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Zum Sieg gestreikt

Eigentlich war das rechte Eck anvisiert, aber „ich traf den Ball schlecht“, wie Juan Alberto Schiaffino später einräumte. Er versenkte das Leder stattdessen mit einem satten Schuss im linken Eck. Es bedeutete das 1 : 1, den Ausgleich gegen den haushohen Favoriten Brasilien, im entscheidenden Spiel um den Weltmeistertitel 1950 im Maracaná-Stadion. Zum „Tor des Jahrhunderts“ wurde es von vielen uruguayischen Fans verklärt. „Wie Papageien plappern sie immer wieder dieselbe Geschichte über 1950 nach“, kritisiert Sebastián Bednarik Landsleute, die sich „nicht im Geringsten auskennen.“ Er hat mit Andrés Varela den 75-minütigen Dokumentarfilm Maracaná zusammengestellt – basierend auf dem gleichnamigen Buch des Sportjournalisten Atilio Garrido. Mit manchen Mythen und Legenden, die sich bis heute um den so genannten Maracanazo, den „Schock von Maracaná“ ranken, räumen die beiden uruguayischen Dokumentarfilmer darin auf.
Der Doku-Streifen wurde erstmals auf einer Groß-Leinwand im legendären Centenario-Stadion in Montevideo aufgeführt, dem Schauplatz der ersten Fußballweltmeisterschaft 1930, die der Gastgeber gewann. Sie ist ein Höhepunkt im früh erfolgsverwöhnten Fußball des kleinen Landes (u.a. 1924 und 1928 Goldmedaille bei den Olympischen Spielen). Bei der Aufführung zugegen war der 87-jährige Alcides Ghiggia, Schütze des Siegtores zum 2 : 1 (er verdient bis heute Geld an Interviews, in denen er über sein Tor spricht) und letzter Überlebender einer bewunderten Mannschaft. Maracaná 1950 ist für viele nach wie vor ein Wunder, galt die uruguayische Elf damals doch als krasser Außenseiter. Unberechtigt, denn Uruguay war bis dahin neben Argentinien die erfolgreichste Mannschaft in Südamerika. Argentinien gewann neunmal die „Copa Suramericana“, Uruguay achtmal, Brasilien nur zweimal.
Weniger Schlagzeilen machte damals eine andere Tatsache: Die Spieler, die zumeist aus bescheidenen Verhältnissen stammten, wurden von ihren Klubs schlecht behandelt und bezahlt. 1946 schlossen sich die Profis deshalb zur gewerkschaftsähnlichen MUTUAL zusammen. Die Klubvereinigung AUF dachte zunächst nicht daran, die MUTUAL anzuerkennen. Einige Klubbosse rühmten sich, niemals einem Spieler die Hand geschüttelt zu haben.
Viele Fußballer waren es jedoch satt, wie Leibeigene behandelt zu werden. Sie pochten auf Vertragsfreiheit, stießen in den Vereinen aber auf taube Ohren. Am 14. Oktober 1948 rief die MUTUAL daraufhin zum Generalstreik auf. Er sollte fast sechs Monate dauern. Die Meisterschaft musste ausgesetzt werden. Eine aktive Rolle im Arbeitskampf spielte Obdulio Jacinto Varela, MUTUAL-Vizepräsident. Während des Arbeitskampfes musste er wie auch andere seiner kickenden Kollegen wieder auf dem Bau zur Schaufel greifen, um sich über Wasser zu halten. Die Ausdauer der Streikenden wurde belohnt: Sie rangen den Clubs einen Mindestlohn und eine fast vollständige Vertragsfreiheit ab.
Bald darauf begann sich die Celeste (die „Himmelblaue“, wie das Nationalteam Uruguays genannt wird“) auf die WM in Brasilien vorzubereiten. Spielerische Basis war das treffsichere Peñarol-Team. Im schwarz-gelben Trikot von Peñarol Montevideo war Obdulio die herausragende Figur. Doch der schwarze Mittelfeldspieler weigerte sich, in der Nationalelf zu spielen, solange ihm keine Arbeitsstelle im öffentlichen Dienst zugesichert würde. Uruguay spielte ohne ihn schlecht, verlor Vorbereitungsspiele. Da machte sich der Präsident Uruguays, Luis Battle Berres, auf den Weg zum „Negro Jefe“. „Obdulio, reisen Sie nach Brasilien!“, bekniete er den bockigen Star: „Wenn Sie zurückkommen, werden Sie Angestellter in ‚Los Casinos‘ (staatliche Spielcasinos, Anm. d. Red.) sein.“ Im März 1950 streifte sich Obdulio erstmals wieder das himmelblaue Trikot der Celeste über.
Nur wenige glaubten an ein erfolgreiches Abschneiden im Nachbarland. Doch der Streik hatte unter den Auswahlspielern so etwas wie eine solidarische Gemeinschaft geschmiedet, die sich im Laufe des Turniers zur schlagkräftigen Mannschaft entwickelte. Die unbestrittene Führungsfigur war ihr Kapitän Obdulio. Das Selbstvertrauen der Spieler war groß, schreibt Buchautor Atilio Garrido.
