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Angst im Alltag

Nicht erst mit dem Militärputsch 1973 mußte die Demokratie in Chile einen herben Rückschlag hinnehmen. Schon mit der Intervention des General Ibañez’ 1925 wurde deutlich, daß sich das chilenische Militär der demokratischen Verfassung nicht immer unterordnet. Daß Chile also auf eine seit seiner Unabhängigkeit bestehende demokratische Tradition zurückblicken könne, ist eine häufig anzutreffende Fehlinterpretation. Der Militärputsch von General Pinochet jedoch hat eine besondere Qualität und weitreichende Konsequenzen für die gesamte soziopolitische Kultur des Landes: Während der 17-jährigen Militärdiktatur entstand in Chile eine Kultur der Angst mit nicht zu unterschätzenden Auswirkungen auf die politische Transition. „Jeder hat seine eigene Art der Angst“, schreibt die chilenische Soziologin Patricia Politzer. Dem Militär ist es mit seinem Putsch gelungen, eine neurotische Angst in die Gesellschaft zu transportieren, die sich in einer „allgemeinen Angst vor Unordnung“ manifestiert. Es ist in diesem Zusammenhang irrelevant, ob es vor 1973 wirklich Unordnung gegeben hat oder nicht. Entscheidend ist, daß die Militärs mit dem Argument, die alte nationale Ordnung wiederherstellen zu wollen, putschten. „Die Angst“, schreibt der bekannte Soziologe Manuel Antonio Garretón, „wurde durch die offizielle Propaganda stimuliert und vergrößert: Die Propaganda aktiviert einerseits die Angst der Sieger, indem sie zeigt, wie nahe man der Katastrophe war, andererseits die der Besiegten, indem sie zeigt, welche Erfolge man bei der Repression des versteckten Feindes erzielt.“ Für das Militär war der angebliche Gegenstand der Furcht das „Gespenst des Sozialismus“. Mit dem Militärputsch wurde auf die Bevölkerung eine panische Angst vor dem Chaos übertragen. Diese sorgte, gemeinsam mit den Repressalien der Militärs, für ein allgemeines, oft unbestimmbares Klima der Furcht.
Hier hat sich also, um mit Freud zu sprechen, eine Realangst in eine neurotische Angst transformiert, die dadurch gekennzeichnet ist, daß ihre tieferliegenden Ursachen nicht erkannt werden und deshalb destruktive Auswirkungen auf den Menschen entwickeln.
Vor diesem Hintergrund soll deutlich werden warum der chilenischen Gesellschaft und den politischen Eliten die Konfliktfähigkeit abhanden gekommen ist: Konflikt trägt in Chile immer die Konnotation von Chaos und beschwört die Angst vor erneuten militärischen Maßnahmen.
Dieser Angst weiß man nicht anders zu begegnen, als sich ins Private zurückzuziehen, „mit der vergeblichen Hoffnung, in der Intimität eine minimale Sicherheit zu finden“, weiß der Sozialwissenschaftler Norbert Lechner. In Chile wird jeder Konflikt als gesellschaftsspaltend erfahren. Was fehlt, ist eine Differenzierung in integrationsfördernde und gesellschaftsspaltenden Konflikte, so wie sie Albert O. Hirschman macht. In diesem Zusammenhang ist die Aussage des Psychologen David Becker zu verstehen, daß „das psychische Produkt der Angst die politisch wirksame Gleichung Konflikt = Zerstörung = Diktatur ist“. Politisch wirksam ist diese Gleichung alleine schon deswegen, weil sich zwischen der linken und der rechten Opposition das mehrheitlich gewählte Regierungsbündnis gebildet hat, das durch einen konsensorientierten Regierungsstil alle Konflikte auszugleichen versucht.

