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Alternativer Nobelpreis für kolum­bianische Bauernorganisation

Neben der “Naam”-Bewegung von Burkina Faso und der israelischen Rechtsan­wältin Felicia Langer erhielt die Asociación de Trabajadores Campesinos del Carare (Landarbeiterbund von Carare, ATCC) von der schwedischen Stiftung “Right Livelihood” den Alternativen Nobelpreis 1990 verliehen. Die ATCC wurde 1987 im ländlichen Raum des Gemeindebezirks von Cimitarra im Herzen des Magdalena Medio und damit der konfliktreichsten Region des Landes von Campesinos gegründet. Diese waren seit Ende der sechziger, massiv jedoch seit Anfang der achtziger Jahre unter den Druck verschiedener Guerillaorganisatio­nen einerseits und des Militär und ihrer paramilitärischen Gruppen andererseits gekommen. Neben Menschenleben verlor die an landwirtschaftlichen Anbauflä­chen und Bodenschätzen reiche Region die Chance für eine soziale und wirt­schaftliche Entwicklung. So wurden allein im Ortsbereich von La India (heute 470 Familien) von 1975 bis 1989 “ungefähr” (nach ATCC-Angaben) 500 Menschen ermordet. Und im Weiler La Corcovada wurden seit 1982 35 Campesinos erschossen, 10 Häuser verbrannt, die Schule zerstört: die Flucht der Überleben­den und das Aussterben des Fleckens waren die Folge.
Die ATCC versuchte das Unmögliche und es schien ihr zu gelingen. Mit der For­derung “Für das Recht auf Leben, Frieden und Arbeit” wurden die Campesinos “mit erhobenen Händen” zuerst bei den Guerillakommandanten, dann bei den Militärs vorstellig, um ihren eigenen “Friedensplan” vorzustellen: Dialog statt Gewehrfeuer, Abzug aller bewaffneten Region, Entwicklung statt Zerstörung. Die ungewohnte Strategie der ATCC, sich mit strikter Gewaltlosigkeit zwischen alle Stühle zu setzen, machte es möglich, daß zwischen 1987 und Februar 1990, dem Höhepunkt des Schmutzigen Krieges in Kolumbien, in der Gegend von Carare nur fünf politische Morde verübt wurden. In einem Regionalentwick­lungsplan rechnete die ATCC der Regierung die Vorteile vor: “Wenn die Gesamtkosten des Plans 2,823 Milliarden Pesos (ca. 1 Mio. DM) betragen, die über sechs Jahre 3.000 Familien begünstigen, gibt der Staat jährlich 157.000 Pesos pro Familie aus (…). Die Bewaffnung und Unterhaltung eines Soldaten kostet den Staat jährlich eine Million (…). In anderen Worten, der Frieden ist billiger und weitaus produktiver als der Krieg.”
Die bäuerliche Selbstorganisation jedoch schien der Rechten schon zu gefährlich. Das Mißtrauen der Rechten konnte auch durch die Abgrenzung vom bewaffne­ten Kampf nicht beseitigt werden. Iván Duque, Sprecher der rechtsextremen MORENA-Partei und Sprachrohr der paramilitärischen Gruppen, bezichtigte die ATCC, der kommunistischen Guerillagruppe FARC anzugehören. Am 26. Februar 1990, wurden drei Führer der ATCC, sowie die Journalistin Silvia Duzán, die in diesem Moment über deren Arbeit einen Film für die englische BBC drehte, von einer paramilitärischen Gruppe in Cimitarra ermordet. Doch die ATCC blieb bei ihrem Kurs, neue Aktivisten haben die Toten ersetzt. Für ihren Kampf für Frieden und Selbstbestimmung ohne Waffen haben sie den “Right Livelihood”-Preis verdient. Anzumerken bleibt, daß Iván Duque inzwischen auf der Liste der regierenden Liberalen Partei in den Senat gewählt wurde und mit der Regierung Verhandlungen für eine Amnestie der paramilitärischen Gruppen aufgenommen hat.

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