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Vorstadtwelten in Zeiten des Umbruchs

Seitdem bei den Sportübungen ihre Brüste wackeln, schaut ihr Vater sie nicht mehr an. Und seit sie von der Schule zur Fahnenträgerin auf einer Veranstaltung mit Politikern des gerade vollzogenen Militärputsches ernannt wird, spricht er nicht mehr mit ihr. Erwachsenwerden ist nicht leicht. Anhand dieser problematischen Vater-Tochter-Beziehung wird eine Geschichte vom Wegsehen und Schweigen, aber auch von Widerstand erzählt. Einmal gegen den eigenen Vater, ein andermal gegen die politischen Verhältnisse während des Putsches 1976 in Argentinien.
Die Autorin Claudia Piñeiro, 16 Jahre vor dem Putsch in Argentinien geboren, erzählt in dem Buch ihre Jugend. In der Widmung an ihren Bruder schreibt sie, dass nur er wisse, wie viel wahr und wie viel erfunden sei. Im Zentrum steht nicht der Militärputsch sondern ein heranwachsendes Mädchen, deren Beziehung zu ihrem Vater und ihre Erlebnisse in einer Zeit des Umbruchs. Das Buch besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil „Mein Vater und die Fahne“ erzählt die Handlung. Als Ergänzung dazu folgen im zweiten Teil „Matrjoschkas“ Anmerkungen in Form von Fotos, Hintergrundinformationen und Anekdoten zu den geschichtlichen Ereignissen, vor allem aber zur Familie der Autorin.
Beschrieben wird die widersprüchliche Gefühlswelt eines jungen Mädchens im Jahre 1976 in der Vorstadtwelt von Buenos Aires. Ihre persönlichen Höhen und Tiefen sind mal der Pubertät geschuldet, mal der politischen Situation. Zunächst genießt sie die Tage in jenem Sommer mit ihren Freundinnen beim Schwimmen und Sonnen im Sportclub. Doch schon bald wird diese unbeschwerte Zeit von einem folgenschweren Ereignis überschattet: Ihr Vater spielt eines Tages mit ihrer Lehrerin im Club Tennis. Und alle sehen es. Der Tochter scheint nicht bewusst zu sein, was genau das bedeutet, aber das Gefühl, dass er etwas Falsches getan hat, sowie der Gesichtsausdruck ihrer Freundinnen sorgen dafür, dass sie sich nachts in den Schlaf weint. Ein großer Riss entsteht in ihrer Anerkennung gegenüber dem schönen Vater, dem „Kommunist in Unterhosen“, der Sportübungen in der Küche macht und dem sein tägliches Stück Fleisch so wichtig ist. Dies ändert jedoch nichts daran, dass sie seine Anerkennung ersehnt. Im Laufe der Zeit wird es allerdings immer schwieriger, dieses Bedürfnis mit der Welt außerhalb ihres Zuhauses in Einklang zu bringen. Dass es einen Militärputsch gab, wird zunächst nur nebenbei erzählt, entwickelt sich aber dennoch zu einem zentralen Aspekt. Dieser Blickwinkel zeigt sehr deutlich, mit welchen Problemen Jugendliche zur Zeit der jungen Militärduktatur zu kämpfen hatten. Viele ihrer Freundinnen plappern unbedacht die Meinungen ihrer Eltern nach – passend zum neuen System. Die Protagonistin spürt, dass sie das nicht kann. Denn ihr Vater vertritt weiterhin vor ihr deutlich seine kommunistischen Ansichten. Die Welt ihrer Freundinnen und der Schule entfernt sich immer mehr von der Welt ihres Zuhauses. Es entsteht ein Spannungsfeld, das immer größer wird und sie am Ende des Buches zu einer Entscheidung zwingt.
Durch die leichte Art des Erzählens von Claudia Piñeiro, kann sich die Leser*innenschaft sehr leicht in die Gefühlswelt des Mädchens hineinfinden. Sie beschreibt anschaulich den Kampf zweier Seelen in einer jungen Brust, der stellvertretend für eine ganze Generation steht; von dem Wunsch nach Akzeptanz und Bewunderung innerhalb der Gesellschaft und gleichzeitig dem Gefühl dennoch irgendwann mutig politisch handeln zu müssen – egal was danach passiert.

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