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Von der Regierung vergessen

Wie hat die Arbeit der Kommission „Leben, Gerechtigkeit und Frieden“ angefangen?
Janer Jesús Castillo Valdez: Die Arbeit der Kommission begann in den 90er Jahren unter Leitung der Schwester Yolanda Cerón Delgado. Als Diözese betreuen wir ein Gebiet von 16.000 km² sowie die dort lebenden Afro-Gemeinden und Indigenen. Seit mehreren Jahrzehnten leiden sie unter der starken Isolierung und Vernachlässigung seitens der Zentralregierung und wir möchten uns ihnen mit unserer Arbeit zuwenden. In der Anfangsphase der Kommission unterstützten wir die Verabschiedung des Gesetzes Ley 70 zur Sicherung des Bodenrechts dieser Gemeinden. Nachdem das Gesetz verabschiedet worden war, konzentrierten wir uns auf die Entwicklung von Programmen für eine legale und nachhaltige Nutzung des Bodens.

Wie würden Sie die Situation der Menschenrechte in Kolumbien heute einschätzen?
Dora Ligia Vargas Portilla: Wir werden in unserer Arbeit mit Situationen konfrontiert, die den katastrophalen Zustand der Menschenrechte in Kolumbien bestätigen. Die offiziellen Statistiken berichten von mehr als 9.000 Massakern seit 1993, mittlerweile sind sechs Millionen Kolumbianer von Zwangsvertreibung betroffen. Diese und andere Zahlen sind erschreckend. Dennoch spiegeln sie nur die halbe Wahrheit wider. Man darf auch die Opfer nicht vergessen, die aus Angst um die eigene Sicherheit keine Anklage erheben wollen oder können. Die zentralen Institutionen haben es versäumt, eine menschenwürdige und risikolose Anklageschrift zu gewährleisten.

Wie trifft diese Realität auf Tumaco zu?
Gustavo Girón Higuita: Tumaco ist die einzige mittelgroße Stadt in einer abgelegenen Region, die durch die Behörden kaum kontrolliert wird. Dort befindet sich der zweitwichtigste Hafen der kolumbianischen Pazifikküste und das Klima ist für den Anbau von Koka sehr geeignet. Nachdem das Militär die Guerilleros und Paramilitärs aus dem Inneren des Landes vertrieben hatte, siedelten sich diese in unserer Stadt an, um von da aus Anschläge zu planen und auszuführen. Dadurch eskalierte die Gewalt sehr dramatisch in unserer Region.

Wie änderte sich die Arbeit der Kommission mit der steigenden Präsenz der Paramilitärs in der Region?
JJCV: Yolanda Cerón Delgado wurde am 19. September 2001 ermordet, vermutlich von Paramilitärs. Die Verlegung der Auseinandersetzungen zwischen den Guerrillas und verschiedenen paramilitärischen Gruppierungen in unsere Region verschlimmerte die Gewalt und forderte uns heraus, die Arbeit der Kommission auf den Schutz des Lebens zu konzentrieren. Wir klagen die Kooperation zwischen der Armee und den Paramilitärs an, ebenso die Verletzung von Grundrechten. Wir sind entschlossen, die Opfer dieses Konflikts sichtbar zu machen.
GGH: Die Arbeit mit den Afro-Gemeinden und Indigenen ist weiterhin grundlegend, denn sie sind nicht organisiert und ihnen fehlt das Bewusstsein, dass sie selbständig ihre Rechte einfordern können.
DLVP: Wir wollen den Opfern letztendlich vermitteln, dass sie in diesem Konflikt nicht alleine sind. Durch kulturelle Veranstaltungen versuchen wir ihre Angst abzuschwächen, um einen Gemeinschaftssinn herauszubilden.

Ist die Versorgung der Grundbedürfnisse in der Region um Tumaco durch die Regierung gesichert?
DLVP: Wir haben keine geeignete Infrastruktur, um der ländlichen Bevölkerung einen Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen zu verschaffen. Der Zugang zu Trinkwasser erreicht beispielsweise kaum zehn Prozent der Menschen außerhalb der Stadt. Es bereitet uns große Sorge, dass selbst die noch verbliebenen sauberen Wasserquellen verschmutzt werden. Die Unternehmen, die Monokulturen anbauen, werfen ihre Abfälle in unsere Flüsse. Da keine Abwasserleitungen und Entwässerungsanlagen in der Region vorhanden sind, landet fast der gesamte Müll in unseren Trinkwasserquellen!
JJCV: Die Gesundheitseinrichtungen sind ebenfalls in einem katastrophalen Zustand. An der gesamten Pazifikküste Nariños gibt es nur ein Krankenhaus mit Notaufnahme und chirurgischer Ausstattung. Dennoch sind die Mittel und Leistungen des Krankenhauses mangelhaft. Außerhalb der Städte ist kaum eine Infrastruktur vorhanden. Wir haben registriert, dass in vielen Fällen Fachleute nicht arbeiten gehen; entweder werden sie nicht bezahlt oder sie haben Angst vor der Unsicherheit in der Region. Die Bewohner sind demzufolge einer Todesfahrt ausgesetzt: Die Erkrankten müssen von Ort zu Ort reisen, um einen Arzt oder die richtige Behandlung zu suchen. Wenn sie sie finden, ist es meistens viel zu spät.

