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Weil die Familie Dollars braucht

„Pacquiao! Pacquiao?“ Während der Großvater in Sonntagskleidung am Baum im Garten uriniert, ruft Mateo vergeblich nach seinem Hund. „Ich habe ihn in die Kiste gelegt. Jemand scheint ihn vergiftet zu haben.“ Was der Großvater nicht weiß, ist, dass Mateo mit dem Tod seines Hundes für seine „Feigheit“ büßt. Denn im letzten Moment ließ er die Pistole fallen und machte sich aus dem Staub, als er den Mann auf der Straße umlegen sollte. Es wäre die letzte Tat gewesen, um in die Gang aus jungen Männern des Dorfes aufgenommen zu werden. Stattdessen muss Mateo nun Rache fürchten.
Der 17-jährige Protagonist in Damian John Harpers Filmdebüt Los Ángeles hat bis auf den nächtlichen Mord alle abverlangten Taten ausgeführt, um Mitglied der Gang zu werden. Was ihn trieb, war der Gedanke, über deren Netzwerke Unterstützung zu bekommen, wenn er erst einmal in Los Angeles sein sollte. Denn so will es die Mutter und so hat es der Großvater entschieden: Nachdem der Vater die Familie im Stich gelassen hat, soll ihm Mateo als ältester Sohn folgen, an seiner Stelle in den USA arbeiten und Geld nach Hause schicken. Die Stadt Los Angeles steht als Synonym für das Überleben der Familie, ja des ganzen Dorfes.
Die Dollars, die emigrierte Familienmitglieder nach Hause schicken, sind am realen Drehort des Films, in einem Dorf im Süden Mexikos, überlebenswichtige Einkommensquelle. Nach seinem Studienabschluss in Ethnologie lebte Regisseur Harper für ein Jahr im zapotekischen Santa Ana del Valle im Bundesstaat Oaxaca. Nach über zehn Jahren freundschaftlicher Verbindungen entschloss er sich zu seinem Drehbuch. „Ihre reziproken Strukturen gesellschaftlicher Organisation, ihre starken familiären Werte und ihre jährliche fiesta faszinierten mich“, so Harper. Indem er sämtliche Rollen mit Dorfbewohner*innen, also Laien, besetzte, die sozusagen sich selbst verkörpern, ging er ein Wagnis ein. Aber gerade dadurch ist Los Ángeles so nah an der realen Lebenswelt seiner Charaktere, wie es für einen Spielfilm nur vorstellbar ist. Neben einer packenden Handlung gewinnt der Film auch an dokumentarischem Wert.
Unterschiedliche Facetten der Migration werden durch die verschiedenen Charaktere des Films sichtbar. Neben dem jungen Protagonisten Mateo, der sich auf seine Ausreise vorbereitet, ist da der soeben zurückgekehrte Familienvater Marcos. Die Schwierigkeiten, sich in seiner alten Umgebung zurechtzufinden, machen Konflikte unausweichlich. Parallel wird im Dorf laut über den abwesenden Lino spekuliert, er mache in Los Angeles einen auf fiesta. Leise steht zugleich die Sorge um ihn im Raum. Dass er weinend auf den Anrufbeantworter gesprochen hat, dass er im Gefängnis um sein Leben fürchtet, verheimlicht Mutter Lidia.
Nicht ein einziges Mal taucht das wahre Los Angeles in den Bildern des Films auf; die Situation der Emigrierten in den USA bleibt durch Stimmen am Telefon nur angedeutet. Eine wacklige Handkamera folgt den Figuren von der Haus- zur Feldarbeit, von der Kirche zum Dorffest. Wenn auch Hintergrundkenntnisse für das Verständnis des Films hilfreich sind, ist es Damian John Harper gelungen, ein Stück der mexikanischen Realität mit größter Authentizität zu verfilmen: Der Gedanke an die Emigration bringt Unruhe in den Alltag, die Abwesenheit der Emigrierten lastet auf den Familien. Neben mehreren Preisen bei Filmfestivals wurde Los Ángeles mit dem Prädikat „besonders wertvoll“ der Deutschen Film- und Medienbewertung ausgezeichnet. Ab 29. Januar 2015 wird die ZDF-Koproduktion in den deutschen Kinos laufen.

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