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Am Anfang war die Sklaverei

Unrühmlich begannen vor annähernd 500 Jahren die Beziehung zwischen Afrika und Lateinamerika. Mit der Einführung der Lizenz zum „Import“ afrikanischer Sklaven in die Neue Welt 1517 läutete der spanische Regent und Kolonialherr Karl V einen Menschenraub ein, der seinesgleichen sucht. Allein in die spanischen und portugiesischen Kolonien Amerikas wurden bis zur Abschaffung der Sklaverei über acht Millionen meist männliche Bewohner Afrikas verschleppt, nicht eingeschlossen die Zahl der beim „Einfangen“ und der Überfahrt Umgekommenen.
In der Terra Incognita angekommen mussten die Sklaven, aus ihrem sozialen Zusammenhang gerissen, größtenteils unter brutalsten Bedingungen auf Zuckerrohr- oder Tabakplantagen arbeiten. Dabei war zu schlimmsten Zeiten die „Wirtschaftlichkeit“ eines durchschnittlichen Feldsklavens etwa fünf Jahre. Im Klartext heißt das, dass ein Sklave der auszehrenden Plantagenarbeit nachgehen musste, bis sein Körper nicht mehr überlebensfähig war. Dann wurde ein neuer Sklave angeschafft.

Erste Schritte in die Freiheit

Die ersten AfrikanerInnen, die ihre Kultur mehr oder weniger frei auf lateinamerikanischen Territorium entfalten konnten, waren diejenigen, die es schafften, der Sklaverei zu entfliehen und sich außerhalb der Reichweite spanischer und portugiesischer Sklavenjäger zu organisieren. Auf brasilianischem Gebiet taten sie dies ab Mitte des 17. Jahrhunderts beispielsweise in quilombos, nach afrikanischem Muster gebauten Wehrdörfern, die sich in Wäldern weit ab von weißen Siedlungen befanden. Dort schufen die aus den verschiedensten afrikanischen Regionen stammenden entflohenen Sklaven ihre eigenen Gemeinschaften, die sich durch Ackerbau und Jagd weitgehend selbst versorgten. Der bekannteste quilombo war wohl der von Palmares, aus dem Zumbi von Alagoas stammt, einer der ersten bekannten schwarzen Widerstandskämpfer, der noch heute eine Symbolfigur der afro-brasilianischen Bewegung ist. Bis zu seiner Ermordung 1695 versetzte er die Portugiesen in Angst und Schrecken, indem er erstmalig versuchte, die Befreiung offensiv militärisch durchzusetzen.
Die Entstehung der weltweit ersten schwarzen Republik Haiti sticht aus der Geschichte afrikanischer Widerrstandsbewegungen in Lateinamerika hervor. Wie auf anderen Karibikinseln wurde hier in Plantagenwirtschaft Zuckerrohr mit einer immensen Zahl afrikanischer Sklaven angebaut. Im Unterschied zu anderen Inseln handelte es sich bei Haiti um eine französische Kolonie, die im ausgehenden 18. Jahrhundert von den Auswirkungen der französischen Revolution betroffen war. Menschenrechte wurden eingeführt, die Sklaverei wurde abgeschafft und der Kolonialstatus aufgehoben. Dies führte zu einer unüberschaubaren, labilen Situation. Die Autorität der bis dato Herrschenden weißen Kreolen war untergraben, es entbrannte ein Kampf um die neue Vorherrschaft. Zwischen 1790 und 1820 kam es so unter der Anführung von Toussaint de L´ouverture zu Sklavenaufständen, blutigen Bürgerkriegen zwischen einzelnen Bevölkerungsgruppen und sogar zur Ausrufung eines Kaiserreichs im Norden des Landes durch den „schwarzen Napoleon“ Jean-Jacques Dessaline. Schließlich ordnete sich das Chaos wieder und Haiti wurde 1825 als Präsidialrepublik mit einem farbigen Präsidenten unabhängig von Frankreich. In der Verfassung wurde festgeschrieben, dass jeder Schwarze, der Haiti betritt, automatisch frei und Bürger Haitis ist. In den anderen karibischen und lateinamerikanischen Ländern erfolgte die Abschaffung der Sklaverei erst zwischen 1836 und 1888. Dies geschah aus wirtschaftlichen Gründen: es war billiger, einen Lohnarbeiter einzustellen, als einen Sklaven ein Leben lang zu versorgen.
Mit der Abschaffung der Sklaverei erlangten die schwarzen Bevölkerungsgruppen in den nun meist unabhängigen lateinamerikanischen Ländern jedoch noch lange nicht die gleichen Rechte wie Weiße oder Mestizen, ganz zu schweigen von der Möglichkeit politischer Beteiligung. Sie waren noch immer Opfer von Rassismus und die Ausübung ihrer Kultur wurde teilweise sogar verboten.

