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Ablenkungsmanöver

Mit seinem jahrzehntelangen Einsatz für die Menschenrechte und die Rechte der Indígena-Bevölkerung hatte sich Bischof Juan Gerardi viele Feinde gemacht. Bereits 1980 war er einem Mordanschlag des Militärs nur knapp entgangen. Seit 1994 zeichnete er für das Projekt „Wiedererlangung des historischen Gedächtnisses“ (REMHI) verantwortlich, dessen Abschlußbericht „Guatemala: Nie wieder!“ er am 24. April dieses Jahres in der Kathedrale von Guatemala-Stadt vorgestellt hatte. Zwei Tage danach wurde er brutal ermordet (siehe LN 288).
Die Regierung geriet nach dem Bischofsmord international unter Druck und mußte zeigen, daß die jahrzehntelange Straffreiheit für Menschenrechtsverletzungen, die im REMHI-Bericht detailliert geschildert wurde, in Guatemala zu Ende ist. Nach nur wenigen Tagen wurde Carlos Vielman als Täter präsentiert. Obwohl es keine stichhaltigen Beweise gegen ihn gab, wurde Vielman dem Haftrichter vorgeführt und blieb mehr als zwei Monate im Gefängnis. Das Erzbischöfliche Menschenrechtsbüro (ODHA), dessen Leiter Gerardi bis zu seinem Tod war, war von Beginn an von der Unschuld Vielmans überzeugt und forderte, die Täter auch in den Reihen der Armee und der zahlreichen paramilitärischen Strukturen, die in Guatemala in den vergangenen Jahrzehnten entstanden waren, zu suchen. Auch nachdem Vielman und ein zweiter vorübergehend verhafteter Tatverdächtiger wieder in Freiheit waren, weigerte sich der ermittelnde Staatsanwalt Otto Ardón, den Hinweisen in diese Richtung intensiver nachzugehen.

Verdächtige Militärs

Konkrete Hinweise, daß der Oberst im Ruhestand, Byron Lima Estrada, und sein Sohn, Byron Lima Oliva, Offizier beim Generalstab des Präsidenten, in den Bischofsmord verwickelt sind, untersuchte die Staatsanwaltschaft nur oberflächlich. Beide Militärs blieben in Freiheit. Auch Anzeichen für die Beteiligung anderer Angehöriger der Streitkräfte gingen die Behörden nicht nach. Die Armee sollte den Beschuldigungen selbst nachgehen. Bis heute ist in dieser Richtung jedoch nicht viel passiert. Immer neue Namen wurden genannt, ohne daß die Untersuchungen zu einem Ergebnis kamen.
Im August löste Präsident Alvaro Arzú eine hochrangig besetzte Untersuchungskommission zum Bischofsmord auf: sie habe ihre Arbeit getan. Dabei konnte sie keinerlei neue Erkenntnisse vorzeigen. Fast zeitgleich kündigte der Präsident eine „überraschende Wendung“ im Mordfall Gerardi an. Doch auch hier Fehlanzeige, bis heute blieb er die Überraschung schuldig. Ob Arzú nur phantasiert hat oder tatsächlich genaueres über die Tat weiß und nur nicht sagen will, oder darf – darüber wird reichlich spekuliert. Fakt ist jedoch, daß auch Arzú von Beginn an einen politischen Hintergrund der Tat verneint hat.
Statt der Militärs wurde am 22. Juli Mario Orantes, Priester der Pfarrei von San Sebastian, in deren Gebäude Juan Gerardi lebte und auch ermordet wurde, mit großem Polizeiaufgebot als Tatverdächtiger verhaftet. Vorwurf: Der Mord sei aus Leidenschaft geschehen, vermutlich hätten Gerardi und Orantes eine Verhältnis gehabt. Die Empörung über die Verhaftung des Priesters war groß, doch Regierung, Militärgeheimdienst und willfährige Medien streuten immer neue Gerüchte über eine angebliche Beziehung der beiden Geistlichen. Zwischendurch wurde auch das Gerücht gestreut, die Verhaftung weiterer Kirchenvertreter stünde kurz bevor – ohne daß dem jemals Taten folgten.
Schnell wurde das Ziel der Anschuldigungen klar: Die katholische Kirche als Institution soll angegriffen werden, um ihre moralische Autorität zu untergraben, die sie gerade auch durch ihren Einsatz für die Menschenrechte in Guatemala erlangt hat. Zugleich soll vom REMHI-Bericht abgelenkt werden, schließlich hatte dieser einmal mehr belegt, daß Streitkräfte und Paramilitärs für die große Mehrzahl der Menschenrechtsverletzungen in 36 Jahren Krieg verantwortlich sind.
Nach der Veröffentlichung des Berichts „Guatemala: Nie wieder!“ und der Ermordung von Bischof Gerardi waren die Massaker und Verbrechen des Militärs zu einem wichtigen öffentlichen Thema geworden. Immer stärker wurde die Forderung nach einem Ende der jahrzehntelangen Straffreiheit und der Aufhebung der Amnestie für schwere Menschenrechtsverletzungen. Zugleich mobilisierte die Armee gegen die „Beleidigung der Ehre der Streitkräfte“. Ein eigener Bericht über Menschenrechtsverletzungen der Guerilla während des Krieges hatte jedoch weit geringeren Einfluß als der Bericht von REMHI – zu offensichtlich waren die Verfälschungen in dem Bericht der Streitkräfte. Als im Juli ein Oberst Menschenrechtsverletzungen der Streitkräfte eingestand, wurde er sofort verhaftet und des Verrats beschuldigt.
Alvaro Arzú, der zu Beginn seiner Präsidentschaft Anfang 1996 einige Rechtsaußen im Offizierskorps entlassen hatte und dafür auch von Menschenrechtsaktivisten Zustimmung erhielt, wird nun selbst zum Hardliner. Bereits vor einem Jahr hatte er sich in einem Zeitungsinterview über die katholische Kirche beklagt, die wegen ihrer Kritik an der Situation in Guatemala „in Opposition zum Friedensprozeß“ stünde.
Anfang September hat er noch einmal nachgelegt und „die Gruppen, die im Ausland die Menschenrechtsverletzungen in Guatemala anklagen“ als „Verräter“ bezeichnet. Während des Krieges war die Bezeichnung von Oppositionellen als „Verräter“ oft ein Freibrief für Todesschwadronen, gegen sie vorzugehen. Tatsächlich hat die politische Gewalt gegen die Opposition in den vergangenen Monaten wieder zugenommen, die Aufbruchstimmung der ersten Monate des Friedensprozesses ist verflogen. Die Rechte scheint Arzú fest im Griff zu haben.

