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A luta continua

Am 19. Februar griffen 230 schwer bewaffnete Militärpolizisten die 90 Familien an, die im August 1997 den ungenutzten Grundbesitz Aqua Amarela besetzt hatten. Die Familien wurden gewaltsam vertrieben. Weitere 56 landlose Familien wurden in Mamboré im Nordosten Paranás von 140 Militärpolizisten mit schwerem Geschütz und Tränengas angegriffen. Die beiden Gruppen von landlosen Familien wurden anschließend in verschiedene Landesregionen deportiert, ohne daß sie dort auch nur eine minimale Versorgung erhalten hätten.
Im Bundesstaat Rio Grande do Sul verließen rund 2000 Familien besetztes Land in Santo Antonio de Missoes, Jóia und Piratini, nachdem die Gerichte ihnen den weiteren Aufenthalt versagt und die Großgrundbesitzer mit Gewaltaktionen gedroht hatten. Im Sternmarsch marschierten die drei Gruppen im März zum Regierungspalast Piratini, um ihre Rechte politisch durchzusetzen. Da die Verhandlungen bislang erfolglos blieben, harren die Familien in der Landeshauptstadt aus. Doch im Bundesstaat Pará, wo vor knapp zwei Jahren das Massaker an 19 Landlosen in Eldorado de Carajás angerichtet wurde, zeigten sich die Militärpolizisten wieder besonders gewalttätig: 550 landlose Familien hatten am 14.März den Teil der Fazenda Goias II besetzt, der vom Besitzer der Fazenda ohne Eigentumsrechte annektiert worden war. Während am 26.03.1998 in Marabá Verhandlungen mit der Agrarreformbehörde INCRA über die Ansiedlung der Familien geführt wurden, erschienen um 12.30h vierzehn Fahrzeuge auf der besetzten Fazenda. Zwei Gerichtsbeamte, ein Offizier und zehn Militärpolizisten forderten die Landlosen zum sofortigen Verlassen des Landes auf, während sich 30 schwer bewaffnete Revolvermänner im Umfeld aufstellten. Den Landlosen wurde klargemacht, daß ihr Leben nichts mehr zähle, die Verhandlungen in Marabá auch nichts, und daß sie besser das Land verließen, denn die Privatarmee der Großgrundbesitzer sei zu allem bereit. Die Landlosen beschlossen, sich der Gewalt zu beugen und verließen das Land. Als sie sich um 19:00h bei bereits angesiedelten, ehemals landlosen Bauern sechs Kilometer von der Besetzung entfernt niederließen, näherten sich die Gerichtsangestellten, die Militärpolizei und ein Teil der Revolvermänner den Landlosen, unter denen sich auch die beiden Anführer Donizete Valentin Serra und Onalicio Aranjo Barros befanden. Auf den Ruf des Großgrundbesitzers Carlos Antonio da Costa: „Das ist Jasquinha! Killt die beiden Hurensöhne!“ wurden Serra und der fliehende Barros („Jasquinha“) erschossen. Die Großgrundbesitzer warfen die Leichen auf ihr Auto und rasten davon. Hunderte von Trauernden nahmen am nächsten Tag, nachdem die verscharrten Leichen gefunden worden waren, an der Beerdigung teil. Trotz des Schocks besetzten am 29.März 450 Familien erneut das Landstück, von dem sie vertrieben worden waren. Der Tod der Genossen sollte nicht umsonst sein und ein Zeichen gesetzt werden, daß die Landlosen stark und ohne Furcht ihr gerechtes Werk fortführen.
Unter den beteiligten Militärpolizisten, wurden einige, am Massaker von Eldorado de Carjás beteiligte, wiedererkannt. Keiner von ihnen ist jedoch bisher zur Rechenschaft gezogen worden.
Doch die Landlosenbewegung Brasiliens steht nicht alleine da. Zum zweiten Jahrestag des Massakers fanden auf der ganzen Welt Kundgebungen und Aktionen gegen die Straffreiheit der Täter und für die Agrarreform statt. Weltweit wurde der 17. April als internationaler Tag des Kampfes der Kleinbauern gefeiert und dem Neoliberalismus der Kampf angesagt. In 14 Bundesstaaten Brasiliens wurden tausende von Demonstranten durch das MST, die Kirche und Zusammenschlüsse von Indígenas auf die Straße gebracht, die gegen die Politik von Präsident Cardoso und für die Agrarreform demonstrierten. In Bonn wurde symbolisch ein Stacheldraht vor der Botschaft aufgebaut und dem Botschafter eine Petition überreicht. Ähnliches geschah in der Mehrzahl der europäischen Länder, in den USA, Honduras, Mexiko, Indien und auf den Philippinen.
In Freiburg fand das II. Europäische Treffen der MST-UnterstützerInnen statt, bei dem unter anderem die Freiburger Erklärung gegen den sozialen Ausschluß in Nord und Süd verabschiedet wurde.
“Reforma Agrária – una luta de todos“ (Agrarreform, ein Kampf aller) ist die berechtigte Formel des MST.

