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Von Schere, Kordel und dem Kollektiv

Frage an Radio Eriwan: Ist die LN-Redaktion immer noch ein Kollektiv? Antwort: Im Prinzip ja, nur nennt man es nicht mehr so. Der Begriff ist zwar aus der Mode gekommen, aber an der kollektiven – oder, wer es lieber hört: gleichberechtigten – Arbeitsweise der Redaktion hat sich in diesen Jahren erstaunlich wenig verändert. Im wesentlichen machen nach wie vor alle alles, vom Redigieren bis zur Fotosuche und vom Layout bis zum Kochen und Spülen. Nur das Drucken überlassen wir Fachleuten, und die Verwaltung liegt in den Händen des Einzigen, der für LN-Arbeit Geld bekommt: des Geschäftsführers der Gesellschaft bürgerlichen Rechts (denn das sind wir formal) Lateinamerika Nachrichten.
Verändert haben sich die Themen, an denen sich die grundsätzliche Gleichberechtigung aller Redaktionsmitglieder festmacht. Zwei Themen sorgten Ende der achtziger Jahre für redaktionsinternen Zündstoff. Auf dem Spiel stand – glaubt man den damaligen Diskussionen – nicht weniger als die Frage nach Untergang des kollektiven Abendlandes oder Abrutschen in die Steinzeit. Die strittigen Fragen: Dürfen Autoren- und Autorinnennamen unter den Artikeln stehen, und: Sind Computer in einem Projekt mit kollektivem Anspruch überhaupt vertretbar?
Ein Autorenname unter einem Artikel, so die kritische Fraktion, schafft eine Sonderrolle innerhalb der Redaktion. Er sorgt dafür, daß die Autoren und Autorinnen öffentlich wahrnehmbar sind, während andere, die im Hintergrund, in der Korrektur, im Layout oder beim Eintüten tätig waren, ungenannt bleiben. Nicht akzeptabel, so meinten die einen, für ein Kollektiv, das immer darauf bestanden hatte, daß die gesamte Redaktion die Verantwortung für alle in den LN veröffentlichten Artikel trägt. „Auch der Autorenname ist eine Information“, argumentierten die anderen und setzten sich – wie heute allgemein bekannt – durch.

Computer versus Kollektiv

Berlin-Rudow im Juni 1989: Ein paar hundert Meter von der Mauer entfernt, die nur noch ein paar Monate stehen sollte, Redaktionssondersitzung an einem verregneten Nachmittag in einem typischen Berliner Kleingarten. Auf dem Programm: Die Grundsatzdiskussion um die „Computerisierung“. Die Einführung der grauen Maschinchen würde, so die Gegner und Gegnerinnen, wieder einmal neues Spezialistentum in der Redaktion provozieren, diesmal die Kaste der Computerkundigen gegenüber dem ahnungslosen Fußvolk. Anders als bisher würden nicht mehr alle Redaktionsmitglieder an allen Tätigkeiten im Produktionsprozeß beteiligt sein. Atemlos würde die Redaktion dem Zeitgeist hinterherlaufen, anstatt sich auf ein eigenes Profil zu besinnen.
Die Computerdiskussion mag im nachhinein amüsant klingen, aber dahinter standen Veränderungen, mit denen Solidarische und Engagierte allerortens zu kämpfen hatten. Solange mit Schere und Kleber die Seiten fabriziert, Tippfehler sorgfältig mit Tipp-Ex und Korrekturband ausgemerzt wurden – oder wegen Zeitknappheit auch nicht –, solange war allen Leserinnen und Lesern klar, daß technische Unzulänglichkeiten mit Nachsicht zu behandeln waren. Der Grundsatz war: „Inhalt ist (fast) alles, die Form ist (fast) nichts. „Wer sich für den Inhalt interessiert – und diese LeserInnen wollen wir ansprechen –, braucht kein modisch aufgepepptes Layout“, dieses Argument gehörte nicht umsonst zu den meistgebrauchten von Seiten der Modernisierungskritiker.

