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Unsichtbare brauchen kein Gesetz

Hat das neue Gesetz in Bolivien einen Einfluss auf Peru?
Alejandro Cussiánovich: Ich glaube nicht, dass das Gesetz in Bolivien Kraft haben wird, den internationalen Rahmen zu ändern. Objektiv bricht es mit gewissen Standards des internationalen Rechts. Es hat eine Symbolkraft. Aber ich glaube, dass durch das Gesetz viele Bewegungen reaktiviert werden können. Ich glaube, dass die Bewegung der NATs (Verein arbeitender Kinder und Jugendlicher) in Peru einen wirklichen Wandel nur im Zusammenschluss mit anderen sozialen Bewegungen, wie zum Beispiel der Frauen- und Studentenbewegungen bewirken können. Jedoch passiert diese Vereinigung bislang noch nicht. In Bolivien ist dies der Fall, weil es eine Vernetzung mit indigenen Strukturen gibt.

Sehen Sie die Möglichkeit, dass ein ähnliches Gesetz in anderen lateinamerikanischen Ländern durchgesetzt wird?
C: Meiner Meinung nach werden andere Länder keine große Änderungen unternehmen. Lediglich Venezuela könnte etwas verändern, weil es antikapitalistisch ist und eine starke Basis hat, die politische Projekte unterstützt. Das ist weder in Kolumbien noch in Ecuador der Fall. Obwohl Ecuador progressiv regiert wird, ist es in diesen Fragen konservativ. Auch in Peru wird sich in den nächsten 15 Jahren nichts ändern, denn es gibt zurzeit einen starken Rechtsruck. Diese rechte Klasse ist eine große Bedrohung für die sozialen Strukturen. In Chile gibt es auch kaum Hoffnung. Dort gibt es noch nicht mal eine nationale Gesetzgebung. Ein Beispiel: Am fünften Geburtstag der UNICEF in Paris im Jahr 1994 nahmen 32 First Ladies teil. Die Frau des damaligen chilenischen Präsidenten sagte: „In Chile gibt es keine arbeitenden Kinder“. Wie kann es sein, dass eine staatliche Repräsentantin eine soziale Realität vollkommen ignoriert? Chile wird also nicht mitziehen.

Und in anderen Ländern Lateinamerikas wie Argentinien, Uruguay oder Brasilien?
C: In Argentinien gibt es ein Gesetz für den Großraum Buenos Aires, jedoch nicht für das ganze Land. Trotzdem gibt es dort Bewegungen von arbeitenden Kindern. Sie gingen unter anderem mit dem Slogan „Hunger ist ein Verbrechen“ auf die Straße, womit sie eine große politische Präsenz erreichten. Ein weiteres interessantes Projekt ist Miguelito Pepe. Da sind Soziologiestudenten aktiv. Das spannendste Projekt befindet sich jedoch in Mendoza, wo mit bolivianischen und paraguayischen Migrantenkindern auf dem Land gearbeitet wird. All das ist sehr wichtig für uns, weil Argentinien ein großes Land ist. In Uruguay wurde die Bewegung in den letzen Jahren geschwächt. In den 1980er Jahren gab es Kindergruppen, aber nie eine breitere Bewegung. Die Arbeit konzentrierte sich mehr auf Kleinkriminelle. Brasilien ist ein Land mit vielen arbeitenden Kindern, formal existieren sie aber nicht. Dort ist es zwiespältig. Es gab sehr früh ein Gesetz gegen Kinderarbeit, aber immer im Zusammenhang mit Sklaverei. Es existiert ein starker Diskurs, der Arbeit von Kindern mit Sklavenarbeit gleichsetzt. Auf der anderen Seite wird anerkannt, dass Kinder arbeiten müssen.

Wie ist das Verhältnis zu Organisationen wie UNICEF oder ILO sowie den Regierungen?
C: Weder die Funktionäre der ILO noch die der UNICEF repräsentieren irgendjemanden. Es kommt vor, dass Funktionäre aus Ländern versetzt werden, weil die Regierung nicht mit ihnen klar kommt. Es heißt immer, sie sollen nicht so auftreten, dass Unruhe entsteht.
Manfred Liebel: So ist es auch, wenn Statistiken veröffentlicht werden. Oft versuchen die Regierungen dies zu verhindern nicht. Bei einem Artikel über die Handelsunionen in Lateinamerika recherchierte ich Statistiken, wie viele Kinder in Bolivien arbeiten. Ich nahm eine Zahl von UNICEF und suchte neue, aktuelle Quellen. Ich fand im Internet eine Veröffentlichung des nationalen Statistikinstituts in Kooperation mit der ILO. 20,9 Prozent der Jugendlichen arbeiten, hieß es da. In einem anderen Teil suchte ich nach Daten darüber, wie viele Kinder in Bolivien leben. Ich errechnete, dass eine Million Kinder arbeiten. Hinzu kommen diejenigen, die zu Hause arbeiten. Ich schickte meinen Artikel nach Bolivien. Mir wurde nicht geglaubt und die Zahlen abgestritten. Interessanterweise kann man dieser Veröffentlichung keine absoluten Zahlen arbeitender Kinder entnehmen. Organisationen geben viel Geld aus, um Studien zu erstellen. Es könnte jedoch auch Intention sein, Bolivien zu skandalisieren.
C: Das Spiel der Statistiken ist sehr wild. Im letzten Bericht gab es einen Rückgang. Man weiß nicht, mit welchen Parametern sie arbeiten. In Peru wurden 3,8 Millionen arbeitende Kinder unter 18 Jahren genannt, auf einer Konferenz in Den Haag hieß es, es seien zwei Millionen. Danach wurde wieder eine niedrigere Zahl angegeben. Wer hat das Wunder vollbracht, diesen Kinder zu helfen? In Wirklichkeit hat die Zahl der arbeitenden Kinder zu- und nicht abgenommen. Es ist ein Problem der Zahlen.

Warum erscheint es denn so, als ob die Zahlen zurückgehen würden?
L: Es wird mit Statistiken getrickst, auch in der Politik und Öffentlichkeit. Da ist zum Beispiel Chile: Auf der Straße im Zentrum siehst du keine Kinder. Dort sind sie verschwunden. Aber in den Vierteln siehst du sie.
C: Es ist auch eine Frage der Uhrzeit. Wenn es dunkel ist, erscheinen sie wieder, säubern die Straßen etc. Es gibt eine heimliche Realität: Ordnungspolitik der Städte, Kontrollen usw. Sie reden viel von den Kindern, die Gold aus den Flüssen schürfen. Ich bin dahin gefahren. Es gab dort einen Pastor aus der Schweiz, der mich fragte: „Was machst du hier? Hier gibt es keine Kinderarbeit. Geh in die Tavernen, da sind die Mädchen jetzt. Und andere Kinder sind 11 Stunden weiter im tiefsten Dschungel, um dort Gold zu schürfen.“ Das ist ein Beispiel für die Unsichtbarkeit. Daher ist es sehr wichtig, dass wir dem Thema Präsenz verleihen.

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