Wie ist der Zugang zu Bildung?
JJCV: Wir beobachten, dass es mehr Schulen gibt, aber wiederum nur in den Städten. Die Herausforderungen sind auf dem Land überall die gleichen. Es mangelt uns an einer geeigneten Infrastruktur und dem benötigten Lernmaterial, um den Kindern eine angemessene Bildung zu bieten. Sie sind auch Opfer dieses Konflikts! Dennoch gehen manche Lehrer nicht zur Arbeit, weil die Wege zu lang sind oder sie nicht bezahlt werden. Jeder hat Angst um die eigene Sicherheit, und leider hat sich noch nicht das Bewusstsein entwickelt, dass Bildung grundlegend für die Überwindung des Konflikts ist.

Die kolumbianische Pazifikküste gilt als eine der Regionen mit der reichsten Artenvielfalt der Welt. Welche Auswirkungen auf die Natur lassen sich durch den Konflikt erkennen?
DLVP: Unsere Artenvielfalt leidet notwendigerweise unter diesem Konflikt. Die Ausräucherung der Kokafelder ist in den letzten Jahren zurückgegangen, aber die Folgen sind dennoch spürbar durch den Gesundheitszustand der Menschen und den Fruchtbarkeitszustand des Bodens. Darüber hinaus dehnen sich überall Monokulturen aus. Die Abfälle für die Erzeugung der Wachspalme werden in die Flüsse geworfen, genauso Reste des Öls, das aus der Trans-Anden-Pipeline gestohlen wird. Unsere Wälder werden systematisch vernichtet und wir haben keine Programme zur Aufforstung erstellt.

Wie reagiert die Regierung auf die Kritik an solchen Mängeln?
DLVP: Die Regierung behauptet, sie sei präsent und tue etwas für die Bevölkerung. Aber die Nachfrage übersteigt deutlich das öffentliche Angebot.
GGH: Ein entscheidender Faktor für diesen Mangel ist die Korruption in den Behörden. Manche Senatoren, Gouverneure, Bürgermeister und andere Beamte erlangen ihre Ämter nicht aus dem Grund, dass sie für diese Arbeit qualifiziert wären, sondern weil sie Wählerstimmen kaufen. Manche Politiker nutzen das geringe Bildungsniveau der Wähler und deren extreme Armut aus, um an die Macht zu kommen. Als Kommission haben wir nie zu dieser Situation geschwiegen, aber zurzeit wird so viel darüber gesprochen, dass es keinen mehr empört. In Kolumbien lassen wir die Korruption der zentralen und lokalen Regierungen einfach zu. Sie ist zu einer Norm geworden, genau wie der Konflikt.

In Tumaco sind 45 Prozent der Bevölkerung Opfer von Vertreibungen. In dieser Region werden im Durchschnitt über viermal mehr Menschen ermordet als anderswo in Kolumbien. Wie arbeiten Sie mit den Opfern des Konflikts?
DLVP: In dieser Region wurde nie über die Opfer des Konflikts gesprochen. Wir erstellten die erste Datenbank an der Pazifikküste über die Auswirkungen der Gewalt in Tumaco und in den umgebenden ländlichen Gemeinden. Sie dient als historische Aufzeichnung. Wir wollen wissen, wer die Opfer waren und wann sie ermordet wurden, denn wir wollen nicht vergessen. Zudem veröffentlichen wir diese Informationen und stellen Fotos der Opfer im „Haus des Erinnerns“ aus. Jeden September veranstalten wir die Woche für den Frieden. In diesem Rahmen organisieren wir Kundgebungen und betreuen Aktivitäten wie Theater und Kunstwettweberbe, an denen jeder teilnehmen kann.

Was erschwert die Arbeit von Menschenrechtsaktivist_innen in Ihrer Region?
GGH: Die Diözese betreut ein großes Gebiet. Aber über die Landstraße kann man nur ein Fünftel davon erreichen. Als kirchliche Organisation fehlt uns die Unterstützung von Priestern, die unsere Pfarrgemeinde auf dem Land begleiten könnten. Aber Priester werden nicht im Seminar ausgebildet, um Verwaltungsaufgaben zu übernehmen. Wir wollen als Kommission nicht die Gemeinde kontrollieren, sondern ihr die Möglichkeit bieten, ihre Kultur frei ausdrücken zu können.
DLVP: Außerdem werden die Menschenrechtsaktivisten von Teilen der Bevölkerung als subversiv angesehen und ihnen wird vorgeworfen, den Guerrillas nahezustehen. Durch Bedrohungen oder sogar Ermordungen haben wir nicht genügend Freiheit für unsere Arbeit.
Anfang November besuchte Präsident Juan Manuel Santos verschiedene europäische Länder und bat um Hilfe für die Finanzierung des Post-Konflikts. Was erwarten Sie von der Regierung, falls es zu einem Friedensabkommen kommen sollte?
GGH: Wir unterstützen die Verhandlungen in Havanna und betrachten sie als einen grundlegenden Meilenstein für das Ende des Konflikts.
DLVP: Dennoch muss die internationale Solidarität und das daraus entstehende Investitionspotential bestimmte Kriterien erfüllen. Es ist höchst notwendig, dass in den isolierten Regionen des Landes investiert wird, weil dort der Konflikt alltäglich stattfindet. Die Entwicklung in Kolumbien ist in den Städten bemerkbar, dennoch muss die Regierung ihrer Verantwortung gerecht werden und auf unsere sozialen, historischen und infrastrukturellen Probleme reagieren. Wir wollen unsere Naturschutzgebiete nicht durch die schnelle Vergabe von Lizenzen zum Anbau von Monokulturen gefährden. Wir fördern eine nachhaltige, menschenwürdige Entwicklung im Einklang mit den Umweltrechten der indigenen Völker und Afro-Gemeinden.

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