Form und Inhalt

Die Fans eines sorgfältig gestalteten Layouts sahen sich indessen immer dem Generalverdacht ausgesetzt, die Form höher zu bewerten als den Inhalt. Heute zweifelt niemand mehr daran, daß wichtige Inhalte eine ansprechende Darbietung verdienen und benötigen. Bleibt die Frage nach „den Inhalten“, nach diesem in linken Diskussionen so inflationär verwendeten Plural, der immer irgendwie (noch so ein Modewort) alles umfaßt, worüber man eigentlich hatte reden wollen, aber so selten dazu gekommen ist.
Immer noch war es die Zeit der revolutionären Bewegungen in Lateinamerika – kein Wunder, daß die Berichterstattung zu Nicaragua und El Salvador in den späten achtzigern vergleichsweise gut abgedeckt war. Und wie: Die anfangs erwähnten Kommuniqués von FMLN und FSLN füllten die Seiten, die Berichterstattung war selbstverständlich parteiisch. „Kritische Solidarität“ hieß über Jahre hinweg der kleinste gemeinsame Nenner in der Redaktion in bezug auf die revolutionären Bewegungen in Lateinamerika – in der Praxis ein oft schwer umzusetzendes Konzept, vor allem, wenn es um die Abteilung „kritisch“ ging. Unsere Leserinnen und Leser konnten dies mitverfolgen. In Zentralamerika war es der Schock der sandinistischen Wahlniederlage im Jahre 1990, der eine kritische Bestandsaufnahme unvermeidlich machte, in El Salvador und Guatemala die jeweiligen Verhandlungsprozesse zwischen Guerilla und Staatsmacht. Reihenweise platzten die schönen, bequemen Schemata von Gut und Böse, die die Parteilichkeit so leicht gemacht hatten.
Und Kuba, immer wieder Kuba. Zum Teil erbitterte Diskussionen in der Redaktion sorgten dafür, daß eine eindeutige Redaktionslinie für unser Publikum wohl manchmal kaum zu entdecken war. Aber wozu auch? Zu unterschiedlich waren die Einschätzungen, ob Solidarität oder Kritik angesagt ist, ob Solidarität wirklich noch mit den Regierenden auf Kuba, oder nur noch mit den Regierten auf dem Programm steht. Die Diskussionen bei den LN spiegelten letztlich nichts anderes wider als die Probleme der Solidaritätsbewegung und der ihr Nahestehenden insgesamt. Eine Tugend hat die LN-Redaktion dabei entwickelt: Diese Diskussionen waren möglich, ohne Ultimaten, Ausschlüsse, Verratsvorwürfe oder ähnliche Blüten zu treiben. Vielleicht ein Grund dafür, daß es die LN heute noch gibt.
Eine Redaktionssitzung vor ungefähr acht Jahren: Land für Land wird durchdiskutiert: Wo ist etwas passiert? Welche Themen müssen aufgegriffen werden? Die Rollen in der Redaktion sind klar verteilt: Erdmute Alber und Christiane Schulte über Peru, Bert Hoffmann und Roman Herzog in Sachen Argentinien, Bernd Pickert zum Thema Nicaragua, Ingo Melchers zu El Salvador … die Aufzählung ließe sich fortsetzen. Kaum jemand in der Redaktion, der oder die sich nicht intensiv mit einem bestimmten lateinamerikanischen Land beschäftigt hätte.
Wir hatten Studienprojekte hinter uns oder Brigadeeinsätze, selbstorganisierte „soziale Jahre“ in Lateinamerika nach dem Abitur oder langjährige Mitarbeit in Solidaritätsgruppen. Der Bezug zu einem Land beruhte so auch auf konkreten Erfahrungen dort, die für eine gewisse Kompetenz sorgten – vielleicht auch manchmal vor allem dafür, sich kompetent zu fühlen. Solche Auslandsaufenthalte mit politischer Motivation gehörten zur Normalbiographie eines LN-Redaktionsmitgliedes. Eine Folge davon war, daß in diesen Jahren fast alle Artikel aus den Federn von Redaktionsmitgliedern stammten. Beiträge von außen stellten die absolute Ausnahme dar.

