LYRIK AUS LATEINAMERIKA

U tuuch in lu’umil

Kanti’its yaan tu wíinklil in lu’umil,
chúumuk yaan
u ka’anakabil u tuuch,
“múul aajo’ob” u k’aba’intmaj.

Lak’iin ku tíip’il
u chakjole’enil tóokik sijnalo’,
táan u yáalkabeensik cháak,
táan u yibik u batilo’ob k’a’ak’náab.

Chik’iin ku ek’joch’e’ental
u wi’ija’anil aj xak’al xook,
pakláan kíinsaj yéetel loobitajil
u yáak’abil u yóol u máan yich.

Xaman ku síistal t’a’ajil,
ti’ ku ke’eltal Yuumtsili’,
ti’ ku k’oja’antal tooj óolali’,
ti’ ku sakt’áajta u yiich ch’úuki’.

Nojol ku suuytal iik’,
ti’ ku nu’ukbesaj taak’ini’,
yaan pakláan takpolili’,
ts’u’util ku máan tak ich láak’tsilili’.

Ti’ ala’an in wóol tu tuuch in lu’umile’,
ti’ u xachmubáa u chuun xya’axche’i’
tu moots ku bin u táabal in ch’i’ibal,
tu niik ku k’i’itpajal u yalab in náay.

 


El ombligo de mi territorio

Cuatro extremidades tiene mi territorio
en el centro yace
la cuenca de su ombligo,
múul aajo’ob se ha autonombrado.

Del oriente despunta
el enfurecido fuego consumidor,
exilia la lluvia del verano,
funde el hielo polar del mar.

Del poniente arriba la oscuridad,
es la mirada apetitosa,
muerte y violencia
es su nocturno allanamiento.

Del norte se congela la militancia,
es el invierno de Yuumtsil,
es la afección del vigor,
es la nube cegadora del ojo rastreador.

Del sur se entorna el viento
dividendo del botín,
matriz de la traición,
egoísmos que llevan los mismos apellidos.

Mi credo está en el ombligo de mi territorio
ahí se ha sentado el tronco de mi ceiba
en su raíz se extiende mi estirpe,
y su polinización desparrama mi sueño.

 

Explicación de términos del Maaya t’aan / Maya Yucateco:
múul aajo’ob: Nombre de un cenote que significa „despertaron juntos”.
Yuumtsil: Padre, Señor, Dios.

 


Der Nabel meines Territoriums

Vier Extremitäten hat mein Territorium
in der Mitte ruht
das Becken seines Nabels,
es hat sich selbst den Namen múul aajo’ob gegeben.

Von Osten her erhebt sich
das wütende, verzehrende Feuer,
vertreibt den Sommerregen,
schmilzt das Polareis des Meeres.

Aus dem Westen bricht die Dunkelheit herein,
es ist der appetitreiche Blick,
Tod und Gewalt
ist ihr nächtlicher Raubzug.

Von Norden her friert der Kampfesgeist ein,
es ist der Winter von Yuumtsil,
das Leiden der Widerstandskraft,
die Wolke, die das spähende Auge vernebelt.

Aus dem Süden weht der Wind
Dividende der Beute,
Quelle des Verrats,
Egoismen mit denselben Nachnamen.

Mein Glaubensbekenntnis liegt im Nabel meines Territoriums
dort hat sich der Stamm meines Ceiba-Baumes angesiedelt
in seiner Wurzel breitet sich meine Abstammung aus,
und seine Bestäubung verbreitet meinen Traum.

 

Erklärung von Begriffen aus dem Maaya t’aan / Maya Yucateco:
múul aajo’ob: Name eines Cenote (offene Karsthöhle), der bedeutet: „Sie sind zusammen aufgewacht“.
Yuumtsil: Vater, Herr, Gott.

// ENTEIGNEN INSPIRIERT

„Die Ergebnisse in Berlin, bei denen die Linke stark abgeschnitten hat, sind sogar in Kolumbien gute Nachrichten“, sagt Verónica Vélez, eine in Berlin lebende, kolumbianische Aktivistin gegenüber LN nach den Wahlen vom 26. September. Damit meint sie den Ausgang des Volksentscheids zur Enteignung großer Immobilienkonzerne. „Die sozialen und politischen Bewegungen gegen Zwangsräumungen in Bogotá sind während der Pandemie stärker geworden. Die Möglichkeiten, für die das Berliner Referendum steht, haben eine große Bedeutung für den Kampf gegen Ungleichheit und das Recht auf Dasein und Wohnung.“ Dass der mit 56 Prozent Zustimmung zur Enteignung an den Berliner Urnen klar ausgefallene aktivistische Erfolg internationale Strahlkraft entfaltet und auch in den von Mietenspekulation gebeutelten Großstädten Lateinamerikas inspiriert, ist ein doppelter Erfolg.

Doch was den Subkontinent betrifft, sind leider nicht alle Ergebnisse der Wahlen in Deutschland so positiv. Für die deutsche Lateinamerikapolitik_bedeuten sie zunächst einen Rückschlag: Mehrere Parlamentarier*innen, die zuvor für eine kritische Öffentlichkeit zur Menschenrechtslage in Kolumbien und Brasilien sorgten oder bei Vorfällen von Polizeigewalt und politischer Verfolgung Druck bei den entsprechenden Regierungen ausübten, werden im neuen Bundestag nicht mehr vertreten sein. Dazu gehört beispielsweise Heike Hänsel (Die Linke), die durch das Programm „Parlamentarier schützen Parlamentarier“ kolumbianische Abgeordnete wie Iván Cepeda unterstützt hat. Oder Uwe Kekeritz (Bündnis 90 / Die Grünen), der in der Vergangenheit maßgeblich Kleine Anfragen zur Lateinamerikapolitik der Bundesregierung stellte. Ohne die langjährigen Expert*innen wird die Lateinamerikapolitik der Fraktionen – zumindest vorübergehend – geschwächt. Mit Spannung erwartet werden auch die neuen Personalien der achtköpfigen Gemeinsamen Kommission von Auswärtigem Amt und Bundestag zum Thema Colonia Dignidad, aus der vier Abgeordnete ausgeschieden sind.

Angesichts von Einbußen an Fachexpertise zur Lateinamerikapolitik werden der Aktivismus und die Solidarität von außerparlamentarischen Gruppierungen umso wichtiger. Die parlamentarische Beobachtung der Menschenrechtslage in den Ländern Lateinamerikas erfordert Druck von außerparlamentarischen Akteur*innen. Auch bei dem verabschiedeten, aber noch nicht in Kraft getretenen Lieferkettengesetz muss die Zivilgesellschaft den Regierenden klarmachen, dass es erweitert und vor allem umgesetzt werden muss.

Es ist zu hoffen, dass nach dem bevorstehenden Regierungswechsel in einigen deutschen Ministerien künftig Politiker*innen sitzen, die empfänglicher für aktivistischen Druck sind und diesen an Entscheidungsträger*innen in Lateinamerika weitergeben. Bei den bevorstehenden deutsch-brasilianischen Regierungskonsultationen Ende November sollte die mögliche Neubesetzung an der Spitze des Verkehrsministeriums deutlicher fordern als der bisherige Amtsinhaber von der CSU, dass die Eisenbahnlinie Ferrogrão, die indigene Territorien bedroht, nicht gebaut wird. Auch ein Austritt Brasiliens aus der ILO-Konvention 169, die die Konsultation von Indigenen bei Baumaßnahmen auf ihren Territorien zwingend vorschreibt, müsste sanktioniert werden. Gerade weil diese Konvention in Deutschland erst im Juni 2021 ratifiziert wurde – nach langjährigem Druck der Zivilgesellschaft.

Vom Aktivismus der Berliner*innen, die sich weiter für die Kampagne „Deutsche Wohnen & Co. Enteignen“ engagieren, und deren Anbindung an verschiedene gesellschaftliche Akteur*innen könnte sich die außerparlamentarische Lateinamerikapolitik in den kommenden Monaten inspirieren lassen. Werden die parlamentarischen Organisationen schwächer, müssen sich die sozialen Bewegungen mehr Gehör verschaffen.