Wolfgang Hees ist im Vorstand der Kooperation Brasilien (KoBra e.V.) und Brasilienreferent bei Caritas International

KASTEN:
Freiburger Erklärung – Gegen den sozialen Ausschluß in Nord und Süd

Anläßlich des zweiten Jahrestages des Massakers an 19 Landlosen in Eldorado de Carajás, Bundesstaat Pará, Brasilien, am 17.04.1996 trafen sich vom 17.-19.04.98 bei Caritas International in Freiburg 50 Vertreterinnen und Vertreter der Solidaritätsbewegung aus acht Ländern Europas (Belgien, Frankreich, Italien, Spanien, Deutschland, Portugal, Holland und Schweiz) zum 2. Europäischen Treffen der Amigas do MST-Movimiento Sem Terra (Freundinnen und Freunde der Brasilianischen Landlosenbewegung MST). Anwesend waren auch Delegierte des MST Brasilien.
Im Verlauf eines Protestmarsches durch das Zentrum Freiburgs berichteten die Delegationen über die Situation in ihren Ländern. Dabei wurde deutlich, daß weltweit die Gesellschaften durch die Logik des sozialen Ausschlusses geprägt werden:
* der Abstand zwischen arm und reich vergrößert sich
* Reichtum und Macht konzentrieren sich zunehmend bei wenigen Personen
* die Zahl derer „ohne“ nimmt zu: ohne Arbeit, ohne Wohnung, ohne Aufenthaltsgenehmigung, ohne Ausbildung, ohne soziale Absicherung, ohne Land
In diesem politischen Kontext kommt der brasilianischen Landlosenbewegung eine besondere Bedeutung zu. Sie ist weltweit eine der wenigen Bewegungen, in der sich die Ausgeschlossenen organisieren und die volle Teilhabe an der Gesellschaft fordern. Dazu dienen in erster Linie massenhafte Besetzungen ungenutzter Ländereien, Protestmärsche durch das ganze Land und politische Aktionen in Behörden und Ministerien.
Seit dem 1. Europäischen Treffen in Barcelona 1997 wurde mit mehr als 600 Veranstaltungen in Europa dieser Kampf unterstützt. Dabei stand die Logik des sozialen Ausschlusses in Nord und Süd im Mittelpunkt der Auseinandersetzung und es wird erklärt:
* das Modell der neoliberalen Wirtschaftsideologie kann die sozialen Probleme nicht lösen, sondern vertieft sie zunehmend.
* die Besetzung ungenutzter Ländereien ist legitim, solange 4,8 Millionen Familien landloser Bauern aufgrund ungerechter Landverteilung ihre Ernährung nicht sicherstellen können und ihnen damit ein menschliches Grundrecht verwehrt bleibt. Dieses Prinzip ist auf andere Lebenslagen übertragbar.
Wir verpflichten uns daher
* den Kampf der Landlosenbewegung in Brasilien gegen den sozialen Ausschluß weiter zu unterstützen
* von der brasilianischen Erfahrungen der Organisationsprozesse mit den Ausgeschlossenen im Norden zu lernen
* die Kooperation zwischen den europäischen Solidaritätsgruppen weiterzuentwickeln
Angesichts der Globalisierung des Kapitals kämpfen wir für die Globalisierung der Solidarität

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