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// PRODUZIERT DOCH OHNE MICH!

Ein „Skandal“ erschütterte unlängst die argentinische Badesaison. Drei junge Frauen, die sich am Strand „oben ohne” sonnten, wurden von 20 Polizisten dazu gedrängt, den Strand zu verlassen. Der Vorfall gab Anlass zu Demonstrationen, in denen Frauen „oben ohne” für die Selbstbestimmung ihrer Körper demonstrierten, was international für Aufsehen sorgte. Dabei ging es natürlich nicht um die Forderung, sich oberkörperfrei bräunen zu dürfen, sondern um die gewaltsame Konstruktion von Machtverhältnissen über den Körper der Frau und dessen Disziplinierung.

Jährlich zum 08. März ist der Weltfrauentag Thema, auch bei uns im Editorial. Jedes Jahr wird gemahnt und erinnert, gratuliert und gewürdigt, viel geredet und wenig verändert. Immer noch wird vielerorts täglich oder öfter eine Frau ermordet, weil sie eine Frau ist. Abtreibungen sind in vielen Ländern bis heute Straftaten (oder werden es wieder), strukturelle Veränderungen gehen nur schleppend voran. Und dennoch hat sich viel getan: Durch stetig wachsende Selbstorganisation hat sich in letzter Zeit in Lateinamerika ein neuer Feminismus entwickelt. Im Juni 2015 fanden erstmals in mehreren Ländern Lateinamerikas zeitgleich Massendemonstrationen gegen Gewalt gegen Frauen statt, initiiert vom neu gegründeten Bündnis #Ni una menos in Argentinien. Dieser als historisch bezeichnete Moment hat aus dem verstaubten Bild der Feministinnen eine lebendige und umfassende soziale Bewegung erwachsen lassen, die im Oktober letzten Jahres den ersten Nationalstreik der Frauen in der Geschichte Argentiniens hervorbrachte, bei dem Hunderttausende Frauen auf die Straße statt zur Arbeit gingen. Neu ist der Feminismus als salonfähiges Massenphänomen. Mit neuem Selbstbewusstsein führt er heraus aus der Opferrolle, hinein in die aktivere, radikalere Rolle des Widerstands, des Ungehorsams angesichts patriarchaler Mandate der Kultur, der Familie, des Staates, der Religion. Neben klassischen Themen der Gendergerechtigkeit, dem Recht auf Abtreibung und der Verurteilung sexualisierter Gewalt adressiert die Bewegung auch antikapitalistische Kritik. Die Wahl eines Streiks als Mittel zum Protest kommt nicht von ungefähr, sondern stellt Verbindungen zwischen kapitalistischer Ökonomie und machistischer Gewalt her. Die zunehmende Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse im wieder neoliberal regierten Argentinien betrifft zuallererst Frauen, die schon heute zwei Stunden längere Arbeitstage haben als ihre männlichen Kollegen, sich mit Lohnunterschieden von 27 Prozent und einer durchschnittlich um zwei Prozentpunkte höheren Arbeitslosenquote auseinandersetzen müssen. Kinderbetreuung und Haushalt lasten noch immer hauptsächlich auf den Schultern der Frauen, ohne dass diese als Arbeit anerkannt werden. Frauen weltweit wissen, dass Armut vor allem weiblich ist.

Für diesen 08. März ist daher ein internationaler Streik der Frauen geplant. Der Women’s March in Washington nach der Trump-Wahl, die gleichzeitigen Solidaritätsveranstaltungen in über 160 Städten weltweit sind Zeichen der Internationalisierung, die ein anderes, attraktives Bild einer Bewegung zeichnen. Der Drang nach Veränderung, der Wunsch nach Gemeinschaft lassen derzeit ein breites solidarisches Bündnis entstehen, das durch die Einbindung intersektionaler Perspektiven auch eine neue Vielzahl von Stimmen hervorbringt. Gespeist werden diese von neuen Theorien, immer größeren Mobilisierungen, durch neue Allianzen mit weiteren Identitäten, die durch die Logik des Kapitalismus marginalisiert werden und auf deren Körper patriarchalische Herrschaftsansprüche projiziert werden. Zu den neuen Forderungen gehören auch Arbeitsrechte für Sexarbeiter*innen, das Recht auf Identität für Trans*personen, die freie Ausübung sexueller Rechte, das Recht auf sexuelle Bildung, der Kampf gegen Rassismus und Xenofobie, gegen Diskriminierung von Menschen mit Behinderung und gegen Klassismus. Dieser 8. März ist also ein besonderer Weltfrauentag, an dem Frauen aus über 30 Ländern zu einem weltweiten gemeinsamen Streik aufrufen: „Macht Euch auf unseren Widerstand gefasst! Wenn mein Leben nichts wert ist, dann produziert doch ohne mich!“ sind Slogans des Streiks, die das neue Protestpotential in Worte fassen. Es ist an der Zeit, die Welt, in der wir leben wollen, in die Praxis umzusetzen. Und dabei gemeinsam miteinander und füreinander da zu sein, mit dem Versprechen von Widerstand, denn, so die Organisator*innen, „2017 wird das Jahr unserer Revolution”.

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