Die Kirche wehrt sich

Pfarrer Mario Orantes ist nun seit fast zwei Monaten in Haft. Die katholische Kirche intensiviert ihren Druck, um die Ermittlungen voran zu bringen und fordert eindeutige Beweise für die Schuld des Pfarrers, oder seine unverzügliche Freilassung. Das öffentliche Vorgehen gegenüber den Ermittlungsbehörden wird nun direkt in der Bischofskonferenz koordiniert. Die ODHA hat mittlerweile Strafanzeige gegen Staatsanwalt Ardón gestellt. Die Vorwürfe lauten auf Begünstigung und Verletzung des Amtsgeheimnisses.
Tatsächlich sind die Anschuldigungen gegen Orantes nicht sehr stichhaltig. Auf Fotos der Leiche wollen spanische Gerichtsmediziner Bißwunden an Gerardi festgestellt haben, was von den guatemaltekischen Gerichtsmedizinern, die die Autopsie vorgenommen haben, rundweg ausgeschlossen wird. Die Bißwunden sollen laut Staatsanwalt Ardón von Balú, dem alten Schäferhund von Pfarrer Orantes, stammen, was wiederum auf eine Tatbeteiligung des Hundehalters hinweise.
Eine aufgrund dieser Beschuldigungen von der ODHA geforderte Exhumierung der Leiche wurde von Ardón wochenlang abgelehnt. Nun hat der verantwortliche Richter dem Antrag der ODHA zwar stattgegeben und die Exhumierung für den 21. September angeordnet. Ob am Körper von Juan Gerardi, fast fünf Monate nach seinem Tod, allerdings noch „zweifelsfrei“ festgestellt werden kann, ob dieser Bißwunden – oder eben nicht – aufweist, muß bezweifelt werden. Die Verzögerungstaktik des Staatsanwalts wäre aufgegangen, die Anschuldigungen gegen Orantes könnten nicht eindeutig entkräftet werden.
Dies würde sich nahtlos in die gesamten bisherigen Ermittlungen einfügen, über die die Bischofskonferenz Anfang September eine Analyse veröffentlicht hat. Demzufolge wurden bereits in der Mordnacht entscheidende Beweismittel zerstört. Danach gingen die Behörden wichtigen Spuren nicht nach, und mittlerweile ist ein Zeuge, der vorübergehend wegen angeblichen Drogenbesitzes inhaftiert war, verschwunden. Es hat den Anschein, daß darauf hin gearbeitet wird, daß der Mord an Bischof Gerardi niemals aufgeklärt werden kann.

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