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Zwischen Traditionalismus und Migrationsträumen

Jenseits der Migration sieht Asucena Castillo, Direktorin des Radiosenders Radio Universidad, in der wirtschaftspolitischen Ideologie der letzten Jahrzehnte einen zentralen kulturellen Einflussfaktor. „Wenn der Neoliberalismus in Nicaragua einen Sieg errungen hat, dann ist es der, den Konsumismus und Individualismus in unserer Kultur zu verankern“, erklärt sie. Diese erstreckten sich nicht nur auf die Mittel- und Oberschicht, sondern auf die ganze Gesellschaft, einschließlich der Jugend. Ähnlich sieht das Memo Villano: „Das Lebensgefühl der Revolution, gemeinsam aus den vorhandenen Mitteln das Beste zu machen, ist heute abhanden gekommen“, beklagt der Grafikdesigner und Künstler aus Managua. Die FSLN heute nimmt er nicht als einladendes Angebot wahr: Zuviel werde vorgegeben, es gebe keinen Platz für Diskussionen. Überhaupt seien die Spielräume, sich zu begegnen, zu diskutieren und auszuprobieren für die Jugend sehr beschränkt und auch der Bedarf sei gering, „weil die meisten Politik mittlerweile mit etwas Schmutzigem assoziieren“. Zulauf hätten dagegen die evangelikalen Kirchen, die dafür plädierten, sich aus der Politik herauszuhalten.
Trotzdem, so der Journalist und Kultur-Aktivist Adolfo „Fito“ Taleno, sei in Nicaragua bei weitem nicht soviel kulturelle Eigenständigkeit verloren gegangen wie in den Nachbarländern oder in Europa: „Die McDonald´s-Kultur hat hier kaum Fuß gefasst, genauso wenig wie die Jugendbanden, die in Honduras und El Salvador starken Einfluss auf die Jugendkultur haben. Klassisches politisches Engagement, so wie früher, gibt es heute wenig, aber viele, die ihre eigenen Aktivitäten entwickeln, zum Beispiel Musik- oder Tanzgruppen gründen. Da dreht sich das meiste um Reggaeton, den ja auch die Medien vorzugsweise präsentieren, aber auch traditionelle Folklore findet wieder mehr Anklang.“
Ein weiterer Bereich, in dem sich Jugendliche aus eigener Motivation engagieren, ist der Umweltschutz. Gruppen wie der Club der jugendlichen UmweltschützerInnen und Rock Nica Ecológico arbeiten mittlerweile landesweit. Sie führen Kampagnen für Umweltbewusstsein in Schulen durch und organisieren gemeinsame Aktivitäten, bei denen sie Hänge aufforsten und Flüsse von Müll reinigen. Taleno sieht darin eine Art, sich sozial zu betätigen, ohne zu sehr mit den unbeliebten Parteien in Kontakt treten zu müssen.
Anderen Bewegungen geht es hingegen genau darum, wenn auch bisweilen als Reibungsfläche. So hat in jüngster Zeit die Organisation Nationale Jugendbewegung (MJN) von sich reden gemacht, die in Managua fantasievolle Protestaktionen durchführt, die sich vor allem gegen den Machtmissbrauch der Ortega-Regierung richten. Ihre zentrale Forderung ist die völlige Neubildung des stark korruptionsverdächtigen Obersten Wahlrats. Auch wenn die Organisation Wert darauf legt, parteiunabhängig zu sein, sind ihre Aktionen immer wieder Ziel FSLN-treuer Schlägertrupps. AktivistInnen der MJN erklären sich die politische Abstinenz ihrer AltersgenossInnen mittlerweile auch mit der Angst, verprügelt zu werden. Die Präsenz in den größtenteils oppositionellen Medien ist der relativ kleinen Gruppe jedoch sicher. Zudem hat die regierungskritische linke Jugend, zu der sich auch die MJN rechnet, in dem Musiker Perrozompopo ein prominentes Sprachrohr gefunden.
