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Zapatistas vs. Internacionalistas

Ich bin nicht der Mörder.
Ein Streichholz flammt auf und erleuchtet die Zigarette und das Gesicht, das dadurch Gestalt annimmt: ein Haarschnitt wie ein Skinhead, ein Gesicht mit glänzenden Augen, silberne Ringe, unrasierte Wangen.
Ich stelle das lieber von vorneherein klar, um keine Verwirrung zu stiften.
Ich bin auch nicht der Hausmeister. Ich sage das bloß zur Sicherheit vorneweg, weil ihr wisst ja, dass in Krimis der Hausmeister immer der Mörder ist … oder andersrum. Ich dagegen bin so was Ähnliches wie Pförtner gewesen. Allerdings habe ich keine Türen bewacht, sondern Tore. Ich war einige Male Torwart bei den Fußballspielen im Caracol La Garrucha. Die ersten paar Mal hab ich nicht verstanden, worum es ging, aber jeden Sonntag gab es nach dem Gebet in der Kirche einen Auflauf unter den Kindern, und die Erwachsenen begannen ganz aufgeregt auf Tzeltal zu palavern. Ich verstand bloß den Teil, in dem von campamenteros und zapatistas die Rede war, und dann liefen alle zum Fußballplatz. Also, der Fußballplatz ist gar nicht wirklich ein Fußballplatz. Von Montag bis Samstag ist es eine Weide, aber an den Sonntagen verwandelt sie sich in einen Fußballplatz. Die Kühe verlassen die Weide, als würden sie genau Bescheid wissen, dass Sonntag ist, und hinterlassen ein Minenfeld von Kuhfladen. Dann tragen ein paar Leute aus dem Dorf die Kirchenbänke und die Schulbänke herbei und improvisieren eine Art Zuschauertribüne. Das Stück Land, das als Fußballplatz genutzt wird, liegt am Fuß eines Berges, sodass ein Tor höher steht als das andere, was dem Team, das »oben« spielt, eindeutig Vorteile verschafft. Aber der Wechsel nach der Halbzeit sorgt für Ausgleich. Oder zumindest wird davon ausgegangen. Als nächstes werden dann die Mannschaften zusammengestellt, und ein Dorfbewohner macht den Schiedsrichter – es ist immer einer, der im Dorf ein Amt bekleidet. Wie ich schon sagte, war ich manchmal der Torwart für die Mannschaft der campamenteros, wie sie hier im Dorf sagen, oder der campamentistas, wie wir campamenteros uns selbst nennen. Das heißt, wir Männer und Frauen aus aller Herren Länder, die wir gerade im Friedenscamp sind, tun uns zu einer Fußballmannschaft zusammen und treten gegen die Teams der zapatistischen Dörfer an.
Wenn ich mitgespielt habe, haben wir meistens verloren. Aber glaubt bloß nicht, dass das daran liegt, dass sich die Zapatisten beim Spielen geschickter anstellen, nein, nein. Es lag eher an einem Kommunikationsproblem. Wir – unser Team war stets gemischt, es bestand aus Männern und Frauen – riefen uns gegenseitig Anweisungen auf Französisch, Euskerra, Italienisch, Englisch, Deutsch, Türkisch, Dänisch, Schwedisch und Aymara zu. Niemand verstand auch nur ein Wort, und es war, wie die Leute hier sagen, eine Mordsschau, aber der Ball flog eben immer dahin, wo er gerade nicht hin sollte.
