Aktuell | Costa Rica | Nummer 621 - März 2026

Am Scheideweg der populistisch-autoritären Welle

Costa Rica nach den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen

Am 1. Februar 2026 fanden in Costa Rica Präsidentschafts- und Parlamentswahlen statt. In den Wochen zuvor deuteten Meinungsumfragen darauf hin, dass die Regierungspartei die Wahlen gewinnen würde – und zwar deutlich. Die einzige offene Frage betraf die Zusammensetzung der zukünftigen Parlamentsfraktion, die die politische Bewegung der Regierungspartei vertreten würde. Die Wahlergebnisse bestätigten schließlich die Vermutungen: Laura Fernández Delgado wurde mit mehr als 45 Prozent der gültigen Stimmen zur neuen Präsidentin gewählt. Die 39-jährige Politikwissen­schaftlerin ist politische Nachfolgerin des costa-ricanischen chavismo, eines namentlich verzerrten Vergleichs des bisherigen Präsidenten Chaves mit der in Venezuela von Hugo Chávez initiierten Volksbewegung. Ihre neue Partei Pueblo Soberano (dt.: Souverändes Volk) konnte sich eine starke Mehrheit für die kommende Legislaturperiode 2026-2030 sichern. Die LN berichten über die Hintergründe.

Von Roberto Cruz Romero

Die Situation in Costa Rica ist nach wie vor politisch und sozial angespannt: Zum dritten Mal in Folge erreichte die Zahl der Morde 2025 mit fast 900 Morden einen Rekordwert. Zweimal scheiterten Versuche, die Immunität des noch amtierenden Präsidenten Rodrigo Chaves wegen möglicher Wahlverstöße und Finanzkorruption aufzuheben. Dazu kam der aggressive Ton der Regierung: Politische Gegner*innen wurden nicht mehr als Rival*innen behandelt, sondern als Feind*innen. Das deutlichste Beispiel dafür ist die Bezeichnung der eher kritischen Medien und derjenigen, die der Regierung gegenüber skeptisch sind, als „Schurkenpresse“. Sachliche Debatten wurden dadurch zunehmend erschwert.

Die Spaltung im mittelamerikanischen Land zeigte sich dabei auf zwei Ebenen: symbolisch durch die aggressive Sprache und materiell durch die wachsende Ungleichheit zwischen Stadt und Land. Letzteres ist entscheidend, denn die starke Zentralregierung hat die ländlichen Regionen über Jahre hinweg vernachlässigt. Das Wahlergebnis sortiert nach geografischen Regionen verdeutlicht diesen Aspekt, den die Kampagne von Fernández von Anfang an instrumentalisierte. Vor allem in den vernachlässigten ländlichen und Küstenregionen erzielte Pueblo Soberano große Erfolge. Ironischerweise war es gerade die Regierung unter Chaves, die diese Regionen benachteiligte. Der chavismo verstand es jedoch, schnell andere Schuldige zu finden und einfache Lösungen zu versprechen. Dies lenkte von den eigenen Widersprüchen ab.

Chronik eines angekündigten Sieges


Diese Strategie ist nicht neu. In Argentinien, Bolivien, Chile oder den USA funktioniert sie ähnlich: Vereinfachende, oberflächliche und oft unwahre Versprechen werden verbreitet. Es entsteht eine Art „wir gegen die da oben“, anstatt die tatsächlichen Probleme anzugehen oder Schlupflöcher zu schließen. Wie LN bereits im Dezember 2025 berichtete, siehe LN 618, weigerte sich die Regierung von Chaves zunächst, Mittel für die Zivil- und Justizpolizei zu bewilligen. Sie verlegte die Ausbildungsstätte der Küstenwache in eine Stadt ohne Küste – bis heute ohne nachvollziehbaren Grund. Gleichzeitig genehmigte sie den Bau eines Mega-Gefängnisses nach dem Vorbild von El Salvadors Präsident Bukele, der zur symbolischen Grundsteinlegung persönlich vorbeikam.