Intellektuelle Freiräume im 20. Jahrhundert

Mehr Freiraum gab es seit dem 20. Jahrhundert, sich auf intellektueller Ebene mit „schwarzem Bewusstsein“ und dem eigenen afrikanischen Ursprung zu beschäftigen. So entstand beispielsweise Mitte der 1930er Jahre auf Jamaica die Rastafari-Bewegung. Hervorgegangen aus dem Glauben der Sklaven, dass ihre Seele nach dem Tod nach Afrika heimkehrt, bezogen sich die Rastafaris kulturell zurück auf ihr afrikanisches Erbe und speziell auf das von ihrem Gott „verheißene“ Land Äthiopien. Daher auch ihr Name, der vom 1930 gekrönten letzten äthiopischen Kaiser Ras Tafari (nach der Krönung: Haile Selassie) stammt.
Weitere Strömungen, die sich im 20. Jahrhundert mit dem kulturellen schwarzen Erbe und schwarzer Befreiung beschäftigten waren die Négritude Aimé Cesaire und Leopold Senghors und das Denken Frantz Fanons. Darauf beziehen sich seit den 1960er Jahren auch viele Black-Power-Bewegungen.
Heutzutage ist die afrostämmige Bevölkerung in vielen Ländern Lateinamerikas zu weiten Teilen integriert, auch wenn sie in vielen gesellschaftlichen Feldern noch diskriminiert wird. Teilweise haben sich in manchen Ländern auch weiterentwickelte afrikanische Kulturelemente durchgesetzt und sind zur Populärkultur geworden – in der Musik zum Beispiel der Samba-Rhythmus in Brasilien, der Son oder die Rumba auf Kuba.
In Lateinamerika entwickeln immer mehr schwarze Bewegungen, die sich explizit auf Afrika zurückbeziehen. Am Eindrucksvollsten geschieht dies in der „schwarzen Stadt“ Salvador de Bahia im Nordosten Brasiliens, von der aus seit Beginn der 80er Jahre der weltweite Vormarsch afro-brasilianischer Kultur begann. Afrika und Lateinamerika verbindet aber nicht nur die lange Geschichte der Sklaverei.

Unter dem Diktat von IWF und Weltbank

Beide Kontinente waren einst komplett kolonisiert und sind heute Teil der so genannten Dritten Welt. Das macht sich vor allem daran fest, dass die meisten Länder „Entwicklungslandstatus“ haben. Die ärmsten lateinamerikanischen Länder wie Haiti (BSP pro Kopf 220 US-Dollar) oder Nicaragua (330 US-Dollar) stehen dabei nicht sehr viel besser da als die ärmsten afrikanischen Länder Burundi (150 US-Dollar) oder Äthiopien (130 US-Dollar). Da die ärmsten Länder der Welt sich nicht durch gegenseitige Kooperation helfen können, sind sie auf Wohl und Wehe der „Hilfe“ reicher Länder, dem IWF und der Weltbank ausgesetzt. Länder beider Kontinente müssen sich so immer wieder Strukturanpassungsprogrammen unterwerfen, zu denen sie bei Neu- und Umverschuldung gezwungen werden.
Weitere Gemeinsamkeiten und Verbindungen zwischen Afrika und Lateinamerika soll unser Schwerpunkt beleuchten, in dem wir die folgenden Themen aufgreifen: Ulrich Fleischmann berichtet in einem Interview über die Entstehung und Entwicklung afrikanischer Kultur in Lateinamerika. Sergio Costa vergleicht die gesellschaftliche Stellung und politischen Organisierung von Schwarzen in den USA und in Brasilien. Anschließend folgt ein Überblick über die Beziehungen des revolutionären Kubas mit afrikanischen Befreiungsbewegungen von Matti Steinitz, an die sich Auszüge aus der Che-Biographie von Paco Ignacio Taibo II anschließen, in denen es um Ches Zeit im Kongo geht. In einem weiteren Interview geht es um die uruguayische Organisation Mundo Afro und ihren Beitrag zum Kampf gegen Rassismus. Der kulturelle Teil beginnt mit einem Blick auf die lateinamerikanischen und afrikanischen KünstlerInnen bei der derzeit stattfindenden Documenta in Kassel, die Timo Berger besucht hat. Jürgen Vogt berichtet über die Musik der senegalesischen Salsa-Band Africando und Anja Witte stellt den Dichter Edouard Glissant aus Martinique vor.

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