Doch Nicaraguas größte Jugendorganisation ist nach wie vor die Juventud Sandinista, der Jugendverband der FSLN. Auch wenn dessen agitatorischer Stil eher altbacken wirkt, beteiligen sich viele Jugendliche an den Wahlkämpfen der FSLN, an der landesweiten Alphabetisierungskampagne und den Massenmobilisierungen. Die Symbole und Musik der Revolution und der lateinamerikanischen Linken sind heute in Nicaragua auch in Jugendkreisen weitaus präsenter als noch in den 1990er Jahren. Aus denselben Kreisen rekrutieren sich allerdings auch die Schlägertrupps, die in Managua FSLN-kritische Demonstrationen und Proteste angreifen. Kulturaktivist Fito Taleno sieht das Hauptproblem für eine weitergehende Partizipation der Jugendlichen in der mangelnden Kommunikationsarbeit der Regierung: „Die Regierung unternimmt ihre Anstrengungen, macht sich aber bei den Leuten unbeliebt. Sie müsste versuchen, die Leute stärker einzubinden, sich so zu öffnen, dass die Leute Lust haben mitzumachen und sich als Teil eines gemeinsamen Projekts zu fühlen.“

Adolfo „Fito“ Taleno Mejia
ist heute 31 Jahre alt und beteiligt sich an verschiedenen sozialen Bewegungen, die der Studentenbewegung nahestehen. Er ist ausgebildeter Soziologe und arbeitet als Journalist beim Radiosender der linksliberalen Universität UCA in Managua.
Trotz seiner journalistischen Arbeit sieht sich Fito vor allem als Kommunikator: „Meine Leidenschaft ist, die Leute dazu anzuregen, einander zu begegnen, ob über das Radio oder ohne.“ Besonders wichtig ist Fito dabei, dass die NicaraguanerInnen ihre eigene Kultur hoch halten, die traditionellen Lieder und Tänze samt der Inhalte, die darüber tradiert werden. In diesem Zusammenhang liegen ihm besonders die ländliche Kultur und die Wertschätzung des ländlichen Raums generell am Herzen. Fito erkennt in Nicaragua eine im Vergleich zu den Nachbarländern noch relativ starke kulturelle Eigenständigkeit. „Ein Umstand, den wir vielleicht der Revolution verdanken“, meint er. Diese eigenständige Kultur zu fördern, ist auch Sinn des jährlichen Victor-Jara-Kulturfestivals in Managua und weiterer Kulturveranstaltungen, die Fito mitorganisiert.
Neben seiner kulturellen Arbeit ist Fito Aktivist in der Bewegung „Eine andere Welt ist möglich“. Diese parteiunabhängige Organisation versucht sozialen und politischen Themen Öffentlichkeit zu verschaffen, derzeit vor allem mit Aktivitäten zur Unterstützung des Widerstands gegen den Staatsstreich in Honduras. Politisch sozialisiert wurde Fito durch seine Mutter, die in ihrem Stadtviertel die Koordinatorin der CDS (so genannte Komitees zur Verteidigung des Sandinismus; Anm. d. Red.) war. „So wurde ich von klein auf mit den Gesundheitsbrigaden, der politischen Arbeit aber auch dem Contra-Krieg vertraut“, erzählt er. Später habe er sich einer katholischen Jugendgruppe in seinem Viertel angeschlossen, mit der sie auf dem Land Aufbauarbeit geleistet hätten: „Dadurch habe ich die Lage der Bauern kennen gelernt und auch ihren Glauben, ihre Kultur und Tradition.“
Geprägt habe ihn auch die internationale Solidarität, die Nicaragua damals erfahren hat. Fito erinnert sich gern an die Menschen aus Argentinien, Brasilien, Deutschland und Polen, die halfen, in seinem Viertel das Nachbarschaftshaus aufzubauen. „Die Erfahrung, freiwillig gemeinsam an einer Sache zu arbeiten, die deinen Traum mit Leben füllt, hat mich zu der Arbeit motiviert, die ich heute mache.“
// Andrés Schmidt

Memo
ist 30 Jahre alt und arbeitet mit Touristengruppen. Er ist das neunte Kind von elf Geschwistern, seine Eltern kommen vom Land und sind dann nach Managua gezogen.
