Abseits eines würdigen Lebens
Der Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen in Peru wird weiterhin behindert
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Nach dem peruanischen Strafgesetzbuch ist der therapeutische Schwangerschaftsabbruch die einzige Form des Schwangerschaftsabbruchs, die nicht mit einer Gefängnisstrafe geahndet wird. Er darf nur dann von Ärzt*innen durchgeführt werden, wenn dies die einzige Möglichkeit ist, das Leben der Schwangeren zu retten oder bleibende Schäden zu verhindern. Es besteht jedoch kein Minimalkonsens darüber, welche Ereignisse das Leben oder die Gesundheit der schwangeren Frau beeinträchtigen können, sodass der Zugang zu diesem vom Ermessen der Ärzt*innen abhängt. Den Zugang zum therapeutischen Abbruch verhindert oft das Gesundheitspersonal aufgrund von fehlender Schulung und konservativer Traditionen. Damit ist das peruanische Gesetz über den Zugang zur Abtreibung eines der restriktivsten im Vergleich zu Argentinien, Kolumbien und Mexiko, wo kürzlich die Entkriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs erfolgte.
Im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen 2026 verschärft sich angesichts des Erstarkens konservativer Bewegungen ein politischer Diskurs mit fundamentalistischen und anti-gender Positionen, welcher die Zukunft des uneingeschränkten Zugangs zum therapeutischen Schwangerschaftsabbruch in Frage stellt: So hat etwa der derzeitige Bürgermeister von Lima, Rafael López Aliaga, der eine Kandidatur für die Wahlen 2026 in Erwägung zieht, sich gegen die Legalisierung der Abtreibung ausgesprochen und erklärt: „Abtreibung ist das abscheulichste Verbrechen, das es in der menschlichen Realität gibt.”
In diesen ersten Monaten des Jahres scheinen die Vorstöße der ultrakonservativen Parteien, insbesondere der „Renovación Popular“ (RP, „gesellschaftliche Erneuerung“, Anm. d. Red.), auf die Verfassungswidrigkeit des Leitfadens des Justizministeriums zur therapeutischen Abtreibung abzuzielen. Darüber hinaus haben die RP-Kongressabgeordnete Milagros Jáuregui, eine evangelikale Pastorin, und der Rechtsanwalt Alejandro Muñante mehrere Gesetzentwürfe vorgelegt, die eine umfassende Sexualerziehung in den Schulen, die Anwendung der therapeutischen Abtreibung und den Ansatz der Geschlechtergleichstellung in den Lehrplänen gefährden, da diese nicht Teil ihrer „Pro-Familien Vision“ sind. Auf diese Weise hat der Zugang zu therapeutischen Abtreibungen einen großen Rückschritt gemacht: „Während andere Länder der Region Fortschritte bei der Entkriminalisierung der Abtreibung machen, ist Peru auf dem Rückmarsch. Es ist nicht nachvollziehbar, dass der Zugang zur einzigen erlaubten Abtreibungsart nicht gewährleistet werden kann. Unsere Gesetzgebung ist drakonisch”, so die feministische Anwältin Josefina Miró Quesada.
Gerade Fälle, in denen Minderjährigen der Zugang zum Schwangerschaftsabbruch verweigert wird, werden auf nationaler Ebene immer bekannter, wie der Fall einer 13-jährigen Minderjährigen aus der Amazonas-Großstadt Pucallpa, der im Oktober 2024 der Abbruch verweigert wurde. Die Minderjährige wurde sexuell missbraucht und gezwungen, eine risikoreiche Schwangerschaft fortzusetzen. Nach der Geburt befand sich die Jugendliche in einem kritischen Zustand auf der Intensivstation, ihr Aggressor ist bis heute straffrei. Die Verweigerung der Abtreibung wurde damit begründet, dass das Baby als ein „Beweismittel für ein Verbrechen“ gelte.
Die wenigen Alternativen bestehen darin, die Schwangerschaft gezwungenerweise fortzusetzen, im Geheimen abzutreiben oder für die Behandlung in Privatkliniken zu zahlen. Doch auch diese Möglichkeiten sind nicht vor diskriminierenden Diskursen oder Gewalt gefeit. Die Einschränkungen wirken sich darauf aus, wie die Presse über den Schwangerschaftsabbruch berichtet. Dort konzentriert man sich auf tragische Fälle, an denen Minderjährige beteiligt sind.
