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„Wenn ich singe, vergesse ich alles“

Sie haben gerade im Berliner Konzerthaus gesungen, einem Ort für meist klassische Musik. Wie war das?
Ich sage Ihnen die Wahrheit: Ich fühle mich, als würde ich gerade erst anfangen zu singen, fast wie eine neue Karriere. Die Sprache und die Eindrücke des Operntheaters. Man fühlt sich nervös, aber gleichzeitig gut, denn die música de identidad eines Volkes ist – ohne viel Werbung machen zu wollen – hier an dem Ort, der ihr zusteht. Nicht alle Länder müssen auf die gleiche Weise tanzen, denn jedes Land hat seine eigenen Gebräuche und wir als Kolumbianer haben glücklicherweise eine riesige musikalische Vielfalt, die man zeigen und fortentwickeln sollte.

Die Cumbia ist zentral für Ihre Musik. Erzählen Sie, wie lief ein Cumbia-Fest früher ab?
Die Cumbia ist die Königin und der porro [auf die indigene gaita-Musik zurückgehender Rhythmus, Anm. d. Red.] ist der König. Die ruedas de cumbia [wörtlich Cumbia-Kreis] feierte man an Feiertagen. Fast immer rief der millero [Millo-Flötenspieler] des Dorfes eine rueda zusammen. Ich habe hier keinen, ich habe stattdessen die gaita [prekolumbisches Instrument] dabei. Der millero des Ortes ruft allein den Kreis der Tamborspieler zusammen. Die rueda ist ein gemeinsames Fest, die Musik ruft die Leute zusammen. Weil es einen Grund für das Fest gibt, stellt man einen blumengeschmückten Mast in die Mitte und ein Podium, auf dem die Musiker mit dem millero stehen. Da es keine Stromversorgung gab, benutzte man Büschel mit Baumwolle und Benzin oder Olivenöl. Der Mann schenkte der Frau Kerzen, um sie um den Tanz zu bitten. Dann kommt eine Art Ritual im Dorf. Die Männer übergeben den Frauen Kerzen, denn wir sind diejenigen, die das Feuer bewachen. Die Tanzschritte und Figuren entsprechen der Verführung der Frau durch den Mann. Und da Cumbiatanzen wie eine Droge ist, tanzt man bis fünf Uhr früh im Kreis. Man betrinkt sich nicht, denn es wird ein erhitzter ñeque-Rum [in Kupferkesseln destilliert] mit Rohzucker und Tee gemixt, das macht man nicht, um sich zu betrinken. Schon die Chimila [Indigene aus den Regionen Magdalena, Cesar, Santa Marta] tanzten Cumbia, ihr Periyero-Tanz ist eigentlich eine Cumbia. Später partizipierten mehr Menschen aus Kolumbien an dieser Kultur. Die ruedas wurden an der gesamten Küste Kolumbiens getanzt, vor über 50 Jahren, trotz der Probleme. In der Sábana de Bolívar heißen sie ruedas de fandango. Dabei haben die Musiker, die gleiche Figur, sie stehen erhöht und spielen für die Tänzerinnen.

Beziehungen spielen also eine große Rolle bei diesen Tänzen?
Sie sind von schönen Liebesgeschichten inspiriert. Die Cumbia ist ein Tanz, um jemandem den Hof zu machen und hat ihre eigene Sprache. Es gibt die Gaffer und die, die tanzen. Wir tanzen, und ein Tänzer sagt vielleicht, ich kaufe dir Kerzen. Wenn er Kerzen kauft, dann kauft er die für eine Frau. Und der Partner dieser Frau kommt und sagt ihm, ich verkaufe sie dir nicht. Wenn er das machen würde, könnte er seine Tanzpartnerin verlieren, aber er passt auf sie auf, mittels des Feuers. Denn die Kerzen sind ungefähr zwei Handteller groß, aber wenn sie heruntergebrannt sind, kann man sich den Arm verbrennen. Wenn er weiter mit mir tanzen will, muss er mir schon ein zweites Paket Kerzen kaufen!

