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Aktive Globalisierung von unten

Die EZLN war die Geburtshelferin der weltweiten „Antiglobalisierungsbewegung“ – ein eigentlich falscher Begriff, da diese erst durch eine „Globalisierung von unten“ entstehen konnte. Mit der Einberufung eines ersten „intergalaktischen Treffens“ im chiapanekischen Urwald im Jahr 1996 und dem Aufruf zu und der Verwirklichung von kontinentalen Treffen im Jahr 1997, die schließlich in einem weiteren „intergalaktischen Treffen“ in Spanien im gleichen Jahr mündeten, begann sich ein breites Spektrum emanzipatorischer und linker sozialer Bewegungen als eine solche „Antiglobalisierungsbewegung“ zu konstituieren. In Anlehnung an den Zapatistischen Diskurs kam es im Anfang 1998 zur Gründung von Peoples Global Action (PGA), als einen weltumspannenden Ansatz der Vernetzung von Basisorganisationen.
Die Ausrichtung der EZLN war von Anfang an auch international: Ihre Kommuniqués richten sich häufig an eine globale Öffentlichkeit (die meist auf den amerikanischen und europäischen Kontinent begrenzt bleibt) und ihre Widerstandsformen erlauben (zumindest seit dem Waffenstillstand) eine Identifikation mit den Zapatistas und ermöglichen eine Übersetzung ihrer neuen Impulse und Politikansätze in andere politische Kontexte.

Zapatistische Denkanstöße
Eher denn um etwas radikal Neues, handelt es sich bei den Konzepten der EZLN um eine kluge Mischung aus neuen und alten Elementen, Erfahrungen, indigenen Gemeinschaftsvorstellungen und vielem mehr. Einige zentrale Punkte, die auch auf globaler Ebene von Bedeutung für die Linke sind, sollen hier kurz dargestellt werden. Dabei müssen auch Missinterpretationen der zapatistischen Ansätze zurechtgerückt werden. Zum Beispiel hinsichtlich der angeblichen „Ablehnung der Macht“, wie sie von vielen – vor allem deutschsprachigen – EZLN-Soli-AktivistInnen in die Politik der Zapatistas hinein interpretiert wird.
Tatsächlich lehnt die EZLN Macht nicht grundsätzlich ab, sondern steht für eine Dezentralisierung und Demokratisierung von Macht. Damit verknüpft ist eine radikale Machtkritik, die mit der staatsfixierten linken Tradition bricht. Die EZLN verharrt nicht in Forderungen an den Staat und kämpft nicht um die Eroberung bestehender Strukturen, sondern um „Autonomie“.
Die Zapatistas haben sogar in schwierigsten Zeiten jegliche Unterstützung vom mexikanischen Staat abgelehnt. Einerseits legen sie großen Wert auf eine absolute Eigenständigkeit und andererseits geht es um die Aneignung von Ressourcen und sozialen Räumen, um die eigene Gestaltung der gewünschten Gesellschaft, ohne auf Erlaubnis zu warten. Daher der Aufbau eigener Verwaltungsstrukturen, zunächst der lokalen Autonomen Gemeinden und seit August 2003, mit den „Juntas der guten Regierung“, auch von fünf Regionalverwaltungen.
Doch das zapatistische Konzept der Autonomie geht weiter, als nur die Eigenständigkeit und Selbstbestimmung der indianischen Gemeinden zu verteidigen. Die Autonomie soll zur zentralen Forderung und Praxis der verschiedensten sozialen, kulturellen und politischen Realitäten werden. Diese Bewegung soll gemeinsam die neue Gesellschaft hervor bringen.
Ein wichtiges Prinzip ist dabei das „mandar obedeciendo“ (gehorchend befehlen). Es bedeutet, dass Anweisungen, Befehle und Entscheidungen immer den Willen der Mehrheit ausdrücken sollen und dass niemand eine Leitungsfunktion in dem Sinne hat, das er/sie eigenmächtige Entscheidungen trifft, sondern versucht Ausdruck des Willens der Basis zu sein.
Mit der Integration indigener Elemente in den Ansatz der EZLN wird nicht nur dem indianischen Erbe und Lebensweisen Tribut gezollt (wobei Traditionen auch hinterfragt und bekämpft werden können – so wie das patriarchalische Geschlechterverhältnis), sondern auch der übliche gradlinige Entwicklungsbegriff vieler Befreiungsbewegungen hinterfragt, der sich kaum von den kapitalistischen Entwicklungsvorstellungen unterschied (nur eben unter anderen Vorzeichen).
Dazu ist die „Bereitschaft zuzuhören“, wie es die ZapatistInnen immer wieder betonen, besonders wichtig. Dies setzt voraus, nicht immer die „Wahrheit“ kennen zu wollen, Prozesse zuzulassen und Meinungen zu ändern. Dieses Verständnis drückt sich auch in der zapatistischen Losung „preguntando caminamos“ (fragend gehen wir voran) aus. „Preguntando caminamos“ bedeutet den Weg nicht immer schon genau zu kennen, sondern ihn gemeinsam zu entwickeln.

