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Amazonien: Eldorado der Straffreiheit

Am Abend des 6. Septembers bekam Reijane Guimaraes Besuch von einem Mann, den sie hereinbat und sich eine Weile mit ihm unterhielt. Ihre Schwägerin und ihre beiden Kinder hielten sich im Nebenraum auf. Als diese Schüsse aus der Küche hörten, verließen sie fluchtartig das Haus und informierten die Polizei, deren Revier sich in unmittelbarer Nähe des Hauses befindet. Wenig später konnte ein Trupp Polizisten den Mörder Reijane Guimaraes festnehmen. Mehrere Zeugenaussagen belegen, daß der Mann bei seiner Verhaftung unverletzt war., vierzig Minuten später jedoch wurde er mit schweren Schußverletzungen am Kopf ins nahegelegene Krankenhaus eingeliefert. Er erlag seinen Verletzungen in den Morgenstunden des nächsten Tages, ohne daß Bewußtsein wieder erlangt zu haben.

Vernichtung von Archiven

“Das ist wie die Vernichtung von Archiven”, kritisierte Evandro Rodrigues, Präsident des regionalen Verbands der Arbeitergewerkschaft CUT, in einer Stellungnahme gegenüber der regionalen Tageszeitung O Liberal das Vorgehen der Polizei. Dieser Pistoleiro war die einzige Person, die Hinweise auf den Auftraggeber hätte geben können. Denn woher nahm der Mann, der alleine und ohne Fahrzeug bei Reijane Guimaraes vorsprach, eigentlich die Sicherheit, an der gegenüberliegenden Polizeistation vorbei fliehen zu können? Die elfjährige Tochter Reijane Guimaraes, die den Tathergang zum Teil beobachtet hatte, sagte aus, ein Mann mit weißem Bart und Halbglatze sei der Mörder ihrer Mutter. Eine Beschreibung, die auf den festgenommenen und erschossenen Pistoleiro jedenfalls nicht zutrifft. Ein zweiter Täter konnte möglicherweise im Tumult vor dem Haus durch die Hintertür flüchten. Auch wurden vor Ort mehr Geschosse gefunden, als die Trommel des sichergestellten Revolvers faßt.
Die Polizei ging in ihren Ermittlungen äußerst nachlässig vor. Es wurden kaum Zeugen vernommen, der Tatort wurde vor der Spurensicherung wieder freigegeben und die Untersuchungen der Familienangehörigen und Freunde in mehreren Fällen durch komplizierte Genehmigungsverfahren behindert. Der Ermittlungsleitende selbst reichte die sichergestellte Tatwaffe in die Menge Schaulustiger. Daß die Polizei ein ernsthaftes Interesse an der Aufklärung dieses Verbrechens hat, ist sehr zweifelhaft.

Eine Frau, die kein Blatt vor den Mund nimmt

Reijane Guimaraes war seit 1995 Vorstandsmitglied des MMNEPA (Movimento de Mulheres do Nordeste Paraense) und insbesondere im Vorfeld der Weltfrauenkonferenz in Peking aktiv an der Gestaltung der regionalen Vorbereitungskonferenzen beteiligt. Auf kommunaler Ebene hatte der Ortsverband des MMNEPA in Mae do Rio unter der Federführung von Reijane Guimaraes in den letzten Monaten erheblichen Druck auf den Präfekten ausüben können. Mit ihrer Forderung nach ausreichender und zugänglicher gesundheitlicher Betreuung von Frauen im Rahmen eines spezifischen Gesundheitsprogramms waren die Frauen vom MMNEPA/Mae do Rio immer wieder in die Offensive gegangen und hatten die Ausflüchte und das Desinteresse des Präfekten öffentlich scharf kritisiert.
Außer ihrem Engagement im Rahmen des MMNEPA war Reijane derzeit verantwortliche Leiterin der Volkszählung in ihrem Munizip unter der Aufsicht des IBGE (Instituto Brasileiro de Geografia e Estatística). Sie war maßgeblich beteiligt an der Ermittlung weitgehender Fälschungen und Manipulationen der Statistiken in Mae do Rio während der letzten Volkszählung, in die zahlreiche Personen verwickelt sind. Der Volkszählungsbetrug ist deshalb so brisant, da aufgrund der festgestellten Einwohnerzahlen Geldmittel für das Munizip zur Verfügung gestellt werden. Reijane Guimaraes hatte die Denunzierung einzelner Verantwortlicher nach Beendigung ihrer Arbeit angekündigt. Seit dem Attentat am 6. September ist ein Umschlag mit Unterlagen und Informationen über die Fälschungen des letzten Zensus vom Tatort verschwunden.
Aber auch Reijanes Mann, Raimundo Nonato Guimaraes, der wie sie engagiertes Mitglied der PT ist, hat viele Feinde in der Region. Der ehemalige PT-Abgeordnete und zeitweilige Parteivorsitzende Parás betreut derzeit ein landwirtschaftliches Pilotprojekt im Nachbarmunizip Irituia und ist eine wichtige Figur der gewerkschaftlichen Landarbeiterbewegung. Beide hatten aktiv an den derzeitigen Wahlveranstaltungen der PT in der Region teilgenommen und die amtierende PSDB heftig kritisiert. Seit einiger Zeit erhielten Reijane und Nonato Guimaraes Morddrohungen per Telefon, was sie ebenfalls in Wahlkundgebungen thematisierten.

