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„Unser Traum ist es, die Reichtümer des Landes besser zu verteilen“

Wie ist FENACLE entstanden und wie hat es sich bis heute entwickelt?

FENACLE wurde 1969 gegründet und setzte sich aus verschiedenen Gewerkschaften der Bananenindustrie zusammen. In den 80er Jahren verursachten die schwarze Blattfäule und El niño eine schwere Krise in der Bananenindustrie. Das führte zur Schließung zahlreicher Firmen, und damit auch zur Auflösung der Bananenarbeitergewerkschaften. Die einzige verbleibende Gewerkschaft war Balao Chico, die inzwischen seit über 40 Jahren aktiv ist. Nachdem sich die Arbeit von FENACLE zunächst nur auf den gewerkschaftlichen Kampf beschränkt hatte, erweiterten wir unser Aufgabenfeld um die Organisation und Legalisierung von Landflächen für Bauern und Indigene. Seit 2000 gehören wir der COLSIBA, dem Lateinamerikanischen Dachverband der Bananen-Gewerkschaften mit Sitz in Costa Rica, an. Gemeinsam konnten wir aufzeigen, dass der weltweit führende Bananenexporteur Ecuador über eine der schlechtesten Gewerkschaftsstrukturen in diesem Sektor verfügt: Von den 300.000 Arbeitern sind weniger als ein Prozent gewerkschaftlich organisiert. Daher haben wir mit COLSIBA einen Prozess in Gang gesetzt, um die Arbeiter zu stärken.

Wofür setzt sich FENCALE ein?

Zunächst setzen wir uns natürlich für die Einhaltung der Arbeiterrechte ein. Sowohl die nationale Verfassung und das Arbeitsrecht als auch die Abkommen mit der ILO (Internationale Arbeitsorganisation) erlauben gewerkschaftliche Organisation und Tarifverträge für Arbeiter. Leider werden diese Rechte in Lateinamerika nicht respektiert. Ganz aktuell ist das Problem der Subunternehmen, mit denen die Bananenplantagen einen Vertrag für spezielle Arbeiten, meist nur Gelegenheitsarbeiten, abschließen. Die Subunternehmen wiederum stellen Arbeiter mit nicht verlängerbaren Verträgen befristet ein. Diese bieten den Arbeitern jedoch weder irgendeine Form von Kontinuität noch eine Sozialversicherung oder Rente.
Handelt es sich denn hierbei um ein neues Phänomen?
Subunternehmen selbst gibt es schon lange. Aber erst in letzter Zeit, etwa seit 2000, begannen sie, die Arbeiter derartig auszunutzen. Der ehemalige Präsident Lucio Gutiérrez und der Arbeitsminister stärkten die Position der Subunternehmen, denn laut Gesetz dürfen bis zu 70 Prozent der Arbeiter in einer Firma bei einem Subunternehmen beschäftigt sein, und das gilt nicht nur für Gelegenheitsarbeiten, sondern auch für Dauerbeschäftigung.

Und was unternehmen Sie dagegen?

Wir haben kürzlich dem Kongress einen Gesetzesentwurf vorgestellt, welches den Subunternehmen vorschreibt, die Arbeiterrechte zu respektieren und eine gewerkschaftliche Organisation zuzulassen. Ein weiteres Problem, gegen das wir vorgehen, ist Kinderarbeit. Auch wenn dieses Problem bis heute noch nicht ganz bewältigt ist, so hat die Situation sich dank des Bananen-Sozialforums doch erheblich verbessert. Diese Instanz wurde von der Regierung ins Leben gerufen und setzt sich zusammen aus Arbeitern, Unternehmern, Exporteuren und internationalen Organisationen, wie zum Beispiel der ILO und der UNESCO. Ein weiteres Ziel von uns ist es, mehr Arbeitern zu einer Sozialversicherung zu verhelfen. Eigentlich sollten sie alle sozialversichert sein. Ebenso beschäftigen wir uns mit dem Thema des Bananenpreises. Für eine Kiste mit 26kg Bananen erhält ein ecuadorianischer Produzent gerade mal drei US-Dollar, manchmal sogar weniger.

