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Alle zusammen und möglichst gemischt

Was weltweit unter der bekannten Formel „VIP“ verstanden wird, hat in Kolumbien eine ganz andere Konnotation. Mit der Abkürzung werden „Bevorzugte Wohnungen für Vertriebene“ bezeichnet. Vergangenes Jahr hat der amtierende Bürgermeister von Bogotá, Gustavo Petro, unter diesem Namen eine neue Strategie ins Leben gerufen, die die Struktur der Stadt aufbrechen soll.
Mit dem neuen Programm sollen Menschen, die aufgrund des Bürgerkriegs vertrieben wurden und nach Bogotá geflohen sind, in reichen Stadtteilen im Norden angesiedelt werden. Damit soll die geographische und soziale Segregation in der Stadt an der Wurzel gepackt werden. Doch kann damit das Problem wirklich gelöst werden? Die Reaktionen auf das Programm sind zutiefst unterschiedlich und verdeutlichen einmal mehr die Polarisierung der Gesellschaft.
„Die soziale Schichtung in Kolumbien ist ein antidemokratisches, unmenschliches und der Republik entgegengestelltes Kastensystem!“ Mit diesen Worten verteidigt Bürgermeister Gustavo Petro seine Strategie. Als er seine Initiative im November 2014 öffentlich ankündigte, sorgte dies für ordentlichen Zündstoff in den Medien und sozialen Netzwerken Bogotás. „Purer Populismus“ riefen die einen, Überfälle und Unsicherheit durch die Zugezogenen befürchteten die anderen. Die Aufregung verdeutlicht, welche Stereotypen und Bilder über Binnenvertriebene unter der städtischen Mittel- und Oberschicht kursieren.
Die soziale Schichtung, auf die Petro Bezug nimmt, geht auf das System der „Stratifikation“ zurück, das 1980 in Kolumbien eingeführt wurde. Damals begann man, Stadtviertel streng einer bestimmten Einkommensschicht zuzuordnen, angelehnt an die Steuerklassen von eins bis sechs, wobei die erste Klasse die einkommensschwächste und die sechste Klasse die einkommensstärkste Bevölkerungsgruppe bezeichnet. Die Idee wurde als Solidarsystem verkauft: die Ärmsten und ärmeren Gesellschaftsgruppen, also die der Schichten von eins bis drei, sollten dadurch gefördert werden, dass sie in ihren Vierteln niedrigere Tarife für öffentliche Dienstleistungen bezahlen. In den Vierteln der reicheren Gesellschaftsschichten werden höhere Preise für Energie, Wasser und Internet in Rechnung gestellt.
Die Folgen dieses Systems zeigen sich bis heute. Auf allen Ebenen des gesellschaftlichen Lebens in Kolumbien ist dieses Modell eingedrungen, sowohl im Denken der Menschen als auch in der sozialräumlichen Konfiguration der Stadt. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist durch diese Segregation indes verstärkt worden. Die Bürger*innen werden nach ihrem Stadtteil eingeschätzt. Die scheinbar alltägliche Frage „Wo wohnst du?“ hat in Bogotá einen politischen Beigeschmack, mit jedem Stadtviertel wird sofort ein bestimmter sozialer Status assoziiert. Für die meisten der zahlreichen Binnenflüchtlinge des Bürgerkriegs in Bogotá bedeutete es, dass sie sich nur in den ärmeren Vierteln der Peripherie niederlassen konnten.
Der Bürgermeister von Bogotá, Gustavo Petro, will dieser Stadtstruktur entgegenwirken. Petro, der früher bei der Guerrilla-Gruppe M19 aktiv war und als Senator viele Korruptionsfälle zwischen Uribe und den Paramilitärs aufdeckte, ist seit 2012 für die Partei „Bewegung der Fortschrittlichen“ im Rathaus von Bogotá. Mit der Anfang des Jahres eingeführten Baustrategie „Wohnungen für besonders Bedürftige“ sollen Sozialwohnungen für Binnenflüchtlinge gebaut werden, und zwar in den reichen Stadtvierteln der nördlichen Zone, die der 5. und 6. Schicht zugerechnet werden: El Lago, el Chicó und Santa Barbára. Der Zeitung Semana zufolge sollen dort auf öffentlichen Grundstücken 372 Wohnungen für Vertriebene gebaut werden. Die Grundstücke gehörten bislang dem Institut für Urbane Entwicklung (IDU) und fungierten als Parkplätze.