EXTREM POLARISIERT

Unter Beobachtung: Gesundheitsminister Marcelo Queiroga musste schon dreimal vor dem Parlamentarischen Untersuchungsausschuss aussagen.Foto: Fabio Rodrigues-Pozzebom / Agência Brasil

Am 10. Februar brach für Silvina Macedo die Welt zusammen. An diesem Tag starb ihr Mann an COVID-19. „Hätte die Bolsonaro-Regierung auf Experten gehört und den Kauf von Impfungen nicht behindert, würde mein Mann vielleicht noch leben“, sagt die kleingewachsene Frau, während sie an der Spitze einer Demonstration in der Stadt Belém marschiert. In der Hand hält sie ein Schild, auf dem ein Foto ihres verstorbenen Mannes zu sehen ist. Macedo war eine von zehntausenden Demonstrant*innen, die am 2. Oktober auf die Straße gingen. In ganz Brasilien fanden Proteste gegen die rechtsradikale Regierung von Präsident Jair Bolsonaro statt.

In Belém, einer Millionenstadt im Mündungsgebiet des Amazonas, kommen die Demonstrant*innen wegen der Hitze schon früh am Morgen zusammen. Der São Brás-Marktplatz verwandelt sich in ein buntes Wirrwarr. Fahnen, Transparente, gereckte Fäuste. Trommelklänge hallen durch die Straßen. Einige vorbeifahrende Autofahrer*innen hupen unterstützend, andere beschimpfen die Demonstrant*innen. Ein junger Mann mit Maske, blauem T-Shirt und Federschmuck auf dem Kopf wuselt durch die Menge, telefoniert, gibt Anweisungen. Es ist Telmiston Guarajara. Der 21-Jährige indigene Jurastudent ist einer der Organisator*innen, bei ihm laufen viele Fäden zusammen. „Wir dürfen nicht bis zur Wahl 2022 warten“, meint er. „Wir müssen Bolsonaro jetzt stürzen.“

Viele machen den ultrarechten Präsidenten für das Chaos im Land verantwortlich. Zwar hat sich die Corona-Lage in den letzten Wochen entspannt. Doch die Pandemie hat das Land schwer gebeutelt, mehr als 600.000 Menschen starben an dem Virus. Wie kaum ein anderer Staatschef leugnete Bolsonaro die Gefahren der Pandemie, ignorierte den Rat von Wissenschaftler*innen und machte Stimmung gegen Impfungen. Zudem soll der selbsterklärte Saubermann von Korruptionsversuchen bei der Beschaffung des indischen Covaxin-Impfstoffes gewusst und nicht eingegriffen haben. Eine parlamentarische Untersuchungskommission (COVID-19 CPI) untersucht seit April Unterlassungen und Fehlverhalten der Regierung während der Pandemie.

In einem extrem ungleichen Land wie Brasilien sind die Nachwirkungen der Corona-Pandemie brutal: Die Arbeitslosigkeit ist auf Rekordwerte geklettert, zehntausende Obdachlose bevölkern die Straßen der großen Städte, mindestens 19 Millionen Brasilianer*innen hungern. Eine Reportage in der Tageszeitung „Extra“ sorgte Ende September für Aufregung: Sie handelt von Menschen in Rio de Janeiro, die in Fleischabfällen wühlen müssen, um sich ernähren zu können.

„Bolsonaro interessiert sich nicht für das Leid der Bevölkerung“, meint Telmiston Guarajara. Laut dem Aktivisten müsse deshalb nun „eine möglichste breite Front“ gegen die Regierung gebildet werden – auch zusammen mit Konservativen und Rechten. Viele hoffen auf eine Neuauflage der „diretas já“-Kampagne: Im Jahr 1984 gingen Millionen Menschen, getragen von einer Allianz verschiedener politischer Spektren, noch während der Militärdiktatur gemeinsam für eine Wiedereinführung der Direktwahl des Präsidenten auf die Straße. Doch dass es zu einer neuen Kam- pagne über die Parteigrenzen hinweg kommt, ist unwahrscheinlich. Nach turbulenten Jahren ist die brasilianische Gesellschaft extrem polarisiert, die Gräben sind tief. Auf den landesweiten Protesten am Samstag waren fast nur Linke sichtbar, auch in Belém. Deshalb sind die Demonstrationen noch weit davon entfernt, der Regierung wirklich gefährlich zu werden. Es gelingt kaum, Menschen außerhalb der linken Blase zu mobilisieren. Im November sind erneut landesweite Demonstrationen geplant, doch die Organisator*innen wirken bisweilen orientierungslos.

Bolsonaro versteht es wie kein zweiter, Ängste zu schüren


Unklarheit herrscht zum Beispiel darüber, wie genau man agieren soll. Einige setzen darauf, Bolsonaro bei der Wahl 2022 zu schlagen. Andere kämpfen dafür, ihn so bald wie möglich abzusetzen. Bei den Protesten am 2. Oktober war auf vielen Schilder zu lesen: „Impeachment jetzt!“ Dem Präsidenten werden schwere Vergehen im Umgang mit der Pandemie vorgeworfen, die eine Amtsenthebung rechtfertigen könnten. Doch es ist unwahrscheinlich, dass es so weit kommt. Über die Aufnahme des Verfahrens entscheidet der Präsident des Abgeordnetenhauses, Arthur Lira von der rechtskonservativen Partei Progressistas (PP), ein Verbündeter Bolsonaros. Und im Parlament genießt Bolsonaro bisher noch die Unterstützung des centrão, des einflussreichen Mitte-Rechts-Blocks. Außerdem kann sich der Rechtsradikale auf den Rückhalt von rund 25 Pro-zent der Bevölkerung verlassen. Seine teils fanatischen Anhänger*innen verehren den Pöbel-Präsidenten mit fast schon religiösem Eifer und mobilisieren ebenfalls regelmäßig zu Protesten.

Bis zur Wahl im kommenden Jahr wird noch viel passieren. Das Wahlverhalten ist in Brasilien oft unberechenbar und hat viel mit aktuellen Entwicklungen zu tun. Es ist davon auszugehen, dass die Corona-Pandemie bei vielen Wähler*innen bis Anfang Oktober 2022 nicht mehr im Fokus stehen wird. Im krisengeplagten Brasilien versteht es Bolsonaro außerdem wie kein zweiter, Ängste zu schüren. Mit einer populistischen Medienstrategie, infamen Attacken auf Minderheiten und den bisweilen paranoid anmutenden Warnrufen vor einer angeblichen kommunistischen Gender-Diktatur könnte er es erneut schaffen, willige Anhänger*innen zuhauf um sich zu scharen. Auch im Wahlkampf von 2018 fand er mit seinen homophoben und rassistischen Statements viel Anklang. Statt über Inhalte diskutierte das Land seinerzeit wochenlang, ob Bolsonaros Gegenkandidat Fernando Haddad von der Arbeiterpartei PT Babyfläschchen in Penisform an Kitas verteilen ließ.

Eine Kampagne über Parteigrenzen hinweg ist unwahrscheinlich

Auch der politische Analyst und ehemalige Kommunikationsminister Thomas Traumann warnt davor, Bolsonaro abzuschreiben. „Im kommenden Jahr wird die Wirtschaft wieder wachsen und es wird ein neues Sozialprogramm geben, durch das arme Menschen ein bisschen mehr Geld in der Tasche haben werden“, sagte Traumann gegenüber LN. „Bolsonaro wird sich erholen können. Deshalb muss bei der nächsten Wahl auf jeden Fall mit ihm gerechnet werden.“

EIN FADES JUBILÄUM

Nahezu unbemerkt erreichen wir den Jahrestag von zwei Jahrhunderten mittelamerikanischer Unabhängigkeit. Offizielle Festakte sind rar, und die Regierungen der ehemaligen Kolonialprovinzen, die einst eine Bundesrepublik bildeten, haben nicht einmal das übliche Feuerwerk für das historische Datum des 15. September angesetzt und auch keine prächtigen Militärparaden.