Wie wurde diese Musik aufgezeichnet?
Ihr müsst euch Bauern vorstellen, die Instrumente fanden, die mit den Schiffen kamen. „La Pinta, la Niña y la Santa María“, die Schiffe des Kolumbus, und danach alle anderen. Da ihre Musik Vögel imitierte, zeichneten sie ihre Partituren in einer einzigen Linie. Sie unterschieden sie nach der Funktion des Instruments: Das Euphonium spielte zuerst, es bekam ein großes Rad gezeichnet. Dann kam die Klarinette, für sie standen kleinere Pünktchen. Die Trompete, die dem Euphonium folgte, bekam ein größeres Zeichen. So spielten sie Blasmusik, sie imitierten die Töne der gaita, die Stimmen der Cantadoras, weil man diese Musik verboten hatte. Wenn du diese Blasmusik hörst, denkt man doch, da fehlen nur noch die Geigen, die Cellos.

Was ist – angesichts all der Anerkennung, die Sie inzwischen bekommen – noch zu tun in der kolumbianischen Kulturpolitik?
Kultur ist ja keine Politik. Wird sie zur Politik, ist sie keine Kultur mehr. Es ist musikalische Strategie mittels der Kultur. Es müsste eine Institution geben, die nichts mit der Politik zu tun hat. Als ich anfing zu singen hieß es, was soll das für eine Musik sein, das existiert doch gar nicht. Aber es stellt sich heraus: Sie existiert doch!
Wenn die Menschen sich diese Musik aneignen, und diese eine wirkliche Ausbreitung erfahren hat, in dem Moment haben wir es geschafft. Damit werden die Leute in Kuba identifiziert, die Mexikaner, die Brasilianer… und dies ist die kolumbianische Musik.
Die jungen Leute sind unruhig, sie suchen, wie man einen Schatz sucht. Den kann aber nicht der finden, der sie unbedingt finden will, sondern der, der nicht auf der Suche ist. Man muss abwarten, es entstehen neue Genres, aber die können wieder verschwinden.
Die Musik der Karibikküste wird inzwischen mit neuen Elementen vermischt…
Wir haben genug Arbeiten, die wir weiterentwickeln und zeigen können. Es heißt, in dieser Musik ist das Alte neu und das Neue alt. Die Akkorde, die die Band für den Wind benutzt, sind Akkorde der Blasmusik, der traditionellen Musik der Sábana de Bolívar. Man muss nicht nach Brasilien oder nach Mexiko oder Kuba, wir haben unseren eigenen Sound. Von der Cumbia sagen sie, sie sei aus Chile oder aus Argentinien, aber sie kommt aus Kolumbien. Das ist doch klar [lacht]. Man erzählt mir, dass sie eine Menge machen mit meiner Musik, von Kalkbrenner, diesem DJ, zum Beispiel habe ich aber noch nie Tantiemen gesehen, nein.

Wie war die Erfahrung mit Calle13?
Ich nehme solche Einladungen an, weil es einen Mythos gab über uns. Die Cantadoras könnten nicht in Harmonien und Melodiestrukturen singen. Aber dieser Mythos erwies sich als falsch. Die Seele einer Cantadora ist universal. Alles ist Essenz. Calle 13 kamen an einem Montag an. Aber mir war etwas merkwürdiges passiert. Das erzähle ich zum ersten Mal. Am Freitag machte ich Fisch, und eine Gräte blieb mir im Hals stecken, zweieinhalb Zentimeter, eine Klinge! Dabei esse ich oft Fisch. Ich konnte nicht schlafen. Der Arzt konnte sie entfernen, ich hatte schon furchtbare Angst, denn ich musste ja am Montag mit Calle 13 singen!

Und der Sound des neuen Albums?
Beim neuen Album geht es um musikalische Leidenschaft. Es geht ja darum, dass viele Leute diese Musik hören sollen. Ein Song, den wir neu im Programm haben, ist „El Gallo Tuerto“ [„der einäugige Hahn“]. Ich hatte 60 Hühner, als ich in Araguara gelebt habe. Der Hahn hat immer mich als erstes begrüßt, denn ich lehnte mich immer ins Fenster und sang für die Hühner. Und er bekam sein Futter von mir.

Welche anderen Geschichten erzählen Ihre Songs?
Alle Lieder, die wir singen, sind Geschichten. Alle. Man versteht vielleicht nicht die Worte, aber mit der Gestik allein bekommt man es mit, sie sind aussagekräftig… und man gerät in eine Art Ekstase, oder? Das ist das Wichtige an der música de identidad. Es kommt ein Moment, ab dem man den tambores zuhört, dem Sound, und man bleibt dort. Als würde sie dich leiten. Wenn man mir sagt, ich kann singen, vergesse ich alles – dass ich Schulden oder ein Haus habe, alles. Hier wenigstens habe ich noch nicht zuhause angerufen, ich bin mit Singen beschäftigt.

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