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,,Andy P. jammt jetzt mit seinen Vorfahren”

Wátina“ – „Ich schrie es hinaus.“ Der Titel seines gefeierten letzten Albums beschreibt auch das Lebenswerk des Musikers Andy Palacio. Nach seinem Tod im Januar 2008 lesen wir den Text des Titeltracks neu: „Oh, Gott, ändere in diesem Jahr mein Leben. Ich bitte dich, ändere mein Leben, aber nimm es mir bitte nicht weg. Lass mich bitte hier, wo ich ein unbequemer Geist sein kann.“ Im Juli 2007 fragte ihn ein BBC-Reporter, wie er nach seinem Tod in Erinnerung bleiben wolle. Andy Palacio antwortete: „Als stolzer Garífuna, als jemand, der den Garífuna Stolz und Selbstachtung vermittelt hat. Das ist für mich das Wichtigste.“

Die Garífuna entstanden nach 1635 aus der Vermischung der Überlebenden zweier schiffbrüchiger Sklaventransporte mit der Arawak-Bevölkerung auf der Karibikinsel St. Vincent (Yúrumein). Als einzige afro-karibische Ethnie haben sie bis heute ihre lebendige Sprache und ihre stark afrikanisch geprägte Kultur der Selbstbehauptung bewahrt. Andy Palacio hat sein Leben der Rettung ihrer Sprache und Kultur durch die Musik gewidmet.
Vor dem Tod des Musikers sagte eine Sprecherin der Familie: „Gott hat für jeden von uns eine Mission, und wenn sie erfüllt ist, ruft er dich.“ Seine Mission war erfüllt. Andy Palacio starb am 19. Januar 2008 im Alter von nur 47 Jahren infolge eines Schlaganfalls und Herzinfarkts. Er hinterlässt fünf Kinder und zwei Enkel. Die Nachricht erschütterte seine Freunde in aller Welt. Am 25. und 26. Januar wurde er „verabschiedet wie ein König“, so die Zeitung Amandala. Nach den vier Tagen des Bangens und Ringens um sein Leben waren es Tage, wie sie Belize kaum je erlebt hat.
Im bewegendsten Moment der Trauerfeier sang sein Sohn Kamaaü, begleitet von seiner Tochter Tara, sein Lieblingslied, das er allen Kindern widmete: „Ámuñegü“ (In kommenden Zeiten). Darin mahnt Palacio die Eltern, Sprache, Musik, Tanz und Spiritualität der Garífuna an ihre Kinder weiterzugeben: „Unsere Vorfahren haben dafür gekämpft, Garífuna zu bleiben, warum müssen ausgerechnet wir unsere Kultur verlieren? Lasst uns das verhindern.“ Trauerzüge begleiteten seinen Sarg durch Belize City zum Flughafen und von Punta Gorda nach Barranco bei der Heimkehr in sein geliebtes Dorf. Während hier die Totenwache stattfand, hielt ein Gedenkkonzert des Garífuna Collective in Belize City die Massen in Bann. Anschließend zog ein gigantischer Konvoi von Autos und Bussen mit über 2.000 Menschen durch das halbe Land zum offiziellen Staatsbegräbnis nach Barranco.

Am nächsten Mittag folgten die Trauergäste in Zelten dem aus der kleinen Kirche übertragenen Gottesdienst, während „Bungiu Baba“ (Gott Vater) mit Regengüssen in die Trauer einstimmte. Angesichts der schlechten Straße nach Barranco, das bis in die 1990er Jahre nur per Boot zu erreichen war, notierte eine Reporterin, dass der erste Wagen, der bei der Abfahrt der Gäste im Schlamm steckenblieb, ein Regierungskennzeichen trug. Der Premierminister und wichtige Regierungsmitglieder waren vorsorglich per Hubschrauber angereist. Tage später titelte die Belize Times: „Andy P. jammt jetzt mit seinen Vorfahren.“

