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Am Rande der Sehnsucht

Mit hervorragenden Fotos und kurzen Begleittexten entsteht ein Bild vom Leben in Patagonien, dieser Region am Ende der Welt. Große Farbfotos von stillen und gewaltigen Landschaften, von den Naturkräften Wind und Wasser, von surrealen Gletschern in Türkis, von Walen, Seelöwen und Pinguinen an der Atlantikküste, von Menschen, die heute in dieser Landschaft leben und arbeiten, zusammen mit historischen Aufnahmen der ehemaligen Bevölkerung dieser Region am Anfang des 20. Jahrhunderts vermitteln beim Betrachten ein facettenreiches Bild.
Tosende Naturgewalten bannte der Fotograf Hubert Stadler in den kurzen Moment einer klickenden Kamera. Begriffe wie Einsamkeit und Weite bekommen für die Person, die dieses Buch in den Händen hält und sich die Zeit nimmt, die Fotos auf sich wirken zu lassen, eine ursprüngliche Bedeutung.
Ein Auto auf einer uferlosen Schotterpiste scheint auf der Straße ins Nirgendwo. Dort, in diesem Nirgendwo, in Patagonien, leben auf einer Fläche doppelt so groß wie Deutschland gerade einmal so viele Menschen wie in Berlin. Die Weite des Landes wirkt trostlos.
Wie ein Don Quijote auf der vergeblichen Suche nach den Windmühlen, gegen die er kämpfen könnte, so erscheint der Gaucho in der endlosen Steppe unter einem tiefblauen Himmel.
Hinter dem Horizont, hinter den wilden Felsformaltionen des Cerro Torre, geht es da weiter? Diese Frage stellt man sich beim Betrachten der Landschaftsfotos.
Die legendären Bankräuber Butch Cassidy und Sundance Kid hielten sich in diesem Nirgendwo versteckt.
Eine Fahrt mit dem alten Patagonien Express ist bestimmt keine gemütliche Kaffeefahrt. Der amerikanische Autor Paul Theroux beschrieb diesen Zug als einen wildgewordenen Samovar, der jeden Moment zu explodieren scheine.
In kurzen Begleittexten wird die Einwanderungsgeschichte und der Genozid an den indianischen UreinwohnerInnen beschrieben. Selbst in den nur kurzen Texten werden die indianische Urbevölkerung differenziert dargestellt und die verschiedenen Ethnien benannt. Die Geschichte der Mapuche wird dabei etwas eingehender betrachtet.
Die Tourismusindustrie wird als eine Möglichkeit für die wirtschaftliche Entwicklung dargestellt, ohne jedoch die ökologischen Gefahren dieser oft gar nicht so „sauberen“ Wirtschaft außer Acht zu lassen. Riverrafting, Klettern an den wilden Felswänden des Fitz Roy, Skilaufen in Bariloche, dieser Outdoor-Tourismus sei eine Chance für Patagonien und gleichzeitig eine Gefahr.
Ein chilenischer Bergführer beklagt die starken Verschmutzungen der Cordillera Blanca in Peru und weist auf die Mentalität der Touristen hin. Mit ihrem Geld lassen sie gleichzeitig eine Menge Müll zurück.

Das weiße Gold: Wolle

Die Schafzucht ist nach wie vor die wichtigste wirtschaftliche Einnahmequelle auf Feuerland, doch seit dem Synthetikfasern auf dem Markt sind, ist der Preis für ein Kilo Wolle von sechs auf zwei US-Dollar gefallen.
Mit Zitaten von Charles Darwin, Bruce Chatwin und Pablo Neruda werden die Fotos illustriert.

Stadler/Allhoff: Patagonien. Bucher, München 1998. 205 S., 98,- DM.

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