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Wim Wenders kann kein Spanisch

Herr De Marcos, haben Sie mittlerweile den Dokumentarfilm von Wim Wenders zum Buena Vista Social Club gesehen, und was halten Sie von dem Film?

Ja, natürlich habe ich ihn gesehen. Zuerst möchte ich einmal festhalten, daß der Film sehr verkaufsfördernd für unsere Platte war. Mir persönlich gefällt der Film jedoch nicht sonderlich gut.

Und warum?

Die Sprache des Films gefällt mir nicht. Es ist die Sprache und die Ausdrucksweise der Industriestaaten, und hat wenig mit Kuba zu tun. Das liegt an der Einstellung, den Parametern von Wim Wenders, der sicherlich ein guter Regisseur ist, aber mir gefällt seine Herangehensweise und somit auch seine Darstellung nicht.

Wer hatte denn überhaupt die Idee, die alten Soneras und Soneros zusammenzutrommeln und den prämierten Buena Vista Social Club aufzunehmen? War es die Idee von Ry Cooder, war es die Ihre oder war es eine gemeinsame Idee?

Die Idee, eine Platte mit den alten Soneros und Soneras Kubas zu machen, stammte von mir. Die Idee den Buena Vista Social Club aufzunehmen, was ursprünglich eine Platte werden sollte, in der afrikanische auf traditionelle Musik aus dem Osten Kubas trifft und sich mischt, stammte von Ry Cooder. Als er nach Kuba kam, wollte er gemeinsam mit einigen Musikern aus Afrika, die nie ankamen, und einigen kubanischen Musikern eine Session aufnehmen. Aber die Idee, die alten Soneras und Soneros in Kuba aufzusuchen und ins Studio zu bitten, kam von mir.

Hat es Sie nicht geärgert, daß die Darstellung im Film Buena Vista Social Club eine ganz andere ist? Dort tauchen Sie nur am Rande auf, und die Darstellung in den Medien bezieht sich weitestgehend nur auf Ry Cooder, dem die Idee zugeschrieben wird, obgleich sie von Ihnen stammt.

Natürlich ist diese Darstellung außerordentlich seltsam, zumal Wim Wenders und Ry Cooder oder zumindest letzterer es schließlich besser wissen mußten. Vielleicht dachten Sie sich, daß sich der Film so besser verkaufen läßt. Vielleicht klingt es ja besser für das amerikanische oder europäische Publikum, wenn da steht “Ry Cooder in Havanna” und daß er die Sachen ins Rollen gebracht hat, aber das ist nun einmal eine Lüge.

Wenn Sie den Film vor dem inneren Auge Revue passieren lassen, würden Sie dann sagen, daß der Film dem Zuschauer etwas über kubanische Musik, deren Geschichte und ihre Akteure vermittelt?

Der Film ist eine europäische Interpretation und recht schematisch. Sowohl Soneras und Soneros als auch den Musikern werden die gleichen Fragen gestellt, so daß der Film meiner Meinung nach wenig über unsere Musik und Kultur vermittelt.
Es gab nicht allzuviel Kontakte zwischen Wim Wenders, den Kubanern und der kubanischen Musik und Kultur. Er war nie zuvor in Kuba und sein einziger Kontakt war sein Freund Ry, mit dem er in vielen Filmen zusammengearbeitet hatte. Dann kam der Erfolg der Platte, die Wim Wenders natürlich aufgrund seiner Freundschaft zu Ry recht früh gehört hat. Darauf hin hatte er die Idee einen Dokumentarfilm zu drehen, wobei es aber niemals einen echten Kontakt zwischen ihm und den Protagonisten des Buena Vista Social Club gab. Soweit ich weiß, war auch die Zeit, die dem Dokumentarfilm für Recherchen vorausging recht kurz. Vielleicht erklärt dies, warum der Film den Ablauf des Geschehens so darstellt – es ist eben die Sichtweise des Regisseurs.

Spricht Wim Wenders denn überhaupt spanisch?

Nein, absolut nicht.

Aber ist dies nicht eine Grundvorraussetzung, um in Kuba zu arbeiten?