In den akademischen Zirkeln wird ebenfalls geschwiegen: Es gibt kaum Debatten darüber, was unsere Geschichte seither gewesen ist und was wir von der Zukunft erwarten, welche Lehren wir aus der Vergangenheit ziehen, wo wir uns heute befinden und wohin wir gehen.

Man könnte vermuten, dass diese Gleichgültigkeit mit den schweren Zeiten zu tun hat, die wir durchleben, mit den Unsicherheiten, mit den Problemen fertig werden zu müssen, die durch die Pandemie entstanden sind. Deren ernste Risiken, die das soziale Leben und das Arbeitsleben stören und damit auch die wirtschaftliche Entwicklung verzögern, lassen nicht viel Zeit für andere Dinge.

Doch wie es scheint, werden die Präsidenten der mittelamerikanischen Länder nicht einmal zu einer virtuellen Zeremonie zusammenkommen. Sie haben es ja auch immer noch nicht geschafft, eine*n neue*n Generalsekretär*in für das Sistema de Integración Centroamericana (System mittelamerikanischer Integration, SICA) zu ernennen, weil es einige sehr schwerwiegende Meinungsverschiedenheiten gibt, die sogar noch protokollarische Veranstaltungen unmöglich machen. Man sollte also keine großen offiziellen Erklärungen erwarten, die ohnehin genauso wie immer ausfallen würden, verpackt nur in aktualisierte Rhetorik.

Die Unabhängigkeit der mittelamerikanischen Provinzen, die 1821 in Guatemala ausgerufen wurde, das damals Sitz des Generalkapitanats war, fiel wie eine reife Frucht, nachdem in den anderen Ländern Lateinamerikas die großen Kämpfe um die Befreiung abgeschlossen waren oder kurz vor ihrem Abschluss standen. Und diejenigen, die sie ausriefen, beeilten sich, das eben unabhängig gewordene Mittelamerika, das damals noch Chiapas einschloss, an das mexikanische Kaiserreich von Agustín de Iturbide anzugliedern, das schon bald darauf scheitern sollte.

Wie in der Unabhängigkeitserklärung geschrieben steht, wurde diese ausgerufen, „um die Folgen zu verhindern, die entsetzlich wären, würde sie das Volk selbst erklären.“ Deutlicher kann man es nicht sagen. Seit damals haben wir die goldene Regel gelernt, dass sich zwischen uns alles ändert, damit sich nichts ändert, der Regel aus dem Roman Der Leopard von Lampedusa entsprechend. Und so haben wir es im Verlauf dieser zwei Jahrhunderte auch erlebt. Statt Befreier und Revolutionäre haben wir fast immer nur berufsmäßige Taschenspieler gehabt.

Nach zweihundert Jahren der Unabhängigkeit braucht es als erstes eine Bilanz der Demokratie. Beim Bruch mit dem kolonialen Modell, das die spanische Krone aufgezwungen hatte, wurde in die Verfassungen ein Freiheitsbekenntnis aufgenommen, das auf den großen Beispielen gründete, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf dem Tisch lagen: die Ideen der Aufklärung, die Französische Revolution und die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten.
Wenn es einen gemeinsamen Nenner in den liberalen Erklärungen gab, dann war dies die Überzeugung, dass alle Wege zurück zum monarchischen Autoritarismus versperrt blieben und das Ideal die Bildung einer Bundesrepublik war, die auf demokratischen Formen der Herrschaft, Gewaltenteilung und der freien Wahl der Staatsgewalten beruhte.

Dieses politische Modell war für diejenigen, die auf dem amerikanischen Kontinent den Kampf um die Befreiung führten, für Bolívar, Sucre, San Martín, unverzichtbar geworden; und für den General Francisco Morazán, der, als die Unabhängigkeit Mittelamerikas endlich erreicht war, für das Überleben der Bundesrepublik Zentralamerika kämpfte − ein Ziel, das nach langen Jahren des Bürgerkriegs schließlich scheiterte und ihn das Leben kostete.

Die Geschichte der Unabhängigkeit Mittelamerikas beginnt deshalb mit einem großen Scheitern, dem einer Bundesrepublik. Die fünf mittelamerikanischen Länder waren den Fehden zwischen Caudillos unterworfen, und ein halsstarriger Provinzialismus trieb die Länder immer weiter auseinander. Vereint oder getrennt zu sein wurde unglücklicherweise zu einer Angelegenheit politischer Zugehörigkeit: Die Liberalen waren für die Föderation und die Konservativen für die lokale Machterhaltung, mit der alten Sehnsucht nach monarchischer Autorität. Deshalb wurde die Einheit Zentralamerikas zu einer militärischen Angelegenheit, die durch Kriege entschieden werden musste. Und so gelang es den Ländern in ihrer Vereinzelung und unter dem Druck der großen kolonialen und imperialen Mächte nie, auf die Beine zu kommen.

Später dann, im 20. Jahrhundert, dem Jahrhundert der Bananendiktaturen, wurde die Frage der politischen Einheit zum Gegenstand des Spotts. Als man den alten Somoza (nicaraguanischer Diktator von 1937 bis 1956, Anm. d. Red.) nach der mittelamerikanischen Einheit fragte, antwortete er voller Zynismus, er träte sehr gern zurück, um diese Einheit zu ermöglichen. Ein Witzbold, der genau wie seine ihm gleichen Nachbarn das anbot, was, wie er genau wusste, nicht in Gefahr war: seine eigene Macht, war doch die Einheit nichts weiter als eine Leerformel. Sie war zu einem Witz verkommen.

Mittelamerika umfasst insgesamt ein Gebiet von mehr als einer halben Million Quadratkilometer mit einer Bevölkerung von 50 Millionen sehr jungen Einwohner*innen. Wenn man es in seiner Gesamtheit sieht, handelt es sich um ein großes Land und um einen potenziell großen Markt. Der Vertrag für wirtschaftliche Integration von 1960 war ein Versuch, der immer mehr an Bedeutung verlor.

Doch was Mittelamerika im 21. Jahrhundert am meisten zu schaffen macht, ist die anhaltende Schwäche seiner Institutionen. Sie werden ausgehöhlt vom Autoritarismus, der so lebendig ist wie im 19. Jahrhundert, als die Krieg führenden Caudillos sich immer beharrlich weigerten, vom Pferd und von den Präsidentensesseln zu steigen, die sie für alle Zeiten gepachtet zu haben meinten.

Es sind von der Korruption zerfressene Institutionen, der Korruption, die zum Misskredit der Demokratie beiträgt, unter ständiger Bedrohung der Drogenmafias, die sich in den höchsten Kreisen der Macht, des Justizapparates und den Institutionen der öffentlichen Sicherheit festgesetzt haben.
Die junge Bevölkerung Mittelamerikas, die Mehrheit der Bevölkerung, ist aufgerufen, ohne Umschweife die Vergangenheit zu überprüfen, die uns bremst, mit ihren antidemokratischen, marginalisierenden Hemmnissen, ihren Egoismen und Perversitäten, um den Weg zu einer gemeinsamen Zukunft freizumachen.

Die Chancen, die uns dieses 21. Jahrhundert bietet, können nur von den mittelamerikanischen Ländern gemeinsam genutzt werden; für kleine, isolierte Parzellen, die nicht allein überleben können, wird es keine Chancen geben.

Und ohne Demokratie, ohne verlässliche Institutionen gelangen wir nirgendwohin.

 

PANDORA PAPERS BELASTEN POLITIKER MEHRERER LÄNDER

14 ehemalige und amtierende Staats- und Regierungschefs aus Lateinamerika stehen nach der Veröffentlichung der Pandora Papers unter Verdacht, einen Teil ihres Vermögens in Briefkastenfirmen vor der Öffentlichkeit versteckt zu haben. Darunter sind die amtierenden Präsidenten Sebastián Piñera (Chile), Guillermo Lasso (Ecuador) und Luis Abinader (Dominikanische Republik). Auch Regierungsmitglieder anderer Länder sind von den Enthüllungen betroffen, wie der brasilianische Wirtschaftsminister Paulo Guedes oder der mexikanische Staatssekretär für Kommunikation und Transport Jorge Arganis Díaz Leal.