Vor diesem Hintergrund begann der Wahlkampf eher verhalten, allerdings mit hohen Erwartungen der anderen Parteien sowie der organisierten Zivilgesellschaft. Die Bedeutung der Wahl wurde breit kommentiert und analysiert, insbesondere hinsichtlich möglicher institutioneller Folgen, darunter die politische Verfolgung durch den Staatsapparat. Der erste Reality-Check kam dann mit der Veröffentlichung der ersten Meinungsumfrage im Oktober 2025: Pueblo Soberano würde mit einer überwältigenden Mehrheit gegenüber den übrigen zwölf Kandidat*innen gewinnen. Die folgenden Umfragen bestätigten diesen Trend und verstärkten den Eindruck einer völligen politischen Entfremdung in der Gesellschaft – etwa 30 Prozent der Wähler*innen waren bis zur letzten Woche unentschlossen.

Erst im Januar nahm der Wahlkampf Fahrt auf. Alle Kandidat*innen außer Fernández kämpften um jede Stimme, wohl wissend, dass ein Kurswechsel fast unmöglich war. Die politische Auseinandersetzung gewann zunehmend an Intensität, insbesondere bei den Themen Korruption und Sicherheit. Fernández ging aber nur zu vier Debatten und rächte sich damit an den Medien, die ihrer Kampagne und auch Chaves weniger nahestanden. Stattdessen setzte sie auf intensive Basisarbeit, die mit viel Desinformation gespickt war, was die gesellschaftliche Spaltung weiter verstärkte. Über soziale Medien wurden beispielsweise Fake News über die Arbeit des Wahlamts verbreitet.

Machtdynamiken: Férnandez (vorne) und Chaves (Mitte) als Marionetten des Bösen (Grafik: Andrés Artavia Tencio)

Hohe Wahlbeteiligung,
wenig Spannung


Kurz vor der Wahl, als klar wurde, dass es keine zweite Runde geben würde, versuchten die Parteien, sich als beste Option für das Parlament zu präsentieren. In Costa Rica ist es üblich, bei der Präsidentschafts- und der Parlamentswahl unterschiedlich zu stimmen – eine Praxis, die als „Split-Voting“ bekannt ist. Anders als in Deutschland bilden sich im costa-ricanischen Parlament fragile, themenorientierte Koalitionen, während das Regierungsmandat beim Präsidentenamt verbleibt. Aus Sicht der Oppositionsparteien war es angesichts der Umfrageergebnisse wichtig, sich stärker auf die Sitze zu konzentrieren und sich als beste legislative Partei zu präsentieren, zumal Pueblo Soberano angekündigt hatte, 40 Sitze im Parlament erreichen zu wollen. Mit 40 Sitzen kann eine Partei die Verfassung ändern – etwa um Grundrechte einzuschränken oder unbegrenzte Wiederwahlen zu ermöglichen.

Trotz des neuen Fokus auf die Parlamentssitze kämpften zivilgesellschaftliche Gruppen und politische Oppositionsparteien weiterhin um eine mögliche Stichwahl. Auch noch kurz vor der Wahl wurden vielerorts Demonstrationen organisiert, die zur Wahlbeteiligung aufriefen. Die Botschaft der Proteste: Die demokratischen Institutionen müssen verteidigt werden. Tatsächlich war die Wahlbeteiligung mit 69 Prozent so hoch wie seit fast 20 Jahren nicht mehr. Das führte stellenweise zu Problemen: lange Schlangen, hitzige Diskussionen und einige Wähler*innen schafften es nur knapp, noch rechtzeitig ihre Stimme abzugeben. Doch am Ende blieb die Mobilisierung um einen zweiten Wahlgang erfolglos. Zum ersten Mal seit 16 Jahren wurde eine Wahl in der ersten Runde entschieden, was durch die Vielzahl der Parteien in der politischen Mitte schwieriger denn je geworden war. Nicht nur wurde Fernández zur 50. Präsidentin gewählt, sondern Pueblo Soberano stellt auch 31 Abgeordnete. Dies entspricht einer absoluten, wenn auch keiner qualifizierten Mehrheit. Sprich: die Regierungspartei kann viele der in ihrem Wahlkampf angekündigten Gesetzesreformen durchführen, denn formell benötigt sie dafür 28 Stimmen. Bei tiefgreifenden Strukturreformen wird es jedoch knapp, da Verfassungsreformen 38 Stimmen erfordern und von zwei verschiedenen Legislaturperioden ratifiziert werden müssen. Auch wenn Fernández zunächst nicht über die nötige Mehrheit für die anvisierten Verfassungsänderungen verfügt, kann sie dennoch wichtige Gesetze ändern und das populistisch-autoritäre Projekt von Chaves fortsetzen.

