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„Wer seine Frau schlägt, ist ein Hosenscheißer“

Machismus ist nicht nur ein, sondern „viele verschiedene Probleme von Ungleichheit, die sich in den unterschiedlichsten Aspekten wie Einfluss, Erwartungen, Autonomie und Glück zeigen“, findet Manuela Veloso Dörner. Die Jurastudentin ist Teil einer feministischen Gruppe in Santiago de Chile, die alltägliche machistische Erfahrungen im Berufs- und Privatleben problematisiert und die männliche Dominanz in ihren verschiedenen Umfeldern sowie fehlende weibliche Identifikationsfiguren in Chile kritisiert. Die 2011 erschienene Studie Evolving Men der Organisation International Center for Research on Women (ICRW), in der Geschlechterrollen verglichen werden zeigt, dass 40 Prozent der chilenischen Bevölkerung der Meinung ist, dem Mann gehöre bei Entscheidungen das letzte Wort. Diese Mentalität schlägt sich auch in der großen Zahl von Fällen häuslicher Gewalt nieder, die vor allem chilenische Frauen erleiden.
Hohe Erwartungen knüpfen sich deshalb an die zweite Amtszeit von Präsidentin Michele Bachelet, die im März beginnt. Von 2010 bis 2013 war sie geschäftsführende Direktorin der UN-Frauen-Organisation UN Women. Bachelet fordert unter anderem in gesundheitlich gefährlichen Fällen und nach Missbräuchen Schwangerschaftsabbrüche zu erlauben. Ihr Vorgänger Sebastian Piñera hatte sich erst 2013 im Fall eines elfjährigen schwangeren missbrauchten Mädchens öffentlich zum Thema Abtreibung geäußert. „Das Leben der Mutter steht in unserem Land an erster Stelle“, sagte er. Seit der Diktatur Pinochets ist Abtreibung in Chile jedoch verboten. Auch Amnesty International weist auf die Missachtung sexueller und reproduktiver Rechte von Frauen in Chile hin und ein UN-Ausschuss forderte bereits im Oktober 2012 Abtreibung zu entkriminalisieren und die chilenische Gesetzgebung auf die Rechte von Frauen zu überprüfen.
Wichtig ist daher die Ankündigung von Bachelet, den seit 1991 bestehenden Sernam in ein Ministerium umzuwandeln. An der Spitze des Sernam steht seit 2013 Loreto Seguel King. „Wir haben nicht die gleichen Möglichkeiten wie ein Ministerium. Um mehr Mittel und Angestellte haben wir schon oft gebeten, aber es passiert nichts“, sagt die Leiterin. Dabei wäre ein Ausbau dringend notwendig. Insgesamt erleben 35 Prozent der chilenischen Frauen in Partnerschaften und Familien psychische, physische, ökonomische oder sexuelle Gewalt. Wie hoch die Dunkelziffer ist, ist unbekannt. Laut einem Bericht über Femizid und häusliche Gewalt der chilenischen Staatsanwaltschaft von 2012 ereignen sich an einem Tag 17 Vergewaltigungen und 34 sexuelle Missbräuche in dem lateinamerikanischen Land. Bei den registrierten Sexualdelikten sind überwiegend Frauen die Opfer und die Täter meist Familienmitglieder oder Lebenspartner.
Die staatliche Förderung des Sernams reicht nicht aus, um dem Problem angemessen zu begegnen. So auch im Frauenzentrum von Puente Alto, der größten Kommune Santiagos. Wenn Frauen Opfer von Gewalt, Missbrauch und Mobbing werden, finden sie in den Frauenzentren des Sernam juristische und psychologische Unterstützung. In der Region Metropolitana rund um Santiago gibt es insgesamt 28 solcher Anlaufstellen. Ziel der Zentren sei es, Gewalt vorzubeugen, zu unterbinden und bei erfahrener Gewalt zu beraten, sagt Beatriz Vargas, Leiterin des Frauenzentrums in Puente Alto. Im Durchschnitt kommen Frauen vier bis sechs Monate zur Beratung. Wenn es zu einem Gerichtsprozess kommt, dauert dies bis zu zwei Jahre.
Dass häusliche Gewalt in allen sozialen Schichten passiert, sieht Beatriz Vargas an den Frauen die in das Zentrum kommen. Puente Alto ist auf der einen Seite von hoher Armut, Drogenkonsum und Gewalt geprägt. Auf der anderen Seite leben viele höher Qualifizierte aus der Mittelschicht in der Kommune. Wegen gewaltsamen Erfahrungen innerhalb der eigenen vier Wände kommen Frauen aus allen Einkommensklassen zur Beratung in das Frauenzentrum.