Ein Zusammenschluss von mehr als 600 Journalist*innen aus 117 Ländern hatte in einer geheimen Recherche fast 12 Millionen vertrauliche Dokumente ausgewertet. Die Daten wurde dem International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) von einer anonymen Quelle zugespielt. Am 3. Oktober wurden die Ergebnisse ihrer Analysen unter dem Namen Pandora Papers weltweit veröffentlicht. Namhafte internationale Medien wie BBC, die Washington Post oder El País beteiligten sich an den Analysen und deren Veröffentlichung.

Die vertraulichen Dokumente stammen von 14 sogenannten Offshore-Providern. Diese Firmen helfen ihren Kunden dabei, in Steueroasen Briefkastenfirmen zu gründen. Der Besitz einer Offshore-Firma ist nicht illegal, wird aber häufig zur Geldwäsche oder Steuerhinterziehung genutzt. Gerade bei Regierungsmitgliedern wird der Versuch, dem Staat Steuern zu entziehen, als unethisch betrachtet, oft auch gesetzlich sanktioniert.

Brasilien: Wirtschaftsminister besitzt Briefkastenfirma

Paulo Guedes, seit 2019 „Superminister“ für Wirtschaft und Finanzen und neoliberaler Hardliner, wird von den investigativen Recherchen der Pandora Papers belastet. Er wird als Besitzer der Offshore-Firma Dreadnoughts International Group genannt, die in der Steueroase der Britischen Jungferninseln angesiedelt ist. Die Zeitschrift Piauí berichtete am 3. Oktober 2021, dass die Briefkastenfirma im September 2014 eröffnet wurde. Mitgesellschafterin von Guedes war seine Tochter Paula Drumond Guedes. Beide zahlten insgesamt 8 Millionen US-Dollar auf ein Konto der Crédit Suisse in New York ein, indem sie 50.000 mal den Betrag von 160 US-Dollar überwiesen. Bis August 2015 wurde die Einlage auf 9,5 Millionen US-Dollar erhöht.

Nach Aussagen seiner Anwälte verließ Guedes das Management seiner Offshore-Firma im Dezember 2018, bevor er das Amt als Minister antrat. Seither habe er auf jegliche Beteiligung an den finanziellen Entscheidungen des Unternehmens verzichtet und weder Überweisungen auf, noch Abhebungen von Konten im Ausland getätigt. Durch die Abwertung des Real während seiner Amtszeit stieg sein Vermögen in der Landeswährung allerdings von 35 auf 51 Millionen Reais.

In Brasilien ist der Besitz einer Offshore-Firma – auch in Steueroasen – nicht illegal, solange der Besitz der Steuerbehörde gemeldet wird. Dies ist laut Guedes der Fall. Die Opposition spricht jedoch von einem potenziellen Interessenkonflikt, da sich der Wirtschaftsminister indirekt durch seine Politik bereichert haben könnte. Am 6. Oktober wurde im Parlament entschieden, dass der Finanzminister dazu vor dem Plenum und vor zwei Kommissionen Stellung nehmen muss. Gegenüber Journalist*innen sagte Guedes, er sei „sehr gelassen“ und habe nie privat von seinem Amt profitiert.

Am 7. Oktober fanden vor dem Wirtschaftsministerium mehrere Proteste gegen Guedes statt. Morgens regnete es dort Dollar-Spielgeld mit dem Gesicht des Ministers, am Nachmittag wurde das Gebäude mit Slogans wie „Guedes im Paradies und das Volk in der Hölle“ oder „Guedes verdient am Hunger“ besprüht.

Chile: Transaktionen bedrohen Naturschutzgebiet

In Chile deckten die Pandora Papers neue Details zu Geschäften von Präsident Piñera im Zusammenhang mit der geplanten Eisen- und Kupfermine Minera Dominga auf. Der Milliardär Piñera war zu Beginn seiner ersten Amtszeit Hauptaktionär des Projekts, verkaufte jedoch Ende 2010 seine Anteile für 152 Millionen US-Dollar an seinen Schulfreund Carlos Alberto Délano. Davon wurden 138 Millionen mittels einer Transaktion auf den Britischen Jungferninseln bezahlt, einer Steueroase in der Karibik. Der Betrag sollte in drei Raten bezahlt werden, die letzte Rate war jedoch nur fällig, sofern das für das Projekt vorgesehene Küstengebiet nahe der Stadt La Higuera nicht zu einem Naturschutzgebiet erklärt würde. Darauf hatte Piñera als Präsident maßgeblichen Einfluss.

Die Region um La Higuera gilt als Hotspot der Biodiversität. Dort, wo für die geplante Mine ein eigener Hafen gebaut werden soll, befindet sich ein wichtiges Brutgebiet der vom Aussterben bedrohten Humboldt-Pinguine, auch Wale und Delfine leben dort. Piñera ignorierte jedoch die Umweltbewegung, die letzte der drei Raten wurde bezahlt und im August 2021 genehmigte die zuständige Behörde das Bergbauprojekt.

Der Präsident bestreitet einen Interessenskonflikt und beruft sich darauf, dass seine Beteiligung an dem Projekt bereits im Jahr 2017 Gegenstand von Ermittlungen gewesen sei, die zu seinem Freispruch führten. Da die Bedingung für die Zahlung der dritten Rate damals jedoch nicht untersucht wurde, hat die Staatsanwaltschaft nun die Wiederaufnahme von Ermittlungen beschlossen. Die Oppositionsparteien haben angekündigt, ein Amtsenthebungsverfahren einzuleiten.

Ecuador: Das Geld zieht um

In Ecuador gibt es seit einem Referendum im Februar 2017 ein Gesetz, welches es politischen Funktionsträgern verbietet, Geld in Steueroasen zu haben. Die Pandora Papers weisen dem amtierenden Präsidenten des Landes, Guillermo Lasso, die Nutzung von 14 verschiedenen Offshore-Firmen nach. Etwa drei Monate nach Erlass des genannten Gesetzes wurden im US-amerikanischen Bundesstaat South Dakota zwei Trusts gegründet, auf die die Anteile der meisten von Lasso angeblich aufgelösten Unternehmen überschrieben wurde. Lasso verteidigte sich damit, keinerlei Besitz, Kontrolle, Nutzen oder Interesse an diesen Einrichtungen zu haben und behauptet, sich immer an geltendes ecuadorianisches Recht gehalten zu haben.

Wie die Süddeutsche Zeitung (SZ) am 3. Oktober 2021 berichtete, hatte Lasso für die Konten in South Dakota keine Adresse in Ecuador, sondern in Florida (USA) angegeben. Mit diesem „Umzug“ nach South
Dakota war Lasso laut SZ in gewisser Weise auch Vorreiter für andere, die nach den Enthüllungen Panama Papers ihre Gelder aus Steueroasen in den US-Bundesstaat brachten.

Aus den in den Pandora Papers enthaltenen Dokumenten soll nicht hervorgehen, wer die Begünstigten der Trusts sind. Sollte Lasso allerdings noch immer Verbindungen zu dem Geld haben, könnte es ungemütlich für ihn werden. Die für Steuerfragen zuständige Kommission im ecuadorianischen Parlament kündigte Untersuchungen gegen Lasso an.

Peru: Ex-Präsident Kuczynski kaufte Offshore

Der Name des neoliberalen peruanischen Ex-Präsidenten Pedro Pablo Kuczynski (2016-2018) taucht ebenfalls in den Pandora Papers auf. Kuczynski (PPK) hatte im Jahr 2004, als er das Amt des Finanzministers unter Alejandro Toledo innehatte, die Offshore-Firma Dorado Asset Management auf den britischen Jungferninseln erworben. Diese soll nicht nur als Holding für Immobilien fungiert haben, sondern auch Finanzberatung zum Ziel gehabt haben, wie das Investigativportal Convoca schreibt.