Zwischen Solibewegung und neuer Politik
Im deutschsprachigen Raum, und vor allem in Deutschland, ist jedoch in der Linken wenig über Ansätze und Politikformen der Zapatistas diskutiert worden. Kaum jemand hat den Diskurs und die Diskussionen der Zapatistas in seine Praxis einfließen lassen und eine eigene Praxis daraus entwickelt. Der Großteil derer, die sich mit Zapatismus beschäftigen, macht dies in Form von klassischer Solidaritätsarbeit. Die Diskussion um die Einbahnstraße unkritische Solidarität und fehlende Kämpfe im eigenen Kontext von Anfang der 90er Jahre (in Folge der Wahlniederlage der FSLN in Nicaragua 1990 und des Friedensvertrages der FMLN in El Salvador 1992) schien es nie gegeben zu haben. Eine kritische Solidarität gegenüber den Zapatistas existiert kaum, entweder die deutsche Linke straft den Ansatz weitgehend mit Nichtbeachtung (wie seitens der dogmatischen Linken und großen Teilen der autonomen Szene in all ihren Ausläufern) oder sie betreibt eine völlige Idealisierung.
Das zentrale Problem der deutschen Soli-Bewegung liegt genau darin, „Soli-Bewegung“ zu sein. Die beste Solidarität liegt darin, eigene politische Kämpfe zu entwickeln und zu führen. Dass die Zapatistas von einer karitativen Haltung, die letztlich auf Mitleid beruht und die nationale wie internationale Hierarchien reproduziert, nichts halten, haben sie oft genug deutlich gemacht. Doch die deutsche EZLN-Soliszene bleibt davon bis auf einige wenige löbliche Ausnahmen unbeeindruckt und weitgehend isoliert von politischen Bewegungen und Entwicklungen im eigenen Land. Bezeichnend dafür war zum Beispiel die Unfähigkeit der Vorbereitungsgruppe des europäischen Treffens gegen Neoliberalismus 1997 in Berlin, eine Brücke zu einer der breitesten Berliner Bewegungen der 90er Jahre zu schlagen, dem Sozialbündnis, ein Zusammenschluss von zeitweise bis zu 140 Gruppen und Organisationen, in dem zehntausende Menschen den Widerstand gegen neoliberale Politik auf lokaler Ebene artikulierten. Ebenso wenig schaffte es die Vorbereitung eine Verbindung zur Berliner Linken aufzubauen. Die wiederum ignorierte ihrerseits das Treffen hartnäckig.