Bei der Polizei in Puente Alto gingen im letzten Jahr 4.200 Anzeigen gegen häusliche Gewalt ein. Daraus folgten 1.200 Festnahmen. 520.000 Menschen leben in dem Stadtteil. „Es gibt keine exakte Zahl über Vorfälle von häuslicher Gewalt“, sagt Vargas. Das Problem liege in der fehlenden gebündelten Datenbasis und der hohen Dunkelziffer. Im letzten Jahr kamen 400 Frauen in das Frauenzentrum. „In diesem Jahr rechnen wir mit einer größeren Zahl“, sagt Vargas. Wie viele unter ihnen unter häuslicher Gewalt leiden, wird nicht vermerkt.
„Die Frauen erleben unterschiedliche soziale Rollenerwartungen und dementsprechend unterschiedliche Arten von Gewalt. Manche haben mehr Bewusstsein für Genderfragen, andere weniger.“ Beatriz Vargas erzählt, dass sich viele Frauen für das, was ihnen passiert selbst die Schuld geben. „In unserer Gesellschaft kommt es sehr häufig vor, dass Frauen innerhalb einer Beziehung der Kontakt zur ihrer Familie oder ihren Freunden und Freundinnen untersagt wird. Oft sind sich die Frauen nicht bewusst, dass dies ein Problem für sie darstellt. Eifersucht wird mit Liebe gerechtfertigt“, erzählt Vargas.
Das Schlimmste, was den Sozialarbeiter_innen und Jurist_innen im Frauenzentrum von Puente Alto immer wieder passiert, ist, wenn eine Frau nicht mehr zu den Beratungen kommt und zu ihrem Partner, der sie schlägt oder ökonomisch begrenzt, zurückkehrt.
Das Frauenzentrum ist nicht das einzige Projekt des Sernams in Puente Alto. Auch andere Programme beschäftigen sich mit dem Problem und der Prävention von häuslicher Gewalt. In einem Pilotprojekt soll schon in Kindergärten Vierjährigen gezeigt werden, dass sich mit Gewalt keine Konflikte lösen lassen. „Wir müssen einen kulturellen Wandel fördern, in dem deutlich wird, dass Gewalt in Partnerschaften nichts Natürliches ist“, sagt Viviana Paredes Mendoza, Ministerialdirektorin des Sernam.
Im Juli 2013 gab die Institution bekannt, landesweit einen neuen Plan zur Vorbeugung von Gewalt gegen Frauen umzusetzen. Dieser sieht vor, Frauen, die Gewalt angezeigt haben, persönlich zu kontaktieren und mit öffentlichen Ämtern besser zusammenzuarbeiten. Außerdem sollen in chilenischen Kommunen Diskussionsveranstaltungen für das Thema sensibilisieren und zeigen, wie auch Außenstehende häusliche Gewalt erkennen und an wen sie sich wenden können. Die letzte Medienkampagne des Sernam gegen häusliche Gewalt gab es 2011. Die Plakate sprachen vor allem die Aggressoren an: „Wer seine Frau schlägt, ist ein Hosenscheißer“, hieß es.
Beatriz Vargas kritisiert die Politik des Sernam als eine angeordnete Politik der Zahlen. Für das Zentrum in Puente Alto bedeutet dies, 300 Frauen im Jahr zu betreuen, 90 Personen in Kursen zu sensibilisieren und 40 thematisch fortzubilden. „Unsere Arbeit wird nicht hinterfragt, sie hat keinerlei Auswirkungen auf die Politik“, sagt Vargas. Vor allem vor konservativen Autoritäten muss sich das Zentrum in Puente Alto rechtfertigen. Dort bestehe kein Interesse über Gleichheit und Geschlecht zu reden, da dadurch traditionelle Rollen bedroht würden, erklärt die Sozialarbeiterin. Der Internationale Frauentag am 8. März wäre ein guter Moment, um diese Rollen zu hinterfragen. Doch noch im vergangenen Jahr hatte das offizielle Kulturprogramm zu diesem Tag im Santiagoer Stadtteil La Florida Fragwürdiges parat: Auf Plakaten wurde die Schönheit der Frau beschrieben, während auf einer kleinen Bühne ein Sportprogramm mit Wischmopp vorgetanzt wurde.

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