Das Wahlergebnis markiert Costa 
Ricas Eintritt in die populistisch-
autoritäre Welle

Vier weitere Parteien werden im Parlament vertreten sein: die Mitte-rechts-Partei Liberación Nacional mit 17 Sitzen, die linksdemokratische Frente Amplio mit sieben Sitzen, die Mitte-links-Partei Coalición Agenda Ciudadana mit einem Sitz und die Mitte-rechts-Partei Unidad Social Cristiana mit einem Sitz. Es ist die konzentrierteste Machtverteilung seit dem Ende des Zweiparteiensystems 2006. Alle anderen Parteien haben dabei deutlich an Bedeutung und Wähler*innen­stimmen verloren, sei es, dass sie Pueblo Soberano absorbiert oder überholt wurden. Die neu gewählte Opposition kündigte bereits an, einen „Pakt für die Demokratie“ bilden zu wollen, um zu verhindern, dass Pueblo Soberano Ausnahmezustände verhängt oder unbegrenzte Wiederwahlen ermöglicht. Diese Bemühungen haben jedoch schon vereinzelt begonnen. Fernández kündigte kurz nach der Wahl an, auf „Dialog und Konsens“ setzen zu wollen. Ihre Mehrheit gibt ihr genug Spielraum, um ihre Agenda ohne größere Hindernisse durchzusetzen. Dennoch bleiben viele dringende Fragen offen, darunter die Frage der Kontrolle von Gewaltkriminalität und der Umgang mit der offenbar institutionalisierten Korruption in Regierung und Justiz.

Rolle von Chaves wird entscheidend


Die Rolle von Chaves selbst ist dabei entscheidend. Er gilt als Hauptverantwortlicher für die Spaltung des Landes und seine Rolle in der kommenden Regierung ist noch ungewiss. Beobachter*innen gehen allerdings davon aus, dass er Teil von Fernández’ Kabinett wird. Zwei Gründe sprechen dafür: Einerseits die Kontinuität der politischen Narrative und andererseits der Schutz seiner Immunität, da gegen ihn mindestens ein Dutzend Ermittlungen laufen. Bezeichnenderweise holte er Fernández jetzt als sogenannte Präsidentschaftsministerin in sein Kabinett zurück – eine symbolische Geste, die angesichts des Kontextes nicht unbemerkt blieb.

Das Wahlergebnis markiert Costa Ricas Eintritt in die populistisch-autoritäre Welle, die bereits weite Teile Lateinamerikas erfasst hat. Das politische Projekt ist klar, das Drehbuch fast wortwörtlich kopiert. Die Auswirkungen könnten tiefgreifend sein und kurzfristig nicht umkehrbar. Die sozialpolitische Landschaft wurde am 1. Februar deutlich transformiert, was einen Wendepunkt für das demokratische Leben im Land bedeutet. Jedoch bleiben zahlreiche Fragen offen: Wie wird die Regierungsfraktion agieren? Welche Mehrheiten werden sich zu welchen Themen bilden? Ist die Opposition handlungsfähig jenseits der offensichtlichen Unterschiede? Wird es Volksabstimmungen geben, um Vorhaben durchzusetzen, die im Parlament scheitern würden? Und welche Rolle wird die Zivilgesellschaft spielen, um eine populäre und populistische Regierung in Schach zu halten?


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