Neue Themen: Film und Literatur

Mit den Biographien der Redaktionsmitglieder hat sich die Arbeitsweise der Redaktion verändert. Brigaden sind ebenso selten geworden wie Solidaritätsgruppen, und auch die langen Auslandsaufenthalte sind biographisch nicht mehr so „normal“ wie noch vor zehn Jahren. Wo das Spezialistentum in bezug auf bestimmte Länder selten geworden ist, steht jetzt die Akquise von Beiträgen von außen im Vordergrund. Wer heute in der LN-Redaktion regelmäßig mitarbeitet, hat meist mehr mit dem eigentlichen „Machen“ einer Zeitschrift zu tun, also dem Redigieren fremder Texte, der Korrektur, der Auswahl von Fotos und der Seitengestaltung, als mit dem Schreiben der Artikel. Diejenigen, die auch viel selbst schreiben, haben indessen oft andere Schwerpunkte. Film und Literatur haben seit einigen Jahren Platz in den LN gefunden und das Monopol der in früheren Zeiten oft ein wenig monotonen klassischen Polit-Berichterstattung gesprengt, eine Entwicklung, die undenkbar wäre ohne neue Redaktionsmitglieder, die sich auf diesen Gebieten gut auskennen.
Seit Anfang der neunziger Jahre wurde journalistische Grundausbildung in der Redaktion zum Thema. Worin besteht eigentlich „Redigieren“, wie formuliere ich einen Titel, wie einen Vorspann…. Kleine Kurse fanden statt, um zumindest einige Grundbegriffe zum Allgemeingut zu machen, wie ein Text lesbar wird. Nicht, daß seitdem jeder Artikel nach allen Regeln der journalistischen Kunst redigiert worden wäre, nur allzuoft sorgen Zeitknappheit und/oder sprachlich ungenießbare Vorlagen dafür, daß letztlich Kompromisse zwischen Anspruch und Machbarem in den Druck gehen. Der Unterschied zu den achtziger Jahren liegt jedenfalls darin, daß die Lesbarkeit von LN-Artikeln überhaupt einen höheren Stellenwert in der Redaktionsarbeit bekommen hat.

Kollektive Redigierarbeit

Höherer journalistischer Anspruch, wesentlich höherer Aufwand in Sachen Layout – die Arbeit an einer Ausgabe der LN ist nicht weniger geworden, sondern mehr. Noch vor zehn Jahren fand der Umbruch, die Heftproduktion mit allem Kleben und Ausschneiden in einer einzigen Nacht statt. Inzwischen ist am Umbruchwochenende zum üblichen LN-Termin am Donnerstagabend längst der ganze Samstag gekommen, und nicht selten arbeiten Redaktionsmitglieder 20 Stunden am Stück bis in den Sonntagmorgen, bis das Päckchen für den Drucker fertig ist. Ein Päckchen allerdings, das von Jahr zu Jahr kleiner wird. Vor zehn Jahren waren es ganze Pappkartons mit umgebrochenen LN-Seiten und dazu allen Vorlagen für die Bilder, die zum Drucker geschleppt werden mußten. Das Zeitalter des Scanners hat dem ein Ende gemacht. Noch geht die neue LN-Ausgabe auf Diskette in die Druckerei, aber es ist nur noch eine Frage von Zeit und Geld, bis die fertigen Seiten direkt von Computer zu Computer übermittelt werden.
Niemand allerdings muß befürchten, demnächst die LN nur noch in Form einer Internet-Adresse zu bekommen, unter der sich das geschätzte Publikum die Zeitschrift freundlicherweise selbst herunterladen sollte. Zwar würde das Druck- und Portokosten sparen, aber auch für die Redaktion wäre es undenkbar, nicht das Produkt, die fertige Ausgabe, ein paar Tage später in der Hand halten zu können. Das letzte Stück echte Handarbeit wird bleiben, das nicht ganz freiwillig auf dem LN-Programm steht: Um die LN als Postvertriebsstück versenden zu können, müssen die Hefte nach Postleitzahlbereichen sortiert, mit einem entsprechenden Zettelchen versehen und mit ordinärer Kordel zusammengebunden werden. Die Schere als Arbeitsgerät hat dank der privatisierten Hightech- und HochglanzdeutschepostAG noch eine Funktion, und der Redaktion ist einmal im Monat ein Abend verblieben, an dem niemand isoliert vor dem Bildschirm sitzt, sondern alle kleben, schneiden und knoten. Echt kollektiv eben. Im Prinzip jedenfalls.

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