«

»

Artikel drucken

ALLE GEGEN ALLE

 

Foto: Ester Vargas (CC BY-SA 2.0)

Foto: Ester Vargas (CC BY-SA 2.0)

Staatliches Gewaltmonopol? Existiert in Mexiko de facto nicht, ebenso wenig die legitime Grundlage dafür. Der Staat ist weder fähig noch willens seine Bürger*innen (und auf keinen Fall die arme Mehrheit) vor Gewalt und anderen Verbrechen zu beschützen. Verschiedene staatliche Behörden bilden Allianzen mit den diversen Gruppen der Organisierten Kriminalität, deren brutale Verteilungskämpfe das Land im Würgegriff halten. In einigen Regionen wiederum sind lokale Banden quasi hegemonial geworden: Sie widmen sich schon längst nicht mehr nur dem Anbau und Handel mit Drogen, sondern kontrollieren auch die Behörden sowie den Rohstoffabbau und erheben Abgaben auf alle ökonomischen Tätigkeiten sowie die Nutzung von Gemeinschaftsgütern. Zudem vergewaltigen sie nach Belieben Frauen und Kinder. Was können Opfer von Verbrechen tun, wenn die Straflosigkeit landesweit 98 Prozent beträgt und die Strafverfolgungsbehörden Teil des Problems sind? Die Antwort vieler betroffener Mexikaner*innen: Sich mit Gleichgesinnten zusammenschließen, bewaffnen und selbst für Gerechtigkeit sorgen.
In seinem neuen Buch widmet sich Luis Hernández Navarro, einer der bekanntesten Journalisten Mexikos und Leitartikelschreiber der Tageszeitung La Jornada, Formen dieser zivilgesellschaftlichen Selbstverteidigung. Wichtig ist ihm die analytische Unterscheidung zwischen Gemeindepolizei (policía comunitaria) und Selbstverteidigungsgruppen (autodefensas). Erste blicken zwar auf eine lange Tradition in den indigenen Regionen Mexikos zurück, haben aber – einerseits inspiriert durch den zapatistischen Aufstand 1994, andererseits durch die Durchdringung des Drogenbusiness des ländlichen Raums und das staatliche Versagen – seit den 1990er Jahren verstärkt Konjunktur. Hernández Navarro zeigt am Beispiel des Bundesstaats Guerrero wie in verschiedenen indigenen Gemeinden die Gründung einer Gemeindepolizei, die sich aus gewählten Bewohner*innen zusammensetzt, erfolgreich für die Einhaltung von Regeln sowie Sanktionierung bei Verstößen sorgen kann. Vom Erfolg beflügelt, schlossen sich diese zur Regionalkoordination CRAC zusammen, die sich allerdings seit 2013 in einer schweren internen Krise befindet. Hernández Navarro verweist auf die Rolle der Regierung des Bundesstaats, die die internen Konflikte anheize, um „die Organisation zu zähmen, ihr die autonomistische Ausrichtung zu nehmen und sie mithilfe finanzieller Bestechung ihrer eigenen Agenda zu unterwerfen“.

Im Auftrag der Zivilbevölkerung Autodefensas in Michoacán (Foto: Ester Vargas CC BY-SA 2.0)

Im Auftrag der Zivilbevölkerung Autodefensas in Michoacán (Foto: Ester Vargas CC BY-SA 2.0)

Selbstverteidigungsgruppen hingegen versteht er als bewaffnete Bürger*innen, die sich gegen „Angriffe der Organisierten Kriminalität und die polizeilichen Übergriffe zu verteidigen suchen. Ihre Mitglieder werden nicht von der Bevölkerung ernannt und sie legen ihr gegenüber auch keine Rechenschaft ab“. Internationale Aufmerksamkeit erreichten die verschiedenen Selbstverteidigungsgruppen in der Zeit 2013/2014 als sie – mit sehr widersprüchlicher Unterstützung durch staatliche Einheiten – das Kartell der Tempelritter fast vollständig aus dem Bundesstaat Michoacán vertrieben (siehe LN 476). An diesem prominenten Beispiel verdeutlicht der Autor auch die Heterogenität dieser Gruppen, die sich teilweise die Konkurrenz der Drogenkartelle zu Nutzen machen.
Insgesamt zeichnet Hernández Navarro ein komplexes Bild der zivilgesellschaftlichen Selbstverteidigung. Bei aller Offenheit und Kritik ist seine Grundsympathie für die (oftmals indigenen und/ oder armen) Protagonist*innen klar, denen kein anderer Weg offenzustehen scheint. Immer wieder veranschaulichen Kurzbiographien den Kontext, der die Leute zu den Waffen greifen lässt. Ein ganzes Kapitel widmet er dem Aufstieg und Bedeutungsverlust der Bewegung für den Frieden mit Gerechtigkeit und Würde (MPJD) um den Dichter Javier Sicilia, die seit 2011 versucht hatte, auf friedliche Weise Mexikos weiteren Sturz in die ungezügelte Gewalt zu stoppen. Ebenso verweist er auf einen entscheidenden ökonomischen Hintergrund des mexikanischen Alptraums, die drastische Verarmung der ländlichen Bevölkerung durch das Nordamerikanische Freihandelsabkommen NAFTA. Ein Ende der organisierten Selbstverteidigung ist für Hernández Navarro nicht in Sicht, ganz im Gegenteil.

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://lateinamerika-nachrichten.de/artikel/alle-gegen-alle/