Das Anliegen Petros: die Durchmischung sozialer Schichten, um eine gerechtere Gesellschaft zu erreichen. Doch dieses Projekt stieß auf viel Kritik, da es für viele das Problem nicht an der Wurzel zu packen scheint. Eine Herausforderung besteht darin, dass die Mischung sozialer Schichten nicht ausreicht, sondern auch die Bedingungen für eine Bewohnbarkeit der sozial Benachteiligten in der Zielumgebung geschaffen werden müssen, unter Berücksichtigung der höheren Lebenshaltungskosten. Das heißt, die Vertriebenen müssen auch in der reichen Zone Zugang zu den – extrem kostenintensiven – Schulen, Kindergärten und Kliniken haben, damit ein friedliches Zusammenleben erreichbar wird. Zudem scheinen die bisherigen Anwohner*innen für die neuen Nachbar*innen und ihre Bedürfnisse nicht genügend sensibilisiert worden zu sein.
Jedes Jahr fliehen wegen des Bürgerkriegs in Kolumbien mindestens 150.000 Personen aus ihren Wohnorten, man schätzt, dass seit Ausbruch des Konflikts vor 50 Jahren bereits 6 Millionen Menschen vertrieben worden sind. Die meisten Betroffenen des internen Konflikts sind die Bewohner ländlicher Gebiete.
Die meisten von diesen Binnenflüchtlingen kommen mittellos in den großen Städten an und suchen ihre neue Bleibe in den urbanen Peripherien. Sie müssen sich an eine ungewohnte Umgebung anpassen, um zu überleben. Dabei erhalten sie kaum Unterstützung, weder ökonomisch noch psychologisch. Um von den ärmeren Vierteln im Süden Bogotás in die Innenstadt zu einer potentiellen Arbeit zu gelangen, kann die Fahrt schon mal zwei Stunden dauern, was bewirkt, dass sie nochmal mehr aus der städtischen Gesellschaft ausgeschlossen werden.
Die Initiative von Bürgermeister Petro hat nun zum Ziel, die Vertriebenen besser in die Stadt zu integrieren. Nun sollen in den Vierteln der Oberschicht neue Hochhäuser entstehen. Die neuen Gebäude sollen vier bis sieben Stockwerke hoch sein und nicht nur Wohnungen, sondern auch Kitas und Geschäften Platz bieten. Als Parkflächen-Ausgleich für die bisherigen Anwohner*innen sollen unterirdische Parkhäuser gebaut werden.
Die Kosten des Projekts belaufen sich auf 30 Millionen Kolumbianische Pesos (etwa 11,5 Millionen Euro), die zu 80 Prozent von der Stadt und zu 20 Prozent aus Steuern finanziert werden sollen. Mit diesen Subventionen wird der Preis der Wohnungen von 70 Mindestlöhnen (etwa 17.000 Euro) auf etwa 40 (etwa 10.000 Euro) abgesenkt. Doch nicht allen stehen diese Sozialwohnungen zur Verfügung. Man muss sich im Wohnungsgeldprogramm der Stadt einschreiben, danach werden die Umstände der Familien überprüft, so wie das Einkommen, die Größe der Familie und andere Faktoren. Aus diesen Daten wird eine Punktzahl berechnet, die bestimmt, ob die Familie Anspruch auf eine der 2.700 VIP-Wohnungen hat. Erst dann kann sich eine Familie um einen Platz in einem Wohnungsprojekt bewerben.