Wenn die Alameda zur Avenida wird

Im wahrsten Sinne sichtbar wird dies am Umgang mit den Symbolen der Militärdiktatur, die auch heute noch den öffentlichen Raum Chiles bestimmen. Die zentrale Verkehrsstraße im Zentrum Santiagos heißt offiziell „Avenida del Libertador General Bernardo O’Higgins“. Bis 1973 hieß sie nur „Alameda Bernardo O`Higgins“. Die Militärdiktatur hat also die Bezeichnungen „Befreier“ und „General“ hinzugefügt. Durch den Zusatz „General“ ist die Geschichte militärisch reinterpretiert worden. Entscheidend ist aber, daß die unter Pinochet fertiggestellte Verlängerung der Straße nach Westen den Namen „Allee des 11. September“ erhielt. Damit stellte sich General Pinochet, der „Nationale Befreier“ von 1973, nicht nur in eine räumliche, sondern auch eine semantische Linie mit O`Higgins, dem General und Befreier von 1817.
Weiteres Beispiel für die Übertragung des autoritären Staatsverständnisses auf den öffentlichen Raum ist das neue Kongreßgebäude in der Hafenstadt Valparaíso, der zweitgrößten Stadt des Landes. Dem chilenischen Parlament hat Pinochet dort einen monumentalen, symmetrischen Betonklotz bauen lassen. Das ursprüngliche Kongreßgebäude im Zentrum von Santiago wurde im Anschluß an den Putsch zum Hauptsitz der chilenischen Luftwaffe umfunktioniert. Jene Luftwaffe, die 1973 den Regierungspalast „La Moneda“ bombardierte, ist damit heute Nachbar der Exekutive. Unmißverständlich hat Pinochet dadurch deutlich gemacht, daß die Exekutive gegenüber dem Parlament eine Vormachtstellung einnehmen soll. Personifiziert wird dieses Politikverständnis in der Figur des Diego Portales. Portales war im Anschluß an den Befreiungskrieg 1817 wichtigster Vordenker der Konservativen in Chile und arbeitete die Präsidialverfassung von 1833 aus. Während der Pinochetdiktatur erlebte er eine Renaissance. Das Gebäude der United Nations Conference on Trade and Development (kurz: UNCTAD-Gebäude), das Allende aus Anlaß der Konferenz 1972 in Santiago bauen ließ, wurde nach dem 11. September 1973 besetzt und zum vorläufigen Regierungssitz der Militärjunta gemacht. Im Zuge dieser Besetzung erhielt es den Namen „Edificio Diego Portales“; ein Jahr später wurde vor dem UNCTAD-Gebäude eine Bronzebüste des konservativen Heroen aufgestellt. Gerade aber die UNCTAD gilt als Sprachrohr der Entwicklungsländer, weil sie im Gegensatz zu anderen Entwicklungsorganisationen der Vereinten Nationen eine Organisation ist, in der das Stimmengewicht nicht von den Kapitaleinlagen und Mittelzuwendungen der Staaten abhängt, sondern jedes Land eine Stimme besitzt. Die UNCTAD tritt für eine neue Weltwirtschaftsordnung und stärkere Süd-Süd-Kooperation ein. Die Militärdiktatur machte mit der Besetzung deutlich, daß in diese Richtung nicht weiter gedacht werden sollte. Nachdem der Regierungspalast „La Moneda“ wieder aufgebaut war, zog die Militärregierung dort ein. Ein Teil des „Edificio Diego Portales“ dient heute als Kongreßzentrum, der andere Teil ist Hauptsitz des Heeres.
Das Denkmal für Diego Portales erhielt bei der Neugestaltung des „Platzes der Verfassung“ hinter „La Moneda“ eine noch wichtigere Stellung, indem der Platz auf seine Figur hin ausgerichtet wurde.
Politisch aussagekräftig für den Umgang des Regierungsbündnisses „Concertación“ mit öffentlichen Symbolen der Militärdiktatur sind nunmehr auch die Umgestaltungsversuche des Platzes seit 1994. Mitte 1994 beschloß das Abgeordnetenhaus für drei Präsidenten vor dem Militärputsch Denkmäler errichten zu lassen – auch für Salvador Allende. Anfang 1995 stellte der mit dieser Aufgabe betraute „Rat für nationale Monumente“ zwei Statuen, nämlich von Alessandri und Frei, auf dem Platz auf. Wegen der Allendestatue kam es indes zu einem Konflikt zwischen dem Rat und den rechten politischen Kräften. Ergebnis: Die Statue ist bis heute nicht aufgestellt worden. Sobald versucht wird, auch die Allende-Regierung als demokratische Regierung darzustellen, kommt es zu Widerständen: die Geschichtsinterpretation des Militärs, im Namen der Demokratie geputscht zu haben, soll nicht öffentlich widerlegt werden. Dieses Beispiel zeigt, daß die „Concertación“ an einer konfliktlosen Koexistenz von diktatorischen und demokratischen Symbolen interessiert ist. Zu den autoritären Symbolen werden, wenn überhaupt, demokratische hinzugefügt, ohne daß dabei die Symbole der Diktatur abgewertet würden. Kommt es selbst hierbei zu Konflikten, so gibt die „Concertación“ nach.
Um der Angstkultur aber zu begegnen, wäre es wichtig, an einem neuen demokratischen Identifikationsrahmen zu arbeiten und nicht die alte Symbolik der Militärdiktatur im öffentlichen Raum stehen zu lassen. Denn diese ist eine Symbolik der Angst und dient nur dazu, sie auch heute noch wachzuhalten, mit dem Ergebnis, daß sich weite Teile der Bevölkerung aus Vertrauensverlust vor der Politik von ihr abwenden.

Angst versus Demokratie?

Der zu Beginn der 80er Jahre geschlossene Pakt zwischen Militärelite und demokratischer Opposition, der geschlossen wurde um die Transition herbeizuführen, entpuppt sich zunehmend als ein Dilemma für die demokratischen Regierungen. Auf der einen Seite wäre es notwendig, der Gesellschaft demokratische Identifikationssymbole zu liefern, um die Angst zu überwinden und Vertrauen wieder entstehen zu lassen. Auf der anderen Seite darf durch diese Symbole die Überwindung der Angstkultur nicht wirklich erreicht werden, denn damit würde die konsensorientierte Politik der „Concertación“ in Frage gestellt. Also benötigt nun auch das Regierungsbündnis Angst als politisches Instrument. So kann sie ihre Transitionsstrategie als den einzig gangbaren Weg darstellen. Hier liegen die Gründe dafür, warum die Anstrengungen der demokratischen Regierungen, den 11. September als Nationalfeiertag abzuschaffen, mit so wenig Energie verfolgt werden. Welcher Tag würde sich besser eignen, um Ängste wachzuhalten?

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