Gesetzlich erlaubt, gesellschaftlich blockiert
Parallel zu diesen Mediendiskursen haben die Fälle von sexueller Gewalt gegen minderjährige Mädchen seit den letzten Präsidentschaftswahlen zugenommen: Nach Angaben des Frauennotrufzentrums wurden im Jahr 2024 mehr als 27.700 Fälle gemeldet, im Gegensatz zu 14.500 Fällen im Jahr 2021. In den Monaten Januar bis März 2025 wurden 4.456 Fälle von sexueller Gewalt an minderjährigen Mädchen registriert, darunter 1.841 schwangere Minderjährige. Dass seit 2014 3.347 therapeutische Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen wurden, macht die daraus resultierende Diskrepanz umso drastischer: Allein im ersten Quartal 2025 wurden mehr Fälle von sexueller Gewalt an weiblichen Jugendlichen gemeldet als Fälle von therapeutischen Schwangerschaftsabbrüch-
en in den letzten 10 Jahren. Darüber hinaus wies die Anwältin Josefina Miró Quesada auf eine alarmierende Tatsache hin: „Zwischen 2012 und 2022 entfielen von den fast 10.000 strafrechtlich bearbeiteten Fällen von Abtreibung 21 auf die therapeutische Abtreibung, obwohl sie in diesem Land kein Verbrechen ist! Die Kriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs erstreckt sich sogar auf legale Dienste.”
Obwohl diese Zahlen den Medien zugänglich sind, wird über sie nicht mit der gleichen Wucht berichtet wie über die Fälle von Schwangerschaftsabbrüchen, deren Ursachen und Folgen tragisch und dauerhaft sind. Organisationen wie das Zentrum zur Förderung und Verteidigung der sexuellen und reproduktiven Rechte (Promsex) setzen sich für den freien Zugang zu diesen Rechten ein. So hat Promsex die Verletzung des Rechts auf medizinisch indizierten Abbruch in vier Fällen sichtbar gemacht, die vor Gremien der Vereinten Nationen (UN) mit Urteilen gegen den peruanischen Staat endeten. In diesen Fällen wurde eine finanzielle Entschädigung für notwendige medizinische Behandlungen, ein Sozialzuschuss für die Fortsetzung der Schulausbildung und die Umgestaltung des rechtlichen Verfahrens für den Zugang zum therapeutischen Abbruch gefordert. Konkret soll dies durch einen weniger bürokratischen Zugang sowie Schulungen erreicht werden, welche Behinderungen der Abbrüche durch das Gesundheitspersonal vorbeugen.
Es steht im Fokus, wer das Recht auf Abtreibung verdient hat
Die jüngste Entscheidung erging im „Fall Camila“ (2017-2023), einer Minderjährigen, die infolge von sexuellem Missbrauch schwanger wurde. Ihr wurde der Zugang zu einem therapeutischen Schwangerschaftsabbruch mit der Begründung verweigert, dass ihr psychisches Risiko – sie gab an, dass sie nach Bekanntwerden der Schwangerschaft Selbstmord begehen wollte – nicht als Rechtfertigung für einen Schwangerschaftsabbruch angesehen wurde. Im weiteren Verlauf erlitt Camila eine Fehlgeburt, und 2018 leitete die Staatsanwaltschaft ein Verfahren gegen die Minderjährige wegen des Verbrechens der Selbstabtreibung ein. Promsex wies im Namen von Camila darauf hin, dass diese „vom Opfer zur Täterin wurde. Gegen sie wurde ein demütigendes und reviktimisierendes Verfahren eingeleitet, ihre strafrechtliche Verantwortlichkeit festgestellt und eine unerklärliche gerichtliche Verfolgung gegen sie aufrechterhalten“, die sich auf ihr Lebensprojekt und die Behandlung in ihrem sozialen Umfeld auswirkte. Im Jahr 2019 wurde das Urteil nach einer Berufung aufgehoben, und 2021 wurde ihre Beschwerde vor dem UN-Ausschuss für die Rechte des Kindes verhandelt. Der Ausschuss entschied zu Gunsten von Camila, aber bis heute ist der peruanische Staat weder den geforderten finanziellen und sozialen Wiedergutmachungen nachgekommen noch hat er die technischen Richtlinien für den therapeutischen Schwangerschaftsabbruch überarbeitet.