Die sich anbahnende Einkommenskluft zwischen den künftig unmittelbaren Nachbar*innen führt zu hitzigen Diskussionen. Bürgermeister Petro befürwortet selbstverständlich seine Initiative. Ebenso erklärte der Geschäftsführer des städtischen Bauunternehmens Metrovivienda Nicolás Corso: „Damit wollen wir beweisen, dass das Zusammenleben von den Opfern des bewaffneten Konflikts und dem Rest der Gesellschaft doch möglich ist“.
Doch die Meinungen sind geteilt. Eine Anwohnerin des reichen Stadtviertels äußerte, mit vermeintlichem Mitgefühl für die Vertriebenen, dass ihr die Initiative nicht ganz passe, da die Menschen nicht in der Lage seien, sich einen Lebensstil in den reichen Vierteln leisten zu können. Dies würde eine zusätzliche Opferrolle mit sich bringen. Andere Einwohner*innen befürchten, dass das Projekt zu einer Entwertung der Wohnungen führen werde.
Explizit gegen das Projekt sprach sich auch einer der Gegenkandidaten für die kommende Bürgermeisterschaftswahl, Francisco Santos, aus. Er sieht darin eine Provokation gegenüber den Reichen der Stadt. Öffentlich betont er aber vor allem, dass die neuen Sozialwohnungen viel teurer würden, wenn man sie in den reichen Vierteln baut – ihm zufolge könne man für das Geld in anderen Stadtteilen zehnmal mehr Wohnplätze schaffen. Zudem würden sich die Geflüchteten das Leben in den reichen Vierteln nicht leisten können, denn „diejenigen, die dort wohnen werden, brauchen billige Verkehrsmittel und Läden, wo ihnen das Öl löffelweise verkauft wird“, erklärte er. Ein anderer Vorkandidat, Carlos Vicente de Roux von der Partei Grüne Allianz pflichtete ihm bei und fügte hinzu, dass es nicht fair sei, die Vertriebenen am Stadtrand sich selbst zu überlassen und nur einige wenige in den Genuss der privilegierten Sozialwohnungen kommen zu lassen.
Die zukünftigen Bewohner*innen der reichen Viertel stehen dem optimistischer gegenüber. Obwohl sie anerkannten, dass das Leben wirtschaftlich sehr schwierig für die Vertriebenen sei, erklärte der Vertreter des zentralen Ausschusses für Opferwohnungen, Víctor Buitrago, dass die meisten Binnenflüchtlinge es gut angenommen hätten, dass sie innerhalb der Stadt wohnen können würden. Er fügte hinzu, dass das unmittelbare Zusammenleben mit anderen Bevölkerungsgruppen ein Schlüssel sei, um der Stigmatisierung der Vertriebenen entgegenzuwirken. Viele städtische Kolumbianer*innen halten die meist aus ländlichen Regionen stammenden Flüchtlinge für ungebildet oder glauben, dass sie schlechte Sitten hätten.
In einem Videointerview der Nachrichtenwebseite Actualidad Urbana erklärte der Leiter der Organisation für Sozialwohnungen, Rosendo Mosquera, dass die Gemeinde der Vertriebenen selbstverständlich einverstanden sei, in die neuen Viertel zu ziehen. Sie wären nicht nur bereit, in den Vierteln der oberen Schichten, sondern in denen jeder Schicht zu wohnen, da sie, als kolumbianische Bürger*innen, das volle Recht darauf hätten, auf kolumbianischem Boden zu leben.
Bis heute wurden ungefähr 71.000 der sogenannten VIP-Wohnungen in Bogotá und anderen Städten Kolumbiens errichtet, aber keine hat eine so unmittelbare stadtpolitische Ausrichtung wie das Projekt von Petro. Dieses hat gerade erst begonnen und so bleiben die Konsequenzen noch offen. Ob es auf den Abbau der Schichtverteilung der Gesellschaft hinausläuft oder zu einer größeren Problematik führt, lässt sich momentan noch nicht vorhersagen. Den Geflüchteten kann man nur wünschen, dass sie sich wirklich wie „Very Important Persons“ in ihren eigenen VIP-Wohnungen fühlen.

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