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Verwirre und herrsche

Es waren neue Töne. „Meine Leute sind arm und ich bin einer von ihnen“, erklärte Papst Franziskus am Tag nach seiner Ernennung. Die Medien erkoren ihn prompt zum „Papst der Armen” und begründeten dies unter anderem auch mit seiner lateinamerikanischen Herkunft. Da er auf Luxuswohnung und Limousine verzichtete, verfestigte sich diese Sicht auf das Oberhaupt der katholischen Kirche.
Mit der neuen Enzyklika „Laudato Si” scheint sich Franziskus nun auch als „Grüner Papst” etablieren zu wollen. Vertreter*innen verschiedener Grüner Parteien lobten Bergoglio für seine deutlichen Worte gegen die Zerstörung der Natur – von ihm naturgemäß als „göttliche Schöpfung” begriffen – durch die kapitalistische Produktionsweise.
Tatsächlich waren nicht wenige überrascht, wie deutlich der Papst das System kritisierte. Im Text der Enzyklika heißt es zum Beispiel, dass das aktuelle Wirtschaftsmodell wegen seiner Auswirkungen auf die Lebensräume der Menschen „selbstmörderisch” sei. Während sich die Reichen in grünen und abgeriegelten Wohnanlagen verschanzten, müssten die ärmere Bevölkerungsschichten mit verschmutzen Flüssen und unfruchtbar gewordenem Boden zurechtkommen. Franziskus klagt an, dass die Menschen ein „strukturell perverses System” aufrechterhielten, in dem die natürlichen Ressourcen der Entwicklungsländer ausgebeutet würden, um reicheren Ländern ihre Wegwerfkultur zu finanzieren. Aus diesem Grund bestehe eine „ökologische Schuld“ des Nordens gegenüber dem Süden. Viele waren begeistert, die Erwartungen in den lateinamerikanischen Papst schienen sich zu bestätigen: Es herrscht ein neuer Wind im Vatikan!
Die Frage, welche Kirche Papst Franziskus tatsächlich vertritt, kann jedoch unterschiedlich beantwortet werden. So ist in der hochgelobten Enzyklika auch zu lesen, dass „die Verteidigung der Natur auch nicht mit der Rechtfertigung der Abtreibung vereinbar” sei. Zum Schutz der Natur sei Franziskus zufolge nämlich auch die „Wertschätzung des eigenen Körpers in seiner Weiblichkeit oder Männlichkeit notwendig, um in der Begegnung mit dem anderen Geschlecht sich selbst zu erkennen” und nicht etwa gleichgeschlechtlicher Sex. Denn „die Einstellung dessen [ist] nicht gesund, der den Anspruch erhebt, den Unterschied zwischen den Geschlechtern auszulöschen, weil er sich nicht mehr damit auseinanderzusetzen versteht.” In derselben Enzyklika, die von verschiedenen Grünen so hochgelobt wurde, begründet Franziskus sein Naturverständnis auf eine Weise, die auch konservativ-reaktionären Kreisen der katholischen Kirche Anknüpfungspunkte bietet.
So wechselt Franziskus zwischen verschiedenen politischen Polen hin und her, immer darauf bedacht, die Schäfchen unter sanfter, aber bestimmter Kontrolle zu halten. Ohne Zweifel brachte der erste Lateinamerikaner auf dem Stuhl Petri einen neuen Wind nach Rom. Den Pomp des Vatikans und die Symbole der geistlichen Macht, mit der die alteuropäische Kirche seit eh und je identifiziert wird, lehnt Franziskus grundsätzlich ab. Mit seinem umgangssprachlichen Stil erschüttert er die versteinerten Konventionen im kleinsten Staat Europas. „Der Vatikan wird kaum die innovative Kraft der amerikanischen Kurie ignorieren können”, schrieb die spanische Zeitung El País. „Es darf nicht vergessen werden, dass Lateinamerika die Bühne der Befreiungstheologie ist, die jahrelang zum Schweigen gebracht wurde.”
Analytiker*innen aus Europa beobachteten so auch in den ersten Monaten seines Pontifikats, dass Franziskus wegen seiner Bescheidenheit, fast fehl am Platz wirke. Die lateinamerikanische Presse sah dagegen eine Aufbruchstimmung nach seiner Ernennung zum neuen Pontifex. Die konservative argentinische Zeitung El Clarín sah in Franziskus gar „ein Zeichen für die Dezentralisierung der Kirche”. Eine Öffnung würde für viele Konservative ihren Niedergang herbeiführen.