In die Ermittlungen gegen PPK wegen Geldwäsche im Rahmen von Schmiergeldzahlungen durch das brasilianische Bauunternehmen Odebrecht war Dorado bereits 2019 einbezogen worden. Von Odebrecht als Beratungshonorare getarnte Gelder an PPKs Beraterfirma Westfield Capital sollen von Dorado zum Kauf zweier Immobilien in PPKs Besitz verwendet worden sein. Seit 2019 befindet sich PPK im Hausarrest, die betroffenen Immobilien wurden beschlagnahmt.

Nach Ansicht des zuständigen Staatsanwaltes Domingo Pérez ist das bisher unbekannte Ziel des Unternehmens, die Verschleierung des wahren Zwecks „eindeutig ein Verhalten, das mit Geldwäsche zu tun hat“, wie er gegenüber Convoca angab. Man werde nun weitere Transaktionen von Dorado aus dem Zeitraum von 2004-2014 prüfen. 2014 hatte PPK die Firma unter verändertem Namen nach Peru transferiert.

// NACHRICHTEN AUS ABYA YALA

„Sie haben uns nicht erobert, wir leisten immer noch Widerstand“. Dieser Satz stammt von den indigenen Zapatistas aus dem Süden Mexikos, die gegen ein System rebellieren, das sie und andere bekämpft und assimilieren möchte. Ihr Diskurs widerspricht dem der Eroberung Lateinamerikas, denn dort leben Indigene noch immer, auch wenn sie systematisch unterdrückt und ihre Rechte selbst von progressiven Regierungen missachtet werden. Der Überlebenskampf der Zapatistas sorgt seit ihrem Aufstand von 1994 weltweit für Aufsehen und Sympathie, so auch aktuell bei den Lateinamerika Nachrichten, da sich eine Delegation der Zapatistas gerade auf Reise in Europa befindet (siehe S. 6).

In Mexiko dagegen werden sie von dem sozialdemokratischen Präsidenten López Obrador (AMLO) trotz dessen allgemein indigenenfreundlicher Rhetorik verbal angegriffen. Auch sein Großprojekt, der so genannte „Tren Maya“, wird auf dem Rücken der indigenen Bevölkerung vorangetrieben (siehe S. 9). Wie auch anderswo gilt: Die Ignoranz gegenüber indigenen Gemeinschaften ist ein koloniales Erbe.

Auch das Wort Lateinamerika ist eine koloniale Bezeichnung. Takir Mamani, ein Aymara und Intellektueller aus Bolivien, argumentiert, „ausländische Namen für unsere Dörfer, Städte und Kontinente“ anzuerkennen, sei „gleichbedeutend mit der Unterwerfung unserer Identität unter den Willen der Invasoren und ihrer Erben“.

Als Redaktionskollektiv, das seit fast 50 Jahren an emanzipatorische Kämpfe hier und in Lateinamerika anknüpft, setzen wir uns mit dieser Debatte auseinander. Wir verstehen uns als links-progressive Zeitschrift und bemühen uns um eine differenzierte, kritische und solidarische Berichterstattung, vor allem auch hinsichtlich (neo-)kolonialer Machtverhältnisse. Warum also führen wir im Namen noch eine Fremdbezeichnung, die von Invasor*innen stammt, welche sich im Namen von Kirche und Krone gewaltsam das Land angeeignet sowie Indigene degradiert und vielfach versklavt haben?

Dem sich ergebenden Widerspruch möchten wir uns stellen, wenn wir ihn auch nicht auflösen können. Nach unserem Beginn als Chile Nachrichten aus Solidarität mit dem sozialistischen Präsidenten Salvador Allende kurz vor dem Putsch gegen ihn, erweiterte sich unser Fokus danach auf die benachbarten Militärdiktaturen der 1970er Jahre und wir benannten uns mit dem damals wie heute gebräuchlichen Wort Lateinamerika.

Gibt es eine aus Sicht der indigenen Bevölkerung bessere Bezeichnung? Takir Mamani schlug in den 1980er Jahren vor, dass alle Indigenen Amerikas ihren Kontinent „Abya Yala“ nennen sollten, nachdem er die Bezeichnung bei den in Panama und Kolumbien lebenden Guna kennengelernt hatte. Abya Yala bedeutet wörtlich „Land in voller Reife“ oder „Gerettetes Land“ und wird inzwischen von vielen Indigenen sowie bekannten indigenen Dachverbänden wie der CONAIE in Ecuador oder APIB in Brasilien anstelle des eurozentristischen Begriffs „Amerika“ verwendet und bezeichnet somit den gesamten Kontinent. Abya Yala ist also nicht nur eine neutrale indigene Bezeichnung für die Region, sondern auch ein politischer Begriff und vermittelt eine klare Position dekolonialer Kämpfe.

Wir möchten in Zukunft ebenfalls stärker den Begriff Abya Yala sowie die Selbstbezeichnungen indigener Gemeinschaften für ihre jeweiligen Territorien verwenden, wenn wir zu entsprechenden Themen berichten. Dafür haben wir ein erstes kurzes Glossar angelegt (siehe gegenüber) und für diese Ausgabe eine besondere Titelseite gestaltet. Einen ausführlichen Text zum Thema könnt ihr in Kürze auch auf unserer Homepage finden. Als Redaktion ist uns klar geworden, dass die Verwendung indigener Selbstbezeichnungen nur ein kleiner Schritt in der Auseinandersetzung mit dekolonialen Debatten sein kann. Seit unserer Gründung haben dekoloniale Themen einen festen Platz in den Ausgaben. Unser Umgang mit ihnen wie auch unser Selbstverständnis entwickeln sich in unserer kontinuierlichen Auseinandersetzung mit emanzipatorischen Kämpfen. Diesen Prozess möchten wir hier transparent machen. Wir werden über die Kämpfe indigener Gemeinschaften weiterhin solidarisch sowie respektvoll berichten und dabei dazulernen – getreu dem Motto der Zapatistas: „Fragend schreiten wir voran!“

ALS HORIZONT DIE WELT

Zapatistas demonstrieren in Madrid (Foto: Timo Dorsch)

Ein Schiff ist auf dem heißen Madrider Asphalt unterwegs. Bunt geschmückt, stehen an der Reling sieben Indigene aus Mexiko. Sie winken der Menge hinter und neben ihnen zu, werfen ihnen Papierflieger entgegen. Das Thermometer zeigt, auch am frühen Abend noch, Temperaturen weit über der 40 Grad-Marke an. Es ist Freitag der 13. und es ist kein gewöhnlicher Unglückstag. Ein halbes Jahrtausend zuvor wurde an diesem Datum die Unterwerfung Mexikos durch die Spanische Krone besiegelt. Dass die sieben Indigenen, allesamt Zapatistas, in der spanischen Hauptstadt Präsenz zeigen, ist Ergebnis einer Verkettung von Unmöglichkeiten sowie einer langen Geschichte des Widerstandes.

Denn Widerstand kennt viele Gesichter. Er lebt von der Kreativität und der Fähigkeit, sich neu zu erfinden. Ganz besonders der Widerstand der Zapatistischen Armee der Nationalen Befreiung (EZLN). Deren Repertoire des politischen Kampfes reicht von der klandestinen Vorbereitung auf den bewaffneten Aufstand gegen die mexikanische Regierung, der Ausarbeitung eines landesweiten Gesetzespaketes im Austausch mit der mexikanischen Regierung, bis zur Umsetzung eines umfassenden Autonomieprojektes auf befreitem zapatistischem Gebiet fernab der mexikanischen Regierung. Das jüngste Element im Widerstandsrepertoire der Massenbewegung ist die seit Herbst letzten Jahres öffentlich geplante Reise für das Leben.