Er hat vier Jahre Graphik-Design studiert – ohne Abschluss, weil gegen Ende mehr Marketing als Kunst Thema war –, und dann an der Uni einen Abendkurs in Englisch belegt. Inzwischen betreut Memo Touristengruppen und will sich mit der Idee selbständig machen, Angebote zusammenzustellen, durch die TouristInnen die soziale, historische und kulturelle Realität seines Landes kennen lernen können.
Den Beginn der Revolution hat er nicht bewusst erlebt, weil er erst 1979 – im Jahr der Revolution – geboren wurde. Seine Geschwister waren aber in den Gesundheits- und Impfkampagnen engagiert und sein Vater war Mitglied einer Kooperative. Memo kann sich noch erinnern, dass es damals eine unglaubliche Energie im Lande gab und dass die Leute sich bei vielen Aktivitäten beteiligt haben. Trotz der ewigen Krise hätten die Leute gelacht, sie seien mit Begeisterung die „Architekten ihrer eigenen Zukunft“ gewesen. Er denkt an die Versammlungen, in denen diskutiert wurde. „Demokratie ist mehr als die Demokratie der 1990er Jahre. Die Freiräume, zu diskutieren und offen seine Meinung zu sagen, hat die Revolution geschaffen. Die Zeitungen heute kritisieren nur, sie schlagen nichts Neues vor“, meint Memo. Er möchte sich die Revolution nicht stehlen lassen. Laut Memo denken die LandarbeiterInnen und die armen Leute, die FSLN sei heute noch so revolutionär wie in den 1980ern, aber es sei unklar, woher das Geld komme und es werde paternalistisch verteilt. Er kritisiert, dass es nicht mehr die demokratische Kultur wie in den 1980ern gebe, stattdessen werde vorgegeben, was zu denken sei. Auch die Freiräume, um Underground und neue Kultur auszuprobieren, seien sehr klein. Eine der wenigen Ausnahmen sei das Espacio Sur – ein Club, der einem Sohn von Ortega gehören soll – wo viele Rockgruppen mit regierungskritischen Texten aufträten. Auch das Internet spiele nicht die große Rolle, da nur eine reduzierte Anzahl von städtischen Jugendlichen Zugang habe. Zudem werde das Netz kaum für politische Diskussionen genutzt. Die Jugendlichen seien oft desillusioniert, meint Memo.
Er selbst ist der Meinung, dass man die Straße nicht den Parteigängern überlassen dürfe, aber bei einer Demonstration nach den Kommunalwahlen habe es sehr viel Aggression gegeben. Memo kritisiert, dass die heutige FSLN gegenüber den alten GegenerInnen zu sehr auf Versöhnung setzte, während sie die alten MitstreiterInnen oft als Feinde behandele. Allerdings sieht er auch die oppositionelle Sandinistische Oppositionspartei MRS kritisch. Sie sei nur eine kleine, eher elitäre Kraft, die die Armen nicht erreiche. Einer politischen Gruppe könnte er sich heute nicht anschließen.
Trotz aller Probleme lebt Memo gerne in Nicaragua: „Ich liebe mein Land – wir feiern immer, wir feiern, wenn wir traurig sind, wenn wir fröhlich sind oder wenn wir ärgerlich sind. Selbst bei einer Beerdigung werden Karten gespielt. Die Menschen sind füreinander da, alle in der Familie und die Nachbarn kümmern sich um die Kinder. Die sind niemals alleine. In den USA ist das anders.“ Die Ideen von Sandino seien nach wie vor gut, „jetzt müssen wir sie zurückerobern.“
// Ulla Sparrer

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