warum Rosa sich fortwährend von ihrer Mutter provoziert fühlt.

Die Verbindung der beiden Frauen liegt offensichtlich mehr als im Charakter in ihrem Bedürfnis, sich nicht ein Leben lang für die Familie aufzuopfern und äußeren Bestimmungen zu fügen – ganz wie moderne Seelenverwandte von Ibsens Nora, auf die der Film wiederholt Bezug nimmt. Rosas Mutter, nikotinsüchtig, selbstbewusst, beinahe extravagant, ist zufrieden mit ihrem auch nicht makellosen Leben. Sie hat sich irgendwann von ihrem Mann scheiden lassen, dem liebenswerten, aber permanent mittellosen Künstler, der es immer wieder schafft, sich von den Frauen aushalten zu lassen. Ist es ein Zeichen von Stärke oder von Schwäche, die eigenen Bedürfnisse für die der anderen hintanzustellen? Was gilt umgekehrt für den Ausbruch aus den gefestigten Verpflichtungen? Am Ende von Como nossos pais entpuppt es sich, dass Vertrauen füreinander die unerlässliche Basis ist, um in der Beziehung die nötigen Kompromisse zwischen Familie, Selbstverwirklichung und Gleichberechtigung zu schließen.

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