Gibt es auch Schwierigkeiten mit Gewerkschaften in Ecuador?

Es gibt einen Verband der Arbeitgeber, die vertritt nicht die Interessen der Arbeiter. Wenn die Arbeiter sich gewerkschaftlich organisieren wollen, stoßen sie bei ihren Arbeitgebern und sogar beim Arbeitsamt auf enormen Widerstand: Sie werden hinausgeworfen oder verlieren ihre Unterkunft. Deshalb sahen wir uns gezwungen, mit Hilfe von COLSIBA all das Vorgefallene zu untersuchen und den Arbeitern zu helfen. Zusätzlich dazu haben wir ein internationales Kommunikationsnetz mit einigen Organisationen im Norden aufgebaut.

Mit welchen anderen Organisationen arbeiten Sie zusammen?

Auf nationaler Ebene gehören wir zum Zusammenschluss der freien Gewerkschaftsorganisationen. Das Entscheidende ist jedoch das internationale Netzwerk, welches uns wichtige Unterstützung aus dem Norden, Europa und den USA versprochen hat. Durch die Arbeit des Netzwerkes erhalten wir nun Unterstützung von den Bananenverbrauchern der Staaten im Norden. Und die Unternehmer hier erkennen die Macht der Verbraucher an.

Glauben Sie, dass die Rolle des Verbrauchers so wichtig ist?

Enorm wichtig! Schließlich konsumiert fast jeder Bananen, sogar NGOs und Gewerkschaften. Mit der zunehmenden Gewerkschaftsbewegung im Bananensektor sind Arbeitskonflikte aufgetreten. Außerdem wird durch die Unterstützung aus Europa und den USA den Arbeitgebern und auch der Regierung endlich deutlich, dass wir nicht allein da stehen, sondern dass Millionen von Menschen sich Gedanken um die Arbeitsbedingungen bei uns im Süden machen.

Und wie sind Sie nach Deutschland gekommen?

Von der Organisation Peuples Solidaires bekam ich eine Einladung zu einem Workshop in Paris. Und die verantwortlichen Kollegen dort haben eine Rundreise durch Frankreich organisiert, um damit die Problematik der Arbeitsbedingungen im Süden, und besonders in Ecuador, bekannter zu machen. Durch eine Einladung von Banafair konnte ich mich mit einigen wichtigen Gruppen der deutschen Gewerkschaftsbewegung und Regierungsorganen treffen, die sich für die Bedingungen und Probleme der lateinamerikanischen Arbeiter interessieren.

Sind sie vorher schon einmal in Europa gewesen?

Nur in Genf, als ich einen Workshop der ILO besuchte, bei dem es um die Sensibilisierung der Unternehmer für die gewerkschaftliche Bewegung ging. Und auf der zweiten Welt-Bananen-Konferenz in Belgien, wo sich alle Produzenten, Konsumenten, Arbeiter, Exporteure und viele NGOs treffen.

Wie sehen Sie die derzeitige politische Situation in Lateinamerika, ausgehend von Figuren wie Hugo Chávez, Evo Morales und den gesellschaftlichen Bewegungen? Wie steht FENACLE dazu?

Die gesellschaftlichen Bewegungen in Ecuador haben uns im Jahr 2002 zusammengeführt, um – mit Lucio Gutiérrez an der Spitze – einen Prozess in Gang zu bringen, der mit Unterstützung von Seiten der Ärmsten, der gesellschaftlichen Organisationen, der Bauern und der indigenen Bevölkerung an Macht gewonnen hat. Wir sahen uns als Teil eines vielversprechenden Prozesses, denn in Venezuela war ja bereits Chávez mit seinem Programm zur Verteilung von Land an Bauern und Indigene und seiner Gesundheits- und Bildungspolitik sehr aktiv.
Auch von Lula in Brasilien erwarteten wir uns interessante Entwicklungen. Doch in Ecuador ging leider einiges schief, da Gutiérrez seine Versprechen nicht einhielt. Trotzdem bleiben wir optimistisch und sehen uns noch am Beginn dieses Wandlungsprozesses.
Die Wahl von Evo Morales zum Präsidenten in Bolivien war eine erfreuliche Nachricht. Und für die Wahlen 2006 in Ecuador sehen wir die Möglichkeit, uns mit einer Leitfigur zusammen zu tun, die fähig ist, die Einhaltung sozialer Rechte zu garantieren. Unser Traum ist es, die Reichtümer des Landes – und Ecuador ist ohne Zweifel ein reiches Land – gerechter zu verteilen, als es heute der Fall ist. Dabei spielen das Gesundheits- und vor allem das Bildungswesen die wichtigste Rolle.