Disobbedienti: Italienische Übersetzung
Die Ablehnung, sich mit neuen Impulsen zu beschäftigen, ist breit und in allen Spektren der Linken vorhanden. Für die kleinen Teile, die bereit sind, andere Politikformen auszuprobieren, sind die Disobbedienti (die Ungehorsamen), die italienische Übersetzung des Zapatismus wichtig, da diese sich ebenfalls in einem westlich-kapitalistisch-urbanen Kontext ansiedelt. In Italien hat es funktioniert, die eigene Politik neu zu bestimmen und eine Übersetzung des Zapatismus für die italienische Situation vorzunehmen. Dabei geht es den Disobbedienti vorwiegend darum, sich die gleichen Fragen zu stellen und nicht die gleichen Antworten zu geben.
In Italien wurde die Beschäftigung mit dem Zapatismus als politische Aufgabe vor Ort begriffen. Die Tute Bianche, die mittlerweile in den Disobbedienti aufgegangen sind, hatten Ya Basta, den Zusammenschluss der EZLN-Soligruppen, als organisatorisches Rückgrat. Das Ya Basta-Netzwerk brachte sowohl Turbinen nach La Realidad in Chiapas wie es auch konkrete antirassistische Arbeit in Italien organisierte. Dort hat eine Neubestimmung in Diskurs, Praxis und Inhalt stattgefunden und funktioniert. Die italienische Bewegung der Disobbedienti ist daher auch in Mexiko immer wieder in eine politische Konfrontation gegangen (mit expliziter politischer Betätigung, die nach mexikanischem Gesetz für Ausländer verboten ist). In Einzelfällen stieß dies auch auf Kritik seitens mexikanischer Linker. Beispielsweise als 300 Tute Bianche als Schutz für die Comandancia den Marsch nach Mexiko-Stadt im März 2001 begleiteten. Es war tatsächlich ein Fehler der italienischen GenossInnen, sich der militärischen Struktur der EZLN unterzuordnen und sich nicht um die Vermittlung der eigenen Positionen und des eigenen Handelns zu kümmern. Das wurde anschließend selbstkritisch analysiert.
Doch nicht nur bei den Disobbedienti werden in Italien die Diskurse der Zapatistas rezipiert und die EZLN als interessanter und ernst zu nehmender Weg linker Politik wahrgenommen. Auch im Bereich der Eine-Welt-Gruppen und Alternativstrukturen sieht es ähnlich aus und sogar die Partei Rifondazione Comunista unterhält enge politische Beziehungen zur EZLN, lädt VertreterInnen auf ihre Parteikongresse ein und trifft sich mit Comandantes der EZLN zum Meinungsaustausch.

Keine Alternative zur Bewegung
Die Hartnäckigkeit, trotz Scheiterns immer wieder Initiativen und Kampagnen zu starten, um breitere Mobilisierungen zu entwickeln, Bündnisse und Allianzen zu fördern und andere zu eigenen Aktivitäten zu animieren, ist vielleicht auch eine zapatistische Lehre.
Die EZLN versuchte immer wieder, mexikoweit etwas in Bewegung zu setzen. Die vielfältigen Versuche der EZLN die mexikanische Bewegungslinke zu mobilisieren, haben nicht im erhofften Maße gefruchtet. Im Rahmen der Initiativen kam es zwar immer wieder zu einer breiten Mobilisierung, doch diese flaute anschließend wieder ab.
Die EZLN hält dennoch daran fest, Massenmobilisierungen und Selbstorganisierung zu forcieren und wird sicherlich in den nächsten Jahren weitere Initiativen in diese Richtung starten. Denn den Zapatistas ist klar, dass tief greifende Veränderungen der mexikanischen Gesellschaft nicht allein in Chiapas möglich sind. Mit landesweiten Mobilisierungen soll ein politischer Raum geschaffen werden, der angesichts der Bedrohung durch die mexikanische Armee und Paramilitärs lebensnotwendig ist. Vor allem geht es aber darum, eine Bewegung zu schaffen, lokale und regionale Initiativen, Gruppen und Organisationen dazu zu bringen, zusammenzuarbeiten, sich zu vernetzen, an Stärke zu gewinnen.
Letztlich folgt die Logik der Zapatistas der einfachen Erkenntnis, dass es keine Alternative zur Bewegung gibt und diese auch ihren lokalen Ausdruck haben muss.

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