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Alex im Wunderland

„Die anderen Kinder waren enttäuscht, dass ich kein Indio bin“, erzählt Alex nach seinem ersten Schultag in Berlin. Seine Mutter Lizzie zieht erstaunt die Brauen hoch. Zuvor hatte sich die Klassenlehrerin extra auf das Eintreffen des neuen Schülers vorbereitet und Alex in radebrechendem Spanisch begrüßt. Die in Ponchos gehüllten MitschülerInnen hießen den jungen Argentinier daraufhin mit peinlichem Panflötenspiel willkommen.
Alejandro Cárdenas Amelio versteht seinen Film Die Tränen meiner Mutter als Dialog zwischen Berlin und Buenos Aires. Der Großteil spielt in Berlin, Buenos Aires dient im Grunde nur als Projektionsfläche für die Sehnsüchte von Alex Vater Carlos. Alex selber lernt seine Geburtsstadt erst als Erwachsener kennen. Damit beginnt auch der Film: Der erwachsene Alex fährt im Taxi durch Buenos Aires ins Krankenhaus zu seinem todkranken Vater. Dabei erinnert er sich, wie seine Eltern ihre Heimat Argentinien verließen, nachdem Lizzies Bruder dort von den Militärs entführt wurde. Und wie sie über Umwege schließlich im Berlin der 1980er-Jahre landen, mitten im Herzen der links-alternativen Szene und dort in eine große Fabriketage ziehen.
Nachdem die Geschehnisse anfangs in Rückblenden erzählt werden, nimmt der Film schnell die Perspektive des zehnjährigen Jungen ein. Durch seine Augen sehen die ZuschauerInnen die wunderliche Welt, die ihn in Berlin erwartet. Alex begegnet seiner neuen Umwelt zwar mit großen Augen des Staunens. Aber aus ihm spricht im Gegensatz zum Schubladendenken der deutschen Lehrerin eher Neugier auf die fremde Umgebung voller seltsamer Leute und Gepflogenheiten. Doch schnell wird das Seltsame zur Vertrautheit, die WG zum Zuhause und die skurrilen MitbewohnerInnen zur Familie. Da ist zum Beispiel die junge Punkerin Sik, die nie etwas von sich erzählt. Sie wird zu Alex‘ Freundin und Vertrauten. Wenn es Streit gibt, treffen sich die beiden meist unter dem großen Esstisch und teilen dort ohne Worte das Unverständnis für die Erwachsenenwelt. Nur Alex‘ Eltern, die passen bald nicht mehr ins Patchwork-Bilderbuch. Carlos und Lizzie schlagen unterschiedliche Wege ein, um mit den neuen Umständen fertig zu werden. Während Alex Mutter sich in ihre Arbeit als Fernsehjournalistin stürzt, will und kann sich sein Vater nicht so recht an das neue Land gewöhnen. Alex beobachtet wie sich seine heißgeliebten Eltern immer mehr voneinander entfernen.
Die argentinische Militärdiktatur und das links-alternative Berlin hätten gleich zweifach einen interessanten politischen Hintergrund für die Handlung des Films geboten. Jedoch verweilt der Film weder bei der politischen Situation Argentiniens, noch der Berlins kurz vor dem Mauerfall. Die äußeren Bedingungen bleiben blass und bieten nur die Ausgangs- und Bezugspunkte für ein verworrenes Beziehungsgeflecht vieler unterschiedlicher Menschen, die der Zufall zusammen geführt hat.
Und so spielt der größte Teil des Films innerhalb der vier Wände der Fabriketage. Der phantastische Ort der Wohngemeinschaft bietet Schutz für Alex und Raum für viele kleine Abenteuer und wunderliche Nebenhandlungen.
Doch am Ende stellt sich der etwas zu einfach gestrickte Plot selber ein Bein. Lizzie wird in ihrem Beruf immer erfolgreicher. Carlos sehnt sich von Nostalgie und Heimweh erfüllt nach Argentinien zurück. Währenddessen zieht Anita in die WG ein, die spanische Freundin von Jürgen, dem Fotografen. Da auch Jürgen wegen seiner Arbeit viel unterwegs ist, kommt es wie es kommen muss: Anita und Carlos, die Zurückgebliebenen, teilen die Einsamkeit und das Leben in der Fremde. Und kommen sich schließlich näher. Alex, der über telekinetische Fähigkeiten verfügt, versucht, die beginnende Romanze zu verhindern. Oder zumindest zu verstecken. Und trägt so am Ende selbst zum großen Knall bei.

Alejandro Cárdenas Amelio // Die Tränen meiner Mutter // Deutschland, Argentinien 2008 // 93 min. // In den deutschen Kinos ab dem 06. November 2008 // Vertrieb: barny@barnsteiner-film.de

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