Doch es gab von Beginn seines Pontifikats auch andere Stimmen, die in Bergoglios Regentschaft keinen Aufbruch zu einer neuen und modernen Kirche sehen mochten. Während der Militärdiktatur in Argentinien war Jorge Mario Bergoglio Leiter des dortigen Jesuitenordens. Insbesondere der argentinische Journalist Horacio Verbitsky wirft ihm vor, die Entführung und Folter seiner Ordensbrüdern Franz Jalics und Orlando Yorio trotz Hinweisen nicht verhindert zu haben, genauso wie den Tod zweier weiterer Priester. Außerdem kritisierte er, dass Bergoglio über den systematischen Raub von 500 Kindern regimekritischer Eltern wusste und nichts dagegen unternahm. Bergoglio behauptete, sich erst zu Beginn der 80er Jahre damit befasst zu haben. Der bei vielen Linken hochangesehene brasilianische Befreiungstheologe Leonardo Boff verteidigte den Papst in einem Interview: „Bergoglio hat in jenen Jahren vielen Bedürftigen geholfen”. Er sieht in Franziskus einen lateinamerikanischen Vertreter in Rom, der der Befreiungstheologie zu neuem Einfluss verhelfen könnte.
In Zeiten politischer und sozialer Unruhen sind in den verschiedenen Ländern des Subkontinents Kirchenbewegungen entstanden, die auf ihre Weise Widerstand leisteten und sich der armen Bevölkerung zu wandten. Die Befreiungstheologie entwickelte sich unmittelbar nach der kubanischen Revolution und forderte die Kirche auf, die bestehenden sozialen Probleme in Lateinamerika zu hinterfragen. Ohne die Befreiung aus Armut, Unterdrückung und Ausbeutung könne keine christliche Erlösung stattfinden, so das neue Credo der Befreiungstheolog*innen. Es sei Aufgabe der Kirche, die Armen in den Vordergrund zu stellen und dazu beitragen, ihre Situation zu verbessern. Die Befreiungstheologe und deren Anhänger kritisierten die strukturelle Ungleichheiten, die sich dank des kapitalistischen und liberalen Systems ausbreiteten.
Berühmtestes Beispiel war wohl Óscar Romero, der in den 1970er Jahren als Erzbischof von San Salvador für bessere Arbeitsbedingungen der Kleinbauern in seinem Land kämpfte. Er nutzte seine Predigten, um die Ungerechtigkeit in El Salvador zu thematisieren. Er wurde zum scharfen Kritiker der Militärdiktatur und im Jahr 1980 während einer Messe ermordet.
Der gesellschaftliche Einfluss der christlichen Lehre ist in Lateinamerika kaum zu übersehen, doch lässt sie sich nicht auf die Befreiungstheologie reduzieren. Während der Diktaturen Alberto Fujimoris in Peru, Jorge Rafael Videlas in Argentinien und Augusto Pinochets in Chile gewann die ultrakonservative und rechtsgerichtete Organisation Opus Dei viele Anhänger*innen. Auch beim Putsch 2009 in Honduras trug eine Gruppe, die dem Opus Dei nahe steht, dazu bei, den demokratisch gewählten Präsidenten, José Manuel Zelaya zu stürzen.
In der angespannte Lage des Kalten Kriegs verdammten konservative Strömungen in der Kirche die Befreiungstheolog*innen, da sie in ihrer Kritik auch marxistische Theorien aufnahmen. Die Angst davor, die Macht auf dem Subkontinent gegenüber der „Gottlosigkeit des Kommunismus” zu verlieren, veranlasste Johannes Paul II im Jahr 1978, die Bewegungen für die Armen aus den Pfarreien zu vertreiben. Während seines Pontifikats erhielten nur konservativen und traditionalistische Priester wichtige Posten in der lateinamerikanischen Kurie, die Befreiungstheologie wurde dagegen – teilweise mit Gewalt – verfolgt. Darum war die Seligsprechung von Erzbischof Óscar Romero im Mai für viele eine große Überraschung (siehe LN 492).
Aber im April 2014 hatte Franziskus auch den großen Gegner der Befreiungstheologie, Papst Johannes Paul II., heilig gesprochen. Also, wessen Kirche vertritt Franziskus? „Dieser Papst ist ein bedeutender Mann”, erklärt Pfarrer German Martinez aus Cali, Kolumbien. „Für Lateinamerika, wo die Befreiungstheologie entstanden ist und so hart verfolgt wurde, bedeutet dies eine wichtige Änderung in der Haltung der Kirche gegenüber der staatlichen und der religiösen Macht.” Sogar der brasilianische Theologe Leonardo Boff, der sonst das Pontifikat immer scharf kritisierte, behauptet, dass die lateinamerikanische Befreiungstheologie sich „mit der Figur Franziskus und durch seine Worte im Vatikan repräsentiert fühle“. Dies habe der Papst mit seiner Namenswahl, die sich auf den Gründer des Bettelordens der Franziskaner bezieht, deutlich gemacht. Boff sieht in dem Pontifikat Franziskus‘ die Verwirklichung eines Plans: Eine arme Kirche für die Armen zu schaffen.
Gegen die unzähligen sexuellen Missbrauchsfällen, die durch Priester an Kindern begangen wurden, möchte Franziskus auch vorgehen. Es ist für die Opfer besonders empörend, dass die Kirche diese Fälle jahrzehntelang vertuscht hat, statt sie zu untersuchen. Dies will der Papst ändern.
