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Abschied in die Unsterblichkeit

Gerade ist Lost and Found, das letzte Album des Buena-Vista-Social-Club-Orchesters, erschienen. Es enthält Aufnahmen aus den legendären Sessions im Egrem Studio von 1996, Konzertmitschnitte und einige Überraschungen aus dem Archiv von World Circuit, dem Label, das den Kuba-Boom erst auslöste. Welche Bedeutung hat dieses Album für Sie?
Omara: Es ist eine Überraschung, denn wir wussten nicht, dass es geplant war, und von einigen Stücken bin ich sehr überrascht. Ich hatte die Erinnerung an sie verloren oder war bei den Aufnahmen vielleicht nicht dabei, so dass ich doch hier und da gestaunt habe.
Eliades: Ja, auch mich hat Nick Gold (Chef von World Circuit; Anm. der Red.) damit überrascht. Auch weil Songs wie „Pedacito de Papel“ dabei sind. Das hatte ich komplett vergessen und für mich ist Lost and Found es so etwas wie das Finale. Es passt ideal zur Abschiedstour, die nun gerade begonnen hat.

Welche Bedeutung hat der Buena Vista Social Club für Kuba und für die kubanische Kultur?
Omara: Buena Vista Social Club ist ein Monument der kubanischen Kultur. Er steht für die Qualität kubanischer Musik, für den Einfallsreichtum der Musiker und ihre Improvisationsfähigkeit. Ich bin nur durch Zufall damals dazu gestoßen, denn es fehlte eine Frau und sie haben mich angerufen, um ein paar Stücke zu singen. Nun bin ich 19 Jahre dabei.

Sie sind gemeinsam mit Eliades Ochoa die letzte Leadsängerin aus der Ursprungsbesetzung. Alle anderen wie Ibrahím Ferrer oder Compay Segundo sind mittlerweile verstorben. Was bedeutet Ihnen die Abschiedstour, die in wenigen Tagen beginnt und erst im Dezember des Jahres enden wird?
Omara: Mir ist es sehr wichtig, die kubanische Kultur aufrechtzuerhalten, mich für meine Kultur zu engagieren, und dazu gehören die Auftritte im Ausland dazu. Da singe ich auch mal auf Englisch oder Deutsch. Die reiche, fruchtbare Kultur unseres Landes im Ausland zu vertreten, ist mir wichtig und macht mir Spaß.
Eliades: Es ist ein Abschied, ja, aber eigentlich denke ich, dass der Buena Vista Social Club nach all den Jahren und Erfolgen unsterblich ist. Wir werden unsere letzte Show spielen, uns verabschieden mit all dem, was wir können, aber irgendwie wird das weiterleben.

Welche Bedeutung hat die traditionelle Musik heute in Kuba? Ist sie in der Bevölkerung verankert oder lebt sie in erster Linie durch den Tourismus?
Omara: Ich denke, das ist nicht viel anders als anderswo. Die Jugend interessiert sich für das Neue. Das heißt nicht unbedingt, dass ihr das Alte nicht gefällt, aber das Neue ist wichtiger, prägender und so geht der Einfluss zurück. Rock und Pop oder der Reggae-Sound sind auch in Kuba oftmals wichtiger.

Gerade nähern sich die USA und Kuba aneinander an. Das ist auch für Künstler*innen wie Sie relevant. Visaprobleme könnten der Vergangenheit angehören. Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Omara: Das ist Politik und darüber spreche ich nicht gerne. Ich bin Optimistin und ich hoffe, dass dieser alte Konflikt bald beigelegt wird. Das wünsche ich mir für mein Land.
Eliades: Bei den Papieren zur Einreise von Künstlern hat es schon in der Vergangenheit Fortschritte gegeben, und was die Annäherung beider Ländern angeht, halte ich das für eine überfällige und sehr intelligente Entscheidung. Ich denke, dass die Menschen in beiden Ländern sehr glücklich sind, dass sich etwas tut. Schließlich gibt es viele Familien, die Angehörige auf beiden Seiten der Straße von Florida haben, und es ist gut, wenn sie sich sehen können, telefonieren können und nicht mehr getrennt sind. Die Entscheidung sich zu verständigen, wurde von der ganzen Welt mit Applaus quittiert – nicht ohne Grund.

Haben Sie die Hoffnung, dass das Handelsembargo fallen wird?
Eliades: Wenn der US-Präsident sagt, dass ihn das Handelsembargo nicht mehr interessiert, dann sind dessen Tage gezählt, denke ich. Früher oder später wird es so weit sein.

Kuba macht gerade einen Reformprozess durch, aber die Wirtschaft scheint nicht auf die Beine zu kommen. Wie ist die Lage?
Eliades: Ach, der Kubaner überlebt heute genauso wie die ganzen Jahre zuvor. Es ist sicherlich nicht leicht, aber in Kuba wird gelebt und improvisiert. Das war schon immer so.

Frau Portuondo, Sie sind mittlerweile 84 Jahre alt und treten immer noch regelmäßig auf. ­Woher nehmen Sie die Energie?
Omara: Ich fühle mich genauso wie am Anfang, als ich mit dem Cuarteto D’Aida meine Karriere begann. Aufzutreten ist für mich eine große Befriedigung. Ich liebe es, es macht mich stolz und die glücklichen Gesichter im Publikum verschaffen mir neue Energie.

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