Natürlich ist es besser, wenn man spanisch spricht, aber er hatte natürlich einen Dolmetscher. Er hat sich auch bemüht zuzuhören, aber letztlich konnte er die Leute nicht verstehen; doch das war weniger ein sprachliches als ein kulturelles Problem. Das ist auch der Hauptgrund, weshalb mir der Film nicht gefällt – er ist eine Interpretation aus europäischer Sicht, ohne den eigentlichen Charakter Kubas zu erkennen. Doch das ist meine persönliche Meinung. Andererseits habe ich mich natürlich gefreut, daß der Verkauf der Alben durch den Film weiter angekurbelt wurde. Aber das eine ist nun einmal die ökonomische, das andere die künstlerische Perspektive.

Die gerade erschienene Platte der Afro Cuban All Stars, Distinto, diferente unterscheidet sich beträchtlich vom Vorgänger A toda Cuba le gusta – warum haben sie die Stücke im Stile der 90er Jahre arrangiert und produziert?

Die Platte sollte sich von der vorherigen unterscheiden, weil es mir nicht gefällt, das Gleiche noch einmal zu machen. Ich bin kreativ. Mir macht es Spaß neue Sachen auszuprobieren, anstatt alte Konzepte drei oder vier mal aufzuwärmen. Deshalb ist die aktuelle CD Distinto, diferente sehr viel breiter angelegt als die erste. Die erste Platte hatte eine zentrale Botschaft: die Botschaft der alten Soneras und Soneros, die gemeinsam mit jungen Musikern die Musik der 50er und 60er Jahre noch einmal aufleben ließen.
Die erste Platte der Afro Cuban All Stars A toda Cuba le gusta wurde auch vor dem Buena Vista Social Club aufgenommen – allerdings mit den gleichen Musikern, die ich für diese Aufnahme ausgesucht habe.
Dabei gibt es drei spezifische Ausnahmen: Compay Segundo, Eliades Ochoa und Omara Portuondo. Die anderen Musiker sind identisch mit den Musikern, die bereits für A toda Cuba le gusta im Studio waren. Die neue Platte der Afro Cuban All Stars unterscheidet sich, wie der Titel schon sagt, von der ersten. Sie hat einen ganz anderen Sound und ein wesentlich größeres Repertoire. Die Idee war, zur Jahrtausendwende ein Album vorzulegen, das die wichtigsten kubanischen Musikstile dieses Jahrhunderts vereint. Diesmal allerdings im Stil der 90er und nicht wie zuvor im Stil der 50er und 60er Jahre produziert und arrangiert.
Wir beziehen uns auf die Wurzeln der kubanischen Musik, aber es ist trotzdem Musik des Jahres 1999. Besonders deutlich wird das an dem Stück Reconciliación, einem Son, der starke Einflüsse der kubanischen Timba hat, dem derzeit populärsten Stil der kubanischen Jugend. 75 Prozent der Musikstile, die Kuba hervorgebracht hat, sind auf dem aktuellen Album vertreten, das gleichzeitig eine Hommage an die längst verstorbenen Künstler wie Caridad Cuervo, Eddy Gaitán, Laíto Sureda, aber auch an meinen Vater ist.

Ist ein derartiges Konzeptalbum für das europäische Publikum nicht wesentlich schwieriger zu verstehen als das mittlerweile legendäre Album A toda Cuba le gusta?

Das ist richtig, aber mir gefällt es nun einmal zu experimentieren, etwas neues zu machen. Das ist mir wichtiger als der ökonomische Erfolg. Wenn sich das Album nicht verkauft, haben wir eben Pech. Jedoch glaube ich, daß das Album sehr tanzbar ist und den Leuten gefällt es überall zu tanzen. Da fällt es vielleicht nicht so ins Gewicht, daß es ein modernes Album ist und nicht im Stil der 60er, sondern der 90er Jahre arrangiert und produziert ist. Natürlich fallen Stücke wie „Warariansa“ etwas aus dem Rahmen und sind für das europäische Publikum schwer zu verstehen. Dieses Stück, eine Rumba, ist eine Hommage an meinen Vater und die afrokubanische Religionsgemeinschaft der Abakuá.

Weshalb ist Raúl Planas, einer der besten Soneros Kubas, zwar auf dem Album vertreten, aber nicht bei der Tour dabei?

