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ADIÓS, RÍO PARANÁ

                     Foto: Flickr, Tractatus Fotogalería, CC BY-NC 2.0

Adiós, adiós, me voy („Leb wohl, ich gehe“), singt Rosario Bléfari im dem Fluss Rio Paraná gewidmeten Lied, das dessen Namen trägt. Nun ist Bléfari, die in zahlreichen Nachrufen als emblematische Figur, Ikone oder gar Königin des Indie-Rocks charakterisiert wird, selbst gegangen – viel zu früh. Das Lied über den Rio Paraná veröffentlichte sie mit der avantgardistischen Alternative-Rock / Noise-Pop-Band Suárez, als deren Frontfrau sie in den 90er Jahren bekannt wurde. 1965 in Mar del Plata geboren, wuchs die Künstlerin zwischen den eisigen Winden Bariloches, denen sie mit „Viento Helado“ einen ihrer bekanntesten Songs schrieb, auf.
Zahlreiche Weggefährt*innen, Musiker*innen und Schriftsteller*innen erinnern sich an Bléfari als immer offene und nahbare Person, die unermüdlich unabhängige Projekte vorantrieb und in entfernten Provinzen des Landes auftrat, fernab aller Klischees der Rockmusikerin oder Schauspielerin. Schon bei Suárez vermischten ihre Texte die ausgefeilten Beobachtungen von Alltagsszenen zwischen Pop und Philosophie, so erinnert sich die Schriftstellerin Cecila Pavón. Eben dies – den kleinen Szenen des Alltags so viel abzugewinnen und in nicht immer einfach zugängliche, aber eindringliche Songs zu fassen – charakterisiert ihr kreatives Schaffen. Im Jahr 2001 dann löste sich Suárez nach vier Alben auf. Bléfari veröffentlichte zunächst unter eigenem Namen fünf Alben, ehe sie die Gruppen Sué Mon Mont und Los Mundos Posibles gründete.
Zur gleichen Zeit begann sie, Bücher, Gedicht- und Erzählbände und Tagebücher zu veröffentlichen. Ihr erster Gedichtband Poemas en Prosa vereint poetische Möglichkeiten, Buenos Aires zu sehen und zu beschreiben. Ihre weiteren Werke La música equivocada (2009), Las reuniones (2018), Antes del rio (2016) und Poemas de los 20 en los 80 (2019) versammeln unter anderem auch Liedtexte, die nie Musik geworden waren. Ihr letztes Werk Diario del Dinero wurde erst posthum veröffentlicht. Es ist eine Sammlung von Tagebucheinträgen, veröffentlicht in zufälliger Reihenfolge, als sei „ein Wind durch das Fenster gekommen und hätte die Blätter durcheinandergewirbelt“, so Bléfari im Vorwort. Wie der Titel „Tagebücher des Geldes“ erahnen lässt, spielt das Geld und das Leben in der so oft und vor allem für eine unabhängige Künstlerin wie Bléfari chaotischen wirtschaftlichen Situation Argentiniens eine wichtige Rolle. Doch geht es in den Tagebucheinträgen nicht nur um das schnöde Überleben: Die zwischen den 80er Jahren bis 2019 gesammelten Einträge zeichnen Rosario Bléfaris künstlerische Laufbahn nach, ihren Blick auf die Details des täglichen Lebens und Reflexionen über die Liebe und das Land.
Bekannter jedoch wurde Bléfari als Schauspielerin: Im Film Silvia Prieto von Martín Rejtmann (siehe LN 296 & 308), der 1999 in die Kinos kam, spielt sie die gleichnamige Protagonistin. Diese beschließt, mit 27 Jahren ihr Leben zu ändern und sich einen Job zu suchen. Als sie jedoch erfährt, dass es in Buenos Aires eine weitere Frau gleichen Namens gibt, wird sie davon besessen. Der minimalistisch gehaltene Film ist gleichzeitig eine subtile Kritik auf den Menemismus und nimmt in gewisser Weise die katastrophale Wirtschaftskrise von 2001 vorweg. Silvia Prieto gilt als einer der wichtigsten Filme des nuevo cine argentino, des neuen argentinischen Kinos. Die Bewegung fand in den 90er Jahren ihren Höhepunkt und entwickelte eine sich von der Last der Diktaturjahre und der Zensur zu befreien beginnende Art des Filmemachens. Silvia Prieto thematisiert so auch Identitätskonflikte in einer Gesellschaft, in der sich wegen der Verschwundengelassenen der Diktatur niemand mehr seiner Identität wirklich sicher sein kann. Weitere Rollen hatte Bléfari beispielsweise in Los dueños (2013) von Ezequiel Raduzky und Agustín Toscana aus Tucumán. Dort spielt sie eine der Hausangestellten, die in der Abwesenheit der Eigentümer*innen das Haus besetzen und eine Art Klassenwechselszenario erträumen. Auch im zweiten und bisher unveröffentlichten Film von Raduzky, Plante Permanente, spielt sie an der Seite ihrer Tochter Nina Suárez Bléfari eine der Hauptrollen.
Ihre schauspielerische Tätigkeit blieb jedoch nicht nur auf das Kino beschränkt. So arbeitete sie auch an einigen Theaterproduktionen mit und mit namhaften Regisseur*innen wie Raúl de la Torre, María Luisa Bemberg und Albertina Carri zusammen. Ein anderes multiartistisches Projekt, Los Cartógrafos, schuf Bléfari gemeinsam mit der Journalistin Romina Zanellato und dem audiovisuellen Künstler Nahuel Ugazi. Dabei las ein*e Schauspieler*in einen Auszug eines zeitgenössischen Werkes argentinischer Autor*innen vor, ein*e Musiker*in schuf zu der Geschichte passende oder auch mit ihr konkurrierende Klanglandschaften. Das zunächst als Podcast begonnene und auf Soundcloud kostenlos nachzuhörende Projekt mündete in eine Tour, in der die drei gleich einer Rockgruppe auf die Bühnen stiegen, um dann statt Musik Literatur zu präsentieren.
Rosario Bléfari starb an den Folgen einer Krebserkrankung in Santa Rosa, wohin sie gereist war, um ihren ebenfalls kranken Vater zu pflegen. Ihr aus der Hauptstadt angereister Partner und ihre Tochter waren da noch in Quarantäne. Pandemiebedingt konnte auch keine Trauerfeier stattfinden. Am 6. August, einen Monat nach Bléfaris Tod, schufen Freund*innen, Kolleg*innen und Fans unter dem Hashtag #CelebramosARosario der Künstlerin ein virtuelles Andenken. Sie spielten ihre Lieder, lasen Gedichte oder teilten Anekdoten. Losgelöst vom Schock über ihren dann doch plötzlichen Tod verbreiteten sie so ihr Werk und damit ihr Vermächtnis weiter, welches sich wirklich zu entdecken lohnt.

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