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Unfaire Blumen

Noch kurz vor der Jahrtausendwende konnte die europäische Solidaritätsbewegung endlich mal einen vielbeachteten Erfolg feiern. Die in Deutschland vom Menschenrechtsnetzwerk FIAN, Brot für die Welt, Terre des Hommes und anderen Organisationen getragene Kampagne für ein Gütesiegel bei Schnittblumen erreichte einen Durchbruch bei ihren Verhandlungen mit ErzeugerInnen, ImporteurInnen und Gewerkschaften. Großgärtnereien, die sich verpflichten, bestimmte ökologische und soziale Standards einzuhalten und sich entsprechenden Kontrollen zu unterwerfen, können ihre Rosen, Nelken und Narzissen mit dem Siegel „Caring for Mankind and the Environment“ (Schutz für Mensch und Umwelt) kennzeichnen. Viele Blumenbetriebe in Kenia, Simbabwe und Ecuador sind bisher diesem Label beigetreten. Der größte Blumenproduzent Lateinamerikas, Kolumbien, ist indes noch meilenweit davon entfernt, die Bedingungen des Flower-Label-Programms zu erfüllen.

Blühendes Geschäft durch Billiglöhne

“Der Wettbewerbsvorteil der hiesigen Blumenproduktion liegt neben den günstigen klimatischen und geographischen Bedingungen auch in der billigen Arbeitskraft,“ gibt Miguel Camacho Segura, der Wirtschaftschef des Gärtnereiverbandes ASOCOLFLORES in Bogotá, unverhohlen zu. Die Branche boomt und hat sich in den vergangenen Jahren zum drittgrößten Wirtschaftssektor des südamerikanischen Landes gemausert. Der jahrzehntelange Bürgerkrieg und die bisher fruchtlosen Friedensbemühungen von Präsident Andrés Pastrana konnten dem blühenden Geschäft ebenso wenig anhaben wie die allgemeine Rezession in Kolumbien. Die Investitionen in Gewächshäuser und Plantagen in der Hochebene um Bogotá, wo die meisten Blumenbetriebe angesiedelt sind, nehmen zu. Vor kurzem stieg sogar der kalifornische Konzern DOLE in die Branche ein und riss sich binnen weniger Monate die vier größten kolumbianischen Betriebe unter den Nagel. Auf einer Anbaufläche von knapp 800 Hektar produziert DOLE nun jährlich Exportrosen und -nelken im Wert von 160 Millionen Dollar.
Die Stärke der einheimischen BlumenexporteurInnen erklärt ASOCOLFLORES-Ökonom Camacho mit der bestehenden Infrastruktur und den guten Kenntnissen im komplizierten Geschäft. Wer gute Qualität zum richtigen Zeitpunkt bietet, kann mit hohen Gewinnspannen rechnen. Blumen gehören zu den Luxusgütern, die sich auch bei steigendem Preis absetzen lassen. Dabei unterliegt die Branche einer starken Saisonabhängigkeit. „Um den Valentinstag exportieren wir anstatt der üblichen 30.000 zweieinhalb Wochen lang 60.000 oder 70.000 Kartons pro Tag,“ berichtet Camacho. „Dabei verdoppelt oder verdreifacht sich nicht nur der Absatz, sondern auch die Preise steigen auf das Drei- bis Vierfache.“
Ein derartig brutales Saisongeschäft hat massive Auswirkungen auf den Arbeitsalltag der etwa 70.000 unmittelbar in diesem Bereich Beschäftigten; indirekt leben noch einmal 50.000 vom blühenden Business: LKW-FahrerInnen, PackerInnen auf den Flughäfen, PilotInnen der Frachtflugzeuge. „Einerseits sind die ArbeiterInnen froh, überhaupt einen Job zu haben, denn die wirtschaftliche Lage ist schlecht,“ beschreibt Laura Rangel von der unabhängigen Organisation Cactus die Rahmenbedingungen. Sie verdienen den gesetzlichen Mindestlohn von 7.880 Pesos (4,25 Dollar) am Tag und bringen es im Monat gerade auf 200 Mark.
Dafür müssen sie sich viel gefallen lassen. „Sie werden als TölpelInnen beschimpft und haben keine Möglichkeit zu widersprechen oder sich zu beschweren,“ schildert Rangel die Lage in vielen Betrieben. „Sonst droht die Entlassung oder Diffamierung als Subversive.“ Jede Form der Organisation ihrer Beschäftigten betrachten die UnternehmerInnen mit größtem Argwohn.

Inhumane Arbeitsbedingungen

Häufig klagen die ArbeiterInnen über Leistungsdruck und starke körperliche Belastung. In der Spitzensaison sind zwölfstündige Arbeitstage keine Ausnahme. Wegen der gebückten Haltung bekommen viele Wirbelsäulen- und Gelenkprobleme. In einigen Betrieben werden rücksichtslos Chemikalien eingesetzt. Wie rasch nach dem Versprühen von Pflanzengiften die Arbeit weitergeht, liegt im Ermessen von UnternehmerInnen und TechnikerInnen. „Manchmal wird sogar Gift gesprüht, während die Leute auf Feldern oder in Gewächshäusern tätig sind,“ berichtet Laura Rangel. „Das ist zwar nicht mehr der Normalfall, kommt aber vor.“
Die Auswirkungen des Gifteinsatzes in der Blumenindustrie sind oft schwer zu belegen. Vergiftungsfälle werden vielfach von ÄrztInnen verkannt oder von Unternehmen bewusst verheimlicht. Eine Schädigung ungeborener Kinder durch Pflanzenschutzmittel ist indes unbestritten, ihre Ausprägung wird jedoch überbewertet. Der Arzt Mauricio Restrepo, der eng mit Cactus zusammenarbeitet, konnte unter knapp 9000 Beschäftigten der Blumenbranche einen nur geringen Anstieg der Fehl- und Frühgeburten sowie der angeborenen Missbildungen feststellen.
Das schlechte Image von kolumbianischen Schnittblumen setzt die Branche nun zunehmend unter Druck. Zwar geht der überwiegende Teil der Rosen, Nelken und Narzissen aus der Hochebene um Bogotá in die USA. Doch die Aufklärungs- und Boykottkampagnen der europäischen AbnehmerInnen und die wachsende Konkurrenz aus anderen Ländern zeigen zunehmend Wirkung. Mehrere Betriebe bemühen sich nun um die Zertifizierung als menschen- und umweltschonende ProduzentInnen. Dazu müssen sie existenzsichernde Löhne zahlen, Gewerkschaftsarbeit zulassen, Regelarbeitszeiten einhalten, ohne Kinderarbeit auskommen und gefährliche Chemikalien meiden. Die Betriebe, die sich freiwillig an die Bedingungen halten, haben sich zu dem Verband ECOFLOR zusammengeschlossen. Er liefert mittlerweile gut ein Drittel der kolumbianischen Blumen für den deutschen Markt.

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