Durch die Fußballspiele habe ich ein bisschen von dem verstanden, was diese Zapatisten „den Widerstand“ nennen. Zumindest bilde ich mir das ein. An einem dieser Sonntage spielten nämlich auf unserer Seite zwei beeindruckende Däninnen, etwa zwei Meter groß und mit einem erstaunlichen Talent fürs Kicken. Ihre Körpergröße, ihre Sprünge und die Länge ihrer Schritte ließen die Zapatisten ziemlich schlecht aussehen, die – das muss wohl kaum betont werden – recht klein sind und kurze Schritte machen. Bereits die ersten Ballwechsel ließen erkennen, dass es nicht lange dauern würde, bis unsere Überlegenheit sich auch im Ergebnis niederschlagen würde. Und tatsächlich lagen wir nach den ersten zehn Minuten schon zwei zu null in Führung. Und dann ist es ganz einfach passiert. Ich habe es mitbekommen, weil ich im Tor stand, aber auch, weil ich hier gelernt habe, aufmerksam zu beobachten und Dinge zu sehen, die nicht offensichtlich sind. Es gab keinerlei konkrete Anweisung, keine Versammlung, keinen Wortwechsel, keinen Austausch von Zeichen oder Blicken bei den Zapatisten. Dennoch glaube ich, dass sie ihre eigene Art zu kommunizieren haben, weil sich nämlich nach unserem zweiten Tor alle Zapatisten auf den hinteren Teil des Platzes zurückzogen, um ihr Tor zu verteidigen. Sie überließen unseren glänzenden Däninnen das gesamte Spielfeld, die selig von einer Seite zur anderen rannten. Natürlich verwandelte der zapatistische Teil des Spielfeldes sich in einen Schlammpfuhl, bei so vielen Leuten, die sich dort aufhielten. Der Ball blieb stecken, als wäre er festzementiert, und es bedurfte jeweils mehrerer internationalistischer Tritte, um ihn wieder ins Rollen zu bringen.
»Sie fügen sich«, dachte ich, »und sie spielen nur noch darum, nicht völlig eingemacht zu werden.« Ich begann also, mir das Spiel wie ein einfacher Zuschauer anzusehen, da der Ball ohnehin in der anderen Hälfte des Spielfelds blieb. Es verstrichen einige Minuten, und dann geschah es. Unsere Mannschaft, die andauernd von einer Seite zur anderen rannte, begann Ermüdungserscheinungen zu zeigen. Es wurde klar, dass wir für die zweite Halbzeit so gut wie lahm gelegt sein würden. Unsere dänischen Stars japsten verzweifelt nach Luft und mussten alle zwei, drei Schritte stehen bleiben. Und siehe da, tzosch! – auch diesmal, ohne dass es irgendein erkennbares Zeichen gegeben hätte – fällt doch plötzlich die gesamte zapatistische Mannschaft über mich her. Sie schossen in zwanzig Minuten sieben Tore, zum großen Vergnügen des Publikums, das natürlich voll und ganz auf der Seite des einheimischen Teams stand. Das Spiel endete mit einem sieben zu zwei, und die Hälfte unserer Mannschaft brauchte eine gute Stunde, um sich zu erholen, und drei Wochen, um wieder normal gehen zu können.
Ich war also Torwart, aber ich bin weder der Hausmeister noch der Mörder. Wie ihr bestimmt längst erraten habt, bin ich ein campamentista, ein Menschenrechtsbeobachter, und komme aus einem anderen Land. Ich war bereits in Friedenscamps in allen fünf Caracoles, schon bevor sie in Caracoles umgetauft wurden, und noch in ein paar anderen Gemeinden, die Probleme mit dem Militär oder den Paramilitärs hatten. Ihr fragt euch sicherlich, was ein ausländischer campamentista in diesem Kriminalroman zu suchen hat. Tja, ich stelle mir dieselbe Frage, weshalb ich euch hiermit keine große Hilfe sein kann. Während wir abwarten, wohin die Geschichte sich entwickelt, werde ich euch ein wenig über mich erzählen. Vielleicht entdecken wir ja auf diese Weise gemeinsam, was zum Teufel ich in diesem Roman treibe.

// Subcomandante Insurgente Marcos
Mexiko, Dezember 2004
Aus den Bergen des mexikanischen Südostens.
Ausschnitt aus dem vierhändigen Kriminalroman Unbequeme Tote von Subcomandante Marcos und Paco Ignacio Taibo Berlin/Hamburg 2005, Assoziation A, S. 36–38.

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