Eines der prominentesten Beispiele ist Marcial Marciel, Gründer der Legionäre Christi. Er war ein Päderast, drogenabhängig und hatte mehrere Kinder mit verschieden Frauen. Der Mexikaner wurde mehrfach von Johannes Paul II. wegen seiner karitativen Arbeit und Programmen für die Evangelisierung gelobt, den vorliegenden Anschuldigungen zum Trotz. Als die Opfer Druck ausübten, wurde er von Benedikt XVI. aus Rom versetzt, andere Maßnahmen wurden nicht in Erwägung gezogen. Marciel war dafür zu alt, hieß es. Diese Gleichgültigkeit gegenüber diesen Verbrechen und den Opfern will Franziskus künftig mit einem unabhängigen Gericht begegnen. Die Täter müssen bestraft werden, aber auch die Priester, Bischöfe und Kardinäle, die Anklagen ignorierten und vertuschten, so Franziskus‘ Forderung. Im letzten Monat sind bereits drei Priester zu Gefängnisstrafen im Vatikan verurteilt worden.
In Lateinamerika leben 49 Prozent der Katholiken der Welt und obgleich die Zahl rückläufig ist, wünschen sich viele lateinamerikanische Regierungen, dass sich Franziskus in den zahlreichen Konflikten des Kontinents einmischt. In den zwei Jahren seit seiner Ernennung hat Bergoglio aber nur einem lateinamerikanischen Land einen Besuch abgestattet, nämlich Brasilien während des Weltjugendtags im April 2013. Im kommenden Monat wird er Bolivien, Paraguay und Ecuador besuchen.
Die Begeisterung für Bergoglio ist aber in einem Land des Subkontinents nicht ungeteilt: ausgerechnet in seiner Heimat. Der überzeugte Peronist behauptete im Jahr 2014, dass er keine Politiker aus Argentinien im Rahmen der Präsidentschaftswahlen empfangen werde. Dennoch traf Christina Kirchner schon fünf Mal ihren mächtigen Landsmann im Vatikan. Ihr letztes Treffen war Anfang Juni, mitten im Wahlkampf. Deswegen sind Regierungsgegner alarmiert, dass sich der Papst zu sehr in die Politik Argentiniens einmischt und Kirchner die die Popularität Franziskus für ihre Zwecke nutzt. Um das zu vermeiden, wird der Papst bis 2016 nicht nach Argentinien reisen.
Entgegenkommen zeigte Franziskus auch, als er in einem Interview andeutete, dass er die Archive der katholischen Kirche öffnen werde, um die Rolle der argentinischen Kurie während der Militärdiktatur aufzuklären. Möglicherweise könnte damit auch das Schicksal von Verschwundenen aufgeklärt werden. Für den Papst ist dies Selbstkritik.
Doch Franziskus verteidigt auch die Werte von Konservativen, etwa das Zölibat von Priestern oder die negative Haltung gegenüber den Lebensstilen von Homosexuellen. Nach Außen gibt er sich in diesem Thema auch gesprächsbereit. Er rief eine außerordentliche Familiensynode ein, um die aktuellen „Probleme” zu diskutieren, die das klassische Familienbild gefährden: Homosexualität und die Homo-Ehe, Abtreibung, Verhütungsmittel und die wachsende Zahl von Scheidungen. Dass diese Themen als „Probleme” angesehen werden, zeigt, wie die römische Kurie nicht von ihrer intoleranten Haltung gegenüber anderen Lebensstilen abrücken mag. Für den kommenden Oktober wurde ein neues Treffen zum Thema anberaumt, bei dem auch die Haltung der Gläubigen gegenüber solchen „Problemen” mit einbezogen werden soll.
Doch zu viel sollte man sich davon nicht erwarten. „Franziskus ist ein konservativer Mann” meint Pfarrer Martinez. „Die Kirche, sowohl in Europa als auch in Lateinamerika wird nicht auf die als ‚offenbart‘ angesehenen Werte verzichten. Die Grundlage des katholischen Glaubens ist die Bibel, die Tradition, die Kirche selbst. Sollten sich beispielsweise in einer Befragung der Gläubigen 80 Prozent in Fragen der Sexualität gegen die Lehren der Kirche entscheiden, dann wird die Kurie nicht plötzlich von ihrer Position abrücken.” Denn die Kirche sei eine Institution, die bis zum Jüngsten Gericht fortbestehen müsse, so lautet das Argument. Ihren eigenen Zeitgeist jedem Zeitalter anzupassen, würde ihren Niedergang bedeutet. Pfarrer Martinez glaubt deshalb nicht daran, dass es zu einer großen Reform während der Amtszeit Franziskus kommen wird.
So schwankt die Politik des lateinamerikanischen Papstes zwischen Zugeständnissen an die Befreiungstheologie (insbesondere in sozialen Fragen) und Zugeständissen an konservative Kreise (in moraltheologischen Fragen). Eine klare Linie scheint es nicht zu geben. Sein Prinzip ist offenbar das „verwirre und herrsche”.

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