Für Raúl, den ich als Sänger und Freund sehr schätze, ist die vierwöchige Tournee einfach zu lang. Er ist nicht mehr so belastbar wie Rubén González mit seinen 79 oder Compay Segundo mit seinen 92 Jahren. Raúl ist zwar jünger, aber seine Konstitution ist nicht mehr so gut, so daß ich kein Risiko eingehen möchte. Damit würde ich ihm und mir bestimmt keinen Gefallen tun.

Wie sehen Ihre Pläne für das kommende Jahr aus? Werden Sie die geplanten Aufnahmen mit Omara Portuondo und Teresa García Caturla machen?

Omara wird für World Circuit ein Album aufnehmen, aber ob ich dabei sein werde ist noch nicht klar. Ich werde zwar weiterhin mit World Circuit zusammenarbeiten, habe aber auch ein eigenes Label gegründet. Ich möchte eigene Aufnahmen nach eigenem Gutdünken machen können. Auf der einen Seite kann World Circuit nicht die ganze Bandbreite kubanischer Musik betreuen, zudem gibt es Sachen, die ich aufnehmen möchte, die nicht mit den Parametern von World Circuit vereinbar sind. Ich möchte meinen eigenen Interessen verstärkt nachgehen und habe mir mit dem eigenen Label einen Traum erfüllt.
Natürlich werde ich aber auch weiterhin mit World Circuit zusammenarbeiten. Bestimmt wird in den nächsten zwei Jahren auch wieder ein Album der Afro Cuban All Stars bei World Circuit erscheinen, aber ich will eben auch unabhängig arbeiten. Mit Künstlern zusammenarbeiten, die den Leuten bei World Circuit unbekannt sind und mit denen ich bisher noch nicht zusammengearbeitet habe – mit einem eigenen Label habe ich diesen Freiraum und kann auch andere musikalische Genres für mich neu entdecken.

So zum Beispiel den hierzulande weitgehend unbekannten El Guayabero?

Ja, zum Beispiel. Ich würde gern einmal mit ihm arbeiten, aber er ist bei einem kanarischen Label (Sonido Tropical) unter Vertrag. Aber es gibt andere Künstler, die ich im Auge habe, so zum Beispiel Teresa García Caturla, die jetzt bei der Tour dabei ist und mit der ich gerne Aufnahmen machen würde. Pepecito Rey wäre ein anderes Beispiel.
Darüber hinaus gibt es viele talentierte junge Musiker, mit denen ich Lust habe zu arbeiten und die kaum jemand kennt. Mir macht es Spaß Generationen zusammenzuführen und unsere Musik, die lange Zeit international ein Schattendasein führte, für die Nachwelt zu erhalten.
Letztlich gibt es in einigen Bereichen Übereinstimmung zwischen World Circuit und mir und in anderen nicht. Ich bin in erster Linie Künstler und nicht Geschäftsmann. Mir geht es nicht vorrangig ums Geld, sondern darum, Ideen zu realisieren, auch wenn es das Risko gibt, damit baden zu gehen. Der ökonomische Aspekt spielt natürlich immer eine Rolle, aber interessiert hat er mich eigentlich nie sonderlich.

Wo werden Sie aufnehmen, in Havanna in den Egrem-Studios oder außerhalb Kubas?

Hauptsächlich in den Egrem-Studios natürlich, aber ich habe auch bei mir zuhause einige Möglichkeiten. Ich besitze zwei Computer und mehrere Aufnahmegeräte, da läßt sich schon ein bißchen mit basteln.
Zum Schluß möchte ich noch eines klarstellen: in den Medien in Deutschland wurde immer mal wieder behauptet, daß bei den kubanischen Künstlern kein Geld von World Circuit angekommen ist. Das ist nicht richtig, alle Musiker haben Ihr Geld erhalten und leben ganz gut davon. Ibrahím Ferrer hat sich zum Beispiel ein Haus in der Altstadt von Havanna gekauft und wohnt nun mit der ganzen Familie zusammen. Nick Gold von World Circuit ist wahrlich kein Geizhals und haut die Leute nicht über das Ohr – die Verträge sind nach internationalen Maßstäben gemacht worden.

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