Es ist Oktober 2020, als die EZLN ankündigte, eine zapatistische Delegation in die Welt entsenden zu wollen. Erstes Ziel sollte Europa werden, andere Kontinente würden später bereist werden. Der Reise zugehörig ist eine Delegation des Nationalen Indigenen Kongresses (CNI), wovon die EZLN Teil ist, wie auch Mitglieder des regionalen Widerstandsnetzwerkes Frente De Pueblos Morelos Puebla Tlaxcala. Nebst der Verbindung zum früheren antikolonialen Widerstand jährt sich gegenwärtig der zapatistische Marsch der Farbe der Erde, der im Jahr 2001 insgesamt 1.111 Zapatistas nach Mexiko-Stadt führte, zum zwanzigsten Mal.

Sodann wurde am 1. Januar 2021, dem 27. Jahrestag des zapatistischen Aufstandes, eine Erklärung für das Leben veröffentlicht. Unterschrieben wurde sie von tausenden Gruppen, Organisationen, Einzelpersonen und Zusammenhängen weltweit. Ihrer Analyse der mexikanischen und globalen Verhältnisse folgend, zuletzt umfassend dargelegt auf dem 2015 stattgefundenen EZLN-Kongress angesichts der kapitalistischen Hydra, kann der Kampf gegen die kapitalistische Verwüstung der Welt kein partikularer, sondern allein ein universeller Kampf sein.

Die EZLN beabsichtigt zeitversetzt in mehreren Gruppen insgesamt 501 Zapatist*innen auf den Weg gen Europa zu schicken. Die erste Gruppe, ungefähr 150 Personen stark, besteht zu 80 Prozent aus Zapatistinnen. Alle Generationen des zapatistischen Kampfes sollen vertreten sein. Auf der Erkundungstour sollen primär Zusammenkünfte und Treffen mit hiesigen Gruppen, Zusammenhängen und Organisationen erfolgen, die unter den europäischen Bedingungen eigene Formen des politischen Kampfes erproben. Denn, so die Zapatist*innen: „Das Andere zu sehen und zu hören, wird uns vielleicht helfen auf unserem Weg – oder auch nicht. Das Andere zu kennen, ist jedoch auch Teil unseres Kampfes und Unterfangens – unserer Menschlichkeit.“

Der Vorschlag der EZLN mündete in der Gründung landesweiter Vorbereitungsstrukturen, so auch in Deutschland. Er führte dazu, dass unabhängig von der politischen Ausrichtung und Strömung all jene zusammenkamen, die sich an der Ermöglichung dieser Reise beteiligen wollen. Ähnlich zu den zapatistischen internationalen Frauentreffen der letzten Jahre, bei denen mehrere tausend Frauen und Queers aus aller Welt teilnahmen, ist auch dieses Mal erstaunlich, über welches Anrufungspotential die EZLN auch heute noch verfügt.

Eigentlich sollte die Delegation im Juli per Flugzeug in Paris eintreffen. Doch eine verzögerte Passausgabe in Mexiko aus rassistischen Gründen, restriktive Einreiseregelungen seitens Frankreichs und die allgemeine Corona-Lage (Mexiko ist weltweit auf Platz vier bezüglich der absoluten Todeszahlen) verhinderten dies. Am Internationalen Tag der Verschwundenen, dem 30. August, gab die Organisation schließlich bekannt, dass sie am 14. September in Wien landen werden.

An diesem Freitag jährte sich also zum 500. Mal das Massaker, das am 13. August 1521 die Spanische Krone an der Bevölkerung von Tenochtitlán, dem heutigen Mexiko-Stadt, verübt hatte. In jener Nacht wurden, so die Schätzung, 80.000 Aztek*innen von den Spaniern massakriert. Das Massaker markiert die Unterwerfung des damaligen Aztek*innen-Reiches gegenüber der Spanischen Krone und damit auch die Eroberung des heutigen Mexikos. Ähnlich zu Oktober 1992, dem 500. Jahrestag seit Beginn der Eroberung Amerikas durch Spanien, steht dieses Datum symbolisch für Kolonialisierung wie auch für Widerstand.

Widerstand lebt von der Kreativität und der Fähigkeit, sich neu zu erfinden

Und wie zum jetzigen 500. Jahrestag hatten sich die Zapatist*innen auch 1992 öffentlich politisch geäußert. Sie beteiligten sich damals am 12. Oktober – noch nicht unter der öffentlichen Flagge der EZLN, sondern lediglich in Form einzelner Mitglieder – an einer Demonstration in der Kolonialstadt San Cristóbal de las Casas, die sie am 1. Januar 1994 militärisch einnehmen würden. Auf dieser Demonstration wurde die Statue des spanischen Eroberers Diego de Mazariegos gestürzt und geköpft.

Die EZLN schickte dieses Jahr, noch vor der eigentlichen Delegation, eine Vorhut, das Geschwader 421, um auf maritimen Weg Europa zu erreichen. Nach fünf Wochen Atlantiküberfahrt auf dem umgetauften deutschen Segler Stahlratte, Baujahr 1903, erreichte die Gruppe am 20. Juni europäisches Festland. Das Geschwader 421 besteht aus vier Frauen, zwei Männern, und einer*einem Anderer*m bzw. otroa im zapatistischen Sprech. Marijosé, die*der otroa, betrat als erste*r Zapatista europäischen Boden. Marijosé war die*der erste*r Zapatista, die*der das Wort ergriffen hat. Dass eine*r Andere*r diesen zentralen Platz in dieser zapatistischen Kampagne einnimmt, ist kein taktisches Manöver. Die EZLN steht seit ihrem öffentlichen Auftreten für einen Gesellschaftsanspruch, der Identitäten über alle Grenzen hinweg einschließt, divers und offen ist. Ausgehend von der eigenen Marginalisierung als Indigene hat die EZLN stets versucht, Brücken des Kampfes zu bauen, die Situation der Ausgeschlossenen zu thematisieren und das Gemeinsame zu betonen.

Weltweit unterzeichneten Gruppen die Erklärung für das Leben der Zapatistas


Auch wenn das historische Datum des 13. Augustes vor neun Monaten seitens der EZLN als Tag einer europaweiten Demonstration gesetzt wurde, fanden sich an diesem frühen Abend weniger Menschen ein als erwartet. Geschätzte 3000 Sympathisant*innen der zapatistischen Bewegung kamen und liefen dem Schiff hinterher. Zwischen ihnen marschierte eine Polizei-Kette, die es zuvor geschafft hatte, Demonstrationszug und Schiff ohne jeglichen Widerspruch voneinander zu trennen. Die Dekoration des Schiffes, mit bunten Luftballons und Wimpeln, wirkte eher karnevalesk und weniger wie ein politisches Statement. Das lag auch daran, dass die Bedeutung genau dieses Schiffes nicht deutlich wurde.

Es war nicht irgendein Schiff. Das Schiff ist Ausdruck eines utopischen Gedankens, eines unmöglichen Wunsches. Das Schiff ist Teil der Madrider politischen Geschichte, entsprungen aus dem Arbeiter*innenviertel Vallecas, wo 1981 eine Gruppe junger Menschen am Rande eines katholischen Festes eine Wasserschlacht organisierte. Aus dieser Schlacht entsprang der Wunsch nach einem eigenen Hafen. Und das in einer Stadt, die weit entfernt von einem großen Fluss, geschweige denn vom Meer liegt. Die Wasserschlacht wird alljährlich begangen, ihr politisches Motto variiert jeden Sommer: sei es gegen den Machismus oder auch gegen die Klimakrise. Begleitend zur Wasserschlacht wurde ein Schiff gebaut. Der Regierung missfiel es, sie verbot in den 1990er Jahren das „Fest von unten“, musste jedoch eingestehen, dass der Wunsch größer als die Repression war, die ihn nicht befrieden konnte. Die Feierlichkeiten gibt es noch immer. Auf diesem Schiff ohne Meer fand sich die zapatistische Delegation ein. Kurzum: Auf diesem unmöglichen Schiff standen unmögliche Rebell*innen, die sich auf einer unmöglichen Reise befinden.