Demokratisierung in Häppchen

Das Ehepaar Guimaraes hatte zweifellos eine exponierte Stellung im Demokratisierungsprozeß der Region, der seit 1990 im Umfeld der sogenannten Gritos do Campo und eines dadurch erwirkten speziellen Kreditprogramms FNO-Especial für die KleinbäuerInnen der Region zur deutlichen Erstarkung gewerkschaftlicher und sozialen Bewegungen geführt hat. Der Demokratisierungsprozeß vollzieht sich stückchenweise aber stetig, und so ist auch der Kampf des Ortsverbandes des MMNEPA in Mae do Rio zu verstehen als ein wichtiger Bruch mit den bestehenden Machtstrukturen der Region, die die Landoligarchie mit den Zähnen verteidigt.
“Land ohne Menschen…”
Das Munizip Mae do Rio liegt an der Autoroute Belém-Brasilia, etwa 200 km südöstlich von der Hauptstadt Belém im Nordosten des Amazonasstaates Pará. In den 60er Jahren war diese Region Ziel zahlreicher Migrationsströme aus dem Nordosten Brasiliens, aber auch aus anderen Regionen. Mit dem Slogan “Land ohne Menschen für Menschen ohne Land” lockte die Regierung Menschen auf der Flucht vor Hunger und Dürre, die sich zu Tausenden auf kleinen Parzellen entlang der Verkehrsachsen der Region ansiedelten. Von der versprochenen organisatorischen und infrastrukturellen Hilfe seitens der Regierung war jedoch nichts zu spüren. Bis heute strömen Menschen aus den Nachbarstaaten Maranhao und Tocantins in den Nordosten Parás, was zu immer stärkerem Siedlungsdruck führt. Gleichzeitig liegt Parás im Hinblick auf Landbesitzkonzentration noch um ein Viertel über dem brasilianischen Landesdurchschnitt, seinerseits eine der höchsten weltweit. Nur ein Prozent der Bevölkerung besitzen rund 60 Prozent der Ländereien. 78 Prozent der ländlichen Gebiete sind landwirtschaftlich ungenutzt. In Mae do Rio selbst wie auch im Nachbarmunizip Irituia hatte es in den vergangenen Monaten mehrere Landbesetzungen gegeben.
Der Verband der Großgrundbesitzer UDR (Unión Democrática Ruralista) hat im September eine Neustrukturierung auf nationaler Ebene angekündigt, was allerhöchsten Alarm bedeutet für eine friedliche Lösung der Landkonflikte Parás.

“…für Menschen ohne Land”

Die UDR hat den Widerstand gegen die Agrarreform zu ihrem erklärten Ziel und will den Aktivitäten der Landlosen-Vertretung MST (Movimento dos Trabalhadores Sem Terra) nun mit bewaffneten Truppen entgegengehen. “Wenn die landlosen Campesinos meinen, daß sie ein Recht auf Überfälle haben, dann haben wir das Recht, uns zu verteidigen”, verkündete der Vorsitzende der UDR unheilvoll. Und Skrupel haben sie da bestimmt keine: Das Mahnmal für die Opfer des Massakers in Eldorado de Carajás des berühmten Architekten Oscar Niemeyer wurde nur wenige Tage nach seiner Einweihung von “Unbekannten” verwüstet.
Auch der derzeit angestrengte Prozeß gegen den Begriff “Exekution” in den Gerichtsakten des Massakers in Eldorado gibt Anlaß zu äußerster Beunruhigung, da durch ihn eine gefährliche Verzerrung der öffentlichen Meinung stattfindet. Die Argumentation: eine Exekution ist eine streng definierte Tat mit einem Winkel von soundsoviel Grad und einer Entfernung von soundsoviel Metern.

