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Umkämpfte Gegenwart in Brasilien

Stefan Zweig zeigte sich begeistert. Der österreichische Schriftsteller beschrieb Brasilien 1941 als „Land der Zukunft“. Vor dem geschichtlichen Hintergrund des Rassenwahns in Europa schien ihm sein Exilland geradezu den Rassismus überwunden zu haben. Bis heute wirkt der Mythos der sogenannte Rassendemokratie (democracia racial), in der die Nachfahren weißer Europäer_innen, schwarzer Versklavter und Indigener vermeintlich friedlich vereint die brasilianische Gesellschaft bilden. Das Bild vom „Land der Zukunft“ hält sich ebenso. Während die einen den diesjährigen Gastgeber der Fußball-Weltmeisterschaft der Männer nun in dieser Zukunft angekommen zu sehen glauben, spotten andere seit jeher, Brasilien werde das ewige Land der Zukunft bleiben.
Die schweizerische Sozial- und Wirtschaftsgeografin Verena Meier zählt eher zu den ersteren. In ihrem informativen und ansprechend geschriebenen Buch Brasilien. Land der Gegenwart kombiniert sie fundierte Hintergrundinfos zu Landeskunde, Geschichte, Kultur und Wirtschaft mit persönlichen Eindrücken. Ihr Streifzug führt durch die am Reißbrett entstandene Hauptstadt Brasilia, über eine Gated Community in São Paulo und eine Favela in und Rio de Janeiro bis ins Hinterland des Bergbau-Staates Minas Gerais und das Hafenviertel der nordöstlichen Metropole Recife. Ein eigenes Kapitel widmet die Autorin Natur und Menschen im Amazonasgebiet. Wenngleich sie auch auf die Schattenseiten von Brasiliens wirtschaftlichem Aufstieg wie beispielsweise die Macht des Agrobusiness‘ und die krassen Einkommensunterschiede eingeht, überwiegt ein optimistischer Blick auf das „Land der Gegenwart“.
Thematisch andere Schwerpunkte setzt der Sammelband Widerständigkeiten im ‚Land der Zukunft‘. Die Herausgeber_innen Shadia Husseini de Araújo, Tobias Schmitt und Lisa Tschorn greifen Zweigs Bild mit dem Ziel auf, es kritisch zu hinterfragen. Autor_innen aus Brasilien und Deutschland beleuchten in insgesamt fast 30 Texten Identitäten jenseits des Mythos‘ der Rassendemokratie, beschreiben Brasiliens Stellung in der Weltpolitik sowie die Brüche und Kontinuitäten seit der Militärdiktatur. Auch die etwas aus der Mode gekommene Forderung nach einer integralen Landreform wird breit thematisiert. Angesichts der Tatsache, dass etwa 32.000 Großgrundbesitzer_innen über eine Fläche verfügen, die viermal so groß wie Deutschland ist, bleibt das Thema hochaktuell. Ein umfassendes Kapitel handelt von städtischen Kämpfen und politischen Umstrukturierungen in den Favelas. Wer den wissenschaftlichen Duktus nicht scheut, in dem viele der Texte geschrieben sind, findet in dem überaus lesenswerten Sammelband Themen, die im Jahr der Fußball-WM wohl nicht im Zentrum des medialen Interesses stehen werden. Ob Brasilien nun in der Zukunft angekommen ist oder nicht: Seine Gegenwart bleibt umkämpft.

Shadia Husseini de Araújo, Tobias Schmitt, Lisa Tschorn // Widerständigkeiten im „Land der Zukunft“. Andere Blicke auf und aus Brasilien // Unrast-Verlag // Münster 2013 // 336 Seiten // 18 Euro

Verena Meier // Brasilien. Land der Gegenwart // Rotpunktverlag // Zürich 2013 // 256 Seiten // 29,90 Euro

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