Weniger optimistisch waren einige AUF-Funktionäre. Sie gaben keinen Pfifferling auf die eigene Elf: „Wenn sie uns keine vier Tore machen, haben wir unsere Aufgabe erfüllt“, meinte ein AUF-Delegierter. „Erfüllt haben wir unsere Aufgabe, wenn wir Weltmeister werden“, entgegnete Obdulio.
Obdulios Mannschaft traf im entscheidenden Spiel auf die haushoch favorisierten Brasilianer. Nach den Kantersiegen der Seleção gegen Schweden und Spanien schien das Ergebnis festzustehen. Vergessen war, dass das Team vorher keineswegs überragend gespielt hatte. Brasilien sei nicht unschlagbar, ahnte Schiaffino.
Als am 16. Juli im mit 200.000 brasilianischen Fans überfüllten Maracaná-Stadion das 1:0 für die gefeierten Stars der Heimmannschaft fiel, schien allerdings alles gelaufen. Doch Obdulio trieb seine Mitspieler nach vorne. Sie bäumten sich auf, zeigten garra (Kampfgeist): Die uruguayischen Spieler unterbanden zunächst mit Defensivspiel das gekonnte Passspiel der Gastgeber. Deren Torjäger Ademir – er hatte bis dahin neun Tore im Turnier erzielt – brachte keinen Ball im Netz unter. Die Uruguayer kamen selber ins Spiel, sie wussten um die Achillesferse der Seleção: eine schwache Verteidigung.
Später verbreitete sich die Legende, die uruguayischen Balltreter hätten mit unfairem Foulspiel den Gegner in die Knie gezwungen. Doch Schiaffino erinnert sich anders, der Spielbericht bestätigt ihn: Tatsächlich pfiff der Schiedsrichter nur sechs Mal Foul gegen Uruguay, aber elf Mal gegen Brasilien.
Die garra ist von vielen auch als vorsätzliches Foulspiel missinterpretiert worden. Dieses wird auch heute noch gelegentlich als „garra charrúa“ gelobt, womit gleichzeitig die ausgerotteten Ureinwohner, das Volk der Charrúa, diskreditiert werden. Tausende von Kindern, die im „babyfutbol“ ihren großen Idolen nacheifern versuchen, wurden und werden noch immer im Training zum überharten rowdyhaften Spiel angehalten, vom Spielfeldrand von Eltern mit „Mach ihn fertig!“ und „Leg ihn um!“ angefeuert. International hatte Uruguay über Jahrzehnte nicht zu Unrecht den Ruf, besonders hart zu spielen. Erst seit dem Amtsantritt von Óscar Washington Tabárez als Nationaltrainer im Jahr 2006 demonstriert Uruguay wieder seine spielerischen Qualitäten.
Tatsächlich hatte Brasilien 1950 keine Supermannschaft wie diejenige, die eines Tages mit dem Namen Pelé verbunden sein sollte. Die Celeste-Spieler gewannen deswegen verdient: „Sie haben besser als wir gespielt“, erkannte der brasilianische Starstürmer Zizinho neidlos an: „Tatsächlich war uns die uruguayische Mannschaft überlegen.“
Dennoch kam ein weiterer Mythos auf: Die Obdulio-Mannen hätten gewonnen, weil sie mutiger, männlicher und pfiffiger seien. Das „pfiffiger“ wurde gar zur „viveza criolla“, zur Schlitzohrigkeit, veredelt. Die anderen opferten sich auf, rackerten sich ab, „wir vertrauen auf die Improvisation“, hieß es. Der Triumph im Maracaná hat im kleinen Land am Rio de la Plata auch zu Selbstüberschätzung und zu einem Gefühl der Überheblichkeit gegenüber anderen lateinamerikanischen Nationen beigetragen.
Überheblich und wenig großzügig zeigten sich nach dem Sieg die AUF-Oberen. Obdulio und Co mussten in den eigenen Reihen sammeln, um sich ein Festessen leisten zu können: Sandwiches und Bier. Die Verbandsbosse hatten keinen Peso hinterlassen, aber sie rechneten sich den Erfolg als eigenen an: Geplant war, den Funktionären in Montevideo goldene Medaillen zu überreichen – und den Weltmeistern silberne als „Mitarbeiter des Sieges“. Der Plan verschwand jedoch schnell in der Schublade.
Die erfolgreiche Mannschaft hat danach nie wieder in der weltmeisterlichen Aufstellung zusammengespielt. Aber sie gilt bis heute als Maßstab. Uruguays Fußball musste fortan mit einem ungeheuerlichen Druck leben. „La historia manda“ („Die Geschichte fordert es“), schwafeln bis auf den heutigen Tag nicht wenige uruguayische Sportreporter und meinen den WM-Sieg. Die Messlatte, die die Helden von 1950 gelegt haben, war dadurch für viele Jahre eher ein Stigma für ihre Nachfolger als ein Grund zum Stolz.

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