Die Demonstration endete am Kolumbus-Platz. Hier fand sich die Menge ein, ihnen gegenüberstehend die zapatistische Vorhut. Die Rede, die sie hielt, trägt den Titel „Erst 500 Jahre später“. Jede*r von ihnen verlas einen Teil der Rede. An zwei Stellen sprachen sie gemeinsam. Die Rede, neben einer fundamentalen Kritik gegenüber den Negativfolgen der Moderne, beinhaltet eine erneute Betonung dessen, worauf es ihnen in ihrem Kampf gegen den Kapitalismus und für die Menschheit ankommt: „Denn zu leben, bedeutet nicht nur, nicht zu sterben, bloß zu überleben. Als Menschen zu leben, bedeutet, in Freiheit zu leben. Leben ist Kunst, ist Wissenschaft, ist Freude, Tanz, ist Kampf.“ Anders als andere Befreiungsbewegungen beansprucht die EZLN in diesem Kampf keine dominante oder alles bestimmende Position. Auch 25 Jahre nach ihrer vierten Erklärung aus dem lakandonischen Dschungel sind diese Sätze noch immer gültig: „Für alle das Licht. Alles für alle. Für uns der Schmerz und die Angst, für uns die freudige Rebellion, für uns die verweigerte Zukunft, für uns die rebellische Würde. Für uns nichts.“

„SIE WOLLEN UNS AUSLÖSCHEN“

Territorium und Maya-Identität sind Themen der Workshops des Kollektivs Múuch‘ Xíinbal (Foto: Haizel de la Cruz)

Der Präsident von Mexiko, Andrés Manuel López Obrador (AMLO), hat in seiner Rede am 13. August 2021 gesagt, dass es keine Rechtfertigung dafür gebe, anderen Nationen oder Kulturen mit Gewalt ein politisches, wirtschaftliches, soziales oder religiöses Modell aufzuzwingen. Verhält sich seine Regierung entsprechend?
Die Regierung verfolgt ein für uns attraktives Narrativ, das aber ihren Handlungen widerspricht. Sie benutzt die indigenen Völker, indem sie den Eindruck erweckt, dass sie sich um eine historische Schuld ihnen gegenüber kümmert, um daraus Legitimität zu ziehen. Aber das trifft nicht zu, denn zumindest wir indigenen Völker in Yucatán und vom Isthmus von Tehuantepec müssen heute nicht nur wie früher gegen Unternehmen kämpfen, die uns von unserem Land vertreiben wollen. Heute müssen wir gegen die Regierung selbst kämpfen, da sie mit dem unzutreffend benannten „Tren Maya“ eines der zerstörerischsten, bedrohlichsten Projekte anführt, das uns als indigene Völker auslöschen und die Halbinsel Yucatán in einen Industriekorridor verwandeln soll, in dem wir nur noch prekarisierte Arbeiter wären, die für die großen Unternehmen produzieren. Der Präsident lügt, er manipuliert und ist ein Heuchler. Und er sagt auf Widerspruch hin immer, dass er andere Daten hätte. Wir wissen nie, welche Daten das sind, aber seine Daten sind immer die guten und die richtigen. Das ist für mich eine Schande. Während AMLOs Amtszeit sind schon mehr als 60 Indigene und Menschen, die für ihr Land gekämpft haben, ermordet worden. In keinem der Fälle wurde ermittelt oder die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen.

Welches sind die Großprojekte, die die Regierung auf der Halbinsel Yucatán verfolgt?
Vor einigen Jahren hat der Konzern Monsanto viel Urwald zerstört, um genveränderten Soja in Monokulturen anzupflanzen. Später wurden Schweinezuchtbetriebe angesiedelt, die ebenfalls große Flächen in Anspruch nehmen, aber vor allem durch ihren Gestank noch viel größere Gebiete beeinträchtigen. In ihrer Umgebung kann man dadurch nicht mehr gut leben. Dann kamen Wind- und Solarparks hinzu, in denen erneuerbare Energie erzeugt wird. In alarmierender Weise tauchten außerdem Immobilienunternehmen auf, die begannen, für den Tourismus interessante Gebiete im kollektiven Besitz indigener Gemeinschaften an sich zu reißen, auf denen sich etwa Cenoten, archäologische Spuren, Seen oder Urwald befinden. Wir haben gegen jedes dieser Projekte gekämpft.

Der „Tren Maya“ ist nun das Projekt, das all diese Projekte zusammenfasst und verbindet. Denn die Sojaproduzenten und Schweinezüchter können damit ihre Ware abtransportieren, die Hotel- und Restaurantbetreiber haben ihren Zug, mit dem die Touristen reisen können. Die Betreiber der Wind- und Solarparks können ihren Strom an die Bahn verkaufen. Es sind nicht mehr fünf Projekte, sondern ein einziges Megaprojekt, das einem globalen Interesse gehorcht. Und das Projekt ist nicht neu, sondern wurde schon vor langer Zeit von Regierungen der PRI und der PAN entwickelt. Die Vorgängerregierungen waren bei der Bevölkerung nur zu diskreditiert, um es selbst umzusetzen. Das Traurige ist, dass die Leute an eine linke Regierung geglaubt haben, die den indigenen Völkern gegenüber wohlgesonnen ist und AMLO mit 30 Millionen Stimmen vertraut haben. Mit dieser Legitimität setzt er nun den „Tren Maya“ um.

Aber es gibt noch uns, die wir gemerkt haben, dass das ein Verrat an seinem eigenen Wort ist. Wir kämpfen, um das wenige zu schützen, was uns bleibt: Wir haben nur noch wenig Urwald. Viel handfeste Maya-Kultur haben wir nicht, aber etwas bleibt uns noch. Wir haben noch die Produktion der milpa (traditionelles Landwirtschaftssystem der Maya, Anm. der Red.). Wir sprechen noch unsere Sprache, und wir, die Maya, leben immer noch.

Die Regierung dagegen will uns in Maya für die Touristen verwandeln, wie in einem Museum. ‚Maya’ steht heute in Yucatán für einen Zug, ein Restaurant, ein Hotel, eine Zeitung, eine Riviera. Wir stellen nicht die Regierung infrage, aber diese neoliberalen Projekte, die uns und unsere Kultur zerstören. Tatsächlich steht wörtlich in dem Bericht zur Umweltverträglichkeitsprüfung des „Tren Maya“, dass der Ethnozid eine positive Wendung nehmen könne. Das belegt, dass sie uns auslöschen, unsere Kultur komplett zerstören wollen, und dagegen verteidigen wir uns.

Was genau sind die Folgen dieser Projekte?
Zum einen kommt es zu Spaltungen und Polarisierung in den Gemeinschaften. FONATUR (Nationaler Fonds für die Förderung des Tourismus, Anm. d. Red.) kommt und verspricht, dass jene, die ihr Land für den Zug hergeben, alles haben werden, was ihnen fehlt, wie vielleicht Wasser, Strom oder Straßen. Viele glauben den Versprechungen und nehmen das Angebot an. Das führt zu Konflikten in den Familien und in den ejidos (landwirtschaftliche Genossenschaften, die in Mexiko seit der Agrarreform 1917 existieren, Anm. d Red.), denn es gibt andere, die schon mehr Erfahrung und Zweifel haben. Wenn FONATUR auf Widerstand trifft, besticht es die Kommissare der ejidos. Diese Autoritäten bescheinigen dann Versammlungen, die nie stattgefunden haben und fälschen Dokumente.

Eine weitere soziale Auswirkung ist die Unsicherheit. In Cancún und an der Riviera Maya gibt es schon länger Morde, Überfälle sowie willkürliche Verhaftungen und Folter seitens der Polizei. Seitdem der „Tren Maya“ vorangetrieben und gebaut wird, nimmt das auch in unseren Gemeinschaften zu. Plötzlich kommen bewaffnete Gruppen aus Cancún und töten Menschen, das ist sehr schlimm.