Dieser Fall sorgte in den Medien für Aufregung, da Camila diskriminiert, strafrechtlich verfolgt und erneut viktimisiert wurde, obwohl sie die Voraussetzungen für die Inanspruchnahme ihrer Rechte erfüllte. Lokale Medien sprachen sich für die geforderte finanzielle und soziale Entschädigung durch den Staat sowie für die Überarbeitung des Protokolls über den Zugang zur Abtreibung aus. In der Berichterstattung dazu wurde häufig auf frühere internationale Urteile gegen den Staat verwiesen. Zum einen auf den „Fall K.L.“: Ein 17-jähriges Mädchen wurde gezwungen, eine Schwangerschaft mit einem schwerst fehlgebildeten Fötus fortzusetzen, obwohl dies ärztlich genehmigt war. K.L. brachte ein Kind zur Welt, das nur 5 Tage lebte. Dafür wurde der peruanische Staat 2002 vor dem Menschenrechtskommittee der UN angezeigt, das drei Jahre später zugunsten von K.L. entschied. Auch in diesem Fall wurde eine finanzielle Entschädigung gefordert und Änderungen an den Protokollen für den Zugang zum Abbruch verlangt. Der „Fall L.C.“ hingegen betraf ein 13-jähriges Mädchen, das nach einer Schwangerschaft infolge sexuellen Missbrauchs einen Selbstmordversuch unternahm. Sie benötigte eine dringende Operation, um eine Lähmung zu vermeiden, aber das Krankenhaus verweigerte ihr diese aufgrund Schwangerschaft mit der Begründung, es bestehe keine unmittelbare Gefahr. Nach dreimaliger Verweigerung des Abbruchs wurde die Operation erst nach einer Fehlgeburt durchgeführt. Zu diesem Zeitpunkt hatte L.C. bereits 90 Prozent ihrer Beweglichkeit verloren. Im Jahr 2009 zeigte sie den Staat vor dem UN-Ausschuss für die Beseitigung der Diskriminierung der Frau an, 2011 entschied dieses zu ihren Gunsten. Über beide Fälle berichteten unabhängige, lokale Medien sowie Fernsehsender. In beiden Fällen wurde, wie im Fall Camila, eine finanzielle Entschädigung vom Staat gefordert und Änderungen an den Protokollen für den Zugang zum Abbruch, das heißt an deren bürokratischem Charakter und an der Reaktion des Gesundheitspersonals darauf, verlangt.
Die Medienberichterstattung über diese Fälle ist nicht durch eine offene Unterstützung der Forderung nach einem therapeutischen Schwangerschaftsabbruch gekennzeichnet, sondern vielmehr durch den Aufbau – und sogar die Verherrlichung – eines Bildes davon, wer dieses Recht „verdient“. In dem Sinne werden diese Fälle erzählt, indem die Ungerechtigkeit, aber vor allem die tragische Situation der Opfer hervorgehoben wird: minderjährig, mit begrenzten Mitteln, unvollständiger Ausbildung, aus einem gewalttätigen Umfeld, und ihr Zustand als Opfer sexuellen Missbrauchs.
Diese zweideutige mediale Darstellung des Schwangerschaftsabbruchs begünstigt bestimmte Urteile darüber, wer das Recht auf Zugang hat. Dadurch werden andere Personen ausgeschlossen, die ebenso zugangsberechtigt sind. Fehlende umfassende Sexualerziehung wird schließlich als unzureichender Grund angesehen. Dabei tritt ein weiteres kritisches Problem im Land zutage: die mangelnde Förderung einer umfassenden Sexualerziehung und sogar Kampagnen dagegen, die mit der Assoziation von Sexualerziehung mit der „Verwandlung des Jugendlichen in einen homosexuellen oder promiskuitiven Menschen“ begründet werden.
Ein eingeschränktes Recht kann nie ein Recht sein
In einem Kontext der Polarisierung, der von den Wahlen 2026 geprägt ist, gewinnen oberflächliche Diskurse über den freien und bedingten Zugang zur therapeutischen Abtreibung an Aufwind. Diese abtreibungsfeindlichen Diskurse werden vom Staat selbst gefördert, der bis heute weder alle von internationalen Urteilen geforderten Wiedergutmachungen erfüllt noch das Protokoll für den Zugang zum therapeutischen Schwangerschaftsabbruch aktualisiert hat. Ein eingeschränktes Recht kann nie ein Recht sein.
Die Fälle von K.L. und Camila sind Beispiele, die den Mangel an Fortschritt in Bezug auf den Zugang zu Abtreibungen in Peru zu erkennen geben – und so die Art und Weise zum Ausdruck zu bringen, in der vermeintlich fortschrittliche Diskurse über Abtreibung klassifizieren, konditionieren und letztendlich bestimmen, wer die meiste Unterstützung der Medien verdient. Aus diesem Grund ist es notwendig, das Recht auf Abtreibung als ein universelles Recht anzuerkennen, das nicht von der Tragik der Umstände der Schwangerschaft abhängt. Dies wäre ein erster Schritt zu einer zivilen Wiedergutmachung, um den Zugang zu einem Leben in Würde zu ermöglichen und die Misshandlungen zu ahnden, denen peruanische Frauen bei der Inanspruchnahme eines therapeutischen Schwangerschaftsabbruchs ausgesetzt sind.

