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Warten auf Usher

Warum brauchen orthodoxe Jüd*innen immer zehn Personen, um irgendetwas zu tun? Diese Frage stellt sich der ausgewanderte Argentinier Ariel seit seiner Kindheit. Als Schuljunge konnte Vater Usher einfach nicht zu einer Veranstaltung in der Schule kommen, weil er als zehnte Person bei einer jüdischen Beerdigung zugegen sein musste. Die Enttäuschung sitzt noch tief in dem mittlerweile etwa Vierzigjährigen, der seit Jahren in New York wohnt und nicht mehr viel mit seiner Familie und deren jüdischen Traditionen zu tun hat. Doch Ariel entscheidet sich, zurück nach Buenos Aires zu fahren und seinen Vater dort aufzusuchen. Es beginnt eine verrückte Odyssee.
Ankunft im jüdischen Viertel „El Once“: Ariel sucht die Stiftung auf, die von seinem Vater Usher geleitet wird – und findet dort alles, nur den Vater nicht. Es ist ein Film über eine Begegnung, die nicht stattfindet. Hier sind nur Schlange stehende Familien, Stimmengewirr, Tiefkühltruhen mit Fleisch, auf dem jemand herum hämmert, um es zu lösen, Kartons voller abgelaufenen Medikamente, telefonierende Menschen, Kleidungsständer, die die Sicht versperren. Die wirre und manchmal hektische Kameraführung ist auf ihre Art präzise, indem sie humorvoll das Chaos und die Verlorenheit Ariels in dieser Welt zum Ausdruck bringt. Per Telefon erhält er schließlich den väterlichen Auftrag, ein paar Dinge für seine Stiftung zu erledigen. Die Aufträge häufen sich. Eine ganze Woche lang wird der Sohn versetzt und mit immer neuen Aufgaben betraut; eine ganze Woche lang kämpft er sich durch „El Once“ und kommt geradezu wider Willen zu seinen jüdischen Wurzeln zurück.
„Dokumentarisch“ hat Regisseur Daniel Burman dieses Eintauchen in den jüdischen Stadtteil von Buenos Aires bescheiden genannt. Die eingefangenen Bilder und Situationen beweisen darüber hinaus einen ausgeprägten Sinn für Ästhetik, die Erzählweise ist voller Witz. Auch der Blick auf das orthodoxe Judentum ist liebevoll und doch immer leicht ironisch. Da ist etwa der Moment, in dem Ariel einer Frau in die Synagoge folgt und dort von Rabbis überrascht wird, die mit ihm kurzerhand und völlig aufgeregt ein Ritual durchführen, damit er die Kippa tragen darf. Die Figuren, denen Ariel an seinem früheren Heimatort begegnet, sind durchweg skurril und ziehen ihn ins Groteske. „Purim“, das jüdische Karnevalsfest steht bevor und gibt unterschwellig den Ton für die gesamte Handlung an, die tatsächlich einem Maskenball ähnelt. Ariels Rolle ist hingegen maßgeblich durch einen Charakterzug gezeichnet: Ihm passiert diese ganze Geschichte, ohne dass er auch nur annähernd Herr der Geschehnisse ist – gerade das macht den humorvollen Aspekt der Geschichte aus.
Interessant ist dabei, dass es den berüchtigten Vater Usher – der erst ganz am Schluss des Films für etwa eine Minute zu sehen ist – tatsächlich gibt, genauso wie seine Stiftung und die Leute, die darin arbeiten. Nur für die Hauptrollen wurden Schauspieler eingesetzt; der Film bewegt sich somit zwischen Realität und Fiktion. Einzig bei letzterer ist Burman als Autor des Films weniger gewandt: Ein Liebesverhältnis, das sich im Laufe des Films anbahnt, ist allzu vorhersehbar und konstruiert, ohne die Geschichte als solche wirklich zu bereichern; zuweilen fehlt es den Charakteren an psychologischer Tiefe. Vor allem die gestörte Vater-Sohn-Beziehung, die eigentlich so treffend durch Ushers ständige Abwesenheit dargestellt wird, wird nur halbherzig zu Ende erzählt, und mit einer Leichtigkeit, die zum Teil unglaubwürdig ist. So wird ein eigentlich dramatischer Aspekt etwas leichtfertig abgehakt. Andererseits hätte der Regisseur den witzigen Grundton des Films anders aber auch gar nicht durchhalten können. Genau auf diesen Humor muss mensch sich als Zuschauer*in also einlassen.

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