Schließlich fördert das Projekt die Armut. Es gab sie zwar vorher schon, aber dadurch, dass die Leute jetzt ihr Land verlieren, wird es schlimmer. Man hat uns Arbeit im Austausch für das Land versprochen, aber der „Tren Maya“sucht für den Bau spezialisierte Kräfte und wir sind nur Bauern. Die Jobs bekommen daher andere. Ohne unser Land, ohne die milpa können wir keinen Mais mehr ernten und unsere Tortillas nicht mehr selbst herstellen, sondern müssen sie für bis zu 25 Pesos pro Kilo kaufen. Die Maya-Familien sind im Allgemeinen groß, mit 6 oder 7 Personen, und können sich das auch mit zwei Mindestlöhnen nicht leisten. Wir müssen dann Arbeit in der Stadt suchen und wohnen im Zweifel in den Elendsvierteln der Peripherie. Oder wir putzen die Klos der Restaurants und Hotels. FONATUR-Direktor Rogelio Jiménez Pons meinte, wir könnten ja in Zukunft an den Bahnhöfen des „Tren Maya“ betteln gehen.

Gibt es noch weitere Auswirkungen?
Es wird härter gegen Menschen vorgegangen, die die Maya-Sprache sprechen. Einige sagen, dass die Sprache verloren geht. Wir bekräftigen aber, dass sie nicht verloren geht, sondern dass ihre Sprecher getötet werden. Viele von uns, die die Stimme zur Verteidigung unseres Territoriums erhoben haben, werden kriminalisiert. Jiménez Pons hat uns soeben beschuldigt, rechtsextrem zu sein, nur weil wir uns mit amparo-Verfassungsbeschwerden (Rechtsmittel jedes mexikanischen Bürgers oder von Körperschaften, gegen staatlichen Machtmissbrauch und Verletzung von Verfassungsrechten vorzugehen, Anm. d. Redaktion) gegen Rechtsverletzungen durch den „Tren Maya“ wehren. Wir seien schuld daran, wenn der Zug nicht durch Campeche und Mérida fahren wird. Damit gibt er dem organisierten Verbrechen, das das Projekt unterstützt, Hinweise, damit es uns sucht und auslöscht. Es tut uns weh, dass staatliche Funktionäre solchen Rassismus zeigen und uns verachten.

Zu den Umweltauswirkungen gehört natürlich, dass für den Zug große Flächen Urwald abgeholzt werden. Das Hauptproblem ist aber, dass damit eine kapitalistische, territoriale Neuordnung einhergeht und für die Entwicklung der Halbinsel ca. zwanzig Städte à 50.000 Einwohner gebaut werden sollen. Mit der Zerstörung des Waldes wird auch der Lebensraum vieler Tiere vernichtet, die dann sterben müssen, und das Wasser geht verloren. Außerdem wird damit ein kulturelles Erbe zerstört, denn der Glaube und die Riten von uns Maya sind mit der Natur verbunden, nicht mit der Stadt – folkloristische Performances für Touristen erfüllen einen politischen Zweck und haben nichts mit uns zu tun. Unser ruhiges Leben spielt sich im Wald in Harmonie mit anderen Lebensformen ab, und wenn unsere Umgebung krank ist, dann sind wir es auch. Daher schützen wir sie.

Hat der Staat keine Konsultation der indigenen Bevölkerung nach der ILO-Konvention 169 durchgeführt?
Die Konsultationen sind ein Witz, niemand nimmt sie Ernst. Solche Gesetze nützen nichts, wenn der Präsident sagt, dass nur seine eigenen Daten gültig sind. Die Regierung fordert vom Parlament mit Erfolg, es möge an ihren Gesetzesentwürfen bitte nichts ändern. Die Gerichte haben unsere amparos entgegengenommen, aber außer zweien keine beantwortet. In zwei Fällen haben sie zwar eine Suspendierung von Maßnahmen verhängt, die Regierung hat sich aber nicht daran gehalten und die Gerichte haben anschließend keinen Respekt für ihre Urteile eingefordert.

Internationale Organisationen sind Komplizen des Projektes, denn UN-Habitat hat 5 Millionen Dollar dafür bekommen, Garantin der stattfindenden Vertreibung von unserem Land zu sein, auch die UNESCO begleitet das „Tren Maya“-Projekt.

Wie sieht der Widerstand aus?
Die Mehrheit der Menschen hat keine Hoffnung, sondern Angst und versucht nur zu überleben. Wir wenigen, die wir unser Land nicht hergeben wollen, haben beschlossen zu kämpfen, nachdem wir verstanden haben, dass wir nicht zwischen Leben und Tod wählen können, sondern nur die Art des Todes: Entweder sie erschießen uns, oder wir sterben langsam vor Hunger und Durst. Wir haben mit Personen aus etwa 25 verschiedenen Gemeinschaften der ganzen Halbinsel das Kollektiv Múuch‘ Xíinbal („Gemeinsam schreiten wir voran“) gegründet, um Wege zur Verteidigung unseres Territoriums zu finden. Wir suchen etwa für uns wichtige Informationen, auch mit Hilfe einiger Wissenschaftler, übersetzen sie ins Maya und verteilen sie an die Leute in den Gemeinschaften. Für die juristische Arbeit sind wir auf Hilfe von Anwälten angewiesen, die uns kein Geld kosten, und manchmal lässt uns ein Anwalt mitten in einem langen Prozess hängen. Mit einem guten Anwalt gewinnen wir auch mal einen Prozess, wobei das immer schwieriger wird, da die Regierung danach die Gesetze immer wieder ändert.

Demonstrationen organisieren wir nicht, weil wir keine Tausenden auf die Straßen bringen können, und um uns vor Polizeigewalt und Gefängnis zu schützen. Ich, meine Familie und andere haben schon Todesdrohungen bekommen. Diejenigen von uns, die noch nicht bekannt und sichtbar sind, schützen wir daher lieber.

Unsere Prinzipien sind: Kein Verkauf und keine Vermietung von Land, keine Kooperation mit politischen Parteien, kein Akzeptieren von Bedingungen im Austausch für Unterstützung. Wenn unsere Basis, die ejidatarios (Mitglieder eines Ejidos, Anm. d. Red.) nein zu Verkauf und Vermietung von Land sagen, haben es die Unternehmen sehr viel schwerer, uns zu vertreiben. Dieses Jahr haben wir daher eine Reihe von Workshops gemacht: Wir treffen uns einmal im Monat und sprechen mit jungen Maya über unsere Identität und das Territorium. So haben wir es geschafft, Menschen aus den Gemeinschaften zu Beratern auszubilden: Sie tragen das Gelernte nach Hause. Wenn dann Abgesandte kommen, um Land zu kaufen, können sie die ejidatarios nicht mehr täuschen, auch wenn diese nur Maya sprechen. Denn es ist dann jemand da, der auf die Argumente der Firmen vorbereitet ist und den Älteren erklären kann, was eine Veräußerung von Land bedeuten würde. Um unsere Reichweite zu verbessern, veröffentlichen wir jede Woche außerdem einen kleinen Podcast auf Maya und Spanisch.

Sie sind Schriftsteller und verfassen Poesie in Ihrer Maya-Sprache. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Ihrer Lyrik und Ihrem Aktivismus?
Angesichts unserer Ohnmacht in diesem Kampf um die Verteidigung unseres Territoriums suchen wir nach verschiedenen Formen, um den Kampf zu organisieren, Informationen zu verbreiten und Missstände anzuprangern. Die Verteidigung unseres Territoriums war für mich der Grund, mit dem Schreiben anzufangen. Die Poesie füllt eine Leere aus und alles, was ich geschrieben habe, hat zu tun mit unserer Trauer, unserem Schmerz, unserer Verzweiflung, mit der Situation der Eroberung, der Kolonisierung, der Erniedrigung durch den Rassismus, mit der Zerstörung unserer Umwelt und der Beziehung, die wir Maya zur Natur haben.