2007 war für Andy Palacio ein Jahr überwältigender Erfolge. Nach der Tournee mit dem Garífuna Collective wurde er vielfach geehrt: als „UNESCO Artist for Peace 2007“, mit dem nationalen Verdienstorden von Belize, mit dem „Womex Award 2007“ der Weltmusikmesse für ihn und seinen kongenialen Produzenten Ivan Duran, mit dem „BBC Radio 3 World Music Award 2008“ als bester Musiker beider Amerikas, der ihm – ungeachtet der offiziellen Vergabe im April – noch vor der Trauerfeier zugesprochen wurde, und zuletzt vom Belize Tourist Board als „Artist of the Year 2007“.
Andy Palacio sah in den Auszeichnungen vor allem die Anerkennung der Idee, dass Musik ein höheres Ziel als nur Unterhaltung habe. Mit einer bewegenden Dankesrede nahm er den Womex Award am 28. Oktober letzten Jahres „stellvertretend“ entgegen: für alle KünstlerInnen, besonders Mittelamerikas und der Karibik, deren Arbeit „Kulturen des Widerstands und Stolz auf die eigene Kultur“ fördern möge. Vor allem aber für seine Vorfahren – „die wahren Helden hinter meiner Musik“. Angefangen von den Garífuna, die im 18. Jahrhundert zusammen mit ihrem Führer Joseph Chatoyer im Kampf gegen die britische Herrschaft in St. Vincent ihr Leben ließen, bis hin zu all jenen, „die den Völkermord überlebten“ und nach der Zwangsumsiedlung an die Küste von Honduras Sprache, Musik, Tanz und Spiritualität der Garífuna an ihre Kinder weitergaben, „damit wir heute zu dem kulturellen Reichtum und der Vielfalt beitragen können, die unsere Welt zu einem besseren Ort für alle machen. Hätte man dies dem formalen Erziehungssystem überlassen, wäre es wohl nie geschehen.“

Er dankte allen, die die Garífuna-Musik am Leben hielten, so wie Paul Nabor, dem 79-jährigen Altmeister der Paranda-Balladen, der seit über zehn Jahren mit Andy Palacio auf der Bühne stand. Und er dankte „unseren Vorfahren und dem allmächtigen Vater für die vielen Gaben und Segnungen, durch die wir Garífuna die Zeiten überdauert haben“. Die Spiritualität dieser Worte war es auch, die seiner Musik ihre bewegende Kraft und seiner Person jene Ausstrahlung gab, die alle, die ihn trafen, beeindruckte – seine Wärme und Offenheit, seine Bescheidenheit und sein Großmut.
Andy Palacio, der junge Musiker zwischen Reggae, Rock und der Musik seiner Ahnen, die das Leben in Barranco begleitete, so selbstverständlich, dass es auf Garífuna kein Wort für „Musik“ gibt; der Lehrer und Alphabetisierungsberater in Nicaragua 1980, der im Garífuna-Dorf Orinoco sein Lebensziel fand, nämlich zu verhindern, dass seine Kultur in Belize ähnlich niedergehen könnte wie dort; der Star des Punta-Rock, der den traditionellen Tanz mit Rockmusik verschmolz und das Garífuna als Sprache der Jugendkultur einführte. Seit 1999 prägte er auch die Kulturpolitik: als Referent im Ministerium für Landwirtschaft und Kultur, als Direktor des Institute of Creative Arts, Kulturbotschafter und zweiter Direktor des National Institute of Culture and History. Dank seiner Arbeit erklärte die UNESCO 2001 Sprache, Musik und Tanz der Garífuna zum Weltkulturerbe. Und immer suchte der Musiker Andy Palacio rastlos die perfekte Symbiose seiner Tradition mit dem Geist der Zeit. In langjähriger Zusammenarbeit mit seinem engagierten Produzenten Ivan Duran hat er sie mit „Wátina“ gefunden und sich tief in die Seelen seiner ZuhörerInnen gespielt.

Als er die SandinistInnen 1980 auf die Existenz der unter Diktator Somoza totgeschwiegenen Garífuna hinwies, titelte eine Zeitung: „Neuer Volksstamm an der Atlantikküste entdeckt.“ Jetzt hat die Welt dank Andy Palacio die Garífuna und Belize entdeckt. Sein Lebensziel hat sich erfüllt. Andy Palacio hat der Kultur der Garífuna und von Belize bleibende Impulse gegeben und viele großartige Musiker inspiriert. Palacios Band Garífuna Collective hat einen „Andy Palacio Garífuna Music Education Fund“ eingerichtet, der seine Arbeit für die Förderung junger Talente fortsetzt. Im April 2008 geht sie zusammen mit den Frauen der Gruppe Umálali, deren neues Album in diesem Frühjahr erscheint, zu seinem Andenken auf Tournee.

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