Banalisierung durch die Medien

Im Zusammenhang von Eldorado könne demnach nicht von einer “Exekution” gesprochen werden. Tenor: das sei ja auch alles etwas aufgebauscht worden und eigentlich war’s gar nicht so schlimm. In die gleiche Richtung der Banalisierung im öffentlichen Raum zielen infame Gerüchte, Reijane Guimaraes sei aus privaten Gründen und Streitigkeiten mit ihrem Mann umgebracht worden: dieser selbst und niemand anderes sei der eigentliche Auftraggeber. Außer dem Versuch, das Attentat durch das Abdrängen in die private Sphäre zu banalisieren, zeigen die Reaktionen der paraensischen Medien jedoch auch, daß die gesellschaftliche Anerkennung der Frau im erz-machistischen Amazonien noch weit entfernt ist: “Eine Frau? – Naja, die kann ja mit dem Attentat eigentlich nicht gemeint gewesen sein.” und “Bloß nicht überbewerten, so politisch war sie nun auch wieder nicht…” spricht aus unterschiedlichen Berichterstattungen. Die politische Arbeit und Person Reijane Guimaraes wird dadurch über ihren gewaltsamen Tod hinaus auf skandalöse Art und Weise diskriminiert. Sie sei vielmehr “zufällig” ermordet worden, daß Attentat habe eigentlich ihrem Mann gegolten.

Rechtsfreier Raum

Im Mordfall Reijane Guimaraes wurde mit Hilfe von Notizen und dem Adressbuch des verstorbenen Pistoleiros eine Spur in den Nachbarstaat Maranhao verfolgt und der angebliche Apotheker, Besitzer einer kleinen Baufirma und lokale Größe der PFL Palmireno Silva vorrübergehend festgenommen. Dank der Arbeit seines Spitzenanwalts und den Fürsprachen seiner einflußreichen Freunde wurde Palmireno aber nach eingehender Vernehmung wieder entlassen. Die eindeutige Identifizierung und Bestrafung der Auftraggebenden sowie der Schutz Nonato Guimaraes, der beiden Kinder und der beiden bei den Kommunalwahlen kandidierenden PT-Mitglieder ist die Hauptforderung des aus Vertretern des MMNEPA, der NRO FASE und der Gewerkschaften bestehenden Comitê Reijane Guimaraes, und das ist im tendenziell rechtsfreien Raum Parás alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Es gibt über 600 Fälle ungeklärter Morde in Pará im Zusammenhang mit Landkonflikten. In den wenigen Fällen, wo Schuldige festgenommen werden, verlieren sie sich in der korrupten Polizei- und Rechtsstruktur. Des weiteren fordern sie die regionale Verbesserung der Infrastruktur im Punkte Gesundheit und die Einrichtung des Gesundheitszentrums für Frauen in Mae do Rio.

Frauen fordern ihre Rechte

Für die zweite Oktoberhäfte ist ein gewaltiger Marsch auf Belém geplant, um den Forderungen nach Bürgerrechten für Frauen, Agrarreform und Gerechtigkeit für Pará Nachdruck zu verleihen. Zur Missa do séptimo dia am 13.September, eine Woche nach dem gewaltsamen Tod Reijane Guimaraes waren rund 5000 Trauernde erschienen, zum Teil von weither angereist und die meisten von ihnen Frauen. Der Schmerz und die Entschlossenheit zum Weiterkämpfen, die den Trauergottesdienst in Mae do Rio prägten, waren überwältigend und ein deutliches Indiz dafür, was das MMNEPA und andere soziale Bewegungen in den vergangenen Jahren in der Region geleistet haben, und daß der regionale Demokratisierungsprozeß auch nicht durch brutale Gewalt aufzuhalten ist.

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