Sie erwähnen auch nachhaltigen Bananenanbau. Welche umweltpolitischen Maßnahmen schlagen Sie vor?

In Ecuador gibt es bereits zwei Kooperativen mit kleinen Produzenten, die Bio-Bananen nach Europa verkaufen. Besonders interessant erscheint uns dabei die Tatsache, dass es sich um kleine Produzenten handelt. Aber ökologischer Anbau allein hilft uns nicht weiter, das Ganze sollte auf jeden Fall mit fairem Handel verknüpft sein. Es gibt in Ecuador einen sehr großen Produzenten für Bio-Bananen, der auf die Rechte der Arbeiter keine Rücksicht nimmt. Wir verlangen aber fairen Handel von ihm.

Gibt es bei FENACLE auch irgendeine Form von Genderpolitik?

Ja, die gibt es. Im landwirtschaftlichen Sektor haben die Frauen im Kampf um die Rückgabe von Land schon immer ganz vorne gestanden, denn ihre Ehemänner mussten auf fremden Ländereien arbeiten, während sie die Verantwortung für das eigene Stück Land hatten. Doch bei Gewerkschaftsfragen gibt es einen ausgeprägten Machismo, der verhindert, dass die Frauen überhaupt zu Gewerkschaftstreffen gehen, geschweige denn, sich organisieren oder daran aktiv teilnehmen. Normalerweise sind sie vom Vater, vom Bruder, der Mutter oder dem Ehemann abhängig, und diese lassen sie gar nicht erst dort hingehen. So haben Frauen sich bis vor wenigen Jahren gar nicht beteiligt. Dann begannen wir, die Frauen zu sensibilisieren, indem wir ihr Selbstwertgefühl aufzubauen versuchten und sie über ihre Rechte in der Gesellschaft aufklärten. Das alles war ein langer Schulungsprozess. Heute ist die Teilnahme der Frauen sehr hoch. So kann es schon vorkommen, dass bei einem Workshop 20 bis 30 Arbeiterinnen aus dem Bananensektor dabei sind, die offen über ihre Probleme sprechen. Wir haben sieben Frauen im ausführenden Komitee der FENACLE. Die Frauen sind bei den Sitzungen und Demonstrationen sehr aktiv. Und das ist für uns enorm wichtig.

Was halten Sie vom Fortschritt, davon, dass die Menschheit immer nach vorne blickt und sich eine bessere Zukunft erhofft?

Wir selbst bestimmen die Zukunft. Diesen Gedanken sollten wir als Völker Lateinamerikas als Einheit verfolgen, und zwar heute mehr denn je. Denn eines der Probleme ist die Teilung, die Grenzen zwischen den Staaten erschweren den Austausch von Meinungen. Daher ist die COLSIBA davon überzeugt, dass das Ziel, gemeinsame Standpunkte zu erlangen, von bestimmten Entscheidungen und Identitätsfragen abhängt. Heutzutage sind wir auf dem Laufenden darüber, was in anderen lateinamerikanischen Ländern in der Bananenproduktion geschieht. Und das ist wichtig. Hoffen wir, dass auch Gewerkscahften anderer Industrien beginnen, ähnliche Kontakte aufzubauen um von den Erfahrungen aus verschiedenen Ländern zu profitieren.

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